Ewald Frankenberg

Öffnet die Tür (Teil2)

Nur noch bis Mittag. Das wird er auch noch rumkriegen. Und
dann hat er genug getan für dieses Jahr, kann er für zwei
Wochen seine äußere Kälte ablegen und den Menschen, mit
denen er konfrontiert wird, Zuneigung und Wärme entgegenbringen,
nicht immer nur Reserviertheit bis ablehnende Kälte, die er vom
Amt zu oft auch in sein Privatleben trug, worüber sich selbst
seine Frau beklagt, die er vor drei Jahren genau an diesem Ort
auf diesem Stuhl sitzend kennenlernte, kurz nachdem sie aus
Ostafrika flüchtete, um in unserem gelobten Land Zuflucht vor
Bürgerkrieg und Hunger zu finden. Mit seiner Liebe hatte er sie
dann vor der Abschiebung bewahrt, was sie ihm lohnte, indem sie
ihm zum Beispiel zwei süße, aufgeweckte, schokofarbene Kinder
schenkte.

Auf dem Stuhl, den damals seine jetzige Frau schmückte, sitzt
jetzt ein etwa vierzigjähriger Afrikaner, der für sich auch die
50,- DM Weihnachtsgeld beansprucht, die das Sozialamt für
bedürftige deutsche Familien bereit hält. Er ist heute schon der
siebte mit diesem Anliegen, da muss doch jemand die Jungs auf
die Idee gebracht haben. Das hat man davon, wenn man die
Asylbewerber in Heimen gettoisiert, statt ihnen die Möglichkeit
zu geben, am gesellschaftlichen Leben ihres Gastlandes teilzuhaben.

     „Ich würde ja arbeiten, Geld verdienen, aber man lässt uns nicht,
wir dürfen nicht für uns selbst sorgen“ hatte er Recht. Das war
das Manko. Gezwungen, von der Sozialhilfe zu leben, ohne je die
Möglichkeit gehabt zu haben, auch nur einen Pfennig einzuzahlen,
das bringt Anfeindungen bis hin zum Hass.

      „Für mich ist auch Weihnachten, ich bin doch auch Christ.“ 

       „Und ich bin deutscher Beamter, ich muss mich nach meinen
Paragraphen richten, und die sehen für Sie nun einmal kein
Weihnachtsgeld vor. Dafür wird Euch aber nach Weihnachten die
Sozialhilfe gekürzt, wir Deutschen haben ja nicht einmal genug für uns.“

Sein Zynismus tat ihm gleich leid. Der Afrikaner, der ihn ja nicht
kennt, nicht einmal perfekt deutsch spricht, trägt gleich das Bild
des arroganten Beamten mit sich hinaus. Kann man es ihm verdenken.
Aber es warten auch noch mehr Menschen draußen, mit dem gleichen
Anliegen und Zynismus erleichtert den Job.

                                                              ***

Stolz heftet er die letzte Kerze an den Weihnachtsbaum und tritt
einige Schritte zurück, kneift ein Auge zusammen.

     „Na, wenn wir da nicht ein Prachtexemplar erwischt haben dieses Jahr.“

Er klopft sich selbst auf die Schulter und hebt ob des Lobes die Nase
gleich ein Stückchen höher. Schelmisch denkt er zurück an gestern
Nachmittag, als er sich wie ein Dieb in den Wald schlich, die Säge unter
dem weiten Mantel versteckt. Ja, rein kann man immer ganz gut, nur raus,
der Baum lässt sich schließlich nicht so gut verbergen. Fast hätte ihn dann
auch wieder der Förster erwischt, wie letztes Jahr, als er derbe zahlen
durfte. Den Baum durfte er allerdings dann doch behalten, denn gefällt
war er ja nun einmal.

Zähneknirschend hatte er sein Portemonnaie gezückt, aber auch
Anerkennung gezeigt für die Leistung des Försters, der ja auch nur
seinen Job tat, und in diesem Falle sogar gut. Aber sein sportlicher
Ehrgeiz drängte ihn zu einem neuerlichen Duell, statt einfach auf dem
Markt einen Baum zu erstehen, der ihm auch nur etwa ein Zehntel des
Betrages vom letzten Jahr gekostet hätte. Und prompt kreuzte der
Jäger erneut seinen Weg, aber diesmal war er Sieger geblieben, konnte
den Baum gerade noch hinter den Büschen verschwinden lassen, um ihn
dann abends im Dunkeln nach Hause zu tragen.

So steht er denn nun hier im Wohnzimmer, ein Prachtexemplar von
Weihnachtsbaum, mit echten Kerzen, nicht mit diesem neumodischen
elektrischen Schnickschnack, über und über mit Lametta behängt und
die letzten grünen Spitzen, die noch hervorlugten, mit künstlichem
Schnee aus der Spraydose geweißt.

Die Geschenke für seine Lieben, die er für mehrere tausend Mark
teuer erstanden hatte, sind rund um den Baum drapiert, noch schöner,
noch mehr als letztes Jahr. Der Fotoapparat, wie jedes Jahr griffbereit,
um die erfreuten Gesichter festzuhalten.

Ein Blick auf die Uhr, es kann sich nur noch um ganz wenige Minuten
handeln, dann wird Mutter mit den Kindern von der Kirche zurück sein.
Dann muss der Baum leuchten, denn dann werden die Kinder gleich die
gute Stube stürmen, da gibt es kein Halten mehr.
Er legt schon mal die Weihnachtsplatte auf, oh du Fröhliche, und reißt
ein Streichholz an der Schachtel an.

                                                         ***

Er reißt ein Streichholz an der Schachtel an, hält die Flamme unter
den Docht der Fackel. Beißender Benzinduft hängt in der Luft. Die
letzte Viertelstunde hat er nichts anderes getan, als Kanister um
Kanister auf die letzten Bäume zu leeren, die die Holzfällertrupps
haben stehenlassen. Baum um Baum ist ihren Äxten und Sägen zum
Opfer gefallen, um das Holz für wenig Geld an die reichen Länder
der ‚ersten Welt‘ zu verkaufen.

Die wertvollen Bäume, von denen sie immer behaupten, wie schön
und wie wichtig sie für die Menschheit und den Planeten sind, so
schön, dass sie sich das Holz für teures Geld als Schrank ins
Wohnzimmer stellen oder damit gar Brücken über ihre Flüsse und
Bahngleise bauen.

Und jetzt kommt er, einer von Millionen landlosen Bauern, und vollendet
die Arbeit der Holzfäller. Alles freie Land ist in den Händen einiger
weniger Großgrundbesitzer, die ihren Tagelöhnern nichts zum Leben
lassen. Da kann er besser mit seiner Familie in den Regenwald ziehen,
die durchgelichteten Wälder brandroden und in der Asche anpflanzen.
So bringt man die Familie mehr schlecht als recht durch, denn auch hier
ist die Konkurrenz riesig.

Aber man ackert für sich, was man erntet, ist Eigentum. Nur, Zeit zum
Rasten bleibt keine: säen, ernten, säen, ernten, roden. Nach zwei
Jahren ist der Boden auf und nichts mehr zu holen. Wie jeder Kleinbauer
träumt er davon, zufällig auf das fruchtbare Landstück zu stoßen, das
mehr abwirft, als man zum Leben braucht. Und dann bleibt vielleicht gar
einmal die Zeit, Weihnachten feierlich zu begehen, irgendwann, aber nicht
heute. Er senkt die Fackel und zündet den ersten Baum an.

                                                         ***

Die Tür öffnet sich, langsam knarrend, aber ganz, keine Kette, die sie
nach einer Hand breit bremst. Vage Hoffnung, wie jedes Mal, wenn sich
das Türblatt aus dem Rahmen bewegt, regt ihre Seele, erzeugt ein kleines
Lächeln, das jedoch nicht die Kraft hat, aus ihrem Inneren herauszutreten.
Gerade in den letzten Tagen ist deprimierende Enttäuschung ihr ständiger
Begleiter, an den sie gewöhnt ist, den sie aber immer noch nicht recht
akzeptieren will.

Das Kind in ihrem Leibe rumort. – Lebensfreude ? – Es weiß nicht, was
hier draußen auf es zukommt.

Zum Beispiel Menschen, wie dieser beleibte Herr mittleren Alters, der
einladend aus der Wärme seines behaglichen Heimes in die Kälte der
Straße hinauslächelt.

     „Wir kaufen nichts an der Tür, also: hopp, hopp“ deuten seine Handbewegungen
das Gegenteil seines Lächelns.

       „Ich bin schwanger“

     „Danke, ich hab schon drei!“ prustet es lauthals lachend aus ihm heraus,
während er sich begeistert auf die Schenkel klopft. Ja, er befindet sich
in hervorragender Weihnachtslaune, Fest der Freude. Nein, seine Stimmung
wird er sich auch von dieser dahergelaufenen Zigeunerin nicht verderben
lassen. Weihnacht ist nur einmal im Jahr, Fest der Ruhe, Fest des Friedens,
da lässt er sich auch nicht provozieren.

       „Mein Kind! Ich brauche etwas Wärme!“

     „Ja, etwas Wärme brauchen wir alle, gerade zu Weihnachten. Im Schoß
der Familie. Am Heiligen Abend gehört die Familie zusammen. Das machen
wir jedes Jahr so, das finden wir alle schön und behalten es deshalb auch bei.
Ahh ... da kommen sie ja alle! Ihr Kinderlein kommet ...“ schiebt er sie singend
beiseite und wendet sich den Menschen zu, welche die Auffahrt hinauf
strömen: seine Kinder mit ihren Angetrauten und seinen Enkeln, die sich
allesamt herzend in seine weiten Arme drängen. Die Haustür schließt sich
hinter der Meute, sie bleibt in der Kälte, allein.

Tränen? – Woher?

                                                      ***

Eigentlich ist heute ein ganz normaler Tag. Eigentlich. Als Hernan und
Franciana heute morgen, wie jeden Morgen zusammengekuschelt an die
Begrenzungsmauer des Stadtfriedhofs gedrückt aufwachten, stand die
Sonne schon, wie jeden Morgen, etwas höher am Himmel. Doch während
man sonst einfach in den Tag hinein dämmert, bis einem der Hunger
größere Aktivitäten abverlangt, waren die anderen Kinder alle schon auf,
veranstalteten hektische Betriebsamkeit.

Pater Alonso hatte zu einer Weihnachtsfeier in sein bescheidenes Heim
geladen. In seinem Garten, heute mit - von einigen der Kinder selbst
zusammen gebastelten – Lampions geschmückt würde es am großen Tisch
satt zu essen geben, satt für alle.

Nicht, dass es beim Pater nur zu Weihnachten etwas gab: wer Hunger
hatte, konnte immer zu ihm kommen, er teilt sein letztes Brot. Aber er
hat eben auch nicht im Überfluss, er ist zu diesem Zwecke auch auf
Spenden der etwas besser gestellten angewiesen. Aber wer spendet
schon, wenn er sehen muss, wie seine Gaben in die hungrigen Mäuler der
nichtsnutzigen Straßenkinder verfüttert werden, so dass die Kinder
sein Brot wirklich nur als allerletzten Ausweg nahmen.

Heute aber würden alle Kinder kommen, nicht nur vom Friedhof, auch
aus den anderen Straßen des Viertels, denn heute gibt es reichlich. Zu
Weihnachten haben die Menschen halt doch etwas offenere Herzen und
damit verbunden auch offenere Geldbörsen.

Und es würde nicht nur zu essen geben, es würde auch noch neue Kleider,
fast neue Kleider, für viele von ihnen geben, denn zu Weihnachten trennt
man sich auch leichter von all dem Überfluss, den man übers Jahr so
angehäuft hat.

Die Wasserleitung, die ursprünglich das Trinkwasser für die Blumen auf
den Gräbern liefert, wird heute zu Hygienezwecken missbraucht, was
anders im Jahr auch nicht so häufig vorkam. Die Kleidung wird in Ordnung
gebracht, so weit noch möglich und es wird viel gelacht, auch mehr als sonst.

Hernan hatte Franciana vor zwei Monaten etwa kennengelernt, als er sie
in einem brutalen Akt von Gewalt vor den Zugriffen eines europäischen
Touristen rettete, der wohl der Meinung war, sich mit einer kleinen
Geldspende Rechte an dem Mädchen erworben zu haben, die das
Strafgesetzbuch nicht nur seines Landes ihm unter erheblicher
Strafandrohung verwehrte. Seither sind sie beide unzertrennlich, sie
hatten schon einander geschworen, zusammen zu bleiben, so lange sie
leben. Auch sie sind ergriffen von der Vorfreude auf die Feier am
heutigen Abend.

Der Pater kann so wunderbare Geschichten erzählen von Maria, Josef,
dem Stall und von vielen lieben Menschen, die anderen helfen und vom
Himmel, wo es so schön sein muss, wo jeder alles hat, was er braucht,
ohne dafür betteln zu müssen.

Hier auf Erden ist das Leben hart. Als alter Hase weiß Hernan, der
von seinen zehn Lebensjahren die Hälfte auf der Straße verbracht hat,
dass man heute gutes Geld machen kann, ja, schon ein wenig vorsorgen
kann für die harten Zeiten in wenigen Tagen, wenn sich die Herzen der
Menschen wieder verschließen.

So zieht er denn mit Franciana über die belebten Touri- und Einkaufsstraßen.
Franciana, die erst seit ihrer Bekanntschaft mit Hernan von ihrer Familie,
die in den Slums in einer kleinen Blechhütte lebt, seitdem der Vater, vom
Lande kommend, in der Stadt sein Glück zu finden versuchte, das ihm aber
nicht einmal entfernt lächelte, fort war, hatte noch starke, herzliche Augen,
was den beiden doch einen ziemlichen Erfolg bescherte.

Sie steuern auf zwei vornehm gekleidete Paare zu, alle so um die
fünfunddreißig, die, mit einem netten Strahlen auf den Lippen, daherkommen.

       „Mein Vater ist vor vier Wochen gestorben, meine Mutter ist krank
geworden jetzt zu Weihnachten. Sie braucht Medizin, aber wir haben kein Geld.
Können Sie uns ein wenig helfen, nur ein bisschen?“

Mit leicht schräg gestelltem Kopf und den großen braunen Augen spielt
Franciana all ihre Kindlichkeit aus.

     „Ahh, Ihr Armen“ kommt es echt mitleidig zurück. „Ihr seid schon schlimm
dran, oder gehört Ihr sogar zu den obdachlosen Straßenkindern, die überhaupt
keine Eltern mehr haben?“

Der eine der Herren zückt sein Portemonnaie, doch sein Freund legt ihm
bremsend die Hand auf den Arm.

     „Na, da nützt Euch doch das bisschen Geld auch nichts. Da hab ich doch eine
viel bessere Idee!“ wendet er sich an seine Freunde.

    „Au ja“ freuen sich die Frauen, „wir haben genug, wir laden Euch einfach ein.
Kommt mit, Ihr sollt’s mal richtig gut haben, weil heute Weihnachten ist.“

                                                           ***

                                                                                    copyright by Ewald Frankenberg


     Die Fortsetzung meines Weihnachtsvierteilers bekommt ihr zum 3. Advent. Bis 
    dahin wünsche ich euch eine besinnliche Einstimmung auf Weihnachten.
                                                                                   Ewald

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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