Irene Beddies

Kellerarbeit

 
 
Im Keller war es ziemlich finster, nur die kleine Luke ließ etwas Dämmerlicht in den Raum.
Monika konnte den Karton mit dem Weihnachtsbaumschmuck im Dunkeln nicht finden.
Zu viele Gegenstände waren wahllos in die Borde gestopft.

Es roch unangenehm nach verfaulenden Äpfeln. Die hatten sie total vergessen!
Sie schaltete die schwache Birne ein, viel heller wurde es nicht.

Monika stieg die Treppe hoch und holte aus der Küche eine Plastiktüte.
In die stopfte sie mit spitzen Fingern alle Äpfel hinein, ohne zu prüfen, ob nicht einige wenigstens
zu Apfelmus gekocht werden konnten.
Dazu war jetztwirklich keine Zeit.

Mit der Plastiktüte ging sie wieder nach oben.
 
„Jan!“, rief sie laut. Nichts rührte sich.
„Jan!“, rief sie lauter, aber ohne Erfolg.
„Karin!“
„Was i-h-ist?“, kam es gedehnt aus dem Kinderzimmer.
„Kannst du die Mülltüte nach draußen bringen, bitte?“
„Warum kann Jan das nicht tun! Immer ich!!!!“
„Bitte, Karin, dieses eine Mal, das schadet dir nicht. Du kannst dann gleich an den
Briefkasten gehen. Vielleicht ist ein Brief für dich dabei.“

Mit ziemlichem Gepolter kam Karin die Treppe herunter. Mürrisch fasste sie die Mülltüte.
„Igitt, das riecht nicht gut“, gab sie ihren Kommentar ab.

Ihre Mutter lachte:„Deshalb soll der Kram ja in den Müll! Danke, dass du das erledigst.
Wir können danach gleich anfangen, die Plätzchen zu backen.“

„Plätzchen backen – nee, dazu hab ich wirklich keine Lust, Mutti. Ich will mit Christine
chatten. Können wir die Kekse nicht kaufen – gibt doch überall welche.“

Monika sagte nichts dazu. Sie war enttäuscht. Es wollte so gar keine vorweihnachtliche
Stimmung aufkommen. Lag das daran, dass die Kinder sich seit dem Sommer so intensiv
mit dem Computer beschäftigten?

 
Als Karin von draußen zurückkam, knallte sie die Post auf den Küchentisch.
Es war das Übliche: Hochglanzkataloge, die Rechnung der hiesigen Stromgesellschaft,
ein Brief irgendeiner Hilfsorganisation, die um eine Spende bat. Karin hielt noch einen
Brief in der Hand. „Der ist an mich“, sagte sie und verschwand die Treppe hinauf.
Dieses Mal polterte sie nicht, sie schlich eher langsam und zögernd. Monika wunderte sich,
aber ihre Tochter öffnete wahrscheinlich den Umschlag schon im Hinaufgehen.

 
Jan kam von irgendwoher nach Hause. In der Küche nickte er nur kurz und fragte sogleich:
„Ist Post für mich da?“
„Da musst du Karin fragen. Sie hat die Post reingeholt und einen Brief mit nach oben
genommen.“

Auch Jan schlich mehr als er ging die Treppe hoch. Monika wunderte sich nun doch.
Was ging da vor? Die Kinder hatten ganz offenbar ein Geheimnis. Vor Weihnachten
war das sicherlich nicht  ungewöhnlich.

 
Jan klopfte an Karins Zimmer. Sie hatte sich ausbedungen, dass er nicht mehr  wie früher
einfach in ihr Zimmer stürzte. Er hatte im Gegenzug von ihr verlangt, ebenfalls zu klopfen.
Beide hielten sich streng an ihre Regel, denn Schlüssel fanden sich nicht für ihre Zimmer.
Dafür hatte ihre Mutter gesorgt. Sie wollte ab und zu in den Räumen saubermachen.
Das leuchtete ein, die Kinder brauchten es oft nicht selbst zu tun.

 
Karin kam ihrem Bruder an der Tür entgegen und hielt den Brief in der Hand.
„Ist es sehr schlimm?“, fragte Jan im Flüsterton.
„Viel schlimmer als befürchtet“, antwortete sie, „was sollen wir bloß machen?“
„Wie viel ist es denn?“, wollte Jan wissen.
„Mehr als hundert Euro. Wo sollen wir die hernehmen? Bis zum 20. Dezember müssen
wir bezahlen! Mama erfährt sonst, dass wir in ihrem Namen die Sachen bei Herrn
Baumann bestellt haben, Mensch, bei Muttis ehemaligem Chef!“

Karin machte ein ängstliches Gesicht.
„Da können wir nicht einmal auf das Geld von Oma und Opa zählen! Das bekommen wir
doch erst zu Weihnachten. Und wer weiß, wie viel es dieses Jahr sein wird“, überlegte Jan.
„Unsere Zeugnisse waren nicht die besten.“

„Und außerdem haben wir uns gar nicht um Oma und Opa richtig gekümmert“, gab Karin
zu bedenken. „Erinnere dich, wie Mutti mit uns schimpfte, weil wir  Opas Geburtstag
vergessen hatten.“

Sie ließen sich auf Karins Bett, das wie üblich nicht gemacht war, nieder. Beide starrten
trübsinnig auf den Boden.

„Hast du nicht eine Idee?“, fragte Karin mutlos.
„Nee, noch nicht. Die kommt mir vielleicht heute Nacht.“
„Tolle Aussicht. Da werde ich die ganze Nacht nicht schlafen!“, seufzte Karin.
 
Zum Abendbrot kamen die Geschwister nach unten. Monika merkte, wie bedrückt sie
aussahen. Sie rührten ihr Essen kaum an, stocherten lustlos darin herum. Dabei gab es
Birnen, Bohnen und Speck!

„Kann ich euch helfen?“, fragte Monika nach einem ungemütlich langen Schweigen.
„Nein, - alles in Ordnung“, entgegnete Jan lahm. Sein Gesicht sprach Bände: Vor Sorge
stand ihm eine Falte auf der Stirn; er sah seine Mutter nicht an.

Sie ließ die Kinder in Ruhe mit Fragen. Sie würden sich ihr mit Sicherheit anvertrauen,
falls es wirklich ernste Probleme gab. Bisher jedenfalls taten sie es immer, wenn auch
nicht auf ihr Drängen hin, sondern stets im letzten Moment.

 
„Womit kann man mit fünfzehn vor Weihnachten Geld verdienen?“, fragte Jan am
nächsten Morgen scheinbar beiläufig.

Aha, daher wehte der Wind. Die Kinder brauchten für irgendetwas Geld, wahrscheinlich
viel mehr als ihr Taschengeld hergab - falls sie es überhaupt gespart hatten.

„Ihr könntet bei mir Geld verdienen“, schlug Monika vor. „Der Keller muss gründlich
entrümpelt und gesäubert werden. Ich zahle jedem von euch einen Stundenlohn von
drei Euro. Ihr dürft aber nicht trödeln. Das merke ich sofort. Habt ihr dazu eine Meinung?“

„Wo gibt es sonst Arbeit?“, fragte Karin.
„Mir fällt nur Koffertragen auf dem Bahnhof ein“, sagte Monika. „Da könnt ihr euch
jedoch auf keinen Stundenlohn verlassen. Die Leute geben euch ein Trinkgeld.
Meistens wird es wenig sein.“

„Musik in der Einkaufszone!“, rief Jan plötzlich. „Du kannst gut Flöte spielen, Karin!“
„Da gibt es auch nicht mehr, selbst wenn viele Leute kleine Münzen spenden“, wandte
Monika ein. „Bedenkt, es ist kalt, regnet vielleicht oder schneit. Im Keller seid ihr besser
aufgehoben mit einem überschaubaren ‚Einkommen‘.“

 
So kam es, dass Jan und Karin jeden Tag nach der Schule, wenn auch nicht gern,
im Keller aufräumten und putzten. Zusätzlich waren  Lampen hingestellt, zum Glück
gab es eine Steckdose.

 
Mit Licht ließen sich die überall abgestellten Blumentöpfe leichter sortieren. Seit gestern
standen Gläser und Dosen mit Lebensmitteln in einem Regal ohne Spinnenweben, das
Monika ihnen angewiesen hatte, fein säuberlich getrennt nach Saurem und Süßem. 

Karin rutsche ein Topf aus der Hand und zerbrach.
Sie stöhnte
:

„Blöde Arbeit, ich könnte jetzt so gut mit Christine chatten!“
„Und ich könnte das neue Internetspiel spielen. Das ist ganz toll, da muss man die Feinde
richtig abschlachten.“

„Du mit dem Spiel! Das hat uns alles eingebrockt! Erst hast du dir das Spiel ausgesucht,
dann hast du mich überredet, die tollen Filme mit den Monstern zu bestellen.“
Beide schwiegen.

Schon bald arbeiteten sie weiter, sie durften ja nicht trödeln, wenn sie ihren Lohn
bekommen wollten. Ab und an kam ihre Mutter, um zu sehen, wie sie mit der Arbeit zurechtkamen.
Sie gab ihnen Tipps, wo sie dieses oder jenes am besten untergebracht
sehen wollte.

 
Vier Tage wühlten sie bereits im Keller. Sie beugten sich über Kartons, in denen alte Bücher verpackt lagen.
Monika hatte ihnen gesagt, sie dürften sich  die nehmen, die ihnen
interessant vorkamen, der Rest könnte in den Papiercontainer am Supermarkt.

Die Bücher rochen muffig und fühlten sich feucht an. Die meisten entpuppten sich als
Romane in Taschenbuchform. Wenn ihre Mutter sie ohnehin nicht las, waren sie wohl
erst recht nichts für sie. Also weg damit.

 
Im zweiten Karton stießen sie auf ein sichtlich sehr altes Buch mit ledernem Einband und Goldschrift.
Zuerst dachten sie, es wäre eine Bibel. Der Titel verriet ihnen, dass es ein Geschichtsbuch sein musste.
„Römische Geschichte“ stand darauf.

„Hatten die Römer nicht was mit Gladiatoren zu tun?“, fragte Jan.
„Ich glaube ja“, antwortete Karin, „neulich habe ich im Fernsehen eine Sendung gefunden,
die über Gladiatoren berichtet hat. Langweiliger Kram.“

„Nein, im Gegenteil! Gladiatoren kommen in meinem Internetspiel vor. Sie kämpfen mit
tollen Waffen wie Netzen und Speeren, ganz anders als die modernen Krieger mit Laserpistolen.
Das war echter Kampf, Mann gegen Mann“, schwärmte Jan. „Das Buch behalte ich.“
Er legte es zur Seite.

„Hier ist noch ein altes Buch“ rief Karin. „. Was ist das denn?“ Auf dem
Buchdeckel aus dicker Pappe entdeckte sie glänzende Blumenbilder und goldene Schrift.
„Sieht toll aus, das nehme ich mit nach oben. Wegwerfen kann ich es immer noch.“

Durch eine ungeschickte Bewegung stieß Karin das Buch auf den Boden. Etwas fiel heraus.
Sie dachte zuerst, es sei ein Zettel. Als sie ihn aufhob, traute sie ihren Augen nicht: ein Hundertmarkschein.
Geld, das nicht mehr galt. Oder vielleicht umgetauscht werden konnte?

Jan war neidisch. Solch einen Fund wollte er auch machen. All die Bücher, die sie wegwerfen wollten,
nahm er wieder zur Hand, schüttelte sie aus. Vergebens. Die Bücher, die sie
anschließend untersuchten, brachten leider keinen Schatz zum Vorschein.

 
Am Abendbrottisch zeigte Karin ihren Fund. „Kann man das vielleicht eintauschen, Mutti?“,
fragte sie begierig.

„Ich denke schon. Die Landesbank in der Innenstadt ist, glaube ich, dazu verpflichtet.
Oft noch finden Menschen die alten Geldscheine hinter Möbeln oder in vergessenen Verstecken.
Soll ich es bei der Bank versuchen?“

„Ja, bitte. -  Wie viele Euro gibt es schätzungsweise dafür?“
„Etwa 50. Der Kurs ist für alle Zeiten festgelegt.“
„Fünfzig Euro? Juhu!!“, rief Karin.
Jan sagte nichts, er machte ein zufriedenes Gesicht. Die Geschwister hatten  einander versprochen,
ihre Schulden gemeinsam zu tilgen.

 
Die Wühlerei im Keller ging ihrem Ende entgegen. Beide Kinder hatten keine Lust mehr.
Sie rechneten sich aus, sie hatten das Geld zusammen.

Trotzdem wollten sie weitermachen, es konnte nicht schaden, etwas mehr Geld zu haben.
Sie baten ihre Mutter, ihnen das bisher verdiente Geld schon jetzt zu geben. Die machte
ein skeptisches Gesicht. Beide versprachen hoch und heilig, die Arbeit im Keller richtig
zu Ende zu bringen.

Monika gab ihnen das Geld.
Am selben Tag bezahlten sie ihre Schulden bei Herrn Baumann.
Etwas über 20 Euro blieben übrig.
 
„In fünf Tagen ist Heiligabend“, stellte Karin fest, als sie den Laden verließen.
„Und wir haben kein Geschenk für Mutti“, rief Jan. „Sie hat sooo zu uns gehalten und uns
einen Job gegeben. Dafür muss sie ein super Geschenk kriegen, nicht nur ein gebasteltes
wie sonst.“

„Zum Basteln ist sowieso kaum Zeit“, stellte Karin  fest.
„Also müssen wir eins kaufen. Eins für Erwachsene!“
 
Auf dem Heimweg bummelten sie an verschiedenen weihnachtlich beleuchteten Geschäften
vorbei. Am liebsten hätten sie ihrer Mutter ein schönes T-shirt gekauft oder ein flotte Bluse.
Leider wussten sie die Größe nicht. Vor einem Chinaladen blieben sie fasziniert stehen.
Verlockend war das Angebot eines Teeservices in Blau und Gold,
das auf Tannenzweigen im Schaufenster stand.
Sie verhandelten mit dem Verkäufer und erstanden von den sechs wenigstens vier Tassen
mit Untertassen und einen Beutel Jasmintee. Dafür reichte das Geld gerade. Sie ließen alles festlich
und sicher verpacken.

Zu Hause versteckten sie das Paket im Keller hinter dem Stapel leerer Blumentöpfe. Dort
würde es ihrer Mutter nicht auffallen.

 
Zwei Tage arbeiteten die beiden weiter im Keller. Er sah mustergültig aus, Ordnung,
kein muffiger Geruch mehr, sondern ein  frischer Duft nach Putzmitteln.
Viel Platz war geschaffen für all die Dinge, die in Zukunft  dort landen würden.

 
Den Karton mit dem Baumschmuck nahmen die Geschwister mit nach oben. Freudig halfen
sie den Tannenbaum schmücken. Sie summten altbekannte Weihnachtslieder. Karin sprang plötzlich
 nach oben und holte ihre Flöte. Als sie zusammen gemütlich beim Adventskaffee
saßen und Plätzchen naschten, fing sie an zu spielen.

Monika sah mit Erleichterung, wie entspannt und froh ihre Kinder ausschauten.
 

© I. Beddies

 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Irene Beddies:

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