Christiane Mielck-Retzdorff

Schusswechsel im Kaufhaus


überarbeitete Fassung

 
 
Knut war sich sicher, dass es ein himmlisches Zeichen war, als er am frühen Morgen den Müll herunterbrachte und im Flackerlicht einer Glühbirne etwas ganz Unerwartetes in der Tonne fand. Er wählte stets bewußt diese Zeit, in der noch Stille über dem Haus lag. So ging er der unerträglichen Fröhlichkeit der Hausmeistersfrau aus dem Weg, den albernen Schulkindern und der Dicken mit ihrem ständig wedelnden Pudel. Ganz vorsichtig fischte er die vollautomatische Handfeuerwaffe aus der Abfalltonne, vergewisserte sich durch etliche Fernsehsendungen geschult, dass sie geladen war und trug sie beglückt in seine kärgliche Wohnung. Dort legte er die Waffe auf den Tisch, machte sich einen Kaffee, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit schwarz, ohne Milch und Zucker, und betrachtete, lässig eine Zigarette in Mundwinkel, die himmlische Botschaft.
 
Nicht weit entfernt genoß Marlene ihren Morgentee, erfreute sich an dem sorgsam geschmückten Adventskranz, dessen vierte Kerze sie am nächsten Tag entzünden würde und lauschte der weihnachtlichen Musik aus dem Radio. Heute würde sie sich in den vorfestlichen Trubel stürzen und die letzten Geschenke für ihre Freunde einkaufen. Auch wenn kein Lebenspartner ihr Dasein bereicherte, war sie weit von Einsamkeit entfernt. Marlenes uneigennützige Hilfsbereitschaft nahmen die Leute gern in Anspruch, übertrugen ihr mit Freude Aufgaben, die ihnen selbst lästig waren. Ihr Dank drückte sich darin aus, Marlenes Rentnerleben umfassend auszufüllen.
 
 Hugo hatte sich eine andere Freizeitbeschäftigung gesucht. Als pensionierter Polizeibeamter verbrachte er seine Tage gern in Kaufhäusern, um Ladendiebe zu beobachten, die sich gerade vor Weihnachten in großer Zahl zwischen den Waren tummelten. Doch zeigte er sie nicht an, sondern vergnügte sich dabei, ihr Verhalten zu studieren und sich über die Unfähigkeit der angestellten Detektive zu amüsieren. Und so kannte er auch Frieda, die fidele Dame mit ihren Gehwagen als Tarnung, die es eigentlich nicht nötig hatte, hin und wieder eine Kleinigkeit einzustecken.
 
***
 
In den himmlischen Gefilden herrschte ein ganz anderes Problem. Irgend jemand, hatte die Nummer der Hotline für die direkte Beratung durch Engel unter die Menschen gestreut, weswegen diese nun vollkommen überlastet war. Vertraglich verpflichtet, sich jede auch noch so absurde Bitte anzuhören und allen Anrufern ein offenes Ohr zu schenken, waren die zuständigen Engel im Dauerstreß. Schließlich mußten Weihnachtsengel als Verstärkung gerufen werden, die sich zwar in Lebensberatung nicht auskannten, aber ihr Bestes gaben. Aber diese, gerade eingearbeitet, fehlten nun im Weihnachtsgeschäft. So half man sich damit, andere Engel für den so wichtigen Event abzustellen. Einer von ihnen war der Liebesengel Amor.
 
Dieser war wenig begeistert, denn er haßte die kalte Jahreszeit und ließ sich nur selten in der Nähe von Mistelzweigen oder Glühweinständen blicken. Die anstrengende Frühlings- und Sommersaison hatte ihn so sehr in Anspruch genommen, dass er deutliche Zeichen eines Burn-out-Syndroms an sich bemerkte. Außerdem war er ein Engel der Tat, sein Sphärengesang war grausig und die Verbreitung friedvoller Stimmung nicht sein Ding. Doch Befehl war Befehl. Also suchte er sich ein kuscheliges Plätzchen in einem Kaufhaus und beschränkte seine Aktivität auf pure Anwesenheit.
 
***
 
 
In seinen besten, grauen Anzug gewandet, die Waffe in einem unscheinbaren Jutebeutel von Greenpeace verwahrend, betrat Knut das Kaufhaus am späten Vormittag. Die üblichen Weihnachtsklänge quälten sein Ohr und Paket bepackte Leute schubsten ihn gegen bunte Dekoration. Er fühlte sich in größeren Menschenansammlungen unwohl, da er selten seine Wohnung verließ. Einsamkeit war zu seinem erklärten Lebenssinn geworden. Doch heute würde die Welt auf ihn blicken. Er hatte es gründlich satt, von niemandem bemerkt zu werden. Das Weihnachtsfest, bei dem alle so taten, als würden sie zu guten Menschen mutierten, ging ihm schon seit Jahren auf den Geist. Dem würde er mit einem Amoklauf ein Ende setzen.   
 
Da kam ihm das freundlich lächelnde Gesicht der so hilfsbereiten Marlene gerade recht. Sie sollte die erste sein, die mit Knut, dem Wutbürger, Bekanntschaft machte. Achtsam sich umschauend, entnahm er die Waffe dem Beutel und ließ sie unter sein Jackett gleiten. Diese ungewöhnliche Handlung entging weder Amor noch dem ehemaligen Polizeibeamten Hugo. Beide waren eher neugierig als entsetzt. Der unscheinbare Mann im grauen Anzug wirkte vollkommen ungefährlich, war es aber wert, weiter im Auge behalten zu werden.
 
Dann ging alles ganz schnell. Marlenes Gesicht verzog sich zu einem strahlenden Lachen, als sie einen günstigen Schal auf einem der Tische entdeckte. Ungestüm zog sie ihn heraus und schwang ihn munter in der Luft. Das war zuviel der Lebensfreude. Knut zog die Vollautomatische und drückte ab. In einem Reflex warf sich der Expolizist Hugo auf Marlene und riss sie zu Boden. Dabei kreuzten beide die Flugbahn von Amors Pfeil, der auch meinte, sich einmischen zu müssen und wurden getroffen. Knuts Schuss hingegen ging ins Leere und wurde von den anderen Kunden im allgemeinen Trubel überhaupt nicht wahrgenommen.
 
Eng umschlungen lagen Marlene und Hugo auf den Fliesen und wollten gar nicht mehr von einander lassen. Die alte Frau namens Frieda mit Gehwagen schlicht vorbei und bemerkte mit abfälligen Blick: „Haben Sie kein Zuhause?“ Danach stieß sie, durch diese Szene abgelenkt, mit Knut zusammen, der immer noch die Waffe in der Hand hielt und überhaupt nicht mehr wußte, was er hier machte.
 
Frieda blickte streng auf das mörderische Gerät und forderte: „Stecken Sie das weg. Sie erschrecken ja die Leute.“ Amor fürchtete Schlimmes und damit seine Mission endgültig vergeigt zu haben und wußte nichts Besseres zu tun, als erneut einen Pfeil abzuschießen, der nun Frieda und Knut durchbohrte. Dann flog er vollkommen entnervt davon und meldete sich krank. So sah er nicht mehr, wie Frieda ihren überflüssigen Gehwagen losließ und den verwirrten Knut heftig küßte.
 
In diesem Jahr gab es für Knut Gänsebraten in Friedas hübsch dekoriertem Heim, und was Marlene und Hugo unter dem Weihnachtsbaum trieben, bleibt ihr Geheimnis.
 
 
Frohe Weihnachten!
 
 
 
 
 
 
  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



Zum wiederholten Mal muss sich die Gymnasiastin Lisa-Marie in einer neuen Schule zurechtfinden. Dabei fällt sie allein durch ihre bescheidene Kleidung und Zurückhaltung auf. Schon bei der ersten Begegnung fühlt sie sich zu ihrem jungen, attraktiven Lehrer, Hendrik von Auental, der einem alten Adelsgeschlecht entstammt, hingezogen. Aber das geht nicht ihr allein so.
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