Michael Reißig

Mein Heiligabend im Erzgebirge

                                - Erinnerungen aus meiner Kindheit -


„Wann kommt er denn endlich, der Weihnachtsmann!”
Mit dieser Frage aller Fragen zermarterte ich mir unablässig meinen Kopf. Wahnsinnig aufgeregt rutschte ich auf der schmalen Couch umher. Ich hatte das Gefühl, dass sich mein kleines, sensibles Herz gleich mehrere Male überschlagen würde.
Ängstlich schwenkten meine Augen hinüber zum Weihnachtsbaum, einer hübschen, kleinen Fichte, die unter der steil nach unten abgeschrägten Decke unserer viel zu engen Wohnstube traurig sich duckte.

Am Heiligabend des Jahres 1967 war ich kleiner Knopf gerade mal sieben Jahre alt, mein großer Bruder dagegen schon elf.

Plötzlich – der kleine Zeiger der Original Schwarzwälder Kuckucksuhr hatte bereits die Sechsuhrziffer angepeilt – zuckte ich fürchterlich zusammen. Mein Bruder hatte wiedermal dieses in regelmäßigen Abständen wiederkehrende, freche, breite Grinsen aufgezogen Immer dann, wenn ich in eine Situation geraten war, in der ich vor Angst glaubte, sterben zu müssen, hatte er diese hässliche Fratze aufgesetzt, eine Fratze, in der rot unterlaufene Augen steckten, die mindestens genauso furchteinflößend aufblitzen konnten, wie die eines Vampirs, der vorhat Angst und Schrecken in seiner Umgebung zu verbreiten.
In dem Moment, als ich dieses unangenehme laute Klopfen hörte, erstarrte ich wie eine Salzsäule.
Viel zu schnell öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer um einen breiten Spalt. Diese so unheimlich fremd klingende Stimme gab tief brummend von sich:
„Ich bin der Weihnachtsmann!”
Ausgerechnet in dieser Sekunde musste der niedliche Kuckuck durch die Tür seines Hauses fallen, um die ihm zustehenden sechs wilden Schreie auszustoßen.
Mühsam schleppte der weißbärtige Geselle in leuchtend- roter Montur, „bewaffnet” mit einer schweren Rute, den breiten Sack durch die nervende Enge dieser kleinen Tür.

„Hoffentlich bin ich zuerst dran!“ sorgte ich mich sehr, da ich dieses Angst einflößende Ritual möglichst schnell hinter mich gebracht haben wollte.

„Und du bist der Olaf!”
„Bin ich”, entwich es ihm trocken.
„Hast du denn auch immer gefolgt?“, fragte Weihnachtsmann misstrauisch.
„Ich folge nie. Ich mache immer das, was ich will!”, sprudelte es rotzfrech aus seinem breitem Grinsmund, dem sogar noch einige, aufreizend zuckende, tiefe Fältchen, zusätzlich Hilfe gewährten.
„So, da werde ich wohl meine Rute einsetzen müssen!“ Olaf schien es geahnt zu haben. Bereits vor Jahresfrist hatte es der Weihnachtsmann für nötig befunden, dieses pädagogisch so wertvolle Erziehungsmittel der besonderen Art, anzuwenden.
Hatte Olaf die Erinnerungen an dieses Erlebnis möglicherweise schon zu Grabe getragen?
Es schien nicht ausgeschlossen zu sein...

„Nehm' sie doch, nehm' sie doch! Du denkst wohl ich habe Schiss vor dir!“, entschlüpfte es ihm provokant.
Hatte er womöglich deshalb dieses Schauspiel in die Wege geleitet, um mir noch mehr Angst einzujagen?”
Da war sie wieder, diese unnachahmliche Taktik, die dieser rotzfreche, quirlige Bengel schon des Öfteren gegen mich angewandt hatte, und das mit solch überwältigendem Erfolg, der ihn regelrecht motivierte, da weiterzumachen, wo er vorher aufgehört hatte.

Der Weihnachtsmann nahm ihn beim Wort.
Er holte weit aus, mit seiner langen Rute – und das mit einem Schwung, der die Züge beißenden Spottes möglichst schnell aus Olafs Gesicht vertreiben sollte – müsste man meinen. Würde dieses merkwürdige Spektakel ihn wenigstens diesmal zur Räson bringen? Schwer vorhersagbar, zumal dieser Spundus alles andere als ein unbeschriebenes Blatt war, was auch der Grund gewesen sein mag, weshalb ihn seine Mitschüler nur selten als Opfer flotter Sprüche auserwählt hatten.

Dennoch – die Rute schien ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Immer dann, wenn auf Olafs Allerwertestem einer von diesen wuchtigen Hieben gezischt war, verflüchtigten sich die höhnischen Züge in seinem Gesicht, bis diese gänzlich verschwinden sollten.
Zutiefst beeindruckt von diesem außergewöhnlichen weihnachtlichen Klamauk zeigte sich auch Wellensittich Bubi, der eben noch, fröhlich, piepsend, in seinem geschlossenen Käfig von Stange zu Stange gehüpft war. Die geräuschvolle Rezeptur, die sein „liebes Herrchen” ordentlich zu spüren bekam, hatten den putzigen Gesellen derart auf die Palme gebracht, dass dieser mit übermäßig schrillen Tschi tschi tschi tschi Schimpfkanonaden sich genötigt sah, auf seine tierische Art, die er schon des Öfteren erfolgreich eingesetzt hatte, dem unerwünschten Herrn klarzumachen:
„Bis hierher, aber jetzt ist Schluss!, endgültig! ein für allemal!”
Der bärtige Herr schien die Wutausbrüche des gefiederten Freundes verstanden zu haben. Denn in dem Augenblick, als er – lang ausholend - den Po dieses frechen Früchtchens vermutlich schon zum zehnten Male getroffen hatte, war es selbst diesem angehenden (Möchtegern?)-Macho zu bunt geworden. Die Lust, sich von diesem gestrengen Herrn Weihnachtsmann noch weiter den Hintern versohlen zu lassen, war so schnell dahingeflossen wie das Regenwasser, im Anschluss an einen kurzen Schauer.
Olaf – der Junge mit der großen Klappe – eine Mimose. Das konnte doch nicht sein!
Oder wandelte durch Olafs Gemüt möglicherweise sogar dieser berühmt-berüchtigte weiche Kern, der sich nur deshalb in dieser rauen Schale versteckt hielt, um nicht der ernsthaften Gefahr ausgeliefert zu sein, sich eines Tages doch als Weichei entpuppen zu müssen.
Daraufhin schob der Herr seine mit vielen Borsten bestückte Rute weg, stellte diese sorgfältig an die Wand und sagte mit abgeschwächter Stimme:
„Ich höre nur auf zu peitschen, wenn du mir eines versprichst...“ Der Weihnachtsmann schien sich so seine Gedanken gemacht zu haben. Aber auch Olaf dachte scharf nach. Die unglaubliche Wucht dieser Rute hatte diese ansonsten so lose sitzendes Mundwerk, das so unverdrossen wie ein Sägewerk arbeiten konnte, abrupt verstummen lassen.

„Und was muss ich dir versprechen?
„Na was denn?“ warf Vater, der dem Treiben argwöhnisch zugeschaut hatte, ein. Verwunderlich fand ich dagegen, dass meine Mutter, die selbst bei der kleinsten Mücke an der Wand schon mal wie eine Rakete hochgehen konnte, sich in diesen skurrilen Situationen dezent zurückgehalten hatte, während mein viel zu weiches Herz drohte, meinen dünnen Leib, der im Wesentlichen aus lauter Haut und Knochen bestand, in tausende Stücke zu zerreißen. Ich glaubte gefangen zu sein. Diese stark aus der Tiefe meines Herzens hochschnellende Angst, die mich schon des Öfteren aus der Bahn geworfen hatte - war nicht mal gewillt, vor dieser lächerlichen Rute Halt zu machen. Nur mit äußerster Mühe gelang es mir, mich auf meinen spindeldürren Beinen, die in diesen Augenblicken drohten wie Streichhölzer umzuknicken, noch halten.
Plötzlich bemerkte ich, dass Olafs große, im giftigen Grün aufflackernde Mandelaugen, begannen, mich erneut ins Visier zu nehmen.
„Hoffentlich kriegst du auch den Arsch so richtig versohlt!”, schien er wohl gedacht zu haben, ohne es offen zu sagen.
„Olaf! ... Ich habe dich was gefragt!
„Ach so... Ich will immer artig sein!” Diese Worte flossen meinem Bruder – was mich doch ein wenig überraschte, überaus freundlich aus seinem Stänkermäulchen, was wohl daran gelegen haben mag, dass er auf die heiß ersehnten Geschenke, dass er vor allem aber auf das - den Mund wässrig machende - süße Naschwerk nicht verzichten wollte.
Natürlich nicht. Ich übrigens auch nicht. Im Grunde genommen hatten wir beide uns nicht viel zu sagen. Lediglich die Vorliebe für Sprengel-Schokolade, für Wellensittich Bubi, aber auch für die elektrische Eisenbahn teilten wir miteinander.
„Das will ich auch hoffen!” raunte der Herr mit dem langen weißen Bart, der, bevor er sich ein kleines, aufmunterndes, Augenzwinkern genehmigte, ihm tief in die Augen geschaut hatte. Zeichnete sich womöglich sogar ein Sinneswandel im Kopf dieses Rotmanteligen ab? Wollte der Weihnachtsmann, nachdem ihn Olaf das Leben so schwer wie möglich gemacht hatte, diese „ herrlich, schöne Bescherung“ möglichst schnell hinter sich gebracht haben?
Es schien so.
„Ich verspreche es dir, Weihnachtsmann! Mein Ehrenwort!”
Ein Ehrenwort, das der Langbärtige und Olaf mit einem kräftigen Handschlag besiegelten.
Der stolze Geselle bückte sich, um das erste Päckchen mit Geschenken aus seinem gut gefüllten Sack zu holen.
Der Weihnachtsmann fischte das erste Päckchen - liebevoll umhüllt von Geschenkpapier, auf denen Fichtenästchen mit zarten Weihnachtsglöckchen prangten - aus seinem Sack, und drückte es Olaf erwartungsfroh in seine rechte Hand. Olaf wiederum legte dieses erste Päckchen auf die Ablage des simplen Wohnzimmerschrankes, die mangels Platz zugleich als Gabentisch herhalten musste, um sich gleich mal an der roten Schleife zu schaffen zu machen. Für den wieselflinken Jungen eine Leichtigkeit ersten Grades – ganz im Gegensatz zu den Klassenarbeiten in der Schule. Aber auch da hatte es Cleverlie bestens verstanden, seine Schnelligkeit geschickt einzusetzen, und sei es auch „nur” beim Abschreiben.
. Bereits die ersten Düfte, die Olaf wohlig umschmeichelten, zauberten ein freudvolles, kindliches Leuchten in seine Augen, in Augen, die ansonsten nur dann begonnen hatten zu leuchten, wenn einer dieser fiesen Streiche, mit der er mich aus der Fassung bringen wollte, wiedermal von Erfolg gekrönt war.

Im Nu sauste der Deckel vom Karton.
„Ooooh, Schokolade aus dem Westen!”, purzelte ein Schwall von Freude aus Olafs Süßhahnmäulchen.
„Danke, Herr Weihnachtsmann!” schwärmte mein Bruder, dessen flotte Hände sogleich begannen, das Heben dieses süßen Schatzes in Angriff zu nehmen, in das mit demselben Eifer wie kurz zuvor, als er dem Weihnachtsmann mit seiner spitzen Zunge, auf seine unnachahmliche Art, einen gewaltigen Schrecken einjagen wollte, was ihm wahrlich nicht schlecht gelungen war. Nur hatte bei diesem Eifer diesmal die kindliche Freude, und nicht etwa der Hunger nach neuerlichem Schalk, die erste Geige gespielt.
Mutter sortierte den Schokoladenweihnachtsmann und die vier lecker duftenden Tafeln Sprengel– und Alpia Schokolade fein säuberlich auf dem Gabentisch, da auch am Heiligabend alles seine gewohnte Ordnung haben musste.
Wieder bückte sich der Herr im roten Mantel, um das nächste Geschenk aus seinem Sack zu holen.
„Und dieses ist für dich, Michael!”, sagte der Weihnachtsmann liebevoll.
„Hast du denn auch immer gefolgt?”, fuhr er fort – eine Frage, die – wie sollte es auch anders sein – wieder einmal dieses breite, spitzbübische Grinsen – das in meinem Inneren unsägliche Zorn aufwallen ließ - in das Gesicht meines Bruders geworfen hatte.
Als nur dieses klägliche „Ja” aus meinem kleinen Mund geschlichen kam, war es – zu meinem Glück – nur bei diesem blöden Grinsen geblieben.
Zu meinem Unbehagen antwortete Weihnachtsmann auf dieses spärliche Ja nicht, sondern trat mit einem Wunsch an mich heran, mit einem Wunsch, der mein Herz beinahe wieder zum Stillstand gebracht hätte.
„Bevor du dieses Geschenk von mir bekommst, musst du mir erst noch ein Gedicht aufsagen!“ Erneut durchfuhr ein gewaltiger Schreck meine Glieder. Damit hatte ich wahrlich nicht mehr gerechnet, zumal der Weihnachtsmann meinem Bruder dieses festliche Ritual erspart hatte.
Ich konnte mich glücklich schätzen, Vater – die gute Seele unserer Familie - an meiner Seite zu haben. Er half mir ein wenig auf die Sprünge.
„Lieber guter Weihnachtsmann...“
Ich hatte das Gefühl tausende bunte Engelssterne schweiften vom Himmel. Selbst in meinem Vater glaubte ich einen wahrhaften Engel gesehen zu haben, einen wundervollen Weihnachtsengel mit heilenden Flügeln, den Gott dazu berufen hatte, mir diese ungeheuerliche Angst aus meiner Seele zu vertreiben.

Plötzlich ging alles wie von selbst.

                                             „Lieber guter Weihnachtsmann,
                                             schau mich nicht so böse an,
                                             stecke deine Rute ein,
                                             ich will immer artig sein!“

„Das hast du fein gemacht“, lobte mich der Herr, um den sich so viele Geheimnisse rankten..
„Dafür bekommst du auch was Schönes von mir.”

Vater stand mir beim Öffnen meines ersten Päckchens helfend zur Seite, zumal meine Hände nicht so flink waren, wie die von Olaf.
„Eisenbahn, Eisenbahn...Eine Lok, eine Lok!”, jubelte ich und wäre vor Freude fast in die Luft gesprungen, während die Augen meines Bruders merklich schärfer wurden.
War er etwa eifersüchtig?
Gespannt fingerte mein Vater, die im dunklen Rot schimmernde Diesellokomotive der Marke V200 der Deutschen Bundesbahn aus der Verpackung, in die ein größeres Sichtfenster eingearbeitet worden war, sodass ich einen Teil dieser Lokomotive bereits erkennen konnte, noch während Vater dieses Päckchen geöffnet hatte.
Ein Glück, dass Olafs Mundwerk imstande war, dieser möglichen Eifersucht zu trotzen. Dieses war nämlich – man höre und staune – stumm geblieben.

Der Weihnachtsmann legte das nächste Geschenk auf einen dieser bunten Gabenteller.
„Und das hier, das ist für dich, Olaf!”, sagte Weihnachtsmann zögernd.
Erneut machten sich Olafs - von purer Neugier getriebene – Hände ans Werk.
Und erneut rückte eine Lokomotive, diesmal allerdings eine Dampflokomotive der Baureihe 38 – auch unter der Bezeichnung „Sächsischer Rollwagen” bekannt - zutage.
„Die ist doch nur aus dem Osten!” nörgelte mein Bruder, dessen miese Laune auf einen Schlag sich in seinem gesamten Gesicht niedergeschlagen hatte. Ober-und Unterlippe bildeten einen fetten Strich, aber auch seinen großen Augen, die so waghalsig, räuberisch aufblitzen konnten, fehlte es an jeglichem Glanz.

Dieses Schlitzohr sollte wieder einmal recht behalten. Diese Lokomotive war tatsächlich ein ostdeutsches Fabrikat. Hierbei handelte es sich um eine Lok der Marke Piko, eine Marke, die vom thüringischen Sonneberg aus, die Reise in die weihnachtlichen Stuben angetreten hatte, aber auch eine Marke, die - allen Unkenrufen zum Trotze - auch heute noch so gefragt ist wie einst. Mein hochanspruchsvoller Bruder, der nur noch darauf bedacht war, Waren aus dem Westen geschenkt zu bekommen, war natürlich darüber stinksauer.

„Diese Lok fährt doch genau so gut wie eine Lok aus dem Westen”, entfuhr es meiner Mutter streng.
„Richtig!“, antwortete Weihnachtsmann, dessen Augen sich wieder bedenklich scharf aus seinen Höhlen wölbten.
Ein Glück, dass es meinem Bruder jedoch gelang, sich wenigstens in diesem Moment im Zaume zu halten.

Noch ein paar nette Kleinigkeiten hatte Weihnachtsmann auf den bunten, sternförmigen Teller mit den Geschenken gelegt, über die besonders ich mich so richtig freuen konnte, besonders über die vielen Süßigkeiten, unter denen auch meine geliebte, dicke Wurst „Lübecker Marzipan“ zum Glück nicht fehlte. Diese hätte ich am liebsten jeden Tag in mich hineingeschlagen. Leider aber war dieser herrliche süßliche Schmaus in der früheren DDR ebenfalls nur unter dem Ladentisch – mittels guter Beziehungen, die es stetig galt, zu pflegen – zu „ergaunern”.

Die üblichen Klamotten hatten mich, aber auch meinen Bruder hingegen kaum interessiert, was in diesem zarten Alter wohl völlig normal zu sein schien.


Nachdem Weihnachtsmann unsere kleine Stube verlassen hatte, wollten wir natürlich die beiden Lokomotiven sofort ausprobieren.
Die strahlenden Lichter der schmucken Häuschen tauchten diese kleine H-Null-Anlage in einen betörend-schönes Licht. Zwei Bahnhöfe mit den Ortsnamen Wildbach und Kinderland, eine Schranken- aber auch eine Signalanlage, verliehen dieser Anlage ein bezauberndes Flair. Selbst ein Tunnel, der einen phantasievoll geformten Alpenfelsen durchbohrte, der gut zu diesen - im bayerischen Stil, stolz thronenden - Villen passte, durften in dieser scheinbar so heilen, kleinen Welt nicht fehlen.


Die deutsche Teilung war in damaliger Zeit allgegenwärtig. Eine mögliche Vereinigung unseres Deutschen Vaterlandes hielten in dieser Zeit des Kalten Krieges nur die kühnsten Visionäre und Optimisten für möglich.
Auf unserer Modellbahnanlage hatte hingegen die Deutsche Einheit längst stattgefunden.
Waggons aus Ost- und West drehten gemeinsam Runde um Runde. Allerdings waren die Güterwaggons mit elegant geschwungenen Schriftzügen – wie Kulmbacher Bier – für uns eine Augenweide, wobei ich den Sinn dieser Reklame freilich noch nicht verstehen konnte. Mein schlauer Bruder dagegen schon, wobei auch mir in diesem zarten Alter von sieben Jahren nicht entgangen war, wie aufregend und farbenfroh diese für uns so fremde Welt, doch seine konnte.
Beide Lokomotiven liefen wie geschmiert, wobei der Motor, dieser - mittlerweile zu einer Legende gereiften - V200 der Deutschen Bundesbahn doch wesentlich leiser summte, was sich erst später noch herausstellen sollte.
Ich machte mich auf, um Olafs Dampflok aufs Gleis zu heben. Doch er riss mir diese wutentbrannt aus meiner linken Hand. Ob linke oder rechte Hand war für ihn völlig egal, zumal ich, aus seiner Sicht, sowieso nur zwei linke Hände hatte, die viel zu tolpatschig waren.
„Lass bloß die Finger davon! Die Lok ist meine!”
Ich sagte kein Wort, da ich einfach nicht den Mumm hatte, mir den Mund schmutzig zu machen. Ich ließ ihn so gewähren, da ich aus eigener Erfahrung wusste, dass jeder Einwand zwecklos ist.

Siehe mal einer an! Bei der Bescherung hatte der stolze Hahn noch gemosert, weil diese Lok aus dem Osten stammte, was sowieso nur Müll sein konnte, und mir wollte er nicht mal gestatten, diesen angeblichen Müll in die Hand zu nehmen.
Glücklicherweise hatte ich mich schnell wieder beruhigt.
Ich genoss einfach dieses anheimelnde weihnachtliche Flair. Ein Personenzug, gezogen von der Dampflok der BR 38, drehte unverdrossen seine Runden. Der goldige Schimmer dieses mit sechs Waggons bestückten Zuges, zauberte beidseitig des Gleises einen hellen Schweif, der, nachdem das Zügel begonnen hatte, sich aus einer dieser engen Kurven zu winden, stetig an Länge gewann. Immer dann, wenn der Zug sich durch den engen Tunnel bohrte und diesen mit hellem Licht durchflutete, glaubte ich zu träumen. Doch es war kein Traum, sondern gelebte Wirklichkeit.

Nach einer Weile schien Olaf sich zu langweilen.
Den knacksenden Drehknopf des Trafos bewegte er nämlich langsam gen Null, um den Zug zum Stehen zu bringen.
Im Anschluss sollte etwas geschehen , was ich für total merkwürdig empfand.
„Bruderherz” hatte es tatsächlich gewagt, meinen ganzen Stolz, die V200 der Deutschen Bundesbahn mit den speckigen Fingern seiner rechten Hand festzuklammern und diese auf das im hellen Lichte glitzernde Gleis zu lassen .
Dieses war ihm bestens gelungen. Rechtens war es, meinem Bauchgefühl nach, freilich nicht, zumal er mich doch übelst zusammengestaucht hatte, als ich versuchte, seine Lokomotive mit meinem zarten Händchen behutsam auf das Gleis zu setzen.
„Die Lok ist meine!”, platzte es mit zorniger Stimme – ungewöhnlich spontan – aus meiner Kehle.
Ansonsten war ich es ja gewohnt, sobald ich in der Nähe der Hacken meines Bruders aufkreuzte, stets zu kuschen, um nicht nicht von seinem knochigen Ellenbogen mannhaft zur Seite gepufft zu werden.
Doch Olaf wäre nicht Olaf, wenn er auf meinen spektakulären Geistesblitz, der wie aus heiterem Himmel durch den weihnachtlichen Schimmer dieser faszinierenden Miniaturwelt gezuckt kam, nicht die passende Antwort finden würde.

„Deine ist was der Hund sch...!” öffnete der gekränkte „stolze Hahn” sein Ablassventil, um im Stile eines aggressiven Pit Bull Terrier eine geballte Ladung Dampf abzulassen.
Ich fühlte mich so verletzt, dass ich mich wieder in meine weiche Schale verkrochen hatte.
Mutlos kreuzte ich beide Arme um meinen Kopf darin zu vergraben. Ich weinte und weinte, heulte mich so richtig aus, was meinem Bruder nicht die Bohne interessierte. Meinen Eltern hingegen schon. Aufgescheucht von diesen unpässlichen Tönen schossen Mutter und Vater wie geölte Blitze in unser kleines Reich.
Zwar waren die beiden schon einiges gewöhnt – dennoch, so ein geschmackloses Szenario, ausgerechnet auch noch an einem Heiligabend, das musste doch nicht sein!

So war es Vater wieder einmal vorbehalten geblieben, diesen neuerlich entfachten Brandherd zu löschen, was ihm – Gott sei Dank – auch gelang, während Mutter ein todernstes Gesicht machte, aber zum Glück stumm blieb.
„Ihr solltet euch an euren Geschenken erfreuen und euch nicht noch zanken!“, mahnte Vater mit gütiger Stimme zur Besonnenheit. Vorsichtig trocknete er mir die Tränen und klopfte uns beiden aufmunternd auf die Schultern.
„Kommt, wir spielen noch ein bisschen mit euch Eisenbahn“, kam es Mutter auf einmal in den Sinn.
Die Worte meiner Mutter, erst recht aber die meines Vaters, mussten sehr zügig in die Ohren von uns beiden gedrungen sein. Denn fortan hatten wir nur noch das einzig Richtige im Kopf.
Wir spielten und spielten und spielten und spielten.
Gott sei Dank. Die Wogen hatten sich geglättet.


*


Lang ist es her. Sage und schreibe vierundvierzig Jahre liegt dieses Weihnachtsfest bereits zurück.
Manchmal habe ich das Gefühl, es wäre eine Ewigkeit her, manchmal kommt es mir vor, als wären nur ein paar mickrige Jährchen im Zeitraffertempo dahingeflossen.

Gerade zum Weihnachtsfest war der Schmerz dieser widersinnigen Teilung unseres Vaterlandes hautnah zu spüren gewesen, wobei ich mir mit meinen gerade mal sieben Jahren darüber noch wenig Gedanken gemacht hatte. Dass es Ost und West gab, wusste ich damals schon, ich wusste allerdings nicht, warum auf meiner Seite alles so trostlos grau sein musste, und auf der anderen Seite alles so schillernd bunt war. Da leben die schönen, aber auch die weniger schönen Erinnerungen längst vergangener Weihnachtsfeste vor meinen geistigen Augen wieder auf.
Gern denke ich zurück an die Pakete mit den Geschenken, die mir meine Tante aus dem Westen – die im gesegneten Alter von 85 Jahren von uns gehen musste – mit Herz und viel Liebe zu uns gesendet hatte.
Dennoch war es auch eine schöne Zeit, an die ich auch heute noch gern zurückdenke.
In Gedanken sehe ich auch heute noch den Weihnachtsbaum, den ich gemeinsam mit meinem Vater, den ich aber auch mit viel Liebe geschmückt habe. Ich sehe vor mir, den bezaubernden Schimmer des goldigen und silbernen Lametta-Schmuckes, in Eintracht mit den vielen Glitzerkugeln, die im warmen goldenen Lichte der elektrischen Kerzen so herrlich funkelten. Ich sehe aber auch vor mir, dieses stolze erzgebirgische Räuchermännchen, aus dessen Schlund dicke Rauchschwaden, die sich zu lustigen Kringeln formten, die mit süßlich-zartem Geruch für eine anheimelnde Atmosphäre sorgten. In schöner Erinnerung habe ich auch die alte mehrstöckige Pyramide mit den brennenden Kerzen behalten, auf der dutzende Engel und andere Botschafter dieses Festes, friedvoll vereint, sich im Kreise drehten, um Jesus Botschaft vom ewigen Frieden in all unsere Herzen zu tragen.

„Jahresendflügelfiguren“ - was für ein Schwachsinn!- hatten die SED-Diktatoren diese festlichen Figuren betitelt.
Für sie war das Weihnachtsfest nicht jenes Fest, das der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem gewidmet worden war, sondern das sogenannte Fest des Lichtes, das den längsten Nächten des Jahres geschuldet war, obwohl Weihnachten auch in südlichen Gegenden gefeiert wurde und auch heute noch gefeiert wird. Die Menschen sollten mit aller Macht von der Kirche und ihrer christlichen Weltanschauung ferngehalten werden. Dieses mag wohl der einzig wahre Grund gewesen sein, weshalb die DDR-Oberen versuchten, den eigentlichen Sinn dieses Festes zu verschleiern.

Aber auch in unserer Demokratie wird de facto der wahre Sinn unseres Weihnachtsfestes im blendenden Rausch des Konsums förmlich in den Schatten gestellt. Bereits im September lächeln die glanzvollen Schokoweihnachtsmänner in den Supermärkten der treuen Kundschaft freudig in die Augen, getreu dem Motto „ Süßer die Glocken (die Kassen) schon klingen, in dieser Spätsommerzeit!.”
In der früheren DDR waren all die Menschen, die das Pech hatten, keinen Onkel oder keine Tante im (goldenen?) Westen zu haben, gezwungen, dumm durch die Röhre gucken. Die meisten von ihnen waren froh, wenn sie wenigstens einen von diesen viel gerühmten Schokoladenweihnachtsmännern, aus der beängstigenden Länge dieser das innerstädtische Bild prägenden Schlangen, die sich fast täglich vor vielen Geschäften gebildet hatten, erstehen konnten.
Mittlerweile hat sich dieses einst so beschauliche Fest zu einem spektakulären Jahrmarkt der Geschenke gemausert und ein Ende dieser unwirklichen Gigantonomie ist auch in den folgenden Jahren nicht abzusehen. Das Krebsgeschwür, das dieses zügellosen Strebens nach immer größeren Geschenken mit sich bringt, dürfte auch auf dieses familiäre Fest künftig noch einen größeren Schatten auf jene Menschen werfen, die fernab von dieser bombastischen Glitzerwelt, in einer Welt des Schattens leben müssen – mit Zukunftsaussichten, die alles andere als rosig sind.
Kinder, die sich mit kümmerlichen Almosen auf dem Gabentisch zufriedengeben müssen, können damit rechnen, von ihren Altersgenossen verspottet und gemobbt zu werden. In einer Gesellschaft, die nur noch vom massigen Konsum geprägt ist, hat leider nur noch der das Sagen, der mit einem vollen Portmonee protzen kann. Und wer in dieser schier endlosen Spirale den Anschluss verliert, läuft ernsthaft Gefahr, diesen für immer verloren zu haben.
Diese von den Gralshütern der Sozialen Marktwirtschaft gepriesene Werte, stimmen mich oft sehr nachdenklich, nicht selten aber auch zutiefst traurig.
Eigentlich haben wir uns alle geschworen, ewigen Frieden zu stiften und keine unnötigen Aggressionen zu schüren.
Jesu hat sich am Kreuze geopfert, um unserer Sünden zu vergeben.
In diesem Sinne frage ich mich:
„Wie lange können wir uns diese immer weiter auseinanderklaffende Schere, die Arm und Reich voneinander trennt, noch leisten?“ Und wer von uns wäre wirklich bereit, seiner eigenen Sünde zu vergeben?
Mit diesen Fragen sollten wir uns alle ernsthaft auseinandersetzen. Jedoch nicht nur bei diesem Feste.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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