Irene Beddies

Im Park







 
Im Park hinter dem Altenheim herrschte Aufregung. Zuerst zwitscherten die Vögel es sich zu. Dann piepsten die Mäuse die Neuigkeit weiter. Ein großer Tannenbaum lehnte hinter dem Haus in der Ecke zwischen der Tür und der Garage.
Misstrauisch beäugten die Meisen und Spatzen ihn. Die Mäuse beschnupperten ihn und wunderten sich; er hatte keine Wurzeln. Der Stamm war unten glatt abgesägt und duftete gut. Zum Fressen gab er nichts her. Und ein Loch unter ihm zu graben, war nicht möglich, denn da, wo er stand, gab es nur Betonplatten.
 
Die Tiere stoben auseinander, als eine Küchenhilfe aus der Tür trat. Auch sie wunderte sich, bestaunte den Baum und nickte zustimmend. Sie ging weiter und streute den Vögeln reichlich Körner in das Futterhaus, das man dem Speisesaal gegenüber aufgestellt hatte. Die alten Leute sollten sich an den Vögel erfreuen.
Meisen und ein Dompfaffpärchen kamen schnell zurück und pickten eifrig ihr Futter. Alles war wie sonst. Offenbar keine Gefahr.
Die Mäuse lauerten darauf, dass die Vögel etwas vom Überfluss fallen ließen. Wenn im gelegentlichen Zank um das Futter Körnchen herunterfielen, huschten sie unter dem Rhododendron hervor und holten sie.
 
Über Nacht gab es Frost mit Raureif. Die Tanne sah aus, als wenn sie mit Zucker bestreut wäre.
Auf den Zweigen der Parkbäume saßen die Vögel aufgeplustert. Sie konnten es kaum erwarten, dass ein Mensch ihnen ihr Futter brachte. Die Mäuse blieben in ihren warm gepolsterten Nestern unter der Erde zwischen den Wurzeln und rührten sich nicht. Sie brauchten nicht hinaus in die Kälte, sie hatten gut gefüllte Vorratskammern.
Als die Sonne höher stand - gegen Mittag -, verließ eine besonders vorwitzige Maus ihr Loch. Sie wollte erkunden, was es mit dem Tannenbaum auf sich hatte.
Sie hörte lautes Gezänk am Futterhaus. Eine Elster versuchte, die kleineren Vögel zu verdrängen. Das hatte es lange nicht mehr gegeben. Der große Vogel passte doch gar nicht in das Häuschen!
Die Maus huschte unter den Rhododendron und schaute von da aus dem Kampf zu. Die Elster schaffte es, die anderen Vögel zu vertreiben und sich in das Häuschen zu zwängen. Da saß sie nun, konnte nicht an das Futter heran, so oft sie sich auch im Kreis bewegte. Ärgerlich versuchte sie, aus dem Futterhaus herauszukommen, sah sich aber gefangen; es war zu eng, auf den Rand zu hüpfen und wegzufliegen.
Nach kurzer Zeit kam ein Mann in blauem Overall und Arbeitshandschuhen aus der Tür. Er hatte das Gezänk der Vögel beobachtet. Er trat an das Häuschen und streckte seine Hand aus. Wütend pickte die Elster nach seinen Fingern. Er aber packte den Vogel mit beiden Händen und hob ihn aus seinem Gefängnis. Die Elster verschwand, als sie die Freiheit spürte.
 
„Da will ich mal gleich den Baum richten“, murmelte der Mann.
Die Maus konnte ihre Neugier nicht bezwingen, blieb in ihrem Versteck und beobachtete. Der Mann holte eine Axt und ein Gestell aus der Garage, schlug ein paar Mal schräg auf den abgesägten Baumstamm ein und stellte die Tanne dann in das Gestell. Danach rüttelte er mehrmals am Baum und ließ ihn schließlich stehen.
Da er nicht wieder auftauchte, huschte die Maus unter den Tannenbaum, um sich die Sache aus der Nähe anzusehen. Er stand ganz gerade, nicht mehr angelehnt. Die vom Stamm abgeschlagenen Holzstückchen verrieten ihr nicht, worin der Sinn der Angelegenheit bestand.
 
Es schneite in der Nacht dicke Flocken. Den Park bedeckte morgens eine dichte Decke aus Schnee. Die Mäuse blieben endgültig in ihren Löchern und schliefen sich aus. Die Vögel rückten dichter an das Futterhaus, damit die Strecke, die sie dorthin fliegen mussten, nicht so viel Kraft kostete.
In den nächsten Tagen fiel immer wieder neuer Schnee. Die Tanne in ihrem Ständer sah nun aus wie eine weiße Pyramide. Eines Morgens war sie verschwunden. Was hatte das zu bedeuten, wunderten sich die Vögel. Ohne die Tanne sah alles vertrauter aus. Die Vögel waren nicht lange interessiert, sie warteten auf ihr Futter.
 
Dann taute es gewaltig, ein warmer Wind ließ den Schnee schnell verschwinden.
Die Mäuse wagten sich gegen Abend aus ihren warmen Wohnungen, um zu sehen, was die Vögel an Körnern fallen gelassen hatten. Wie staunten sie, als sie plötzlich unbekannte Klänge hörten. Die kamen aus dem Speisesaal.
Die Mäuse wendeten ihre Blicke dorthin. Durch die Fenster sahen sie im hell erleuchteten Raum den Tannenbaum. Er war frei von Schnee, war bunt geschmückt,
es blitzten Lichter in den Zweigen.  
Um ihn herum saßen die alten Menschen und öffneten weit ihre Münder. Sie machten die Töne.
Sie sangen.
 

 

© I. Beddies

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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