„Komm,
spring rein, Junge !“, hörte ich meinen Menschen sagen . Dabei
öffnete er die Tür des Kofferraums. Schwanzwedelnd und in freudiger Erwartung
eilte ich herbei – wie immer, wenn mein Mensch mir eine Überraschung
bereithielt – und sprang ohne zu zögern in den Kofferraum. Denn ich wusste:
immer, wenn ich meinen Menschen im Auto begleiten durfte – was bedauerlicherweise
viel zu selten vorkam – kamen wir am Ende einer langen, für mich vor Spannung
fast unerträglichen Fahrt an einen Ort, an dem ich mich sofort wie zu Hause
fühlen konnte. Oft war es eine Wiese, auf der andere Spielgefährten schon auf
mich warteten oder schöne, dunkle Wälder, in denen ich mich so richtig
austoben, meine Nase ins Laub stecken und hundert unterschiedliche Gerüche
aufnehmen konnte. Kann es etwas Schöneres für einen jungen, gesunden und
lebenshungrigen Kerl wie mich geben?
Dieses
Mal allerdings dauerte die Fahrt nicht so lange. Ich weiβ noch, dass ich mich
ungemein über meinen Menschen wunderte. Warum nimmt er mich überhaupt mit?
Sollte er mich heute nicht bestrafen, mich nicht beachten und mich schmorend in
meinem Korb liegen lassen? Ich weiβ, ich habe gestern etwas Schreckliches, ja
gar zu Unverzeihliches, getan. Etwas, was ich noch nie in meinem Leben getan habe.
Etwas, vor dem mir graut. Allein der Gedanke, dass ich für einen Moment meinem
Instinkt zu viel Freiraum und das Gewand meiner antrainierten Fassung fallen
lieβ, quält mich heute noch auf ganz schreckliche Art. Ich bedauere zutiefst,
dass ich gestern ein dreijähriges Kind in den Kopf gebissen habe. Zwar habe ich
meine langen spitzen Zähne nicht in den Kindsschädel gebohrt. Es war – das zu
schreiben fällt mir recht schwer, das kannst du mir glauben, lieber Freund – es
war ein Moment des Unwohlseins, das mich umgab. Ich hatte nichts gegen das
Kind, im Gegenteil, ich liebe Kinder. Sie haben so etwas Natürliches,
Ungezwungenes – genau wie wir Hunde. Aber gerade in dem Moment meiner
Beklommenheit verlieβ mich mein vom Menschen antrainierter Anstand und ich
wurde tatsächlich wieder zu dem, was ich nun einmal war und immer noch bin: zum
Tier, zur blutrünstigen Bestie, wie die Menschen da drauβen mich nach dieser schrecklichen
Tat wohl nennen mögen.
Ich
möchte mein Vergehen keineswegs entschuldigen. Das liegt mir fern. Denn dass es
ein nicht wieder gut zu machender Fehltritt war, das habe ich im selben Moment
erkannt, als ich voller Scham und Demut in die zornesblitzenden Augen meines
Menschen blickte. Dieser angewiderte und
gleichzeitig verachtende Blick ruhte
lange auf mir. Ich werde ihn wohl mein Lebtag nicht vergessen können.
Dann
hörte ich meinen Menschen ein paar Worte mit der Mutter des verletzten Kindes
wechseln. Worüber die beiden redeten, kann ich nicht genau sagen. Heute, genau
in dem Moment meines Schreibens, bin ich klüger und habe eine Vermutung, die
ich allerdings kaum auszusprechen wage. Drum behalte ich sie für mich. Verzeih
treuer Freund!
Nun
saβ ich also im Kofferraum. Wir fuhren die Straβen entlang, die ich gut kannte.
Doch irgendwas war anders. Die Bilder, die sich vor meine neugierigen Augen
schoben, schienen mir fremd, gar zu unheimlich. Die Straβen waren wie
leergefegt. Keine Menschenseele! Sonst gab es immer jemanden, der mich groβes Geschöpf im Kofferraum
sitzend ansah - argwöhnisch - ja, es kam sogar vor, dass Menschen ihr Gesicht
zu einer angsterfüllten Fratze verzogen. Dann gab es aber auch Menschen, die mich
mit glänzenden freundlichen Augen ansahen, auf deren Gesicht sich gar ein
warmherziges Lächeln breit machte. Solche Augenblicke genoss ich dann auch. Mir
wurde dann regelrecht warm ums Herz und ich spürte, wie meine angespannten
Glieder langsam weicher wurden.
Heute
Morgen aber waren mein Mensch und ich, wie gesagt, allein auf der Straβe. Ich
erinnere mich an dieses Grau, welches uns umgab, als hätte der dunkelgraue
Himmel seine Farbe auf Häuser, Straβen, ja sogar Bäume und Wiesen gesprüht. Ich
versuchte, mit meinem Menschen Augenkontakt aufzunehmen. Das pflegte ich immer
zu tun, wenn ich mich unsicher fühlte. Doch diesmal suchte ich vergebens seine
hellblauen Augen im Rückspiegel. Alles, was ich erkannte, waren seine
rotblonden Strähnchen, die in seine gefaltete Stirn fielen.
Während
ich noch mit schnell pochendem Herzen in den Rückspiegel schaute, um vielleicht
doch noch einen flüchtigen Blick einzufangen, blieb das Auto ruckartig stehen.
Mein Mensch stellte den Motor ab, stieg aus, öffnete die Kofferraumtür. Was
wollten wir hier? Diese Gegend kannte ich nicht. „Na los, spring schon!“,
schnauzte mich mein Mensch ungeduldig an. Erst jetzt sah er mir in die Augen.
Sein Blick war nicht zornig, nicht vorwurfsvoll, nicht so wie gestern, als wir
noch vor dem blutigen Kindskopf standen. Jetzt sah er mich eher traurig, fast
schon mitleidig an und ich konnte beobachten, wie sich seine Augen leicht mit
Wasser füllten oder bilde ich es mir heute ein?
Jedenfalls
nahm mich mein Mensch an die Leine und führte mich in ein Zimmer. An dieses
Zimmer erinnere ich mich ganz genau. Von der Decke schienen groβe Neonleuchten
direkt in meine lichtempfindlichen Augen. Ich musste blinzeln, um dieses grelle
Licht ertragen zu können. Schlimmer aber war der Geruch, der mir schon drauβen
vor der Tür in die Nase stieg. Ein Geruch, den ich nur flüchtig kannte. Er
erinnerte mich an damals, als mein Mensch die Wunde an meiner rechten
Vorderpfote mit Spray behandelte. Das befreite mich etwas von meinen höllischen
Schmerzen. Dieser Geruch!
Dann
wurde eine Tür geöffnet und ein blondhaariger Herr in weiβem Kittel kam auf
mich zu. Ich sah ihn mit meinen groβen Kugelaugen an. Er schien es nicht zu
bemerken, denn er unterhielt sich mit meinem Menschen, ohne ein einziges Mal
auf mich herabzublicken. „Merkwürdig“, dachte ich. Eigentlich bin ich doch
immer ein Blickfang gewesen. Menschen, die mich nicht beachteten, bin ich nie
begegnet. Wie dem auch sei. Nach einer kurzen Unterhaltung zwischen den beiden
ergriff der fremde Mann im weiβen Kittel meine Leine und führte mich in das
Nebenzimmer. Wir mussten meinen Menschen alleine zurücklassen. Ich drehte mich
nach ihm um – ein letztes Mal. Er stand da, völlig regungslos. Sein Gesicht
blass. Sein Blick starr. Seine Arme leblos am Körper herunterhängend. Was dann
geschah, kann ich dir nicht beschreiben, mein Freund, da mir plötzlich die
müden Augen zufielen, nachdem der Mann mich mit dieser langen Nadel in mein
Hinterteil gestochen hatte.
Ich
schreibe dir diese Zeilen, um dir zu sagen, dass du dir keine Sorgen um mich
machen musst. Sicher hast du mich heute Morgen vermisst, als du die Felder
durchquertest und den morgendlichen Sommerduft einatmetest, von dem unsere
feuchte Nase nie genug kriegen konnte. Ich wäre so gerne bei dir gewesen. Nun aber
sitze ich hier im Regenbogenland, von dem ich schon ein paar Mal hatte reden
hören. Ich habe mir jedoch nie den Kopf darüber zerbrochen, weil eigentlich
fast nur alte und kranke Hunde über die Regenbogenbrücke gehen müssen. Ich war
doch ein kerngesunder Hund. Ich war
aufgeweckt, neugierig und liebte mein Hundeleben und meine Menschen. Warum also
sitze ich hier? Die Antwort scheint mir in diesem Augenblick klar: ich habe ein
einziges Mal meine tierische Natur über mich walten lassen. Aber warum hat mein
Mensch mir keine zweite Chance gegeben? Ich hätte ihm zeigen können, dass es
mir unendlich leid tut, hätte mir die gröβte Mühe gegeben, um doch noch von ihm
geliebt zu werden, genauso wie ich ihn liebte. In ewiger Treue, dein
Ponto
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2011.
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