Hans-Werner Kulinna

Das kleine Räuberkind

                                                       
 
Tagelang hatte es schon geschneit und die Felder und Berghänge von Bethlehem  lagen unter einer dicken Schneedecke. Es war ein bitterkalter Wintertag. In der  Räuberhöhle oben in den Bergen brannte nur noch ein schwaches Feuer. Die letzten Holzstücke waren aufgebraucht. Das kleine Räuberkind rückte näher an die noch glimmende Glut, um sich zu wärmen. Draußen pfiff ein eisiger Wind um den Berg. Da sprach der Räubervater: „Natan, zieh deine Hirtensachen an, damit dich niemand erkennt und geh ins Dorf. Vielleicht geben sie dir etwas  Brennholz. Los, mach schon!“
Natan stand missmutig auf, zog die Hirtenjacke und die Stiefel an und machte sich auf den mühsamen Weg hinunter nach Bethlehem. Weil die Stiefel ihm viel  zu groß waren, konnte er nur ganz langsam gehen. Es war nicht leicht, durch den  frischen, hohen Schnee zu kommen. Als er endlich nach Bethlehem kam, klopfte er an die erste Tür und bat die Leute um ein paar Holzstücke. „Tut uns leid Kleiner, wir haben selbst nichts!“, sagten sie und wiesen ihn ab.  Überall, wo er anklopfte, hörte er jedes Mal das Gleiche. Langsam wurde es draußen immer dunkler. Der kleine Räuber fror bitterlich. Als er schließlich bis zum letzten Haus gekommen war, wollte er auch dort anklopfen. Doch sein Mut verließ ihn. „Sie haben sicher auch kein Holz für uns!“, dachte er und ging traurig weiter.
Da entdeckte er in der Ferne ein kleines Licht. Er ging weiter und das kleine Licht wurde immer größer. Plötzlich stand er vor einem verfallenen Stall. Einige Bretter waren schon aus der Stallwand heraus gefallen. „Hier wird sicher Holz sein!“, dachte er bei sich. Er wagte sich langsam hinein. Da sah er ein kleines Kind in einer Holzkrippe liegen und eine Frau und ein Mann saßen im Stroh und waren voller Freude. Hinten in der Ecke des Stalles lagen ein großer Ochse und  ein kleiner Esel und wärmten die Leute. „Guten Tag, du kleiner Hirte!“, sagte  die Frau mit freundlicher Stimme. „Komm, setz dich zu uns!“, bat der Mann und er winkte ihn heran. Der kleine Räuber war verdutzt und er zitterte vor Kälte.  Er wollte ja eigentlich nur etwas Brennholz. Was sollte sein Vater denken, wenn er so lange fort bleibt. „Setz dich zu uns, du frierst ja!“, sagte die Frau zu ihm. Der kleine Räuberjunge setzte sich zur Krippe und schaute lange auf das Kind. Ihm war, als würde die Kälte in ihm verschwinden. Er fühlte die kleinen Hände und sah die wachen Augen. Das Kind lag in einer Futterkrippe. „Ich habe sie sehr schnell aus Holzstücken bauen müssen!“, sagte der Mann, „unser Kind ist erst heute geboren und wir sind sehr dankbar, dass es da ist.“ „Gut, dass du allein gekommen bist!“, sprach da die Frau, „heute waren schon viele  Menschen hier bei uns und wollten unser Kind sehen.“
Der kleine Räuber hörte aufmerksam zu, dabei merkte er gar nicht, dass er im warmen Stroh immer müder wurde. Schließlich war er eingeschlafen. Als er am nächsten Morgen erwachte, wusste der kleine Räuberjunge zuerst gar nicht, wo er war. Dann fiel ihm alles wieder ein.  Er sah sich um. Das kleine Kind und seine Eltern waren fort. Auch den Esel konnte er nicht mehr sehen. Nur der Ochse  lag in der Ecke und schlief. Da fiel ihm ein, dass er ja unterwegs war, um Brennholz zu holen. Er sah die leere Holzkrippe. „Das Kind wird sie nicht mehr brauchen!“, dachte er und er nahm sie an sich. Hastig packte er noch einige herumliegende Holzstückchen hinein. Dann ging er eilig durch den tiefen Schnee zurück in die Berge. Obwohl er die großen Stiefel trug, war der Weg jetzt gar nicht mehr so beschwerlich wie vorher. Leicht konnte er die Krippe auf seinen Schultern tragen. Die Morgensonne zeigte gerade ihre ersten Strahlen und ihm war noch nie so warm. Als er in der Räuberhöhle ankam, schlief sein Vater noch tief und fest. Natan legte vorsichtig kleine Holzstückchen in die winzige Glut. Er hatte Glück. Schnell begann das kleine Feuer wieder zu brennen. Dann legte er sich zufrieden hin. Natan wusste, es war ein guter Tag.
 
© Hans – Werner Kulinna 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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