Hans-Jürgen Graf

Weihnachten für alle!

Vor den Scheiben des Fensters fallen dicke Schneeflocken zu Boden. Der angrenzende Wald scheint bald unter der Schneelast umknicken zu wollen. In der Stube bullert der Ofen und es ist wohlig warm. In der Nische am Fenster hat sich Mindy mit ihren im Herbst geborenen Kindern, drei Stück an der Zahl, zurückgezogen und genießt den Ausblick auf das Schneegestöber draußen. Mindy ist die Hauskatze und sie hat im Herbst drei kleine Wonneproppen zur Welt gebracht. Als sie dort so liegt und die drei ihrem Spieldrang nachgehen, da hört sie ein zaghaftes Klopfen an der Fensterscheibe. Ein Vogel klopft ans Fenster, und als sie ihn ansieht, da gibt er ihr zu verstehen, dass sie doch noch draußen kommen soll. „Was soll ich jetzt nach draußen gehen, in dem Schneetreiben! Noch dazu zu einem Vogel, der allem Augenschein nach nur eine echt dürre Mahlzeit wäre. Nein, das kann mich wirklich nicht bewegen nach draußen zu gehen.“ denkt sie so bei sich, als das Klopfen immer eindringlicher wird. Sie blickt nochmals zur Scheibe und der Vogel läuft aufgeregt davor hin und her und fordert sie immer wieder auf, nach draußen zu kommen. „Scheint ihm ja besonders dringend zu sein?“ überlegt Mindy nochmal und entschließt sich dann doch einen kurzen Moment nach draußen zu gehen. „Mal hören, was er will!“. Ihre Kleinen wollen zwar mit nach draußen, aber sie gibt ihnen klar zu verstehen, dass sie drinnen bleiben sollen. So macht sie sich auf den Weg zur Katzenklappe in der Küche.

Draußen angekommen ruft sie „Wo bist Du? Es ist kalt und naß, ich möchte mir nicht auch noch eine Erkältung einfangen. Also, wo bist Du und was willst Du?“ Na ja, er muss ja keine Angst haben, denn so kurz vor Weihnachten gibt es ja einen „Waffenstillstand“ zwischen den Tieren. Zumindest zwischen denen, die genügend versorgt sind und nicht noch zusätzlich ein anderes Tier fangen müssen.Da flattert er auch schon heran und setzt sich in weitgehend sicherem Abstand auf die Mauer neben der Veranda. „Es herrscht große Not unter den Tieren im Wald. Wir haben kaum noch etwas zu essen. Der Schnee hat alles dick zugedeckt, selbst die Hirsche können das Grün darunter nicht mehr freischarren. Es droht eine große Hungersnot unter den Tieren im Wald. Deshalb schickte man mich hierher um mit den Tieren, die unter den Menschen leben, zu sprechen. Könntet Ihr uns helfen?“. „Was sollen wir Euch helfen? Das ist nun mal der Lauf der Natur. Wer draußen lebt, der läuft auch Gefahr, dass er verhungern kann oder Beute anderer Tiere wird.“ antwortet sie ihm doch etwas barsch. „Wie sollten wir auch helfen können? Wir bekommen unsere Nahrung von den Menschen. Die bewahren alles irgendwo in Lagern, Vorratskellern usw. auf. Wie sollen wir da ran kommen? Das ist unmöglich.“ schiebt sie noch hinterher.

Er sieht doch sehr dürr und abgemagert aus. Man sieht die Not ist dort draußen tatsächlich groß, denkt sie bei sich. Da klingen plötzlich die Glocken der Kirche im Dorf und vom Turm herunter hört man den Turmbläser das Lied zum 4. Advent blasen. Da wird ihr ganz warm ums Herz und sie denkt an ihre drei Kleinen in der warmen Stube. Sie könnte sie jetzt auch nur noch schwer ernähren, wenn sie nicht die Hilfe der Menschen hätte, die ihr und den Kleinen das Futter geben. Irgendetwas in ihr sagt ihr, sie solle helfen, sie solle es wenigstens versuchen. „Ich weiß zwar noch nicht, wie, aber ich werde versuchen Euch draußen im Wald zu helfen.“ erklärt sie dem kleinen Boten des Waldes. Erfreut, mit einer mutmachenden Botschaft, macht sich der Vogel wieder auf in den Wald zurück zu kehren und den Tieren dort die Neuigkeiten mitzuteilen. „Es ist ein Versuch und mehr kann's nicht sein“ ruft sie ihm noch nach. Mindy blickt nach oben und es hat sich tatsächlich etwas aufgeklart. Man kann einige der Sterne sehen. Es wird wohl eine kalte Nacht werden. Sie maunzt nach oben: „Ich weiß, dass Du da bist, der Du uns alle geschaffen hast. Wenn Du willst, so hilf mir jetzt dabei, damit es nicht nur ein Versuch bleibt. Die Tiere des Waldes leiden Not. Nur mit deiner Hilfe kann ich etwas tun.“ Spricht's und kehrt sich um zur Klappe um nach den Kleinen zu sehen. Wieder in der Stube überlegt sie unaufhörlich, wie es doch gelingen könnte. Ihre Menschen würden helfen, das weiß sie. Aber wie es ihnen sagen? Sie verstehen zwar manches, aber bei weitem nicht alles.

Das kann nur über die Tiere selbst funktionieren. Es ist für sie nicht so schwer, den Kontakt zu den anderen Tieren im Dorf herzustellen. Sie ist eine angesehene Katze und ihr Wort gilt etwas unter den Tieren. Sie erklärt ihren Kleinen, dass sie weg muss und dass es einige Zeit dauern kann. Sie schärft ihnen ein, dass sie hier in der Stube bleiben sollen, wo es warm ist und sie genug zu essen haben. Nun machte sie sich auf den Weg mit einer Botschaft und einem Auftrag. Der Botschaft der Tiere des Waldes und dem Auftrag zu helfen. Leicht wird es nicht, denn einige der Dorftiere können schon ziemliche Sturköpfe sein, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Es ist ein mühsamer Weg und es kostet viel Überzeugungsarbeit. Doch endlich nach fast vier Stunden, erklärt sich auch das letzte Hornvieh noch bereit, etwas von seinem Überfluss abzugeben, damit auch die Tiere im Wald eine Hoffnung haben dürfen. Selbst die ansonsten doch sehr reservierten Ratten haben sich bereit erklärt zu helfen. Sie haben zwar selbst nicht sehr viel, aber sie steuern das Know-How bei. Keiner kann besser und schneller den Weg in Lager, Schuppen und auf Heuböden öffnen, als diese. Zwischenzeitlich hat man einen Boten in den Wald geschickt. Er soll die Tiere dort über den Plan aufklären, wie man den Überschuss aus dem Dorf in den Wald bekommen will.

Nun, die Dorftiere werden eine Versorgungskette organisieren, die aus den Schobern, Schuppen, Böden, Scheunen und Vorratskellern die Nahrung zum Dorfrand bringen werden. An der alten und großen Eiche neben dem Haus von Mindys Menschen, wollen sie die Nahrung ablegen. Die Tiere des Waldes werden dort dann die guten Sachen abholen und sie zu ihren Höhlen und Unterkünften bringen. Während der großen Aktion sind alle zu weitgehender Stille verpflichtet. Die Menschen sollen das nicht unbedingt mitbekommen. Denn nicht alle von denen sind wirklich so gutherzig und würden etwas abgeben. Besonders dann nicht, wenn ihnen niemand wirklich klar machen kann, wofür das Ganze vorgesehen ist. Man würde sie alle nur des Diebstahls bezichtigen und erschießen und erschlagen. Die Ratten haben schon gute Vorarbeit geleistet, die Wege in die Lager der Menschen sind offen. Mindy organisiert den Transport. Die Mäuse und Ratten, sowie die kleinere Exemplare der Katzen und Hunde schaffen die Nahrungsmittel nach draußen. Hierzu werden auch Säcke angebissen und was irgendwie transportiert werden kann wird von der Schar nach draußen geschafft. Die größeren Tiere übernehmen dann den Transport der Nahrung, oder der kleineren Tiere, zum vereinbarten Treffpunkt neben Mindys Heim. Die ganz großen Tiere, also Kühe, Schafe usw. sorgen für die Geräuschkulisse nachts auf den Höfen und in den Ställen, damit die Menschen nicht misstrauisch werden, weil plötzlich so viel Ruhe herrscht.

Eine lange Kette von Tieren zieht sich durch die Straßen des Dorfes hin zu der alten Eiche. Größer und größer wird dort der Berg an Nahrungsmitteln für die Tiere des Waldes. Die ersten Transporteure aus dem Wald erscheinen schemenhaft über den Schneehügeln und nähern sich der alten Eiche. Vorneweg ein alter und erfahrener Dachs. Er kommt auf Mindy zu. „Du bist diejenige, die für uns diese Hilfe organisiert hat, oder?“ fragt er sie. „Ja, euer Bote kam zu mir ans Fenster“ antwortet ihm Mindy. „Im Namen aller Tiere des Waldes möchte ich Dir danken, mit diesen Nahrungsmitteln können wir noch eine ganze Weile dort durchhalten. Und wenn der Schöpfer uns gewogen ist, dann wird das Wetter vielleicht wieder etwas milder und wir können uns wieder die Nahrung draußen suchen.“ Mittlerweile ist es schon sehr kalt geworden. „Ich denke, ihm haben wir das alles auch zu verdanken. Ich habe mich an ihn gewandt, nachdem Euer Bote bei mir war und ihn um Hilfe gebeten. Er hat das Gelingen gegeben.“ erklärt Mindy dem alten Dachs. Und als sie das gesagt hatte, klart der Himmel noch weiter auf, ein heller Lichtstrahl trifft auf die versammelte Tiergemeinde dort an der alten Eiche. Und kleine feine Flöckchen fallen auf die Erde, die im Licht wie Silber schimmern. Sie bedecken fein das Fell der Anwesenden und sie werden eins mit ihrer Umgebung. Es herrscht eine große Einigkeit zwischen den Tieren des Dorfes und den Tieren des Waldes in dieser Nacht. Sie sind eine Gemeinschaft. In ihren Herzen herrscht ein große Wärme zu diesem Zeitpunkt.

Da stupst Mindy etwas an, an den Seiten. Ihre Kleinen sind gekommen. Sie haben den Weg durch die Klappe geschafft und ihre Mutter gefunden. Sie schmiegen sich an ihre Seite und gemeinsam genießen alle noch diesen Moment der Einigkeit, während die ersten Transporteure des Waldes beginnen, die Nahrung in den Wald zu schaffen. „Euch allen dort draußen eine frohe Weihnacht!“ rufen die Dorftiere der letzten Truppe vom Wald noch hinterher. Zurück schallt es „Euch ebenso und nochmals vielen Dank. Letztlich gehören wir alle doch zusammen!“.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Reise in die Unendlichkeit von Hans-Jürgen Graf



Ein mittelalterlicher, verheirateter Single, der nicht gerade mit reichlich weltlichen Gütern ausgestattet ist, geht auf Reisen durch die Zeit und Dimensionen. Die Pforte ist für ihn ein alter, nicht besonders ansehnlicher Schrank, der ihn als neuen Besitzer erwählt hat. Begleitet von Wesen aus anderen Seinsebenen findet er letztlich den Ort und die Möglichkeiten seine Träume und Vorstellungen unendlich lange aus zu leben.

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