Irene Beddies

Nudelauflauf



Karoline saß auf der Liege am Strand und ließ sich von der Sonne den nassen Bikini trocknen. Unter ihrem Strohhut hervor sah sie auf das glitzernde Meer. In der Ferne zogen Segelboote vorüber. Ferien sind doch zu schön!
Sie hatte kurzentschlossen das Last Minute Angebot auf die Insel gebucht und bereute es nicht. Der beständige Sonnenschein war auf jeden Fall der Kälte im Norden vorzuziehen. Und was versäumte sie überhaupt in der Heimat, nachdem sie ihr Projekt vorzeitig fertiggestellt hatte und der Chef ihr überraschend drei Wochen Urlaub ‚verordnete‘?
 
Alles in der Urbanisation zeigte sich ruhig und freundlich, das Appartement sauber und gerade geräumig genug. Die weißen Häuschen, verstreut im begrünten Gelände, erweckten den Anschein von Naturnähe und ließen vergessen, wie viele Menschen hier normalerweise unterkommen konnten. Um diese Zeit knapp vor Weihnachten waren bei weitem nicht alle Appartements vermietet.
 
Kurz vor Weihnachten! Karoline schreckte aus ihrer wohligen Stimmung auf. Wie lange noch bis dahin? Sie rechnete nach: eineinhalb Wochen mochte sie wohl schon hier sein. Genau konnte sie das erst in ihrem Zimmer herausbekommen, dort stand ein Fernseher, den sie nur am ersten Tag bedient hatte.
Nur nicht aufregen, erst  die Sonne ausnutzen!
Abends vor dem Fernseher stellte Karoline fest, dass es bereits der 20. Dezember war. Am 24. früh ging der Flug zurück. Zum ersten Mal fragte sie sich, was sie dazu bewogen haben konnte, eine Reise zu unternehmen, die sie erst am Heiligabend in ihr Zuhause zurückbrachte.
 
Sie kam in Panik. Nichts war vorbereitet für die Feiertage! Das Nötigste konnte sie am Flughafen oder in einer Tankstelle einkaufen. Sie hatte keinerlei Geschenke für ihre Tochter, falls sie zum Fest kam. Nun gut, sie konnte einen Gutschein schreiben. Oder sie musste morgen noch mit dem Bus in die Hauptstadt der Insel fahren und dort etwas Landestypisches suchen. Auf einen Baum zu verzichten, würde schwerfallen.  
Eine SMS an ihre Tochter zu schreiben, schien sinnlos. Claudia antwortete auf keine. Sie war bestimmt mit ihrem Freund Tom so beschäftigt, dass sie für nichts anderes einen Gedanken verschwendete. Es war ihr ja zu gönnen! Jugendliches Verliebtsein ist eben etwas so Schönes, dass man alles verzeiht.
 
Kein Faulenzen am Strand heute! In der Stadt, die sie noch gar nicht besucht hatte, machte sich Karoline einen angenehmen Tag. Sie bummelte durch die Straßen, schaute in die berühmte Kirche, aß gut zu Mittag im Garten eines versteckten Restaurants und fand in einer Töpferei sogar allerlei hübsche Teller und Schüsseln, die sie verschenken oder vielleicht selbst behalten konnte.
In einer Seitenstraße entdeckte sie ein Geschäft mit Weihnachtsartikeln, das von einem Deutschen geführt wurde.
„Sie haben wohl nicht an Weihnachtsschmuck für Ihr Appartement gedacht?“
„Nein“, antwortete Karoline. Er brauchte nicht zu wissen, dass sie nicht an Weihnachten zu Hause gedacht hatte.
„Wie wäre es mit einer künstlichen Tanne? Ich habe sie in allen Größen, gleich mit einer Lichterkette dabei.“
„Nein!“, rief Karoline entsetzt, „eine Plastiktanne kommt mir nie ins Haus – und wenn ich hundert Jahre alt werde! - Ich schau mich einfach mal um.“
„Bitte gern, die Dame!“
Zwischen den Borden mit Schmuck für den Tannenbaum, Kerzen in Gläsern, goldenen Kunstblumen und dergleichen Dingen stand ein Tisch, auf dem Artikel aus Holz aufgebaut waren. Elche mit einem Schal um den Hals, Wichtelmänner mit Stoffbeinen, Engel mit Trompeten, die an die Lampe oder sonst wohin gehängt werden konnten, standen, hingen oder saßen um einen hölzernen Baum, an dem seinerseits viele Goldsterne glitzerten. Der Baum bestand aus einem dickeren Rundholz als Stamm und verschieden langen hölzernen Stangen als Äste. Die konnte man sogar herausnehmen, um ihn leichter zu verpacken. Den Baum kaufte Karoline. Ohne die Goldsterne. Zu Hause konnte sie Buchsbaum an den Zweigen befestigen oder Efeu herumwinden. Beides wuchs in ihrem kleinen Vorgarten.
Zufrieden kehrte sie in ihr Feriendomizil zurück.
Die letzten beiden Tage ihres Inselaufenthaltes verbrachte Karoline wieder am Strand in gewohnter Weise mit einem dicken Schmöker aus der Hotelbibliothek.
Heimlich freute sie sich auf ihr Zuhause. Und uneingestanden auch auf das Weihnachtsfest!
Es würde schon irgendwie gelingen und eine gemütliche Zeit werden. Sie hatte immerhin bis zum 2. Januar frei.
 
Als Karoline ihre Haustür am 24. nachmittags  aufschloss, klang ihr Orgelmusik  aus dem Wohnzimmer entgegen.
Es roch nach frischem Tannengrün und Pfefferkuchen.
Claudia stürzte auf sie zu, fiel ihr um den Hals und gab ihr einen Kuss.
„Na, eine schöne Überraschung?“, fragte sie.
„Kind, lass mich erst einmal zu Atem kommen und mich wundern!“
Im Wohnraum stand ein Tannenbäumchen, geschmückt mit einigen der altvertrauten Dinge aus dem Weihnachtskarton. Pfefferkuchen lagen auf einem Teller. Auf der Fensterbank prangte ein großer roter Weihnachtsstern und über dem Fernseher hingen zwei goldene Kugeln.
Karoline setzte sich im Mantel auf einen Sessel und sog das kleine Wunder in sich hinein.
„Wie kommt es….“  
„Pst, noch nicht“, mahnte Claudia, „erst einmal tief Luft holen, den Mantel ausziehen und die Puschen an!“
 
Karoline gehorchte. Die Koffer konnten später ausgepackt werden.
Während sie sich im Bad kurz frisch machte, holte Claudia eine verdeckte Schüssel aus der Küche und brachte Teller und Besteck mit.
„Du bist sicher hungrig, Mama, nach dem langen Flug.“
Claudia deckte eine Ecke des Wohnzimmertisches und legte fein gefaltete Weihnachtsservietten neben die Teller. Sie nahm den Deckel von der Schüssel. Ein überbackenes Nudelgericht verbreitete sein herrliches Aroma.
„Außer Nudeln kann ich ja nicht viel  mehr kochen, Mama“, bekannte Caroline.
„Aber in einem deiner Kochbücher habe ich ein Rezept mit Schinken, Käse und Sahne gefunden. Das schien nicht so schwierig.  Mit Tomatensoße aus der Tüte wollte ich dir nicht kommen.“
„Kind, du entwickelst dich!“, neckte Karoline sie.
„Im Ernst, ich bin sehr froh! Ich hatte manchmal Sorge, du würdest nie auch nur das Geringste an Kochkunst lernen. – Wie kommt es…“
„Pst“, machte Claudia wieder und legte den Finger an die Lippen.
„Nicht so viel auf einmal!“
„Also dann der Reihe nach und aus freien Stücken? Wie früher?“, fragte Karoline amüsiert.

Ein Weihnachtslied löste das Orgelspiel auf der CD ab. Claudia zündete zwei Kerzen auf dem Tisch an.
„Also ja - ich bin hier, weil Tom vorgestern zu seinen Eltern gefahren ist. Er kommt erst morgen Abend wieder.“ Caroline schluckte. „Das sah er jedenfalls als seine Pflicht an. Er meinte außerdem, ich gehörte nun mal zu dir. Da hab ich also den Schlüssel gesucht und bin hierhergekommen.“
Sie lächelte ihre Mutter an.
„Das Haus war ohne dich so traurig, Mama. Da wollte ich es ein bisschen schön machen. Du hättest ja auch gar keine Zeit gehabt, etwas Weihnachtliches zurechtzumachen. Und ein Heiligabend ohne Tannengrün, Schmuck und ohne – hoffentlich - gutes Essen konnte ich mir für dich und mich nicht vorstellen. Wollen wir jetzt den Auflauf probieren? Kaffe kommt später.“
„Gern, Kind.“
Karoline stand auf und nahm ihre Tochter fest in die Arme. Gerührt gab sie ihr einen Kuss.
„Einen guten Appetit, Mama!“
„Ruf doch schnell noch Tom an und sag ihm mein ganz herzliches Dankeschön. Und ihm und seinen Eltern ein frohes Weihnachtsfest.“
 
 
 
 I. Beddies
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Irene Beddies:

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