Irene Beddies

Eine späte Bescherung


Der Mond, so erzählte man sich im hohen Norden, kommt alle vier Wochen auf die Erde. Er ist seiner langen Wanderungen über den Himmel dann müde und ruht sich im tiefen Wald  einen Tag und eine Nacht lang so richtig aus.
 
Einmal saß er im verschneiten Wald auf einem umgestürzten Baum. Diese Nacht würde ihn niemand am Himmel vermissen. In den Häusern der Menschen brannten viele Kerzen, sie feierten im milden Lichterschein das Geburtstagsfest des Christkindes.
Im Wald leuchtete es geheimnisvoll. Die Tiere kamen trotz der Kälte, um zu sehen, was das bedeutete. Sie setzten sich in einem Kreis um den Mond. Ein Rabe schilderte, was er bei den Menschen auf dem nächsten Bauernhof beobachtet hatte. Die Rehe und der Elch käuten ihr weniges Futter wieder. Der Fuchs, der seinen weißen Winterpelz stolz zur Schau trug, setzte sich dicht neben den Mond, um besser in seiner Pracht gesehen zu werden. Zwei Wölfe hielten sich etwas im Hintergrund. Sie waren neugierig auf die Geschichte des Raben und wollten die anderen nicht erschrecken. Vor allem nicht die zahlreichen Hasen, die sich hinter dem Baumstamm versteckt hatten und ihre ohnehin schon langen Ohren noch weiter spitzten.
Der Rabe erzählte, wie er am Bauernhof in das Stubenfenster schaute und dort den Weihnachtsmann beobachtete, als er einen Sack öffnete und den Kindern Geschenke reichte. Dann schwieg er.
 
Glöckchen bimmelten und Huftritte waren zu hören. Ein Schlitten, gezogen von zwei erschöpften Rentieren, kam langsam näher. Auf dem Schlitten saß der Weihnachtsmann, er blinzelte in die Helligkeit. Als er den Mond erkannte, hielt er die Rentiere an. Er stieg vom Schlitten. Vor Müdigkeit stolperte er und fiel in den Schnee. Da kam der Elch heran und richtete ihn mit seinem Geweih wieder auf.
„Danke dir, Meister Langnase“, murmelte der Weihnachtsmann.
„Setz dich neben mich“, lud der Mond ihn ein. „Ich kann dir nachempfinden, wie du dich fühlst. Hier kannst du wieder zu Kräften kommen.“
Der Weihnachtsmann setzte sich neben den Mond und gähnte herzhaft.
„Danke, sehr freundlich.“
Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander, auch die Tiere sagten nichts.
Als er ein wenig zur Ruhe gekommen war, fiel dem Weihnachtsmann seine Aufgabe wieder ein. Sie war also noch nicht zu Ende.
Nacheinander schaute er die versammelten Tiere an, sah den Hunger der Rehe, Hasen und des Elchs. Er sah die Angst der Mäuse. Er sah auch die Gier der Raubtiere, denn auch sie hatten wenig gefressen in den letzten Tagen.
„Wenn ihr mir sagen könnt, was ihr Gutes getan habt im letzten Jahr, habe ich in meinem Sack das eine oder andere zu fressen.“
Die Tiere schauten sich an. Wie sollten sie sich erinnern?
Ein Hase wagte sich als erster vor. „Ich habe im Herbst meine Kameraden vor dem anschleichenden Fuchs gewarnt, als wir zusammen auf dem Acker des Bauern den Kohl fraßen.“
„Oho“, sagte der Weihnachtsmann, „den Kohl hättet ihr nicht fressen dürfen. Dass du die anderen gewarnt hast, will ich dir anrechnen.“ Er öffnete seinen Sack und holte drei dicke Mohrrüben heraus.
Als ein Wolf sah, wie der Hase belohnt wurde, trat er aus dem Schatten hervor, verbeugte sich vor dem Weihnachtsmann und erklärte: „Ich habe meiner verletzten Gefährtin drei Wochen lang von meiner Jagdbeute abgegeben, bis sie wieder mit mir zusammen jagen konnte.“ Der Weihnachtsmann nickte anerkennend und holte aus dem Sack ein großes Stück von getrocknetem Fleisch. „Teile das mit deiner Gefährtin“, mahnte er, als der Wolf es vorsichtig aus seiner Hand nahm.
Nun fassten auch die übrigen Tiere Mut und erzählten, was ihnen an guten Taten einfiel. Ein jedes wurde belohnt. Nur der Fuchs blieb stumm. Obwohl er sich genau an dieses und jenes erinnerte, mochte er es nicht vortragen, denn es musste sich anhören wie die Wiederholung einer schon geschilderten Begebenheit.
Unglücklich sah er zum Weihnachtsmann auf.
„Fällt dir gar nichts ein?“, fragte der verwundert. „Doch, aber es ist dasselbe, was schon der Wolf beschrieben  hat, und ist etwas Ähnliches, wie der älteste Hase es dargelegt  hat. Das glaubst du mir nicht.“
„Denk noch einmal in eine andere Richtung“, schmunzelte der Weihnachtsmann, als er den stolzen Fuchs im weißen Pelz so verlegen sah.
Der Fuchs runzelte die Stirn.
„Ich weiß!“, rief er aus, „ich habe die Gans von Bauer Lasse am Leben gelassen und stattdessen ein Huhn genommen!“
Der Weihnachtsmann lachte schallend, die anderen Tiere grinsten schadenfroh. Sie freuten sich schon, dass der Fuchs leer ausgehen würde.
„Wahrhaftig, das war eine gute Tat“, sagte der Weihnachtsmann und schlug sich auf die Schenkel. „Wirklich, eine gute Tat.“
Die Tiere sahen den Weihnachtsmann zweifelnd an. Er musste es ihnen wohl erklären.
„Bauer Lasse“, sagte er, „hat viele Hühner, aber nur eine Gans. Die Gans war zum Weihnachtsfest bestimmt, zu Ehren des Christkinds. Da war doch ein Huhn wirklich eher zu verschmerzen.“ Mit diesen Worten griff  er in den fast leeren Sack und holte das letzte Geschenk heraus. Es war ein großer Fisch.
 
Der Morgen dämmerte. „Ich muss wieder an den Himmel“, bedauerte der Mond. „Ich danke euch allen für die amüsante Gesellschaft.“
„Auch ich muss weiter“, - der Weihnachtsmann gähnte, - „ich muss unbedingt lange, lange schlafen.“
 
© I. Beddies


 

Ich wünsche Euch frohe Festtage. IreneIrene Beddies, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Vom Drachen Alka lesen wir, von Feen, Prinzen und Prinzessinnen, von kleinen Wesen, aber auch von Dummlingen und ganz gewöhnlichen Menschen, denen ein wunderlicher Umstand zustößt.
In fernen Ländern begegnen dem Leser Paschas und Maharadschas. Ein Rabe wird sogar zum Rockstar.
Auch der Weihnachtsmann darf in dieser Gesellschaft nicht fehlen.

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