Fred Schmidt

Weihnachtserinnerungen

 
 
Weihnachten ist immer eine verheißungsvolle Zeit, die vor allem von den Kindern mit Spannung erwartet wird. Hat man doch schon seit langem Wünsche gehegt, die Erwachsenen einige Tage der Freude, Ruhe und Besinnung im Familienkreise, ein vielleicht außergewöhnliches gemeinsames Essen mit seltenen Leckerbissen, die Kinder das eine oder andere Geschenk, das sie seit langem ersehnt haben und das ihnen das Christkind bestimmt unter den Weihnachtsbaum auf den Gabentisch legt. So habe ich als Kind jedes Jahr meine Weihnacht erlebt und in Erinnerung behalten und versucht, dies an meine Kinder  weiterzugeben.
Die Weihnachtszeit fing natürlich mit dem ersten Advent an, und auch dafür gab es bereits Vorbereitungen. Beim Spaziergang im Wald wurden Tannenzweige besorgt, die dann mit roten und goldenen Bändern zu einem Kranz gepflochten wurden, auf den vier dicke rote Kerzen gesteckt wurden. Am Abend des ersten Advent wurde dann die erste davon feierlich angezündet. 
Es waren aber auch noch andere Vorbereitungen getroffen worden, die meine Mutter Arbeit kosteten, an der wir Kinder, vor allem ich als kleinstes, beteiligt wurden. Da mußte Teig geknetet werden, was Mutter besorgte. Dieser wurde dann von uns mit dem Fleischwolf durch Förmchen gedreht, die vor den Wolf gesteckt wurden. Die so aus dem Wolf herausgedrehten „Würste“ wurden auf plätzchengerechte Stückchen geschnitten und auf ein Backblech gelegt, das Mutter wiederum in den Ofen schob. Neben diesem sogenannten Spritzgebäck wurde auch noch Spekulatius zubereitet, wofür der Teig auf dem Küchentisch mit einem Nudelholz ausgerollt wurde und dann mit Metallförmchen Figuren ausgestochen wurden, Sterne, Halbmonde, Weihnachtsmänner mit Rucksack und andere mehr.
So etwas wie einen Elektro- oder Gasherd gab es in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts in unserem kleinen bergischen Fachwerkhaus noch nicht, nur eine eletrische Kochplatte für den Sommer. In unserer höchstens zwölf Quadratmeter großen Küche stand ein stattlicher Herd, der mit Holz, Anthrazitkohle oder Briketts beheizt wurde, und das Kochen und Backen besorgte. Und in der kalten Winterszeit erzeugte er eine wohlige Wärme, und kalt war in meiner Kindheit der Winter immer, viel kälter als heute, oder so kommt es mir heute jedenfalls vor. Und Schnee gab es natürlich auch viel mehr und viel länger, denn wir konnten wochenlang rodeln, wie ich heute meine. Der kalte Winter brachte auch Unannehmlichkeiten mit sich, denn unser Wasser kam aus dem Keller, wo sich die Wasseruhr befand. Das Wasserversorgungssystem war nicht unproblematisch, denn da die Wasserleitung an der Außenwand vorbeilief, fror sie häufig dann zu, wenn meine Eltern vergaßen, die Uhr im Keller abzusperren und das restliche Wasser aus der Leitung zu saugen. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß die Leitung jemals platzte, aber wenn sie zufror, mußte sie morgens mit einem elektrischen Heizkörper wieder freigetaut werden, denn sonst gab es keinen Kaffee und die Morgentoilette mußte ausfallen.
 
Die weihnachtliche Plätzchenbäckerei war für uns Kinder immer ein aufregendes Ereignis und schloß für mich Knirps immer damit ab, dass ich den in der Teigschüssel klebenden süßen Rest mit einem Löffel auskratzen und verschmausen durfte. Der durch das Backen erzeugte Vorrat an Weihnachtsgebäck, das in großen, bunten Blechdosen aufbewahrt wurde, hielt allerdings nicht lange vor, weil fast täglich in der Vorfreude auf das herannahende Fest davon genascht wurde, und so mußte dann kurz vor den Festtagen die gesamte Prozedur zu unser aller Freude wiederholt werden.
 
Weihnachten wurde auch durch den Besuch des Nikolaus am 5. Dezember angekündigt. Nicht jedes Jahr kam er persönlich, aber wenn er in seinem roten pelzbesetzten Mantel mit Kapuze und mit langem weißen Bart erschien, erstarrte ich jedesmal in Ehrfurcht, selbst dann wenn ich in dem Kostüm den Nachbar Höhmann oder meinen Onkel Heinrich vermutete. Ganz sicher war ich mir jedoch nie, und die tiefe, feierliche Stimme, mit der ich danach gefragt wurde, ob ich auch brav gewesen sei und ob ich auch ein Gedicht aufsagen könne, beeindruckte mich sehr. Und der Schreck fuhr mir geradezu in die Glieder, wenn der Nikolaus den Knecht Ruprecht oder Hans Muff im Gefolge hatte, der mit seinem rußbeschmierten Gesicht und abgerissener Kleidung geradezu bedrohlich wirkte, besonders wenn aus dem Sack, den er trug, oben ein paar Kinderbeine herausragten. Solange ich nicht begriff, das es sich nur um ausgestopfte Strümpfe oder Hosen handelte, war das für mich der Beweis, dass böse Kinder mitgenommen wurden. Aber für mich ging es immer gut aus, und wenn dann Nikolaus mir Süßigkeiten oder ein kleines Geschenk überreichte, atmete ich erleichtert auf. Manchmal aber kam der Nikolaus auch unbemerkt über Nacht, und ich fand morgens in meinen Schuhen Bonbons, Schokolade und Weihnachtsplätzchen.
 
Das sind wunderbare Erinnerungen an eine Zeit, die jetzt Jahrzehnte zurückliegt. An manches kann ich mich persönlich gar nicht erinnern und verlasse mich darauf, was mir meine Mutter später immer wieder erzählt hat, und dazu gehört die Weihnacht 1937, als ich gerade mal drei Jahre alt war. Am Heiligabend kam Vater am frühen Nachmittag von der Arbeit in der Fabrik nach Hause, gut gelaunt mit strahlendem Gesicht. Das erste, was er sagte, als er von Mutter und mir empfangen wurde – ob mein älterer Bruder auch zugegen war, hat mir Mutter später nie erzählt – war: „Su, jetzt können wir endlich in Ruhe und mit Freuden Christag fieren.“ Dann ging das Gespräch zwischen meinen Eltern vertraulich eine Weile weiter, während meine Mutter Vater Kaffee servierte und auch ein Schnäpschen und ihm berichtete, was sie alles für Weihnachten vorbereitet hatte. Man erwartete ja auch Besuch aus der großen Familie. Am Vormittag hatte sie noch in meinem Beisein einen herrlichen Kuchen gebacken und ihn mit Schokolade und bunten Pralinchen geschmückt. Das hatte ich alles bestaunen dürfen und freute mich im Vorgeschmack darauf, dass der Kuchen endlich angeschnitten würde. Aber vorerst wurde er erst mal nach oben auf den Söller getragen und dort auf einem Tischchen kühl aufbewahrt, bis er dann für die Familie kredenzt würde.
Wie Mutter mir später immer wieder schmunzelnd erzählte, war ihr plötzlich aufgefallen, dass ich gar nicht mehr zugegen war. „Ach du meine Güte“, hatte sie plötzlich vor dem erstaunten Vater ausgerufen, „wo is denn de Klein? Ach du meine Güte, de hät jo eben nen Löffel ut dem Tischschoss genommen un es ut dem Zimmer gelopen. Wenn de man nit no oben de Trepp erop op den Söller gegangen is, wo de Koken steht.“ 
Und aufgeregt war sie nach oben gelaufen, gefolgt von Vater. Und da sahen sie die Bescherung! Ich dreijähriger Knirps stand auf dem Söller am Tischchen mit einem Löffel in der Hand. Den ganzen Schokoladenguss und einen Teil der Pralinen hatte ich bereits vom Kuchen abgekratzt und mit Vergnügen verspeist, wobei ich mir natürlich das Gesicht und auch die Kleider reichlich mit Schokolade beschmiert hatte. Mutter stieß einen Schrei aus, aber dann brachen Vater und Mutter in schallendes Gelächter aus. Ich schaute sie verdutzt an, ohne zu begreifen, was denn los war. Hatte nicht Vater deutlich gesagt, dass wir jetzt unbesorgt und fröhlich Weihnachten feiern konnten. Das hatte ich doch gehört und ihn beim Wort genommen. Der Kuchen konnte selbstverständlich so nicht mehr dem Besuch präsentiert werde. Es musste ein neuer gebacken werden. Und ich musste vom Schokoladenguss in meinem Gesicht und auf meiner Kleidung befreit werden. Und dann litt ich den ganzen Heiligabend und den ganzen Weihnachtstag an Bauchweh. Aber ich hatte wunderbar Weihnachten gefeiert.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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