Norman Dunfield

Wo ist die Mama?

Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten,
die sich in der Weihnachtszeit 1960 zugetragen haben.
 
Die Mutter hatte zwei Söhne, den elfjährigen Jörg und
den vierjährigen Ben. Außerdem gab es noch eine
etwas ältere Tochter, die jedoch im Nachbarort eine
Lehrstelle gefunden hatte und dort bei der Oma lebte.
Der Vater war vor einigen Jahren an einer heimtückischen
Krankheit gestorben und hatte keine finanziellen Reserven
hinterlassen. Von der kleinen Witwenrente konnte die
Mutter gerade einmal die Miete bezahlen.
 
Es war kurz vor Weihnachten und es schneite seit einigen
Tagen unaufhörlich. Brennholz und Kohle waren knapp
geworden, und die Briketts waren längst ausgegangen.
In der kümmerlichen Dreizimmerwohnung mit den spär-
lichen Möbeln wurde daher nur noch die Küche beheizt.
 
Das Geld war knapp. Die Mutter war ihr Leben lang
Hausfrau gewesen. Sie hatte keine Berufsausbildung
und arbeitete daher vormittags als Aushilfe in einem
kleinen Lebensmittelladen. Allerdings waren ihr Pünkt-
lichkeit und Zuverlässigkeit nicht immer möglich, da sie
sich nur allzu oft um den kleinen, etwas kränkelnden Ben
kümmern musste, während Jörg in der Schule war. Der
Verdienst reichte gerade einmal für das Notwendigste.
An neue Kleidung, insbesondere für die Kinder, war
gar nicht zu denken. Die kaputten Sommersandalen
mußten sogar im Winter getragen werden. Mehrmals
wöchentlich ging die Mutter in der Nachbarschaft
putzen, um zumindest das Minimum für den Lebens-
unterhalt zu sichern. Allerdings kam nie mehr als altes
Brot, Margarine und Rübenkraut auf den Tisch. Gelegent-
lich reichte es gerade einmal für ein paar Bohnen mit
Reis oder Nudeln. Wasser, billiger Pfefferminztee und
Kaffee-Ersatz waren die einzigen Getränke. Gern hätte
man ab und zu ein Glas Milch getrunken; jedoch war das
nur ein unerfüllbarer Traum.
 
Die Hände der Mutter waren rau und spröde geworden.
Ihr Gesicht war vom Kummer gezeichnet. Besonders
schlimm war es auch, dass die Küche aufgrund des
Brennstoffmangels immer kühler wurde.
 
Zwei Tage vor Heiligabend wurde der Mutter vom
Lebensmittelhändler gekündigt. Die Begründung war,
dass es aufgrund ihrer etwas unregelmäßigen An-
wesenheit so nicht weitergehen könne. Dieser Tag
war von allen schwarzen Tagen der dunkelste. Sie
kam mit verweinten Augen nach Hause, ohne sich
jedoch vor den Kindern etwas anmerken zu lassen.
 
Dann war Heiligabend. Ein bemitleidenswerter kleiner
Weihnachtsbaum, den Jörg auf der Straße gefunden
hatte, weil ihn offenbar kein anderer haben wollte,
zierte eine Ecke in der Küche. Reste von altem Baum-
schmuck hatte man noch in einer verstaubten Hut-
schachtel gefunden. Jörg und der kleine Ben waren
sich der Situation durchaus bewusst und gingen davon
aus, auch in diesem Jahr keine Weihnachtsgeschenke
zu bekommen. Sie spürten, dass die Mutter an diesem
Tag ganz besonders verzweifelt war.
 
Draußen wurde es langsam dunkel und durch das
Küchenfenster konnte man die festlich erleuchteten
Wohnungen anderer Leute sehen, die ein besinn-
liches Fest feierten. Die Mutter hatte die Küche für
einen Moment verlassen. Plötzlich hörte Jörg die
sich schließende Wohnungstür und dann einige
Schritte, die sich die Kellertreppe hinunter bewegten.
Waren im Keller vielleicht doch ein paar kleine
Überraschungen versteckt?
 
Nach ein paar Minuten fragte der kleine Ben:
"Wo ist die Mama?"
Jörg antwortete ihm:
"Im Keller. Sie kommt gleich wieder."
Nichts geschah. Nach einer Viertelstunde
fragte Ben wieder:
"Wo ist die Mama?"
Jörg erwiderte:
"Noch immer im Keller. Es wird sicherlich
nicht mehr lange dauern,"
Danach fütterte er das Feuer im Herd mit
den beiden letzten Kohlen. Bald war eine
volle Stunde vergangen und Ben fragte erneut:
"Wo ist die Mama?"
Jetzt kam es auch Jörg ein wenig seltsam vor.
Er nahm seinen kleinen Bruder an die Hand und
öffnete die Wohnungstür. Aus der Wohnung des
Nachbarn vernahmen sie ein dumpfes "O du
Fröhliche" und es roch nach kaltem Wunderkerzen-
rauch. Dann gingen sie die Kellertreppe hinunter...,
...der Überraschung entgegen.
 
Die düstere Funzel im Kellerflur gab kaum Licht.
Außerdem war es still und unheimlich. Jedoch
konnten die beiden Kinder die halb geöffnete
Kellertür erkennen. Als sie hineinschauten,
fanden sie einen umgekippten Stuhl und eine
dunkle Gestalt, die leblos an der Decke baumelte.
 
"Da ist ja die Mama", sagte Ben.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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