Helmut Glatz

Grauer Schimmel

Grauer Schimmel

„Das ist nun schon der fünfte Unfall innerhalb von drei Tagen!“, stöhnte Harry und starrte mich aus weit geöffneten Augen an. Sein Gesicht war aufgedunsen wie das eines angeschlagenen Boxers.

„Und das ist nun schon der fünfte Kognak innerhalb von drei Viertelstunden“, entgegnete ich trocken. „Du solltest deinen Alkoholkonsum einschränken.“

„Du verstehst mich nicht. Du willst mich nicht verstehen!“ Er warf einen  flackernden Blick zur Theke hin und signalisierte der Kellnerin, Nachschub zu bringen. „Mein Betrieb, meine Existenz steht auf dem Spiel!“

 

Eine Gedankenstafette sauste blitzschnell durch mein Gehirn. Auf dem Gymnasium waren wir beide jahrelang nebeneinander am selben Schülertisch gesessen. Nach dem Abitur hatten sich unsere Wege getrennt. Ich hatte Biologie studiert. Ihn zog es zum Maschinenbau. Nach dem Studium fand ich einen Job als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am biologischen Institut mit einem Gehalt von zweitausend Euro. Brutto. Harry Elsner baute einen metallverarbeitenden Betrieb auf. Nun war er der angesehene Leiter der HARELS-Metallbau. Angesehen und hochdotiert. Zweitausend Euro brutto gegen, grob geschätzt, das Zwanzigfache.

 

„Nein, ich verstehe dich nicht!“, bestätigte ich und nippte ein wenig an meiner Tasse. Der Espresso war heiß und süß und brannte auf den Lippen. „Vor allem weiß ich nicht, wie ich dir helfen soll.“

„Du bist Wissenschaftler. Ihr Wissenschaftler findet für alles eine Erklärung.“ Harrys Zunge war schon ein wenig schwer.

„Warum schaltest du nicht die Polizei ein?“, fragte ich.

„Um Himmelswillen!“, zischte er mit unterdrückter Stimme. „Du weißt nicht, wie schnell der Ruf einer Firma ruiniert ist. Und dann kann ich einpacken.“

„Versuche es doch mit einem Privatdetektiv!“, schlug ich vor. „Solche Fälle von Sabotage fallen nicht im mein Metier.“

„Es ist nicht Sabotage.“

Die Kellnerin hatte den sechsten Kognak gebracht, und Harry stürzte ihn gierig hinunter.

„Maschinen, die trotz aller Sicherheitsvorkehrungen losrattern. Bohrer, die sich plötzlich in Jackenärmel drehen. Metallfräsen, die es auf nichts anderes abgesehen haben als auf die Finger der Arbeiter. Schaltkreise, die plötzlich verrückt spielen. Unerklärliche Induktionsströme...“

Das Wort Induktionsströme machte ihm sichtlich Schwierigkeiten. Mein Freund schaute mich mit seinen Dackelaugen eindringlich an. „Da steckt irgend etwas Bösartiges dahinter. Etwas Unerklärliches. Es hat den Anschein, wie wenn die ganze Fertigungshalle – verzeihe den Ausdruck – verrückt ist.“

„Telepathie, Telekinese, Kinesiologie, Levitation, Psychohysterie“, zählte ich aufs Geradewohl auf. „Du solltest meine Anschauungen darüber kennen. Im übrigen bin ich Biologe und habe keinerlei Erfahrungen mit parapsychologischen Phänomenen.“

„Gerade deshalb!“ Harry ließ nicht locker. Er hatte meinen Arm gepackt. Seine Finger krallten sich schmerzhaft in meine Haut. „Ich brauche jemanden, der nicht verrückt ist. Der vernünftig und logisch denken kann. Streng wissenschaftlich sozusagen. Du bist mein Freund. Du musst mir unbedingt helfen!“

Ich gestattete ihm nicht, meine Zeche zu bezahlen. Aber ich sagte schließlich zu. Schon allein deshalb, um ihn vor einer Alkoholvergiftung zu bewahren.

 

Am nächsten Morgen trafen wir uns auf dem Fabrikgelände.

„Ich habe die Halle stillgelegt“, erklärte Harry, noch leicht verkatert, während er das wuchtige Eisentor aufsperrte. „Die Produktion wurde in benachbarte Firmen verlegt. Du kannst dir nicht vorstellen, welch ein finanzieller Verlust das für uns ist. Aber ich habe keine andere Wahl.“

Aus dem Inneren der Halle kam mir ein unangenehmer, säuerlicher Geruch entgegen. Ich führte ihn auf irgendwelche Schmier- oder Lösungsmittel zurück. Die verschiedenen Maschinen standen wie bizarre, graugrüne Tiere in dem weiten Raum. Es herrschte eine geradezu friedliche Stille. Die feierliche Stille eines sonnigen Sonntagvormittags.

„Spürst du es nicht?“, fragte Harry und wischte sich über die Augen, wie wenn er eine unsichtbare Spinnwebe entfernen müsste.

„Was soll ich spüren?“, erkundigte ich mich.

„Das Unheimliche. Das Bösartige. Irgend etwas lauert hier. Etwas Unerklärliches.“

„Du siehst Gespenster!“, lachte ich. „Deine Sinne sind überreizt. Ich sehe nichts anderes als eine Halle voller Maschinen. Große Maschinen, kleine Maschinen, Maschinen zum Fräsen, zum Feilen, zum Bohren, zum Was weiß ich. Und nun höre einmal genau zu!“

Ich stützte mich lässig gegen eines der eisernen Gestelle und suchte nach den geeigneten Worten, um ihm schonend den Besuch eines Nervenarztes ans Herz zu legen. Da sah ich ihn, den bläulichen, fluoreszierenden Schein, der wie ein winziges Wetterleuchten über das Metall huschte. Harry riss mich mit einem Ruck zur Seite. Im nächsten Augenblick raste der Hammer der Stanzmaschine nach unten. Ein gewaltiger Schlag ließ den Boden erzittern. Ich war wie vom Blitz getroffen und eine ganze Weile nicht fähig, mich zu rühren. Mein Blick fiel nach unten. Auf dem Boden lag ein zu einem winzigen, glänzenden Plättchen verformtes Metallstück. Wie sähe meine Hand jetzt wohl aus, wenn Harry nicht so geistesgegenwärtig zugegriffen und mich zurück gerissen hätte!

Mein Freund schien bedeutend weniger erschüttert als ich. „Siehst du!“, rief er fast ein wenig triumphierend. „Das ist der Fluch der Maschinen. Ich sagte dir ja: Sie haben es auf die Menschen abgesehen!“

„Das Sicherheitssystem“, stotterte ich. „Es scheint nicht zu funktionieren.“

„Unsinn!“, rief Harry. „Wir haben die Sicherheitsvorkehrungen x-mal überprüft. Sie sind in Ordnung.“

Ich spürte, wie das Blut langsam in meine Wangen zurückkehrte. „Strom!“, vermutete ich. „Vielleicht liegt eine unbekannte Spannung in der Luft, die Stromkreise überbrückt und Kurzschlüsse auslöst. Oder so etwas ähnliches.“

„Ich vermute, es ist eher das da!“ Harry fuhr rasch mit der Hand über einen der Arbeitstische und hielt mir dann seinen Finger unter die Nase. Ein graugrüner Belag hatte sich dort angesammelt. Jetzt bemerkte ich erst, dass alle Geräte mit dieser feinen, eigenartigen Substanz bedeckt waren.

„Dreck!“, sagte ich angewidert. „Man sollte eine tüchtige Putzkolonne anheuern. Die würde mit diesem ekligen Zeug im Handumdrehen fertig!“

„Du musst es untersuchen!“, drängte Harry. „Es ist wie Schimmel. Es kommt immer wieder. Und es ist irgendwie...irgendwie lebendig.“

„Natürlich ist Schimmel lebendig!“, gab ich widerstrebend zu.

„Aber es ist kein richtiger Schimmel. Es ist so ähnlich, aber doch anders, wenn du verstehst, was ich meine. Lache mich bitte nicht aus! Es ist unheimlich!“

Nun, die Untersuchung ließ sich bewerkstelligen. Mikroskopieren war sozusagen ein Kernbereich meiner Tätigkeit. Vorsichtig verfrachtete ich eine kleine Probe des grünlichen Stoffes in eine leere Zündholzschachtel.

„Vielleicht ist es eine Zellkultur, vielleicht sind es Bakterien, vielleicht sind es tatsächlich Flechten oder Schimmelpilze. Auf jeden Fall kann ich mir nicht vorstellen, wie dieses Zeug eine Maschine zum Arbeiten bringt“, meinte ich störrisch.

Mein Freund schaute mich hoffnungsvoll an. „Du wirst es untersuchen? Du tust mir den Gefallen?“ Seine Stimme klang so froh, dass ich schon befürchtete, er würde mir um den Hals fallen. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin!“

 

Gleich am nächsten Morgen rief ich Harry an. Ich erreichte ihn im Direktionsbüro der HARELS GmbH. So sehr ich mich auch bemühte, meiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben – ich konnte nicht verhindern, dass sie vor Erregung zitterte. „Ich habe etwas sehr Interessantes entdeckt!“, verkündete ich.

„Der graue Schimmel? Ich habe es geahnt!“ Harrys Mund war offenbar ganz nahe an der Sprechmuschel, und ich konnte hören, wie er aufgeregt und hastig atmete. „Was ist es? Spanne mich nicht auf die Folter!“

„Nicht hier am Telefon.“

„Gut! Dann lade ich dich heute abend zu mir ein“, schlug Harry vor.

Ich tat so, als würde ich eine Bedenkzeit benötigen. „Abgemacht!“, meinte ich schließlich. „Aber nur, wenn du keinen Kognak trinkst und mir einen starken Kaffee machst.“

Jetzt schien es, wie wenn Harry eine Bedenkzeit bräuchte. Die Sache mit dem Kognak bereitete ihm offenbar Unbehagen. Schließlich war er doch einverstanden. Was blieb ihm auch anderes übrig!

 

In Harrys Wohnzimmer – oder sollte ich besser sagen, in seiner hallenartigen Wohnlandschaft – herrschte ein geschmackloses Durcheinander von Jugendstil und Neuer Sachlichkeit, dazwischen ein barocker Beichtstuhl und eine moderne Sitzgarnitur aus Büffelleder. Ich kannte die Einrichtung von früheren, seltenen Besuchen, und mein Stilgefühl bäumte sich  jedesmal heftig dagegen auf. Immerhin bullerte im offenen Kamin ein gemütliches Feuer. Mit einem schnellen Blick zum Schreibtisch stellte ich fest, dass das Farbfoto im Passepartout ausgetauscht worden war. „Aha, eine neue Freundin!“, konstatierte ich. Harry wechselte seine Freundinnen wie andere Leute ihre Handtücher. Diesmal war es eine üppige Blondine  mit kirschrotem Schmollmund. Ein zweiter Blick fiel auf den Beistelltisch neben dem Kamin. „Du hast mir versprochen, dass du heute keinen Alkohol trinkst. Das war ausgemacht!“, tadelte ich mit scharfer Stimme.

„Kognak!“, verbesserte mich Harry. „Ich habe versprochen, keinen Kognak zu trinken. Das hier ist Whisky. Von Whisky war nicht die Rede.“

Die Flasche war bereits zu einem Viertel leer. „Whisky oder Kognak: Alkohol ist Alkohol!“, empörte ich mich.

„Keineswegs!“, widersprach er. „Whisky ist nicht Kognak, und Kognak ist nicht Whisky. Das kommt nur daher, weil du von diesen edlen Getränken nichts verstehst!“ Harry ließ sich nicht umstimmen. Er schenkte mir einen Kaffee ein, dann sank er tief in den Sessel und schlug die Beine übereinander. „Und nun schieß los!“, forderte er mich auf. „Jetzt kann mich nichts mehr umwerfen.“

„Die Sache ist sehr mysteriös“, begann ich zögernd, während ich das gut verstöpselte Reagenzglas mit dem  kostbaren Präparat auf die Tischplatte legte. Die Substanz in dem Behältnis war aufgeblüht zu einem flockigen, watteartigen Gebilde.

„Sage ich ja! Die Sache ist mysteriös!“, echote Harry. „Und was ist es?“

„Gehirn.“

„Wie bitte?“ Mein Freund hatte den Mund geöffnet und starrte mich entgeistert an. Ich gab mich so unbefangen wie möglich. Ein Professor für theoretische Physik hätte nicht trockener referieren können. „Es ist eine hirnartige Substanz. Die Zellen des Präparates sind zwar außer Form geraten, aber es sind ohne Zweifel Zellen, die denen eines menschlichen oder tierischen Gehirns zumindest ähneln. Ganglien, Synapsen, Zellkerne, alles ist vorhanden.“

Harry kippte ein großes Glas Whisky hinunter und wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Es dauerte eine Weile, bis er wieder zu einer verständlichen Äußerung fähig war. „Du meinst, ein riesiges Gehirn hat von der Halle Besitz ergriffen und die Maschinen in Gang gesetzt?“, krächzte er.

„Das habe ich nicht behauptet!“, wiegelte ich ab. „Es ist nicht klar, ob und wie das Ding funktioniert. Auf jeden Fall wirft es einige interessante Fragen auf.“

„Und die wären?“

„Wie diese seltsamen Zellen entstanden sind, wovon sie sich ernähren, und wie sie – falls überhaupt- miteinander kommunizieren.“

„Kommuni...“ Harry brachte das Wort nicht mehr über die Lippen. Er hatte schließlich bereits eine halbe Flasche Whisky im Leib. Schottischen, uralt, erste Qualität, wie ich mit einem Blick auf das Etikett feststellte.

„In der Luft einer Industriehalle sind einige höchst interessante Stoffe“, fuhr ich fort. „Schwefel, Phosphor, Schwermetalle. Daneben Kohlenwasserstoffe, Wasserdampf, Fette, Schmiermittel, Staub- und Rußpartikel  – ein Konglomerat, das jede Ursuppe in den Schatten stellt.“

„Aha!“, sagte Harry und starrte tiefsinnig in sein Glas. „Und dann schlägt ein göttlicher Funke ein, und das Leben ist geboren. Oder es kommt aus dem Weltraum. Könnte das nicht aus dem Weltraum gekommen sein? Keime und so? Und die Kommuni...Kommuni...“

„Darüber kann ich jetzt noch nichts sagen. Auf jeden Fall will ich unbedingt noch einmal in die Halle.“ Ich stockte und starrte Harry durchdringend an. „Du bist dir doch darüber im Klaren, was diese Entdeckung für die Wissenschaft bedeutet?“

Mein Freund zwinkerte angestrengt mit den Augen. „Für mich bedeutet sie den Ruin“, lallte er.

„Die Entstehung nervenähnlicher Zellen außerhalb jeglichen lebenden Körpers ist eine Sensation“, fuhr ich unbeirrt fort. „Die Welt der Wissenschaft wird Kopf stehen, wenn sie davon erfährt. So etwas hat es im Laufe der Evolution noch nie gegeben.“

„Und du wirst den Nobelpreis dafür erhalten“, knurrte Harry. Dann sprang er plötzlich auf und begann wie ein Irrsinniger zu brüllen. „Zum Teufel mit dem Zeug!“, schrie er und torkelte um den Tisch herum. „Diese Intelligenz hat es auf uns abgesehen. Auf mich und dich und uns alle. Ich mag nichts mehr davon hören!“ Mit einer Gewandtheit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, riss er das Reagenzglas an sich und schleuderte es in das Kaminfeuer.

„Was tust du da?“, rief ich entsetzt. „Das kostbare Präparat!“ Aber es war bereits zu spät. Die Hitze hatte den Inhalt des Glases im Nu verschmort. Mit einem Knall sauste der Stöpsel heraus. Nein, außer einem kleinen Rest mineralischer Asche würde ich nichts mehr vorfinden.

„Jetzt ist mir wohler!“, sagte Harry mit sanfter Stimme und schenkte sich den letzten Rest des Whiskys in sein Glas.

 

Am nächsten Tag fuhr ich gleich nach Arbeitsschluss zu HARELS-Metallbau hinaus. Mein Freund war merkwürdig schweigsam und öffnete mir fast apathisch die ominöse Fabrikhalle. Der säuerliche Geruch war wesentlich intensiver als das letzte Mal und machte mir übel. Obwohl ich gegen einen starken Brechreiz ankämpfen musste, wagte ich einen Schritt in den Raum. Welche Überraschung! Das gesamte Gebäude war von einem dichten, netzartigen  Gewebe durchzogen. Seltsam gedrehte Schnüre und Fäden, spinnwebähnlich, liefen von Maschine zu Maschine, lianenartige Gebilde hingen von der Decke herunter, der Boden war mit einem grauen, watteartigen Teppich bedeckt. Ohne Zweifel! Das „Gehirn“ war nicht untätig geblieben. Und der Zustand fortgeschrittener Vernetzung war unübersehbar.

In der Halle knisterte es wie von einer verborgenen Elektrizität. Ich horchte auf. Irgendwo begann eine Maschine zu laufen. Dann setzte eine zweite ein. Etwas Blechernes, vielleicht ein  metallener Werkstück, fügte einen helltönenden Akzent hinzu. Es war ein seltsamer, ungewohnter Takt, eine Art gespensterhafter Musik, die da ertönte. Rasch wandte ich mich um. Noch eine Sekunde länger, und ich hätte mich übergeben müssen. Harry war draußen geblieben. Nun schaute er mich hinter der Eisentüre hervor erwartungsvoll an.

„Und? Was ist?“, erkundigte er sich.

„Es komponiert“, sagte ich. „Das Gehirn komponiert.“ Harry erschrak, weil ich plötzlich lauthals zu lachen begann.

 

Einen Tag später brannte die Halle ab. Ich las es in der Zeitung. Man vermutete eine durchgeschmorte Sicherung. Ich hatte da meine Zweifel. Wenn die graue Masse lebte, und daran bestand für mich kein Zweifel, war ein Selbstmord höchst unwahrscheinlich. Alles Leben ist auf Arterhaltung ausgerichtet. 

Auf Harry fiel kein Verdacht. Offenbar war er sehr vorsichtig zu Werk gegangen. Eine Nacht lang wälzte ich mich grübelnd im Bett hin und her und konnte nicht schlafen. Die fremdartige Intelligenz war vernichtet. Die Evolution hatte ihren ungeheuren Gewaltakt umsonst vollbracht.

 

Am Morgen hatte ich mich dazu durchgerungen, unseren Institutsleiter aufzusuchen.

Dabei erstaunte mich zweierlei. Einmal die Tatsache, dass Professor Sternkopf sofort einen Termin für mich frei hatte. Und zum zweiten, dass er sich kein bisschen überrascht zeigte, als ich ihm meine Beobachtungen schilderte.

„Der Kosmos strebt danach, sich seiner selbst bewusst zu werden“, sagte der alte Mann und bewegte seinen Geierkopf hin und her wie das Pendel einer Kuckucksuhr. Er hatte sich in der Zeit, seit ich im Institut arbeitete, nicht verändert. Schon vor zwanzig Jahren, bei meinem Antrittsbesuch, sah er so vertrocknet und verstaubt aus. Auch damals hatte er mich mit seinen kurzsichtigen, wasserhellen Augen so seltsam angestarrt. So neugierig, so staunend, so sezierend, so klassifizierend, wie wenn ich das Exemplar einer neu entdeckten Tierart wäre.

„Ihnen als Biologen brauche ich wohl nicht zu erklären, dass die Maximen des alten Darwin  überholt sind“, krächzte er. "Mutation und natürliche Auslese sind  längst als unwesentliche Nebenerscheinungen der Evolution entlarvt. Seit seiner Entstehung, das heißt seit dem Urknall, entwickelte der Kosmos immer kompliziertere Formen, eine  immer größere Komplexität. Dieser Fortschritt scheint gewissen Gesetzen zu folgen. Eine Bewegung ,die schubweise vor sich geht, und deren geheime Antriebskräfte wir nicht kennen.“ Der Professor hatte einen Bleistift ergriffen und richtete die Spitze so plötzlich gegen meine Brust, dass ich fast ein wenig erschrak. „Glaube Sie mir, ich habe das, was Sie hier schildern, längst erwartet. Es hätte vor zehntausend Jahren passieren können. Es hätte erst in zehntausend Jahren eintreffen können. Aber es wäre mit unabänderlicher Notwendigkeit gekommen.“

„Sie meinen, eine fremde Intelligenz aus dem Kosmos...?“, warf ich ein.

„Unsinn!“ Der Bleistift fuhr quer durch die Luft. „Keine Intelligenz aus dem Kosmos, sondern die Intelligenz des Kosmos selber. Schließlich hat uns die Quantenphysik bewiesen, dass alle Materie miteinander in Beziehung steht. Betrachten wir doch einmal die Evolution: Quarks vereinigen sich  zu Atomen, Atome verbinden sich zu Molekülen, Moleküle zu Fettsäuren und Enzymen, die auf unerklärliche Weise zu leben beginnen. Das ist ein Drang, der offenbar selbst den Urbausteinen der Materie immanent ist. Und dann folgt Schritt für Schritt das Leben mit seinen immer differenzierteren Formen, schließlich der Mensch  als Träger des komplexesten Systems, das jemals entstanden ist.“

„Das menschliche Gehirn“, warf ich ein. 

„...das jemals im Kosmos entstanden ist“, wiederholte der Professor.  „Oder soll ich sagen: Erschaffen wurde?  Erschaffen wurde, um sich seiner selbst bewusst werden zu können?“

„Sie meinen, das  menschliche Bewusstsein ist die höchste und letzte Form der Evolution?“

„Nicht das menschliche Bewusstsein. Das ist nur Mittel zum Zweck. Der Kosmos selber hat den Drang, sich seiner bewusst zu werden.“

„Also ist der Mensch nur das Werkzeug einer kosmischen Allmacht?“, forschte ich.

Der Professor schüttelte heftig den Kopf. „Nicht das Werkzeug, sondern ein Bestandteil, ein integrativer Teil dieser Allmacht, wie Sie es zu nennen pflegen. Ich würde es übrigens anders bezeichnen. Und nun sage ich Ihnen eines!“ Er war aufgesprungen und ging in seinem Arbeitszimmer hin und her. Obwohl er hinkte – so lange ich ihn kannte, hinkte er schon - , war sein Schritt dynamisch, wie von einer inneren Uhrfeder angetrieben.

„Der Mensch ist eine Fehlentwicklung, eine Sackgasse der Evolution. Er hat seine Intelligenz, sein individuelles Bewusstsein, aber er besitzt nicht die allumfassende Intelligenz, das kosmische Bewusstsein, von dem ich vorhin sprach.“

„Die allumfassende Intelligenz?“, fragte ich. Irgend etwas begann sich in meinem Gehirn zu drehen. Mir schwindelte, und ich musste die Augen für einen Moment schließen. Als ich sie wieder öffnete, stand der Professor ganz nahe vor mir.

„Ja“, bestätigte er. „Jeder Mensch besitzt nur sein eigenes begrenztes Gehirn und seinen beschränkten Verstand. Er ist wie ein einzelnes Atom im luftleeren Raum. Erst die Verbindung der Atome vermag Neues zu schaffen. Und deshalb musste eine neue Form von Intelligenz entstehen. Eine Intelligenz, jenseits aller Individualität.“

Er hatte sich zu mir herabgebeugt, und ich roch seinen säuerlichen Atem. Wo hatte ich nur diesen Geruch schon einmal bemerkt?

„Das Gehirn in der Fabrikhalle besitzt diese Intelligenz!“, rief er. „Allumfassend, universell. Sie wird die Maschinen umspinnen, sie wird sich in den Pflanzen, Tieren und Menschen festsetzen, sie wird schließlich den Globus mit ihrem unzerreißbaren Netz umspannen. Alles wird  dieser Intelligenz verfügbar sein, alles wird sich ihr unterordnen müssen.“

Die letzten Worte hatte der Professor nur mehr flüsternd hervorgebracht.

Mit schreckgeweiteten Augen starrte ich ihn an, sah, wie sich ein grüner Spinnenfaden aus seinen Ohren wand und zum Mundwinkel herunter bewegte. Ein Hauch von Schimmel hatte sich auf seinem kahlen Kopf niedergeschlagen, über dem ein bläulicher Schein fluoreszierte.

„Nein!“, schrie ich und riss ohnmächtig den Kopf zurück, während sich ein Nebel grauen, übelriechenden Staubes auf mein Gesicht hernieder senkte.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.01.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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