Christiane Rutishauser

Katzenglück

Wie schnell sich doch das Wetter ändert und – die Stimmung. Eine Gewitterfront polterte nach den ersten warmen Frühlingstagen wie ein Trommelwirbel übers Land und brachte Regen. Dicke schwere Tropfen spülten die zarten Blüten von den Zweigen und die Pollen aus der Luft.
Heute Morgen bin ich vom lauten Eselsgeschrei der Krähen aufgewacht.  Ihre heiseren langgezogenen Schreie drangen unangenehm laut durchs geschlossene Fenster. Fünf Krähen saßen auf dem Apfelbaum und drei weitere stolperten behäbig mit gespreizten Flügeln über die Wiese und machten sich breit. Sie trugen etwas miteinander aus und stießen dabei diese durchdringenden Laute aus. Ich weiß nicht warum, aber Krähen sind mir unheimlich.
 
Seit Wochen schlafe ich schlecht und bin unruhig und nervös wegen Mischa. Mein Mischa! Er ist nicht nach Hause gekommen und ich fange langsam an, mir Sorgen zu machen. Natürlich habe ich schon das Tierheim, die Tierärzte und die Nachbarn alarmiert – aber niemand hat ihn gesehen.
Ich kenne ihn zu gut. Bei diesem Wetter wäre er unter normalen Umständen nicht draußen, so wasserscheu wie er ist.  Natürlich ist er auch schon einmal ein- oder zwei Tage fort geblieben, aber niemals bei Regen und niemals ganze vier Wochen. An allem ist nur diese Rothaarige Schuld. Sie hat ihn verführt und fortgelockt. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken:
Vielleicht hat er sich verlaufen? Andererseits -  vielleicht geht es ihm auch gut? Vielleicht ist er glücklich und hat keine Lust nach Hause zu kommen? Vielleicht hat er ein neues Zuhause gefunden? Das sind einfach zu viele „Vielleicht“!
 
Meine Freundin Ellen meint ja, dass ich Mischa zu sehr verhätscheln und vermenschlichen würde. Meine Fürsorge für ihn hätte etwas Besitzergreifendes. Ich sollte mir doch einmal Gedanken über Kinder machen. Naja,  sie ist eben frisch verheiratet.  Ich habe ihr darauf geantwortet, dass zum Kindermachen doch wohl immer noch zwei gehören. Das hat ihr den Wind aus den Segeln genommen.
 
Eigentlich sollte ich ja an meinem Roman weiterarbeiten. Ein gigantisches Projekt, so ein Roman, und dieser Regentag wäre eigentlich wie geschaffen, um zu schreiben. Aber ich krieg den Kopf nicht frei. Deshalb bin ich einfach in meinem warmen Bett geblieben und starre gedankenverloren aus dem Fenster, an dem die Regentropfen herabrinnen wie Tränen.
Am liebsten würde ich mich den ganzen Sonntag im Bett verkriechen und einfach die Decke über den Kopf ziehen, aber neben dem sanften Tröpfeln des Regens, ist da noch ein anderes Geräusch, das mich aufhorchen lässt: Ein leises Kratzen. Ich kenne dieses Kratzen. Ich habe vier Wochen lang darauf gewartet.
 
So schnell bin noch nie aus dem Bett gesprungen und die Treppe hinuntergerannt.  Mit einem Ruck öffne ich die schwere alte Holztüre und - da sitzt er! Oder das, was von ihm übrig ist.
Mein eleganter schöner Kater sieht aus wie ein uralter Wischmob, den man zu oft ausgewrungen hat und riecht auch so. Er hat abgenommen und sein langes seidiges Fell ist nass, verfilzt und voller Kletten. Am Bauch hat er mehrere Zecken und an der Vorderpfote fehlt ihm eine Kralle. Sein Miau ist nur noch ein heiseres Krächzen.  
Er könnte einem richtig Leid tun, wäre da nicht sein Blick! In seinem Blick funkelt etwas, dass seine Erscheinung Lügen straft. Er guckt nicht mehr so naiv und verträumt und unschuldig sondern -  tja wie soll ich das beschreiben - erwachsen? Er hat etwas erlebt, das ihn verändert hat.
„Warum bist du zurück gekommen?“ frage ich ihn und streiche sanft über seinen breiten Kopf. Er reibt die Stirn an meinem Handrücken und blinzelt mich mit seinen grünen Kulleraugen an, so als würde er sagen: „Rate mal.“  Aber das Raten erübrigt sich, da aus dem Garten ein hohes langgezogenes, leicht vorwurfsvoll klingendes, Miau ertönt.
 
Sie sitzt in einiger Entfernung im hohen Gras und wirkt zwischen den Krähen, die sich von ihr gänzlich unbeeindruckt zeigen, so klein und mager. Nervös kratzt sie sich hinterm Ohr. Sie hat Flöhe.
„Aha! Also Nein!“
Mischa schaut mich an und will, dass ich mich kümmere. Er scheint zu sagen: „Sie gehört jetzt zu mir.“
Was soll ich machen? Ich kann das Brautpaar doch nicht im Regen stehen lassen. Sie reagiert nicht auf meine Lockrufe, also lasse ich die Tür einen Spalt offen. Mischa ist inzwischen in die Küche gestapft und wartet ungeduldig vor seinem Fressnapf. Wie gut, dass Dosenfutter so lange haltbar ist. Vier Wochen!
Ich fülle ihm den Napf und er tunkt gierig seine Schnauze hinein. Er frisst viel zu gierig und würgt das Futter sofort wieder aus.
Die Rote sitzt immer noch unschlüssig vor der Tür. Sie ist scheu und misstrauisch. Wer weiß, was sie erlebt hat? Ich locke sie vorsichtig mit ein paar Brocken Trockenfutter ins Haus und sie kommt schließlich zögernd näher. Anfassen lässt sie sich nicht. Schon beim leisesten Versuch, sich ihr zu nähern, faucht sie. „Na super!“
Nach einer Weile siegt aber auch bei ihr der Hunger und sie rennt ihrer Nase nach, in die Küche. Da sitzen sie nun einträchtig nebeneinander wie Bonnie und Clyde und fressen. Bonnie ist ein hübscher Name für die Kleine, finde ich.
 
Ich bestelle den Tierarzt ins Haus. Er ist ein gutmütiger älterer Herr, der bei Mischas Anblick in schallendes Gelächter ausbricht. Die beiden kennen sich schließlich schon eine Weile. Er befreit ihn von den Zecken und Bonnie von ihren Flöhen. Sie kratzt und faucht während der Untersuchung und zeigt sich wenig kooperativ -  dabei wollen wir doch nur ihre Gesundheit.
Der Tierarzt bestätigt mir, was ich schon geahnt habe: Wir werden Nachwuchs bekommen. Süße kleine Katzenbabies. Wie werden sie wohl aussehen? Irgendwie freue ich mich. Und - so gründe ich auf Umwegen also doch eine Familie, wenn auch nur eine Katzenfamilie.
 

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