Iris Klinge

Aus Versehen


Mein Kindheitstraum war es immer, einmal in Rio de Janeiro zu leben, denn unsere deutschen Nachbarn waren im Ruhestand von dort zurückgekehrt und bekamen regelmäßig Besuch von ihren Kindern und Enkeln, die kein deutsch mehr sprachen.
Mit 10 Jahren fing ich an, portugiesisch zu lernen und war fasziniert von einem Bildband über Brasilien, den mir ein gleichaltriger Enkel von dort mitgebracht  hatte.
Es sollte noch über 40 Jahre dauern, bis ich meinen Traum verwirklichen konnte. Nach einer langen Ehe und erwachsenen Kindern befreite ich mich endlich von allen Verpflichtungen, indem ich Deutschland Adieu sagte und mich in das Abenteuer Südamerika stürzte.
Eine Gruppe von Bahai Anhängern vermittelte den Kontakt zu einer Insel südlich von Rio, wo ich eines Tages landete und Fuß fasste. Einen Monat in einer Pension, und dann passierte ein Wunder. Ich stand an der Bushaltestelle und hörte, wie eine junge Frau zu ihrer Freundin sagte, sie müsse für ihr Examen in Psychologie Englisch-Kenntnisse nachweisen, und sie könne doch überhaupt kein Englisch.
Ich mischte mich ein und bot an, ihr kostenlos Englischunterricht zu geben. Es stellte sich heraus, dass diese junge Brasilianerin mit zwei großen Hunden in einer Fischerhütte aus Holz lebte, die so morsch war, dass nachts die Termiten auf sie herunterfielen. Sie hatte schon die Kündigung, weil die Hütte abgerissen werden sollte.
Das Problem waren die Hunde, mit denen sie keine passende neue Unterkunft fand. Außerdem war sie arm und konnte sich kein anderes Haus mit Garten mieten.
Ich hatte die Idee, ein Grundstück zu suchen und zu bauen. Mein weniges Geld, das sinnlos auf der Bank in Deutschland lag, reichte zum Kauf des Grundstücks, denn im Jahr 2000 waren die Preise für Europäer noch spottbillig. Wir entdeckten ein Stück Land in den Dünen, das zum Verkauf stand, doch alle Nachbarn sagten, dort dürfe man auf keinen Fall bauen. Ich antwortete, dass sie ja auch dort gebaut hätten, ich also ebenfalls mein Haus errichten würde.
So kam es, dass wir ein Jahr später in die Dünen zogen, in der Nähe eines herrlichen Strandes mit glasklarem, türkiesfarbenem Wasser.
Es wurden vier Jahre voller Lebensfreude, an die ich mich gern erinnere.
Die Brasilianerin hatte zwar ihr Examen dank meiner Mithilfe bestanden, jedoch mangelte es ihr an Einkommen, und so lag sie mir mehr oder weniger auf der Tasche. Unsere Freundschaft ging langsam zu Ende, ich fühlte mich ausgenutzt.
2004 entschloss ich mich, in den bekannten argentinischen Badeort Mar del Plata umzuziehen. Dort gab es wenigstens einen Tennis-und einen Bridgeclub, welche ich auf der brasilianischen Insel vermisst hatte. Der Anschluss an die dortigen Bewohner war schnell hergestellt, und so wurde ich gleich ins  gesellschaftliche Leben integriert.
Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte, an einem Bridgeturnier in Montevideo teilzunehmen. „Warum nicht?“ dachte ich mir und sagte zu.
Mit dem Flugzeug ging es bei Sonnenuntergang im Gleitflug über die Stadt Montevideo, und ich war vom ersten Augenblick an begeistert von allem, was ich da entdeckte. Die langen Strände, die üppige Natur, eine Stadt wie aus dem Bilderbuch. Noch auf dem Flugplatz war mir klar, dass dies mein neues Zuhause sein würde.
Kurz entschlossen packte ich meine Sachen und zog von Mar del Plata um nach Montevideo.
Wenn mich die Leute fragen, wieso ich in Uruguay gelandet bin, dann sage ich ihnen immer „aus Versehen“, denn dieses Land war bis dato nicht in meinem Bewusstsein vorhanden.
Inzwischen haben es mehr und mehr Deutsche entdeckt. Aber leider ist auch hier einiges schlechter geworden, als es noch vor 7 Jahren war. Trotzdem bereue ich keinen Tag, dass es mich nach langer Irrfahrt durch fünf Kontinente hierher verschlagen hat. Und ich werde so lange wie möglich hier bleiben, doch das hängt von der politischen Entwicklung ab, denn wir sind hier kommunistisch regiert, und vieles hat sich für die Mittelklasse verschlimmert.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.01.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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