Maria Lemke

Nimmerland's Ende

Irgendwo im Norden, in den eiskalten Bergen von Nimmerland, existierte ein kleines, ruhiges Dorf namens Usandol. Es hatte nicht sehr viele Einwohner, vielleicht etwas über 100, doch das wusste niemand so genau. Jeder kannte jeden und jeder mochte jeden. Naja, zu mindestens fast jeden. Es gab da so einen Jungen, er war ungefähr 16. Mit dem Alter nahm man es in Usandol nicht so genau. Er lebte am Rande des Dorfes mit seiner Schwester in einer kleinen Hütte. Sein Name war Vincent. Cecilia, seine Schwester, war ungefähr 10. Im Dorf waren die beiden nicht gern gesehen. Wenn man sie sah, beschimpfte man sie als „Dreck“, „Abschaum“ oder sogar „Mörder“. Letzteres sagte man nur wegen einem Gerücht. Sie sollen angeblich vor zwei Jahren ihre eigenen Eltern kaltblütig erstochen haben. Man fand das Geschwisterpaar voller Blut im Schlafzimmer ihrer Eltern, das blutbeschmierte Messer hatte der Junge noch in der Hand. Die Eltern lagen aufgeschlitzt auf ihrem Bett, im Schlaf erstochen. Dass die Kinder ihren Eltern das Leben retten wollten und das Messer noch im Bauch der Mutter gesteckt hatte, glaubte niemand. Doch den Mord konnte man ihnen auch nicht nachweisen, und so wurden sie lediglich verbannt. Sie durften nur noch ins Dorf, wenn sie Besorgungen machen mussten, und das auch nur, wenn es hell war. Die Leute fürchteten und verabscheuten Vincent und Cecilia zugleich. Die Kleine verstand das noch nicht und weinte deshalb sehr oft. Vincent musste sie dann immer beruhigen und mit Geschichten aufmuntern. So war es auch heute. Sie hatten mal wieder etwas zum Essen gebraucht, und als sie auf dem nach Hause weg waren, hatte ein Mann die zierliche Cecilia mit einer faulen Tomate beworfen und „MÖRDERIN!!“ gebrüllt. Cecilia war sofort in Tränen ausgebrochen und Vincent konnte sie nur schwer zum weitergehen bewegen. Zuhause angekommen, erzählte er ihr eine Geschichte. „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende...“ erzählte Vincent. „Und dann?“, fragte Cecilia neugierig. „Dann kamen sie in den Himmel“, antwortete Vincent ruhig. „Und dann?“, nervte Cecilia weiter. „Dann lebten sie dort in ihrem Himmelsschloss“, sagte Vincent, jetzt etwas genervt. So ging es jedesmal. Und dann, und dann, und dann? Das war immer sooo nervig. „Und dann?“ „Oh Cecilia, jetzt reicht's aber. Leg dich schlafen, es ist schon spät.“ Vincent ging aus ihrem Zimmer und machte die Kerzen aus. Dann legte auch er sich schlafen. Er war gewissermaßen froh, dass sie am Rande des Dorfes lebten, denn in letzter Zeit war das ruhige Usandol gar nicht mehr so ruhig gewesen. Es waren ungewöhnlich viele Morde geschehen, immer nachts mitten im Dorf. Männer, Frauen und Kinder wurden aus ihren Betten gezogen, das Herz wurde rausgerissen und mitgenommen. Keiner wusste, wer der Mörder war. Viele verdächtigten das Geschwisterpaar, doch das war natürlich Quatsch. Die Alten meinten zu wissen, wer oder was es war. Laut einer Legende gab es ein Tier, dass hoch in den Bergen lebte und nachts auf Jagd ging. Auf Jagd nach Menschenherzen. Es hieß Guanaco. Die meisten Bewohner meinten, dass das Unsinn sei, doch die Alten waren fest überzeugt. Sie sagten, dass man den Guanaco jagen und töten musste, sonst würden die Morde nie aufhören. Doch niemand glaubte ihnen. Außer Vincent. Sein Vater hatte ihm die Geschichte des Guanacos erzählt, als Vincent noch ein kleines Kind war, und nun wusste Vincent auch, wo man ihn suchen musste. Doch das Risiko wollte Vincent nicht eingehen, das konnte er Cecilia nicht antun. Also blieb er bei ihr, ohne ein Wort über den Guanaco zu verlieren. Die Morde gingen weiter, diese Woche waren schon zwei Frauen, ein Mann und ein Baby getötet worden. Die Ermittlungen liefen, doch es kam nichts dabei raus. „Vincent! Vinc! Aufwachen!“, riss Cecilia ihn aus seinem tiefen Schlaf. „Was? Was ist los? Ist etwas passiert?“, murmelte er verschlafen. „Du hast geschrien, gaaanz laut. Du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt“, meinte Cecilia trotzig und ging wieder. Jetzt konnte sich Vincent wieder erinnern. Er hatte geträumt, dass der Guanaco wieder jemanden umgebracht hatte. Vincent hatte auf die Leiche geblickt und Cecilia erkannt. Es war grausam. Aber jetzt war er zum Glück wach. Er ging in die Küche zu Cecilia, die sich gerade ein Brot mit Honig schmierte. „Irgendetwas Neues?“, fragte er sie. „Ella war vorhin kurz da. Sie haben schon wieder eine Leiche gefunden, ein kleiner Junge diesmal. Wann hört das nur endlich auf“, murmelte Cecilia und verschwand in den Garten. Ella war ein Mädchen aus dem Dorf. Sie war immer nett zu Vincent und Cecilia und brachte ihnen täglich die Neuigkeiten aus dem Dorf. Sie war die Einzige, die das Geschwisterpaar für unschuldig hielt. Vincent mochte sie sehr und er freute sich jedes mal, wenn sie vorbeikam. Vielleicht war er verliebt? Er wusste es nicht so recht. Ella war schon hübsch, mit ihren langen, lockigen, braunen Haaren, den grünen Augen und dem runden Gesicht. Er war auch nicht gerade hässlich. Er war groß für sein Alter, hatte kurze, blonde Haare und ein sehr kantiges Gesicht, ganz wie sein Vater. Cecilia hingegen war das Ebenbild ihrer Mutter. Klein, zierlich, lange blonde Haare und himmelblaue Augen. Sie war für Vincent das Wichtigste auf der Welt und er konnte sich nicht vorstellen, ohne sie zu leben. „VIIIINNC!“, rief Cecilia ihn aus dem Garten. Er ging nach draußen und sie lächelte ihm zuckersüß entgegen. „Können wir heute wieder in den Wald gehen?“, fragte sie ihn. Cecilia war gerne im Wald und Vincent auch. „Klar doch“, meinte er. Also gingen sie den ganzen Tag lang in den Wald, spielten verstecken und sammelten Pilze und Beeren. Abends fielen sie in ihre Betten und schliefen sofort ein. Am nächsten Morgen schickte Vincent Cecilia ins Dorf, um Milch zu besorgen. Doch schon viel zu früh kam sie völlig aufgelöst und unter Tränen zurück. Er dachte, dass irgendjemand sie wieder beleidigt hatte und wollte sie schon anmotzen, doch sie hörte nicht mehr auf zu weinen. Vincent musste sie erstmal beruhigen, bis sie unter Tränen zu ihm sagte: „Ella ist tot.“ „Neeeeein!!!“, schrie er und brach selbst in Tränen aus. Das konnte nicht war sein! Der einzigste Mensch aus dem Dorf, dem er vertrauen konnte, war tot?! Das war unmöglich, einfach unbegreiflich. Auf einmal stieg eine unbändige Wut in ihm auf. Wut auf die Menschen im Dorf, die ihn verachteten. Wut auf alles und jeden. Wut auf den Guanaco, der seine einzige Freundin getötet hatte. Und plötzlich fasste er einen Entschluss. Er würde den Guanaco finden und töten. Er würde solange suchen, bis er ihn gefunden hatte. Und er würde niemals aufgeben. „Cecilia, wo ist das Brett mit dem Seil?“, fragte er sie ruhig. „Welches Brett?“ Sie schaute verwirrt. „Na das, wo vorne das Seil dran ist, um unsere Einkäufe zu ziehen“, meinte er. „Ach das“, sagte sie und verschwand, immer noch schluchzend. Als sie zurückkam, hatte Vincent schon das notwendigste zusammengetragen. Brot, Wasser, sein Messer und eine Jacke. „Was hast du vor?“, fragte sie erschrocken, ahnend, was ihr Bruder machen wollte, „du wirst doch nicht etwa...?“ „Doch, genau das werde ich“, sagte er entschlossen „Ich komme mit!“, rief sie. „Nein, das ist zu gefährlich“, erwiderte Vincent bloß. Er war immer noch wie betäubt von Ella's Tod. „Doch! Du gehst nicht alleine!“, kreischte Cecilia hysterisch und klammerte sich an ihm fest. Er dachte kurz nach und sagte dann: „Also gut.“ Er konnte sie ja schließlich nicht alleine lassen. Die Beiden machten sich sofort auf den Weg. Erstmal ins Dorf, schließlich wollte Vincent, dass jeder wusste, was er vorhatte. Vielleicht konnte er dadurch die Menschen dazu bringen, sie nicht mehr für Mörder zu halten. Als das Geschwisterpaar das Dorf betraten, wurden ihnen verächtliche Blicke zugeworfen, doch es war Vincent egal. Er stellte mich mitten auf den Marktplatz, zwischen Verkaufsstände und stinkenden Müll und schrie: „Ich werde den Guanaco finden und ihn töten! Ich werde Usandol von diesem Grauen befreien! Und danach will ich als freier Mensch zurückkehren!“ Von einigen Seiten kam Gelächter, doch die Alten warfen dem Jungen respektvolle Blicke zu. Er nahm seine Schwester an die Hand, das Seil in die andere und sie gingen in Richtung Wald. Die Beiden würden weit laufen müssen, doch Vincent war fest überzeugt, dass sie es schaffen konnten. Natürlich hatte er Angst, doch die wurde von seiner Trauer über Ella's Tod und seiner Entschlossenheit verdrängt. Er hatte keine Ahnung, wie lang es dauern würde, den Guanaco zu finden und er wusste auch nicht, wie er ihn umbringen sollte. Aber es war ihm egal. Vincent lief immer weiter, hoch in die Berge. Seine Schwester bemühte sich, ihm hinterher zu kommen, aber sie mussten oft eine Pause machen. Doch sie kamen gut voran, denn der Wald wurde lichter und es waren nur noch ein paar Nadelbäume zu sehen. Bald würden sie die Baumgrenze erreichen, und erst dann würde es richtig schwierig werden. Denn dort fing der Schnee an. „Viiinc, ich kann nicht mehr!“, klagte Cecilia, „wir laufen schon seit Stunden nur bergauf! Ich bin müde!“ „Du wolltest mit, also sei still. Wenn wir den Schnee erreicht haben, suchen wir uns eine geeignete Stelle zum schlafen, versprochen“, sagte Vincent und lief weiter. Es dauerte nicht lange, bis die ersten schneebedeckten Felsen in Sicht waren. Also suchte der Junge ihnen einen kleinen Felsvorsprung, unter dem sie etwas aßen und sich dann hinlegten. Es war eiskalt, doch sie hielten es aus. Bald waren die Beiden fest eingeschlafen und Vincent fing an zu träumen, wie er den Guanaco töten würde und wie sie im Dorf gefeiert werden würden. Es war ein schöner Traum, doch die Realität holte ihn viel zu bald wieder ein. Cecilia rüttelte ihn mit klappernten Zähnen wach. Die Beiden aßen hastig etwas und gingen sofort weiter. „Weißt du überhaupt, wo du suchen musst?“, fragte Cecilia ihren Bruder. Er dachte einen Moment nach und antwortete dann: „Vater hat immer gesagt, dass der Guanaco in Höhlen hoch oben in den eiskalten Bergen wohnt. Man kann ihn an den Spuren im Schnee erkennen. Sie sollen aussehen, wie die Pfotenabdrücke eines Bären, nur kleiner. Wenn wir so etwas finden, dann wissen wir, dass wir richtig sind.“ „Erzähl mir mehr von diesem Guanaco. Ich will alles wissen, was Vater dir erzählt hat“, meinte sie auf einmal. „Diese Geschichten sind nichts für dich“, wimmelte ihr Bruder sie ab. „Doch! Erzähl sie mir! Ich halt sowas schon aus, ich bin ja kein sabberndes Baby mehr.“ „Also gut...“, gab er schließlich nach. „Es war einmal vor über hundert Jahren“, begann er, „da lebte eine Hexe glücklich mit ihrem Freund zusammen. Sie liebte ihn und er liebte sie, auch wenn er keine Ahnung hatte, dass sie eine Hexe war. Man munkelte zwar im Dorf, doch es war dem jungen Mann egal. Eines Tages wurde er beim Diebstahl erwischt und als Strafe hängte man ihn. Das brach der jungen Hexe das Herz und sie bekam einen Hass auf das ganze Dorf. Sie verfluchte es, indem sie ein Tier erschuf, das grausamer war als alle anderen. Den Guanaco. Sie schickte das Tier ins Dorf und befahl ihm, jeden einzelnen zu töten. Der Guanaco ging von Haus zu Haus und riss jedem Menschen das Herz heraus. Überall in den Häusern waren nur noch Leichen und Blut zu sehen. Es war grausam. Doch im Dorf lebte noch ein alter Zauberer und dieser verbannte den Guanaco für hundert Jahre in die Berge. Das Dorf hatte nun endlich Ruhe und als Strafe verbrannte man die Hexe. Und jetzt, hundert Jahre später, ist der Guanaco zurückgekehrt. Ende der Geschichte.“ Cecilias Mund klappte auf und sie schaute ihn mit ihren großen Kulleraugen an. „Schau nicht so entsetzt“, maulte Vincent sie an, „du wolltest die Geschichte hören. Und jetzt geht’s weiter, aber schnell. Oder willst du etwa ewig in diesen eiskalten Bergen verbringen?!“ Das wollte Cecilia natürlich nicht, also ging sie rasch weiter. Es wurde schon langsam dunkel, die Sonne versank hinter den weißen Gipfeln und der Schnee leuchtete blutrot auf. Es sah zum Fürchten aus, und trotzdem war es wunderschön. Die Geschwister stapften durch den Schnee und gingen ihren Gedanken nach. Cecilia dachte an die Legende des Guanacos. Sie fand die Geschichte wirklich gruselig, aber das konnte sie Vinc nicht sagen. Dann würde er sie wieder für ein kleines Kind halten, und das wollte sie nicht. Trotzdem hatte sie Angst, diese Nacht zu schlafen, falls der Guanaco kam. Vincent hingegen dachte an sein Leben ohne Verachtung, ohne ständig beschimpft zu werden. Er könnte sich einen Job suchen und - „Aaaahhhhh!!!!“, kreischte Cecilia mit hoher Stimme. Vincents Herz blieb für einen Moment stehen. Was war passiert? Er zog sein Messer und schaute sich hektisch um, konnte aber nichts sehen. Kein Guanaco in Sicht oder sonst irgendeine Gefahr. „Was ist los?!“, schrie er seine Schwester an. „Dadadadada!!! Die Abdrücke!!!“, kreischte sie und zeigte aufgeregt auf den Schnee vor ihren Füßen. Und tatsächlich - im Schnee konnte man deutlich Abdrücke erkennen, wie von einem Bären, nur viel kleiner. „Ein Guanaco“, flüsterte Vincent geschockt. Konnte das wirklich wahr sein? In ihm kroch langsam die Angst hinauf. Wenn erihm begegnete, wie sollte er den Guanaco dann überhaupt töten? Er wusste nicht einmal, wie so ein Guanaco aussah. Mit leisen, langsamen Schritten folgte er den Spuren. Cecilia klammerte sich angesterfüllt an ihm fest. Ihr Atem ging flach und ihr Herz pochte. Babumm, babumm, babuumm, babuum. Vincent sah sich aufmerksam um, doch nirgendswo war etwas zu sehen. Plötzlich, ein lautes Schnauben. Cecilia riss erschrocken den Kopf nach oben und wollte anfangen zu schreien, doch Vincent hielt ihr rasch den Mund zu. Sie durften den Guanaco nicht verjagen. „Ssshhhhh“, machte Vincent. Er konnte immernoch nichts sehen, außer weißem Schnee. Doch da, eine Höhle. „Da müssen wir rein“, flüsterte er. „Nein, ich will nicht!“, quiekte seine verängstigte Schwester. „Dann musst du eben außen bleiben. Verhalt dich ruhig und versteck dich irgendwo! Ich bin gleich wieder da...“, meinte er und ging auf den tiefschwarzen Eingang der Höhle zu. Er hatte ein mulmiges Gefühl, als er die Höhle betrat, die sich vor ihm wie ein schwarzes Loch auftat, das ihn verschlingen wollte. Am liebsten wäre er sofort wieder umgekehrt und weggerannt, doch der Gedanke an Ella ließ ihn weiterlaufen. Es wurde immer dunkler und Vincent konnte nur noch vage Umrisse erkennen. Angst machte sich in ihm breit und sein Herz pochte laut. Er schaute sich unruhig um, konnte jedoch keine Bewegung wahrnehmen. Auf einmal machte der Gang eine Biegung und Vincent war in völlige Finsternis gehüllt. Er schauderte, aber er ging trotzdem weiter. Plötzlich – ein Huschen an der Wand. Vincent schreckte auf und wich zurück. Er nahm sein Messer kampfbereit in die Hand und ging langsam auf die Wand zu. Doch – da war nichts. Weiter hinten in der Dunkelheit – ein Rascheln. Vincent ging weiter, sein Herz rutschte ihm in die Hose. Er hatte Angst, er wollte schreien und rausrennen, doch irgendetwas hinderte ihn daran. Er wusste, dass er nah dran war. Er wollte jetzt nicht aufgeben. Er schaute aufmerksam in die Höhle hinein, doch vor lauter Finsternis konnte er absolut nichts erkennen. Aber er war sich sicher – er konnte es schaffen. Schon wieder ein Rascheln und noch ein Geräusch. Es hörte sich an, als wurde dort etwas – krabbeln...Vincent schauderte. Er war sich sicher, das der Guanaco dort lauerte. Und er kam immer näher. Vincent hörte nun nur das Krabbeln und sein lautes, pochendes Herz. Es schlug schnell, als würde es wissen, dass es bald still stehen würde. Als wollte es die Schläge eines ganzen Lebens hinter sich bringen. Vincents Atem ging flach und leise, er kam dem Guanaco immer näher und näher. Er musste jetzt genau vor Vincent sein, doch Vincent konnte nichts sehen. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er auf den schmutzigen, steinigen Boden und sah – eine Ratte! Vincent atmete erleichtert auf und blickte wieder nach oben. Er stieß einen kurzen, hohen Schrei aus und stolperte zurück. Vor ihm lagen rote, glitschige Klumpen. An die dreißig Stück. Und dahinter – viele vertrocknete, kleinere Klumpen. Es waren die Herzen der Opfer. Und es waren viele Opfer. Doch vom Guanaco war keine Spur zu sehen. Vincent war am Ende der Höhle angelangt und blickte angsterfüllt auf die Herzen. Es war ein schrecklicher Anblick. Ganz vorne lag ein Herz, noch ganz frisch voller Blut. Er wusste sofort, dass es Ella's Herz war. Tränen liefen ihm die Wangen herunter, als plötzlich – ein Schrei. Er kam von außerhalb der Höhle. Er kam von Cecilia. Vincent rannte. Er rannte durch die Dunkelheit, stolperte und stand wieder auf. Dann sah er den Ausgang wie ein helles, gleißendes Licht. Er rannte hinaus und sah – Blut. Massenhaft Blut. Sein Herz blieb für einen kurzen Moment stehen. Dann fing er an zu schreien, er weinte und rief immer wieder: „Cecilia!!!“ Doch keine Antwort und keine Spur von seiner kleinen Schwester. Nur kleine, bärenartige Pfotenabdrücke im Schnee und Blut. Doch da lag noch etwas. Ein Klumpen. Cecilia's Herz. Vincent schrie und schrie und schrie. Er rannte zu ihrem Herz, er nahm es in die Hände und er weinte. Immer und immer wieder schrie er: „Cecilia!!“ Doch sie war tot. Die wichtigste Person in seinem Leben, sein ein und alles – war tot. Für immer weg. Und es war seine Schuld. Er hatte sie ganz alleine draußen gelassen, ohne etwas zum verteidigen. Sie war nur seinetwegen tot. Diesen Gedanken ertrug er einfach nicht, er konnte es nicht wahr haben. Er lief weiter, immer höher in die Berge. Er schrie und weinte und hörte nicht mehr auf. Dann ließ er sich auf den Boden fallen und rollte sich zusammen. Er wollte nicht mehr da sein, er wollte nicht mehr existieren. Er konnte ohne seine geliebte Schwester nicht leben. Im Dorf sah man ihn und seine Schwester nie wieder, doch keiner trauerte um die Beiden. Und die Morde hörten nicht auf, bis das Dorf völlig ausgelöscht war.


Maria Le

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.01.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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