Als ich gestern durch den benachbarten Wald hinter meinem Haus eine langsame, vorsichtige Wanderung unternahm,
wusste ich nicht, welcher Tag es war : Als 80 -jähriger Rentner habe ich aufgehört, für Geld zu arbeiten und
verlor desswegen hie und da die Zeitorientierung. Es fehlte mir die Tagesstruktur durch Arbeitstermine und es fehlten mir die toten
Freunde und die alternden Verwandten. Wer noch lebte, hockte in miefigen, abgedunkelten Wohnungen und getraute sich aus Altersgründen nicht
mehr auf die Strasse.
Hinter einem tief- verschneiten Tannenbaum wusste ich nicht mehr, wo ich war und was ich da ganz allein so spät
in dem kalten, verlassnen, dunklen Winterwald noch wollte. Es war offenbar schon bald Nacht.
Ich suchte mein Haus, indem ich einfach mit den leisen, kurzen Schlurf-Schritten eines vergreisten alten Mannes mich geradeaus begab :
Ich war in Panik geraten !
Um real und auch gedanklich nicht im Kreis zu gehen, hinterlies ich eine sichtbare Spur durch persönliche Gegenstände im weglosen, frierenden Wald :
Vertrauen, Stolz, Erinnerungen,Taschenmesser, Kugelschreiber,
Kreditkarten und Ausweise, Tabackpfeife, Geld, einen Brief, die Gold-Uhr, Tabletten und den Mantel...Dann die Jacke,
das Hemd, die Hose, das Rheumapflaster, die Stütz- Strümpfe, die Unterhose und die Windel wegen der Alters- Inkontinenz.
Als ich mein Haus erreichte, war ich nackt.
Am frühen Morgen kleidete ich mich neu und warm ein, um noch vor den ersten Spaziergängern, die mit Hunden den
Wald gerne besuchten, dort meine Kleider und die persönlichen Gegenstände im frühen, nebligen Morgenlichte einzusammeln.
Tatsächlich fand ich meine Spur, sogar Fussabdrücke im Schnee und sammelte alle meine Kleider ein, bis ich an eine tief verschneite
Tanne kam : Dort fand ich die ver-eiste, steifgefrorene Leiche eines sehr alten Mannes,
der mich mit verzerrtem Mund und glasigen Augen aus dem Schnee anstarrte: Ich erschrak :
Der alte Mann, ...den kannte ich, ...ich war es selber !
***
c/G.E.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.02.2012.
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