Wally Schmidt

Das verwandelte Salatkoepfchen

Das verwandelte Salatkoepfchen.

 

1945- ein ganz besonderes Jahr, wie wir sicher alle wissen. Ein ganz besonderes „ maennliches Scheusal“ trat ab, und ein ganz besonderes weibliches Menschlein trat auf.

Was hatte Mutter gesagt? Der dicke Bauch war so, weil sie zu viel Salat gegessen hatte? Doch ein paar Monate spaeter sagte sie: „Weisst du denn nicht, dass die Muetter die Kinder unter dem Herzen tragen?“ Ja, hm, wie sollte ich das denn wissen, damals noch nicht ganz 12 Jahre alt. Doch ihr sei verziehen, darueber sprach man nicht, der Klapperstorch war allgegenwaertig. Doch wie war das Kind in den Bauch gekommen und wie kam es wieder raus? Gefragt wurde nicht, es war halt so.Vater war uebrigens ungewollt irgendwo in der Tschechei. Was er ausgerechnet da wollte, moechtet ihr wissen? Nun ja das Vaterland verteidigen, was sonst. Und so zwischen zwei Verteidigungen hatte Mutter zu viel Salat gegessen, und man nannte das Resultat dann spaeter „einen kleinen Urlauber“.

Der kleine Urlauber und ich, wir waren uns schon, unsichtbar, sehr nahe gekommen, er drinnen und ich draussen, und Mutter war immer dabei. Ganz besonders nah waren wir uns an zwei Tagen, am 4. und 5. November 1944. Irgenwelche Vaeter unserer heutigen Freunde hatten sich zusammengetan. Sie wollten uns mal so richtig zeigen, wer hier das sagen hatte und was ein gekonnter Bombenangriff war. Und es waren gleich zwei, und was fuer welche. Wir lagen im Keller. Wie hart und kalt kann doch so ein Kellerboden sein, und was koennen menschliche Ohren an Laerm verkraften, von der Seele gar nicht zu sprechen.Wie kann man aufhoeren zu zittern, wenn es einfach nicht geht? Wieso denkt man nur an Tod und nicht an Puppenspiele und leckere Schokolade? Unsere Wohnung hatte in der Kueche keine Wand mehr und wir konnten auf die Strasse gucken, wenn wir am Tisch sassen. Die Wohnngstuere hatten wir mit einer Waescheleine zugebunden. Alles war nebensaechlich, die Hauptsache war, dass wir lebten.

Der Keller war uebrigens unser liebster Ort, wir waren sehr oft dort.Und weil das besondere Menschlein immer schon etwas Besonderes war, wollte es unbedingt im Luftschutzkeller geboren werden, es hatte sich das nun mal in den Kopf gesetzt. Was es sich in den Kopf gesetzt hatte, musste auch so ablaufen. Ja, und nachdem Mutter den Weihnachtsbaum mit Kugeln und allem drum und dran durch das Fenster geschmissen hatte, um ihrem Temperament( heute wuerde man sagen Frust) Luft zu machen , fand ich mich ploetzlich alleine im Luftschutzkeller wieder. Es gab rundum noch viele Leute, aber die gehoerten nicht zu meinem Clan.Ich sass auf einem Fussbaenkchen, mit einem kleinen, braunen Koefferchen, indem unser ganzes Hab und Gut aus Papier verstaut war. Mutter hatte mir eingeschaerft, dass ich das niemals aus der Hand geben duerfe. Hinter mir Lattenroste mit Decken verhangen, die sehr duenn waren und alles durchliessen was dahinter passierte, nur sehen konnte ich nichts. Dort kaempfte sich das besondere Menschlein den Weg ins feindliche Leben. Doch warum schrie Mutter so schrecklich? Was war los? Warum liess man mich nicht zu ihr? Keine Antwort! Ich hatte nur noch im Kopf: Mutter stirbt.

Ja, wenn ich damals gewusst haette, wie die Verwandlung von einem Salatkoepfchen zum Menschlein vor sich geht, haette ich mich sicher besser gefuehlt. Nach dem schoensten Musikton der damaligen Zeit ( man nannte es Entwarnung) durfte ich mit zu Nachbarn gehen. Und dann passierte das, was mein ganzes Leben veraendern sollte. Ein Satz wurde mir gesagt: „Du hast ein Schwesterchen bekommen“. Was wollte ich da sagen, was denken, was tun? Erst war bei mir Funkstille, dann durfte ich gucken gehen.

Draussen war eine Affenkaelte und viel, viel Schnee. Drinnen im Keller? Da lag sie, der neue Stern am Lebenshimmel. Winzig klein, blau und schreiend mit einer enormen Stimme. Aber, sie hatte die schoensten, blauen Veilchenaugen, die ich jemals gesehen hatte. Mutter war nicht gestorben, sie lag ganz klein und schneeweiss auf einer provisorischen Pritsche. Ploetzlich sah ich in einer Ecke ein blutdurchtraenktes Bettuch, ich kriegte einen furchtbaren Schrecken. Eine fremde Frau holte es schnell weg und ich fragte sie, warum das so voll Blut sei. Wieder keine Antwort.

Irgendwie habe ich noch heute das Gefuehl, dass ich in dem Moment ein Stueck erwachsen geworden bin. Ich fuehlte mich mit all den unbeantworteten Fragen sehr alleine gelassen. Ich durfte bei Mutter und bei meinem Schwesterchen bleiben, ob ich wollte oder nicht, auch nachts. In einem klapperigen Holzliegestuhl mit einem sogenannten Trainingsanzug. (Was sollte man denn in einem Luftschutzkeller trainieren, ausser ueberleben?) Heute sind die Dinger ganz schoen und heissen Jogginganzug, und die Menschen haben sicher ein total anderes Gefuehl, wenn sie ihn anhaben , als ich damals. Die Naechte waren grausam kalt, es gab nur ein winziges Heizoefchen. Wie wir, und vor allem Mutter, das ueberstanden haben, ist mir bis heute noch ein Raetsel. Das kleine Paeckchen musste ja auch mal ausgepackt werden um es zu reinigen. Das musste ich machen . Ich habe selten so viel Angst gehabt, etwas zu tun, als bei dem Windelnwechsel, ich war doch selbst noch ein Kind und hatte schon so eine Verantwortung. Das kleine Menschlein zitterte vor Kaelte und ich vor Angst. Nach drei Tagen und Naechten hatte eine junge Nachbarin Erbarmen mit mir und loeste mich ab. Mutter und das neue Sternchen mussten 5 Tage im Keller bleiben. Als sie dann nach Hause gehen konnte, schien die Sonne, doch es war lausig kalt.

Wie das so ist, ein Name musste her, schliesslich muss jedes Kind einen haben. In den ab und zu ankommenden Feldpostbriefen (so hiessen die Briefe damals, wohl wegen dem schoenen Satz: „ Auf dem Felde der Ehre gestorben“!) von Vater, stand immer etwas von dem Namen Monika. Doch der gefiehl Mutter und mir nicht so richtig. Wir beide haben hin und her ueberlegt wie das Kind nun heissen sollte. Von Vater hatten wir lange Zeit nichts mehr gehoert, so mussten wir beide uns entscheiden. Doch irgendwie war das ganz einfach, Mutter hiess Hilde also bekam mein Schwesterchen den Namen Hiltrud. Unser Vater hiess Walter und ich hiess Waltraud. Irgendwie gefallen mir beide Namen auch heute noch .

Jetzt muss man nur nicht denken, dass die kleine Madam in einer schoenen Caleche gefahren wurde. Oh nein! Auch da wollte sie etwas Besonderes haben, und sie entschied sich fuer einen Waschkorb. Also immer die besondere Note. Mit dem Waschkorb ging das Gerenne los. Bei jedem besonderen Musikton von diesem komischen Instrument auf den Daechern, ( genannt Sirene) rannten Mutter und ich mit dem Koerbchen ueber die Strasse bis zu unserem second Apartment (genannt Luftschutzkeller). Das ging so Tag und Nacht bis ich sauer wurde. Wahrscheinlich waren meine kleinen Nerven auch so ziemlich am Ende, es ging ja nicht nur den Erwachsenen so. Also Schwesterchen hin, Schwesterchen her, ich war es satt, immer zu rennen und zu schleppen. Bei der naechsten Rennerei liess ich den Korb einfach auf die Erde fallen, und das nicht zu zart. Ich weiss bis heute nicht, ob an meiner Seite der Kopf oder die Fuesse waren. In all den Jahren danach habe ich mir meine Schwester oft genau angesehen. Ich glaube, es waren gluecklicherweise die Fuesse. Aber ich muss sagen, Hunger hatte das Kind wie ein Vielfrass. Sie frass unsere Mutter fast auf. Sie hatte sie beim Trinken so strapaziert, dass ich losgeschickt wurde um Brusthuetchen in der Apotheke zu holen, die Brust war entzuendet. Das war einfacher gesagt als getan. Es gab ja so gut wie nichts mehr zu kaufen. Doch der Arzt hatte uns eine Adresse gegeben, wo wir noch etwas bekommen konnten, und das war zimlich weit. Mit einem Nachbarsjungen zog ich los. Ich war alleine zu bange wegen der Luftangriffe. Fuer den Weg von einer dreiviertel Stunde, brauchten wir Stunden. Die Vaeter unserer heutigen Freunde hatten wieder mal ein neues Spielchen erfunden. Sie kamen wie Ikarus, mit einem grossen Vogel, ganz tief geflogen, um auf alles zu schiessen, was sich bewegte. Wieso? Wir waren doch nur Kinder, die ein Brusthuetchen kaufen wollten. Doch das konnten sie natuerlich nicht wissen. Oder haetten sie vielleicht einmal nachdenken sollen? Haben sie ueberhaupt gedacht?

Als das Huetchen, was wir auch ergattert hatten, drauf war, futterte das Madaemchen fleissig weiter. Sie entfaltete sich als ein suesses, kleines Etwas. Es war kein Wunder, nachdem sie unsere liebe Mutter fasst aufgefressen hatte.

Wir schlugen uns mit wenigen Mitteln durch bis endlich der 8. Mai 1945 dem Horror des Krieges ein Ende machte. Vater kam zu Fuss von der Tchechei nach Hause. Alles was er mitbrachte waren klapperige Knochen und blaue Zehen. Doch wir hatten ihn wieder, das war die Hauptsache.

Unsere Familie kaempfte sich mit Hamstern und Stehlen durch die Zeit nach dem abscheulichen Abenteuer, das uns alle veraendert hatte.

Heute ist das kleine Salatkoepfchen ein Haeuflein Asche, und ich lebe nur noch von gemeinsamen Erinnerungen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.02.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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