Diethelm Reiner Kaminski

Entseelt

 
 
  Das würde ich mir noch überlegen. Es könnte dir leid tun“, summte die Fliege an der Glasscheibe, ein hässlich behaarter fetter Brummer mit für seine Größe erstaunlich selbstbewusster Stimme.

Piet Wackernagel hielt erschrocken inne und senkte seine zum tödlichen Schlag erhobene Hand.

„Und warum, wenn ich fragen darf, sollte ich dich am Leben lassen? Damit du mich weiter nervst und unsere Lebensmittel mit deinen Eiern verdirbst?“

„Quatsch. Um deine Seele zu retten“, sagte die Fliege und fügte hinzu: „Wenn sie dir lieb ist. Es liegt an dir.“

„Was hast du mit meiner Seele zu tun?“

„Alles. Sie ist seit heute früh, sechs Uhr MEZ, in mir. Teil einer großen Umsiedlungsaktion. Um den Seelen mehr Freiheit zu geben. Wir beide gehören nun sozusagen auf Gedeih und Verderb zusammen.“

„Das hast du dir doch nur ausgedacht, damit ich dich nicht zerquetsche.“

„Wenn du´s nicht glaubst, dann mach es doch, du wirst schon sehen, was du davon hast. Willst du wirklich der Mörder deiner eigenen Seele sein?“

„Will ich“, rief Piet Wackernagel wutentbrannt und schlug so schnell zu, dass die Fliege keine Chance mehr hatte zu entkommen. Nur ein Blutfleck war von ihr übrig geblieben.

„Ich lass mich doch nicht von so einem garstigen Biest zum Narren halten. Intelligent scheint sie ja gewesen zu sein. So gewählt, wie sie sich ausdrückte. Vielleicht hat sie lange in einem Priesterseminar gelebt?“

„Du bist heute so verändert“, sagte Piets Frau Lisabetta abends. „Ich beobachte dich schon den ganzen Tag. Hast du schlechte Laune? Du hast kein Wort mit mir gesprochen, machst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“

„Lass mich zufrieden und kümmere dich um deinen eigenen Kram. Hast du nichts Besseres zu tun, als mich zu beobachten? Schweig jetzt stille, sonst passiert noch was.“ Piet hatte schon die Hand zum Schlag erhoben. Lisabetta wich entsetzt zurück. „Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen? Wir sind schon über dreißig Jahre verheiratet, aber noch nie hast du es gewagt, mich …“ Sie brach in Schluchzen aus.

„Dann wird es höchste Zeit. Dir ist es dreißig Jahre lang viel zu gut gegangen.“

Seit diesem Tag war alles anders. Piet verweigerte jede Mithilfe im Haushalt, wusch nicht mehr ab, trug keinen Müll mehr raus, ging nicht mehr einkaufen. Umso rücksichtsloser maßregelte er seine Frau, beschimpfte sie, beleidigte sie, überschüttete sie mit aus der Luft gegriffenen Vorwürfen. Piet war unerträglich geworden.

„Ich begreife es nicht“, klagte Lisabetta. „Wie kann sich ein so lieber, zuvorkommender Mensch, und das warst du all die Jahre, so plötzlich in sein Gegenteil verwandeln? Was ist denn bloß in dich gefahren?“

„Nicht in mich, aus mir“, sagte Piet.

„Was willst du damit sagen? Aus dir? Was ist aus dir gefahren? Dein Verstand?“

„Meine Seele. Sie ist in eine Fliege umgesiedelt, einen dicken Brummer. Sie hat mich gewarnt. Aber ich habe nicht auf sie gehört. Und nun sind sie beide tot.“

„Ich denke, es war nureine Fliege.“

„Die Fliege und meine Seele. Verstehst du nicht? Ich habe keine Seele mehr. Ich habe sie getötet. Und jetzt bin ich entseelt. Seelenlos. Keiner kann mir helfen. Und jetzt verzieh dich, ich kann deinen Anblick nicht ertragen.“

„Ich brauche dringend einen Termin. Mein Mann hat den Verstand verloren. Er bildet sich ein, dass seine Seele in einer Fliege gewohnt hat.“

„Gewohnt hat?“, fragte der Psychiater. „Ist sie reumütig zu ihm zurückgekehrt?“

„Eben nicht. Er hat sie erschlagen. Beide.“

An der Wand saß eine Fliege, ein dicker, hässlich behaarter Brummer. Lisabetta hob, während sie noch telefonierte , ihre Hand, um ihn zu erschlagen.
Ohne dass sie ihn bemerkt hatte, war Piet hinter sie getreten und riss ihre Hand zur Seite.

„Nicht auch noch deine“, schrie er. „Nicht auch noch deine.“

„Schicken Sie bitte so schnell wie möglich jemanden vorbei, Herr Doktor. Jetzt wird er auch noch gewalttätig. Ohne jeden Grund. Nur weil ich eine Fliege töten wollte.“

02 -02 - 2012
 
 

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