„Hier bitte, Ihr Buch.“ Der nette Rothaarige hinter der Kasse reichte Marlene die Tragetasche mit dem neusten Roman ihrer Lieblingsautorin.“Und viel Vergnügen beim Lesen.“ Er zwinkerte ihr verschmitzt zu und sah sie bewundernd an. Der versucht wohl, mit mir zu flirten, dachte sie belustigt. Und das in meinem Alter! Ein wenig geschmeichelt fühlte sie sich schon, denn eigentlich sah der Bursche unverschämt gut aus; bis auf die Haarfarbe erinnerte er sie sogar an einen bekannten Schlagerstar, für den sie früher einmal leidenschaftlich geschwärmt hatte. Marlene nahm das Buch in Empfang und nickte dem Rotschopf freundlich zu. Als sie die Buchhandlung verließ, kicherte sie leise in sich hinein.
Draußen schlug ihr eiskalte Luft entgegen. Sie blickte nach oben und schnupperte: Der Himmel war bleigrau bezogen, und es roch nach Schnee. Nun kam der Winter also doch. Jetzt im Schlussverkauf war die beliebte Geschäftsstraße besonders gut besucht. Vollbesetzte Busse bahnten sich mühsam ihren Weg vorbei an falsch geparkten Fahrzeugen; Autofahrer hupten ungeduldig, wenn jemand nicht schnell genug von der Ampel fortkam, und Fußgänger – fest eingemummelt in wärmende Schals und Mützen – eilten wortlos aneinander vorbei. Jeder schien nur einen Wunsch zu haben: So bald wie möglich zurück in seine mollig geheizte Wohnung zu kommen.
Fröstelnd schlug Marlene den dicken Kragen ihrer flauschig weichen Webpelzjacke hoch, die sie von ihrem Mann Jürgen zu ihrem fünfzigsten Geburtstag bekommen hatte. Jetzt schnell in die auf der anderen Straßenseite gelegene Parkgarage und dann nichts wie nach Hause. Sie freute sich schon auf eine Zigarette und einen heißen Kaffee in ihrer wohlig warmen Küche.
Kurz vor der Fußgängerampel hielt sie plötzlich an, etwas hatte ihre Aufmerksamkeit erregt: Ein junger Mann - bestimmt nicht älter als zwei- oder dreiundzwanzig Jahre - saß dort in einer dünnen Regenjacke zusammengekauert am Straßenrand auf ein paar Plastiktüten, die vermutlich seine gesamten Habseligkeiten enthielten. Ein Pappbecher stand vor ihm, mit ein paar Münzen darin. Neben ihm, auf einem dicken Kissen und unter einer karierten Wolldecke, lag ein großer Hund. Dessen Fell hatte eine undefinierbare, verwaschene Farbe, die braunen Ohren waren viel zu lang, und Marlene glaubte noch nie einen so hässlichen Köter gesehen zu haben. Als engagierte Tierschützerin fühlte sie kalte Wut in sich aufsteigen. Eine Schande, dass solche Leute überhaupt Hunde halten durften. Sie missbrauchten die armen Tiere doch nur, um Mitleid zu erregen und damit ein bisschen Geld zu erschnorren. Von ihr hatte so einer bestimmt nichts zu erwarten!
Die Fußgängerampel schaltete auf „Grün“. Marlene wollte die Straße überqueren, aber wie unter einem sanften Zwang blieb sie stehen. Sie drehte sich um und sah zu den beiden dort an der Bordsteinkante Sitzenden hin. Der junge Mann schien inzwischen eingeschlafen zu sein. Er hatte seine Hand schützend auf den Kopf des Hundes gelegt. Das Bild, das sie boten, strahlte bei aller Armseligkeit große Würde und einen tiefen Frieden aus. Zögernd ging Marlene auf die Beiden zu. Sie tippte dem jungen Mann auf die Schulter und fragte: „Wie heißen Sie?“ Er schreckte hoch und sah sie verwirrt an. „Ich heiße Tom“, antwortete er undeutlich. „Und Ihr Hund?“ „Das ist Jasper.“ Seine Stimme wurde klarer, als er den Namen des Hundes aussprach. Er rückte noch etwas näher an ihn heran. „Jasper ist mein Freund. Er ist der beste Hund der Welt. Von dem trenne ich mich niemals und nie.“. Als das Tier seinen Namen hörte, hob es für einen Moment den schweren Kopf und sah voller Vertrauen zu seinem Herrchen auf. Marlene spürte ein Brennen in den Augen. Verlegen sah sie sich um. Irgendwie war es ihr peinlich, dabei beobachtet zu werden, wie sie dem jungen Obdachlosen etwas zusteckte. Aber von den Passanten nahm keiner Notiz von ihr; jeder schien nur mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Marlene zog ihr Portemonnaie aus der Handtasche. Hastig nahm sie einen Zwanzigeuroschein heraus und steckte ihn möglichst unauffällig in den Pappbecher. Beim Anblick des unverhofften Geldsegens zuckte Tom kurz zusammen, lächelte flüchtig und murmelte leise: „Danke, Madame.“ „Alles Gute“, wünschte Marlene ihm und strich dem Hund, der inzwischen wieder schlief, über den Kopf. Mittlerweile hatte es zu schneien begonnen, und wie bei jedem Wetterumschwung bekam sie Migräne. Sie fühlte sich müde und zerschlagen und wollte nur noch heim. Bei der nächsten grünen Ampel lief sie über die Straße und ging schnurstracks ins Parkhaus. Am Automaten zahlte sie eilig die Parkgebühr. Dann stieg sie in ihren alten VW Golf, der auch schon bessere Tage gesehen hatte, und machte sich auf die Rückfahrt.
Unterwegs dachte sie darüber nach, ob sie Jürgen von ihrem Erlebnis berichten sollte, oder nicht. Wenn man eine gute Tat getan hat, soll man sie sofort vergessen, hatte ihre Mutter immer gesagt. Außerdem zweifelte sie daran, dass Jürgen sie wirklich verstehen würde. Wenn es ums Geld ging, war er ziemlich eigen, man konnte ihn beinahe geizig nennen. Geschenke von ihm gab es nur äußerst selten, und die Jacke damals zum Geburtstag war schon eine kleine Sensation gewesen. Eine Ausnahme machte er höchstens bei seinem Hobby, seiner geliebten Modelleisenbahnanlage. Marlene entschied daher, die Sache für sich zu behalten.
Als sie die Haustür aufschloss, wurde sie von ihren beiden Hunden mit lautem Gekläff begrüßt. Molly, die achtjährige Schäferhündin und Charly, der kleine Terriermischling sprangen freudig an ihr hoch, fuhren ihr mit der Zunge übers Gesicht und sahen sie mit großen Augen erwartungsvoll an. Jürgen war schon weg und würde auch erst gegen Mitternacht nach Hause kommen: Heute fand im Modellbahnclub eine Sitzung statt, auf der er als Vorstandsmitglied natürlich nicht fehlen durfte. Dabei wurde es immer spät, das wusste Marlene aus Erfahrung. Sie hängte ihre Jacke an die Garderobe und ging in die Küche; dicht gefolgt von den beiden Hunden, die jetzt nachdrücklich ihre Belohnung fürs Warten einforderten.
Während sie die Futternäpfe füllte, überlegte Marlene, was sie selbst zu Abend essen sollte. Ihr Stadtbummel hatte länger gedauert als geplant, daher war schnelle Küche angesagt; außerdem hatte sie wenig Lust, für sich allein aufwändig zu kochen. Im Vorratsschrank fand sie noch eine Dose Linseneintopf mit Würstchen. Bis die Suppe warm war, blieb ihr genügend Zeit für den Kaffee und die Zigarette, auf die sie sich schon den ganzen Nachmittag gefreut hatte.
Weil sie allein war und um Abwasch zu sparen (ihre Spülmaschine hatte vor zwei Tagen den Geist aufgegeben), setzte sie sich an den Küchentisch und aß gleich aus dem Kochtopf. Selten hatte ihr eine einfache Mahlzeit so gut geschmeckt, und sie genoss jeden Löffel der dampfenden, heißen Suppe. Dabei ließ sie in Gedanken ihre Begegnung mit Tom und Jasper Revue passieren.
Später nach dem Abendspaziergang mit ihren Hunden zündete sie im Kamin ein Feuer an. Bald schon knisterte und prasselte es, und im Wohnzimmer breitete sich wohlige Wärme aus. Marlene richtete sich mit einem Glas Rotwein, einer Schachtel Pralinen und ihrem neuen Roman behaglich auf dem Sofa ein. Molly und Charly schliefen satt und zufrieden in ihren weichen Körbchen. Von Zeit zu Zeit ließen sie ein leises Schnarchen hören.
Sinnend betrachtete Marlene das helle Kaminfeuer. Ihre Gedanken spazierten zu dem jungen Obdachlosen Tom und seinem treuen Gefährten. Hätte sie mehr tun können? Sie vielleicht sogar mit nach Hause nehmen sollen? Marlene schüttelte den Kopf, ihre Familie und die Nachbarn hätten sie wahrscheinlich für verrückt erklärt. Sie hoffte, dass die beiden "Engel der kalten Straße", wie sie sie im Stillen nannte, ein warmes Quartier gefunden hatten und die erste Schneenacht dieses Winters nicht bei klirrender Kälte im Freien verbringen mussten.
Marlene räkelte sich genüsslich auf dem Sofa, trank einen Schluck von dem wohltemperierten Wein, steckte sich eine Marzipanpraline in den Mund und begann zu lesen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2012.
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