Iris Klinge

Stehnd auf der "Mitte der Welt"

Wenn wir von unserem Wohnort Libreville, der etwas nördlich des Äquators liegt, nach Lambarene zum Dschungelkrankenhaus von Albert Schweizer fuhren, überquerten wir diese berühmte Null- Linie, doch es stand nur ein kleiner Stein an der roten Sandpiste durch den Urwald, mit einem Hinweis an den Reisenden, dass er sich jetzt auf der Südhälfte der Erde befinde.

Ganz anders in 3000 m Höhe, 25 km nördlich von Quito. Dort hatten die Franzosen bereits 1736 die nach ihren Berechnungen richtige Stelle markiert, die fortan die „Mitte der Welt“ genannt wurde. Die ecuadorianische Regierung errichtete dort 1979 ein riesiges Monument, ein Planetarium und für die vielen Touristen eine Verkaufsstelle für Kunsthandwerk.

Jedoch wurde nach den neueren Messungen mit UPS bestätigt, dass die alten Kulturen der Prä—Inka-Zeit bereits die wirkliche  Null- Linie etwa 240 m weiter nördlich kannten.

Dieses Wissen seiner Vorfahren machte sich Fabian Vera zu Nutze, indem er am richtigen Ort das Land kaufte, um dort sein eigenes kleines Museum aufzubauen und den Menschen vorzuführen, wie sich die Energie verändert, je nachdem auf welcher Seite des Äquators man steht.

Mit einer Schulfreundin, die mich in Quito besuchte und einen Spanischkurs dort belegt hatte, machte ich einen Ausflug auf die „Mitte der Welt“. Nach Besichtigung des offiziellen, pompösen Monuments gingen wir nach „nebenan“ zu der wesentlich interessanteren, rot markierten Null-Linie und ihrem Besitzer Don Fabi. Dieser faszinierende Mann widmete uns eine ganze Stunde seiner Zeit, um uns die unglaublichen Phänomene zu zeigen, die sich rechts und links der Null-Linie abspielen.

Zuerst durften wir erleben, wie das Wasser in einer kleinen Badewanne beim Herausziehen des Stöpsels sich einmal nach rechts und einmal nach links herum drehend durch den Abfluss lief, je nachdem, auf welcher Seite der roten Linie das Becken aufgestellt wurde.
Dann posierte er ein Ei mit der Spitze auf einen Nagel, der auf einem Pfosten auf der Null-Linie angebracht war, und wir sahen staunend, dass das Ei durch die geringere Schwerkraft nur sehr langsam umfiel.

Es erschien uns alles wie Hokus-Pokus, doch irgendwie konnte Don Fabi uns überzeugen, dass nur er allein, und wir mit ihm,  auf der echten Null-Linie standen.

Sein Museum war ein Durcheinander von allerlei merkwürden Gegenständen, Schlangenhäuten an den Wänden, allerlei Tiere in Gläsern konserviert und einem Schrumpfkopf, den er wie einen Schatz hütete. Diese Trophäe hatte er von einem indianischen Schamanen bekommen, und der kriegerische Geist des Feindes sei noch immer in ihm zu spüren.

Er zeigte uns ein Foto der „falschen Mitte“, auf dem das Monument bei der zweimal im Jahr stattfindenden Tag-und Nachtgleiche, einen Schatten auf den Boden warf, während bei ihm drüben keinerlei Schatten der aufgestellten Totempfähle zu sehen waren. Ein weiterer Beweis für seine Gewissheit, auf der richtigen Null- Linie zu hausen.

Gegen Abend bewunderten wir die Sichel des Mondes, die wie eine Schüssel waagerecht am Himmel schwebte.  - Wir verließen stark beeindruckt diesen magischen Ort und kehrten zurück nach Quito.

Einige Tage später wurden meine Pläne, insgesamt drei Monate in dieser Stadt zu bleiben, jäh durchkreuzt. Bei einem Besuch in der Altstadt verdunkelte sich der Himmel. Eine pechschwarze Wand zog von Norden her auf. Ich dachte an ein großes Unwetter und kehrte unverzüglich in meine Wohnung zurück.

Dort angekommen ertönte aus dem Radio die Stimme des Präsidenten, der seinem Volk mitteilte, einer der vielen Vulkane rund um Quito sei ausgebrochen und der Aschenregen würde innerhalb von kürzester Zeit über der Stadt hereinbrechen.

Alle sollten möglichst in ihren Häusern bleiben oder höchstens noch mit Atemmasken auf die Straße gehen.

Am nächsten Tag lag eine dicke Aschendecke auf den Straßen, die von den wenigen Autos, die noch unterwegs waren, zu einer ekelhaften schwarzen Wolke aufgewirbelt wurde.

Ich konnte gerade noch einen der letzten Busse erwischen, die Quito in Richtung Meer verließen, um dort unten wenigstens saubere Luft zu atmen. – Quito im Ausnahmezustand. Der Flughafen blieb über eine Woche lang gesperrt.

Nachdem ich schon vorher durch Diebe meinen Personalausweis und einiges Geld verloren hatte  - im dichten Gedränge in der Straßenbahn hatten sie mir mit einer Rasierklinge den Rucksack aufgeschlitzt – und auch sonst schlechte Erfahrungen in der Stadt gemacht hatte, fiel es mir leicht, dieses gebeutelte Land früher als geplant in Richtung Chile zu verlassen, sobald der Flugverkehr wieder funktionierte.
 
Damit war Ecuador endgültig von meiner Liste der möglichen Orte zum Überwintern gestrichen.

Und die Suche ging weiter, die dann in Uruguay endete.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.02.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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