Wolfgang Weniger

Hildesheimer Impressionen

 

Hildesheim ist eine Rosenstadt. Sagt der Hildesheimer Rat.

 

Sogleich ließ die Verwaltung  weiße Rosensymbole auf Asphalt und Pflaster mittels Scha-

blone aufmalen.

Die Rosenroute war entstanden und sollte nicht nur den Weg  zum  „Tausendjährigen Ro-

senstock“  weisen,  sondern  auch auf  touristische Sehenswürdigkeiten aufmerksam ma-

chen.

 

Nun stehe ich auf dem Marktplatz,  lasse  die historischen Fassaden auf mich wirken,  ge-

nieße den Anblick von Bäcker-  und Knochenhaueramtshaus.   Die Umgebung ist mir ver-

traut, hier bin ich zu Hause.

Ich suche nach den  Rosensymbolen,  weil ich die Sehenswürdigkeiten nicht nur den Tou-

risten allein überlassen will  und gehe zunächst versehentlich in die falsche Richtung,  bis

zum Almstortunnel.

Wie bitte,  zugeschüttet  soll  er demnächst werden,  ohne  Rücksicht auf die Inhaber der

folkloristischen Lädchen in der Unterführung?

Beseitigung  des Tunnels  also  wegen  der hohen Wartungskosten für die allzeit defekten

Rolltreppen. Soso.

Immerhin eröffnet die mögliche Vernichtung  mancher  Existenzgrundlage  direkte  Wege

zum Sozialamt, wahlweise einen Umzug der Verkaufsstände vor das Rathaus.

Buntes Treiben als willkommene Ablenkung von dröger Akteneinsicht.

 

Auf  dem  Hohen Weg darf ich die Baumstandorte bestaunen.   Kiesbettung,  die aussieht

wie Katzenstreu, aber ein Hundeklo ist, ein Tummelplatz für unsere Kleinsten.

„Pfui, Jan-Luca, lass das, komm sofort nach Mamma.“

 

Touristen schlendern  vorüber,  deuten  auf leere Pizzakartons,  Plastikbecher,  auf  Glas-

scherben von geleerten Bierflaschen,  bezweifeln  schließlich  das multikulturelle  Sauber-

keitsempfinden der Hildesheimer Bürger.

Auch unter meinen Schuhen klebt Kaugummi.

 

Hildesheim ist nicht nur eine Stadt der Rosen, nein, sogar eine Stadt der Radfahrer.

Meine träumerische Suche nach der Hildesheimer Rose wird jäh unterbrochen. Eilige Rad-

fahrer klingeln sich den Gehweg frei, tippen sich an die Stirn.

Zwei Politessen ignorieren meinen Hinweis,  tragen gerade zur Entlastung des Haushalts-

defizites bei,  verhängen  eine  deftige Ordnungsstrafe.    Die Hundebesitzerin ist perplex. 

„Leinenzwang? Leinenzwang für meine alte Dackelhündin, die kaum noch laufen kann?“

Tja, Unwissenheit schützt vor Strafe nicht,  so schlicht kann bürokratischer Ordnungswille

sein.

 

Am  Kalenberger Graben  erkenne  ich nur noch weiße  Farbreste der Rosensymbole,  die

nun aussehen wie der Schnee von gestern.

Die Rosenroute wird mir jetzt ziemlich schnurz.

Etwas später erreiche ich die Dingworthstraße und siehe da,  auch dort wurde eine Halte-

bucht für Stadtbusse zurückgebaut.   Dafür aber gibt es Schlaglöcher im Asphalt,  die Hil-

desheimer Variante für verkehrsberuhigende Maßnahmen.

Der Bürger muss doch wohl zu erziehen sein.

 

Ich gehe weiter zum alten Phönixgelände,  zu den neuen Geschäftsräumen, Praxen,  Ver-

brauchermärkten und bin gespannt.  So toll, so imposant und  bewundernswert sollte das

alles hier werden.

                                                                -1-

 

Gütiger Himmel, plötzlich stehe ich vor einem Krematorium.

Dunkle Klinker, ein hoch ragender Schornstein, billigstes Straßenpflaster, grau in grau,

grauenvoll phantasielos.

 

Auf der Straßenseite davor eine brachliegende Fläche mit Bauschutt und Wasserpfützen.

Hoppala, zumindest diese in Vergessenheit geratene Deponie hätte die Stadt dem selbst-

gefälligen Investor abkaufen und,  hehe,  zur  Erbauung  der mittelsensiblen Moritzberger

Pädagogen,  in eine  Streuobstwiese investieren,  sowie  die Voraussetzungen für ein  Er-

zählcafé schaffen können.

                                                              

Ach ja, ich vergaß, die miserablen städtischen Finanzen.  Obwohl,  die eine Einsicht in die

Notwendigkeit gibt Hoffnung, genau, die naheliegende, großzügige Anhebung bestimmter

Steuern.

Und wenn das nicht reichen sollte, wie wärs dann mit halbspekulativen Finanzgeschäften?

Oh, oh, lieber nicht.

Wenn nämlich sich wichtignehmende Wichte wichteln,  dann sind schon mal, tritratrullala,

100 Millionen perdu und Kämmerers neue Erfahrung endet im Veitstanz.

Leinenzwang?   Jedenfalls verkommt spätestens jetzt der verschwenderische Umgang mit

dem Begriff der „zweiten Chance“ endgültig zur Albernheit.

 

Ich blicke noch immer auf das vor  mir  liegende  armselige  Brachland,  überlege,  wer in

punkto wagehalsiger Kapriolen wohl nachhaltiger in der Erinnerung verbleiben würde: der

umtriebige  Hildesheimer  Rat samt  seiner Verwaltung,  oder Max und Moritz als virtuelle

Besucher in Kummerow?

Zum Kuckuck, ich weiß es doch auch nicht.

 

 

Hildesheim, 19.01.2012

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