Veronika Bachmann

Anna im Schwimmbad

Geschichten vom Scheitern. Diesmal im Schwimmbad.

 

Mama, bitte geh mit mir ins Schwimmbad. Klein-Hannes bittelte und bettelte. Mama, komm geh mit mir.

Es war Sommer. Sonntag. In der KleinenStadt.

Anna hasst Schwimmbäder. Seit sie denken kann, hasst sie Schwimmbäder. Anna konnte schon lange denken.

Das letzte Mal war sie, das war kurz bevor Annette sich umbrachte, da war sie vierzehn oder fünfzehn.

Mama, geh mit mir ins Schwimmbad. Es ist so langweilig und ich weiß nicht, was ich tun soll.

Das Wetter war blendend, zu schön, bei dreißig Grad im Schatten und wolkenlosem Himmel.

Du musst ja nicht ins Wasser gehen, aber begleite mich, bat der Junge.

Und dann gab Anna nach, lesen, dachte sie, lesen kann ich auch im Schwimmbad. Statt auf meiner Terrasse. Und viel­leicht schwimme ich eine Runde im Chlorwasser, ausnahms­weise.

Aber all das stimmte nicht.

Sie konnte nur schauen.

Und dann musste sie nach zehn Minuten wieder gehen.

Denn das Elend der Menschheit war hier versammelt. Aber das al­lein konnte es nicht sein, ihre Arroganz, gesammelte Arroganz machte es nicht allein aus. Es war unerträglich. Fette, hässliche Leute, verkrüppelte Kinder, talgig und aufge­dunsen vom billigen Essen, Proleten. Arme Kreaturen, die keine eigene Terrasse besaßen. Dafür konnten sie nichts. Und dafür waren Schwimmbäder erfunden, alle Leute sollen sich vergnügen können.

Ich kann das nicht.

Sie konnte das nicht mehr ertragen. Das war peinlich, aber wahr.

Ein Junge mit Brüsten wie eine Frau und fettem weißen Fleisch stieg in das Wasser des großen Schwimmbeckens, Anna schauderte sich.

Niemals, niemals würde sie in eben dieses Wasser steigen können.

Und sie lief den Rand des Beckens entlang in der brütend heißen Sonne, auf der Suche nach ihrem Sohn. Der hatte Freunde gefunden, Schulkameraden, der war glücklich. Und sie konnte ihn zurücklassen, später würde er alleine heim­kommen, das war in Ordnung, jetzt.

Und sie konnte gehen, wieder heimgehen. Mit ihrem Buch und Handtuch unterm Arm, wieder heimkehren.

 

Dann sah sie sich selbst in dem Wasser, damals. Als etwa  sechsjähriges Mädchen. Klein, hässlich, in einem altmodischen Badeanzug. Und Mama stand am Rand und tobte.

Du sollst tauchen, brüllte sie, du sollst tauchen.

Und Anna beugte den Kopf vor und legte ihn vorsichtig auf die Wasseroberfläche, stand im Becken und legte vorsichtig ihr Gesicht auf das Wasser, wie scheußlich keine Luft mehr zu bekommen. Keine Luft mehr durch die Nase, Wasser im Mund.

Du sollst tauchen, tobte Mama.

Anna wusste nicht, was sie wollte, sie verstand es nicht. Was noch mehr, was anders? Sie sah nur die Wut, sie fürchtete sich. Alles wie immer.

Nie kapierst, wenn man dir was sagt. Du bist so dumm, brüllte sie, und Anna musste es glauben.

Und legte wieder den Kopf aufs Wasser, das Gesicht hauchdünn unter die Wasseroberfläche.

Du blöde Gör. Du sollst tauchen. Mit dem ganzen Körper unter Wasser tauchen. Nicht nur dein dummes Gesicht. Kapierst du nicht?

Mama stand am Rand und hampelte, sie trug lange Hosen, einen scheußlichen Trainingsanzug, unpassender weise im Schwimmbad, brüllte mit hochrotem Kopf. Mama war ver­zweifelt und verärgert, beides gleichzeitig. Und Anna spürte ihre gesamte Verachtung, ihren Hass auf ihr dummes Kind-Sein und ihre Unfähigkeit.

Wie kann man so blöd sein. Tobte Mama.

Und Anna konnte das selber nicht erklären. Aber auf keinen Fall begriff sie, was sie wollte. Sie war hysterisch vor Angst und zitterte, wenn Mama sie nur ansah. Vor der Kälte des Wassers und weil da soviel Hass war.

Du sollst tauchen. Stell dich nicht so an. Da schwimmt man unter Wasser, den ganzen Körper unter Wasser.

Wieder legte Anna das Gesicht auf die schwappenden Wellen. Was für seltsame Dinge Menschen tun, nicht wahr?

Wo hast du deinen ganzen Körper?

Anna hatte keinen Körper mehr, nur noch Verwirrung. Und so Herzklopfen, dass sie sich erbrechen musste. Mit dem Wasser im Mund. Es würgte sie. Niemals konnte sie da ganz hinein­ schwim­men, wie jemals sollte sie wieder herauskommen? Sie hatte schon eine vage Vorstellung, was Mama meinte, mit dem ganzen Körper, aber der war kalt und fremd, ja, nichts gehörte ihr außer der Verwirrung. Und diesem Hass, der sie tötete.

 

Sie rief nach Klein-Hannes, der mit seinen Freunden in der Mitte des Beckens tobte, wild schreiend spielte.

Hannes, ich gehe wieder heim.

Ist gut, Mama. Ich komme am Abend.

So bis um sechs Uhr, rief Anna. Mutter. Gute Mutter.

Und trockne dich ab und vergiss nicht deine Unterhose anzu­ziehen und lass nicht deine Badehose liegen. Das dachte sie nur. Sie liebte dieses Kind und manchmal war sie über­beschützend. Zu besorgt.

Auf der Terrasse liegen und das Buch lesen. Vielleicht. Wenn sie nicht weinen musste. Oder Kotzen.

 

Mama am Beckenrand beugte sich herunter und drückte Annas Kopf unter Wasser. Der Rest des Körpers war steif, unbeweg­lich. Dann zog sie Anna an den Haaren hoch und schlug ihr ins Gesicht.

Du blöde Gör. Den ganzen Körper. Du sollst tauchen.

 

Nein Mama, ich kann nur kotzen, sagte Anna.

Und circa dreißig Jahre nach dieser Szene schaffte sie es nicht einmal bis nach hause, sie stand an der Straße in der prallen Sonne und musste sich übergeben. Kotzen im dünnen Strahl. Schaffte es dann gerade mit zitternden Knien bis nach hause. Kotzen. Schlafen.

Geh mit mir ins Schwimmbad.

NIE wieder. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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