Alfred Hermanni

Sein letzter Job

 

 

Geometrie einer tödlichen Rache

 

Von Alfred Hermanni und Peter Jaskewitz   25.02.2012

(Alle Rechte vorbehalten)

 

Liebe Leser,
die Geschichten
Bekifft in Deutschland- Freddy war hier, Der Hund und das Licht über den Bergen sowie Der Gejagte bzw.Heimliche Hatz als extended Version sind die Vorgängerstorys der nachfolgenden Erzählung und geben Ihnen neben den entsprechenden Hintergrundinformationen eine andere bzw. differenziertere Sicht auf die Protagonisten.

 

 


Tagewerk

 Guten Morgen, mein Schatz. Wie geht es dir heute?“, fragte mich meine Frau und gab mir wie immer zuverlässig einen zärtlichen weichen Kuss auf die Lippen.

Mir geht es gut“, antwortete ich ihr mit einem strahlenden Lächeln.

Warum?“

Weil es dich gibt und du bei mir bist“, erklärte ich und hauchte ihr einen Kuss auf ihre Wange. Dabei drückte ich sie zärtlich an mich und blickte verliebt in ihre Augen.

Im Ernst, Dieter. Wie geht’s dir wirklich?“, hakte sie nach.

Naja, es ging mir schon mal besser. Aber ich kämpfe mich durch. Weißt du, früher als ich noch Motorrad fuhr, und ich bin viel mit meinem Moped gefahren, habe ich einige Unfälle überstanden und trotzdem genau gewusst, dass es mich nicht umbringen wird. Es war so eine Intuition, ein tiefes sicheres Gefühl, ein intuitives Wissen, irgendwie in meinem Karma verankert. Und heute weiß ich ebenso, dass mich dieser Scheiß-Krebs auch nicht umbringen wird. Ich werde es schaffen. Wenn das neue Medikament aus den USA wirklich so gut wirkt, wie Dr. Lukas meint, dann gewinne ich meinen wohl letzten großen Kampf. Aber dagegen sind die Kämpfe aus meiner Zeit als Rocker wohl der reinste Kindergeburtstag, Brötchen eintunken oder so“, schloss ich mit meinem Lieblings-Standardspruch und verließ mein Bett, um mich der morgendlichen Hygiene zu widmen.

Ich mach dann schon mal Kaffee. Soll ich ein paar Brötchen vom Bäcker holen?“, fragte Marion und blickte mich mit ihrem bezaubernden Lächeln an.

Ist nicht nötig.“

Na gut, dann nicht“, flötete Marion erleichtert und begann, das Frühstück zu vollenden.

Ich erledigte meine Morgengeschäfte. Aber ich war zwangsläufig ins Grübeln gekommen und dachte über meinen neuen Freund, den Krebs, nach. Nur zufällig war ans Tageslicht gekommen, dass es auch mich erwischt hatte:
Bauchspeicheldrüsen-Krebs im Anfangsstadium. Der speziellen seltenen Variante meiner Erkrankung war derzeit wohl nur mit genetisch modifizierten Präparaten beizukommen. Es gab sie mittlerweile angeblich, und zwar im Erprobungsstadium - und natürlich nur aus dem Ami-Land. Weiß der Teufel, welche Puma-Spucke die sich da zusammengebraut haben, dachte ich in einem Anflug schwarzen Humors und grinste fatalistisch. Doch die ganze Grübelei brachte nichts. Ich musste in der Tat abwarten, ob das angekündigte US-Medikament hielt, was es versprach. In Fortsetzung meiner humoristischen Anwandlung dachte ich: Es wäre ja auch das erste Mal, wenn mir etwas aus dem Ami-Land helfen würde, eine ganz persönliche Premiere. Denn als enthusiastischer Fan der US-Spezies war ich beileibe noch nicht aufgefallen. Und so blieb ich skeptisch.

Ich bewegte mich nun instinktiv in Richtung des herrlichen Kaffeearomas auf die Küche zu, in der mich außerdem der Duft von frisch getoastetem Brot, Schinken und Rührei empfing. Halb zog es mich, halb sank ich hin, und der riesige Appetit auf das Frühstück kam wie von selbst.

Der Tisch war schon gedeckt. und Marion goss mir eine gute Portion Kaffee in meinen großen Lieblings-Kaffeepott.

Ich genoss das belebende Getränk. Überhaupt genoss ich seit dem Tag, als ich von meiner Krankheit erfuhr, jede Sekunde meines Lebens viel intensiver und wusste nun auch die kleinen glücklichen Momente des Tages zu schätzen. Selbst die Stille, in der wir unser Frühstück verzehrten, gab mir ein Gefühl der Geborgenheit, dass ich in früheren, turbulenteren Tagen nie bemerkt hatte. Aber jetzt...

Was hast du heute noch vor?“, unterbrach Marion meine Gedanken.

Tommy will heute Vormittag mal reinschauen. Ich schätze, wir werden die alte Z 900 restaurieren“, gab ich zur Antwort.

Schatz, du weißt doch, dass mir diese Bezeichnungen nichts sagen. Die was, also?“

Die Kawasaki Z 900. Eine 1978er. Wir wollen sie zu meinem 60sten Geburtstag fertig bekommen.“

Dann ist das Bike ja schon ganz schön alt“, stellte Marion fest.

Ja, 39 Jahre ist sie alt. Mein erstes Motorrad war eine Z 900. Damals bei den Freeway Tigers.“

Mir wurde ein wenig wehmütig, als ich an meine Zeit in der Gang dachte. Ja, damals war ich ein harter Kerl. Mitnichten kein Weichei. So mancher Konkurrent hatte das zu spüren bekommen. Viele Prügeleien habe ich überstanden, und dank meiner Kampfsportkenntnisse im Wing-Tsun war ich auch fast immer als Sieger vom Platz gegangen.

Und was machst du heute sonst noch so, meine süße Zuckermaus?“, fragte ich meine Frau.

Ich treffe mich heute noch mit Birgit, sie will mir endlich ihren neuen Freund vorstellen. Ich bin schon total neugierig.“

Sie hat einen neuen Freund?“, fragte ich ein wenig spöttisch, denn Birgit wechselte ihre Freunde so häufig, wie manch andere Frau ihr Hemd.

Ja, und er ist auch zehn Jahre jünger als sie.“ Sie hatte meinen leisen Spott wohl nicht ganz mitbekommen.

Dann ist er ja gerade mal 35 Jahre alt“, stellte ich fest, „und hat wahrscheinlich einen derben Mutterkomplex, hi, hi…“

Es gibt nun mal Männer, die reifere Frauen mögen.“

Gut, dass wir schon überreif sind“, knurrte ich.

Du, was soll das, hast du Angst vor jüngerer Konkurrenz?“, fragte Marion spitzbübisch.

Nein, nicht wirklich. Ich vertraue dir fast völlig.“

Das will ich aber auch meinen, aber die Einschränkung zeigt mir nur deinen Realitätssinn, Dieter. Oder glaubst du, dass ich gar keine Chancen hätte?“

Ich kannte das schon und schürte das Feuer ein wenig durch mein skeptisches Mienenspiel. Im Grunde wollte sie nur meine Eifersucht heraushören.

Vertraust du mir auch?“, fragte ich sie unvermittelt.

Was für eine Frage, Dieter. Selbstverständlich.“

Will ich auch gemeint haben“, knurrte ich und machte den Harten.

Sag mir nur, welchen Selbstmord- Kandidaten ich mir vornehmen muss“, setzte ich noch einen obendrauf.

Hach, ihr Männer, als wenn solche Drohungen im Ernstfall etwas ändern würden“, entgegnete meine Süße. Und recht hatte sie.

Übrigens trage ich mich mit dem Gedanken, einen Hund für uns zu adoptieren“, wechselte sie unvermutet das Thema.

Ich blickte sie völlig überrascht an.

Ist das dein Ernst?“, fragte ich.

Weißt du, seit Carlos nicht mehr bei uns ist und auch unser Sohn nicht mehr hier wohnt, fehlt mir irgendwie etwas. Du weißt, ich mag Hunde, und ich glaube ein Hund würde uns beiden ganz gut tun. Genug Auslauf auf unserem Anwesen hätte er ebenfalls. Wir kämen öfter raus, du würdest nicht ständig in deiner Werkstatt herum schrauben, und überhaupt hätten wir eine neue Aufgabe“, schloss Marion ihren Vortrag.

Ja, ich verstehe das. Ich denke auch oft an Carlos, unseren alten Freund, und er besucht mich häufig in meinen Träumen. Werde darüber nachdenken, meine Zuckermaus. Einverstanden?“

Du bist der Beste, mein Schatz“ jubelte meine Marion auf.

Das wollte ich nur hören“, entgegnete ich.

Ihr Blick strahlte vor Freude, sie war sicher, dass ich ihrem Wunsch nachgeben würde. Womit sie nicht ganz unrecht hatte, denn es fiel mir meist schwer, meiner schönen Marion etwas abzuschlagen. Und wie schön sie noch war, so voller Anmut... Ihr zauberhafter Duft betörte mich noch immer, täglich. Da war auch noch dieser besondere tiefgründige Blick, den ich so mochte an ihr. Dann der sinnliche, volle Mund. Und ein herrliches Lächeln, das stets auch ihre Augen erreichte, wenn sie denn lachte - blaue Augen, herrlich geschwungene Brauen und lange Wimpern, die eingebettet waren in ein Gesicht, noch schöner als das der Mona Lisa, die ich eigentlich überhaupt nicht schön finde. Sie war vielleicht im Mittellalter ein Schönheitsideal, aber heute... Und wenn diese Augen die sprichwörtlichen Fenster zu ihrer Seele waren, dann habe ich täglich in das Paradies geblickt… Natürliches dunkles, volles Haar, ganz ohne Färbung, umrahmte ihr Gesicht, um dann auf ihre schmalen Schultern zu fallen. Und diese langen Beine, die eine so perfekte Komposition mit ihrer übrigen Figur bildeten. Ich war wie immer hin und weg, verliebt, wie damals im bayerischen Wald… Ich könnte bis ins Unendliche fortfahren mit der Hommage an meine Gefährtin, meine Ehefrau und Geliebte.

 

Aber ich unterbrach meinen überaus angenehmen Gedankenfluss und kehrte zurück in die Wirklichkeit. In eine Wirklichkeit, in der mich Marion mit diesem speziellen, seltsam-lüsternen Blick ansah, wenn sie mehr wollte als eine Umarmung oder einen Kuss. Ich ahnte es, denn hier ging es nicht um den kleinen Hunger zwischendurch, sondern um mehr.

Sie drängte sich an mich. Ihr Unterleib suchte den meinen. Dann schob sie ihr Knie ein wenig höher in die Richtung meines Lustzentrums, das wie erwartet entbrannte und mit aller Macht zu ihrem wollte. Während wir uns küssten und miteinander schmusten, schob ich sie in Richtung Schlafzimmer. Vielleicht war es auch anders herum. Wer wen zog oder drängte, weiß ich nicht mehr. Nur noch, dass wir irgendwann in einen kleinen Erschöpfungsschlaf fielen und nahezu gleichzeitig aufwachten. Verschmitzt lächelte sie mich an.

Hätte ich früher nie gedacht, dass wir es noch so lange treiben würden.“ Wohlig räkelte ich mich noch einmal und sagte: „Und so soll es bleiben. Aber nach meinem 90. Geburtstag tun wir´s nur noch einmal täglich, oder?“

Die beste Ehefrau von allen sagte nur: „Angeber“, entstieg unserem Lotterbett und entschwand in die Dusche.

 

Indessen knüpfte ich an meine verträumten Gedanken von vorhin an.
…warum auch nicht, Marion hatte schon irgendwie recht, ein Hund würde uns beiden gut tun. Denn schließlich war es ja ein Hund gewesen, Carlos, der uns damals, vor einer halben Ewigkeit zusammenbrachte.

Seinerzeit wollte ich nach meinem letzten Knastaufenthalt eigentlich nur ein paar ruhige Tage im Bayerischen Wald verbringen, zu mir selbst finden und so, als ich Carlos, den Wolfshund, zum ersten Mal traf. Eine zarte Bande entstand zwischen uns zwei überaus misstrauischen Gesellen. Und als ich in größter Not war, rettete Carlos mir mein Leben…

Meine Gedanken gingen zurück, und ich befand mich wieder dort - im Wald. Zufällig war ich Zeuge eines Mordes geworden, den ein Menschenschmuggler an einem jungen Mann verübte. Während einer Wanderung hatte ich beobachtet, wie dieser eiskalte Geselle diese abscheuliche, brutale Tat vollführte. Anschließend hetzte er mich mit seinen Kumpanen durchs Gehölz, um mich als potentiellen Zeugen zu beseitigen. Zwei Schüsse streiften mich an Arm und Bein. Trotz aller Gegenwehr traf mich doch noch eine Kugel in die linke Schulter, und ich ging schwer verletzt zu Boden. Gerade als er zum finalen Todesschuss ansetzte, kam Carlos wie ein Racheengel über ihn und schickte den brutalen Mörder ins Jenseits. Er hatte ihm die Pistolenhand und anschließend Kehle zerbissen. Mit Mühe gelang es mir seinerzeit, zu verhindern, dass Carlos dafür eingeschläfert wurde. Mitsamt seinem Frauchen, Marion, holte ich ihn zu mir nach Dortmund. Marion und ich wurden ein Paar und gründeten schließlich eine Familie.

 

*

 

Ich schenkte mir noch einen Kaffee nach, als das Telefon klingelte. Marion drückte die Aktivierungstaste, als auch schon das Bild unseres Sohnes Freddy auf dem Monitor erschien. Schöne neue Technik.

Freddy, welch eine Überraschung. Wie geht es dir? Wann kommst nach Dortmund? Wie geht es deiner Frau?“, stellte Marion gleich mehrere Fragen auf einmal.

Gut. Bald. Gut.“ So beantwortete Freddy systematisch ihre drei Fragen und lächelte sie an. Er kannte seine Mutter und wusste, wie er sie zu nehmen hatte.
 

Wir hatten ihn nach meinem jüngeren Bruder Freddy benannt, der damals im Polizeigewahrsam aufgrund schwerer Misshandlungen des Wachpersonals zu Tode kam. Wir Brüder waren verhaftet worden, weil wir uns in Notwehr gegen den Angriff von drei türkischen Kleindealern verteidigt hatten. Letztlich war das aber nur ein Vorwand, um Freddys habhaft zu werden. Er hatte ohne mein Wissen Kontakte zu einem holländischen Großdealer aufgebaut. Die Polizei war an den Informationen interessiert und wollte ihn dazu verhören. Doch schon in der Nacht kam es zu Übergriffen durch das Wachpersonal, bei denen Freddy tödlich verletzt wurde.
Ich habe seinen Tod gerächt und fünf Beamte des Wachpersonals schwer verletzt, in Notwehr zwar, aber es reichte dem Gericht dennoch, mich für ein paar Jahre wegzusperren. Zum Glück ist das jetzt Vergangenheit.

Ich stellte mich zu Marion in den Aufnahmebereich der Kamera und sah wie mein Sohn auch mich anlächelte.

Hi, Pa, geht es dir gut?“

Ich nickte und wartete ab, was da noch kommt. So war es auch.

Ich hab eine Überraschung für dich“, fuhr unser Sohn fort. „Gestern habe ich die Prüfung bestanden. Ich trage jetzt den schwarzen Gurt. Der Großmeister hat mich sogar belobigt und festgestellt, dass ich seit langem der beste Prüfling gewesen sei. Das ist vor allem dein Verdienst, Papa, weil du mich schon so früh an die Kampfkunst herangeführt hast.“
„Das freut mich sehr für dich, obwohl du dich nicht für Wing-Tsun entschieden hast, sondern für dieses Ha…-Dings“, ich musste kurz überlegen, „...dieses Hwarang-Do. Tja, und nun bist du ein Meister. Alle Achtung. Meinen Glückwunsch, Junge!“
„Nun, mein Väterchen, auf dem beschwerlichen Weg während des Jurastudiums hast du mich ja ebenfalls nach Kräften unterstützt. Dass ich Richter werden konnte…, dazu hast du auch nicht unmaßgeblich beigetragen“. erwiderte Freddy.

Die letzte Bemerkung überging ich, weil es mich wie immer verlegen machte, mit Lob umzugehen. Obwohl ich vor Rührung fast zerfloss, machte ich den Harten, und so knurrte ich nur: „Bin sehr stolz auf dich, Sohn.“ Aber Freddy kannte mich und wusste auch mit meinen seltsamen Anwandlungen umzugehen. Ich wusste ebenfalls von ihnen, aber es war stärker als ich. Zur Überbrückung meiner Verlegenheit fragte ich: „Wann kommst du nach Hause?“

Schon morgen. Du brauchst mich übrigens nicht vom Flughafen abzuholen. Ein Kollege aus einer anderen Abteilung fliegt auch nach Deutschland und wird von seiner Frau abgeholt. Sie wollen nach Münster und setzen mich dann in Dortmund ab. Wenn alles passt, bin ich morgen Abend bei euch. Ich freue mich schon.“

Wir uns auch, mein Junge. Ich wünsche dir einen guten Flug, grüß´ Jenny von mir und deinem Vater“, verabschiedete sich Marion im Hintergrund.

Bis morgen, Mütterchen.“

Bis morgen, Freddy“, sagte ich auch noch, aber der Bildschirm wurde schon dunkel.

Ist das nicht schön, unser Sohn kommt nach Hause!“, schwärmte Marion und drückte sich überglücklich fest an mich.

Ja, sogar sehr schön. Immerhin haben wir ihn zwei Jahre nicht bei uns gehabt, weil er unbedingt sein Sabbatjahr nehmen musste, und das gleich für 2 Jahre“, nöhlte ich ein wenig herum und widmete mich auffällig dem Frühstück, aber mehr um meine freudigen Gefühle zu verbergen. Bisher wusste Freddy nichts von meiner Erkrankung, und ich hatte auch nicht vor, ihn damit zu belasten.

Marion setzte sich zu mir, aß aber nichts mehr, sondern blickte verzückt vor sich hin. Nach dem letzten Kaffee, gönnte ich mir eine Zigarette und rauchte sie genüsslich auf der Terrasse zu Ende, wobei ich den Blick in unseren schönen, großen Garten genoss.

Dann zog ich mir einen Arbeitsoverall an und ging über den Hof zu meiner Werkstatt, die gleich neben Marions Atelier lag.
Sinnierend öffnete ich das Tor zur Werkstatt. Ja, Marion war nicht nur eine hochintelligente und selbstbewusste Frau, sondern überaus kreativ. Sie hatte bildende Kunst - mit einer Affinität zu Auguste Rodin bis hin zu abstrakten Darstellungen von Bronze- und Eisenskulpturen wie denen von Henry Moore - studiert. Sie blühte regelrecht auf, wenn sie davon erzählen konnte. Und wenn sie mal wieder eine Schaffensphase einlegte bzw. eine ihrer schönen Skulpturen erschuf, sah ich sie tagelang nicht. Soviel zu ihrem „Du-würdest-nicht-ständig-in-deiner-Werkstatt-herum-schrauben-Argument“ der allerbesten Ehefrau von allen, dachte ich mit gutmütigem Spott. Wer hatte diese Redewendung so oder ähnlich noch benutzt? Ach, ja, der gute, alte Kishon, fiel mir ein…

Aber auch ich hatte meinen Beruf zum Hobby gemacht. Nicht dass ich es nötig gehabt hätte. Geld hatte ich genug verdient. Wir kamen gut herum. Aber ich restaurierte für mein Leben gern antike Motorräder, die allesamt schon einige Jährchen auf dem Buckel hatten. Hauptsächlich Kawasaki, meine Lieblingsmarke. Ich habe in meiner Jugend eine Ausbildung in einer Motorradwerkstatt von Kawasaki bis hin zum Meister absolviert und eine ganze Weile sogar erfolgreich eine Tuning-Werkstatt betrieben, was mir in der Szene einen ansehnlichen Namen eingetragen hat.

Ich öffnete die Tür zur Werkstatt und ging hinein. Da stand sie nun, die Kawasaki Z 900, eine legendäre Maschine: zu ihrer Zeit das schnellste Serienmotorrad der Welt. Und für mich auch das schönste. Sein tropfenförmiger Tank, der bullige, kraftstrotzende Motor und die lange, schlanke Teleskopgabel verliehen dem Bike eine unvergleichliche Ästhetik.

Ich ging zur Werkbank und nahm mir ein paar Werkzeuge aus dem Sortiment. Als erstes musste der Motor ausgebaut und zerlegt werden. Die Kurbelwelle samt ihrer Lager musste eingeschliffen werden. Dazu passende Zylinder und Kolben. Wahrscheinlich waren neue Lagerschalen und ebenfalls ein kompletter Satz neuer Dichtungen fällig. Viel Arbeit lag noch vor mir, aber ich war mir sicher, dass am Ende ein Motorrad von perfekter Qualität vor mir stehen würde. Und weil ich wusste, dass es genug Liebhaber gab, die mir auch den entsprechenden Preis bezahlen würden.
 

*

 

Ich hatte gerade die erste Schraube der Motorhalterung gelöst, als ich draußen das typische Summen eines E-Autos hörte. Ich musste mich erst noch daran gewöhnen, dass mittlerweile viele Autos in der Stadt heute mit einem Hybrid- oder Elektromotor ausgestattet waren.

Das charakteristische Brummen eines Verbrennungsmotors würde wohl bald schon Geschichte sein.

Morgen Dieter, alles klar?“, begrüßte mich mein Freund Tommy und betrat die Werkstatt.

'n morgen Tommy, wenn du einen Kaffee willst, sag Marion Bescheid und bring mir bitte auch noch einen mit.“

Ja, gute Idee, auf Marions Kaffee freue ich mich immer ganz besonders.“ Ein paar Minuten später brachte Tommy zwei große Kaffee-Pötte in die Werkstatt, setzte sich zu mir und reichte mir einen davon. Ich legte eine Pause ein.

Wortlos tranken wir den Kaffee. Ich schaute Tommy an und erinnerte mich an die dramatischen Ereignisse, die ihn vor ein paar Jahren beinahe das Leben gekostet hatten und auch das meine drastisch verändert haben.
Als Helden wurden wir anschließend gefeiert, weil wir zum Erhalt unserer Demokratie und der Wahrung der Bürgerrechte beigetragen haben. Fast hätte Deutschland seine grundgesetzlich garantierten demokratischen Freiheiten verloren. Versonnen dachte ich daran zurück:

Mit Wissen des Innenministers der deutschen Regierung, seines Geheimdienstes und der Beteiligung von US-Geheimdiensten sollten deutsche Bürger ausgespäht und ihrer Grundrechte beraubt werden. Denn alle Besitzer des neuen Personalausweises mit integriertem Mikrochip wurden zur Zielscheibe der beiden Geheimdienste. Ein großangelegter Feldversuch zur Erprobung eines neu entwickelten Ortungsgeräts, mit dem man alle im Ausweis gespeicherten Daten erfahren und sogar manipulieren konnte, sollte in Deutschland den Boden für eine weltweite Überwachung aller verdächtigen Bürger den Boden ebnen. Durch einen tragischen Zufall gelangte eines dieser Ortungsgeräte in die Hände von Tommy's Neffen Manni, der bei der anschließenden Verfolgungsjagd von einem CIA- Agenten erschossen wurde. Tommy wehrte sich aber nach Leibeskräften und ersuchte mich anschließend um Hilfe.

Gemeinsam konnten wir die Geheimdienst-Leute austricksen und den Skandal publik machen. Der daraus resultierende Ruhm brachte uns beiden sogar noch eine gute Stange Geld ein. Ich konnte daraufhin meinen Beruf zum Hobby machen und mit meiner Familie ein angenehmes Leben führen.

Das alles, und noch viel mehr ging mir durch den Kopf, als ich Tommy anschaute. Sogar seine Lebensgefährtin, Sonja, war damals in Australien von der CIA entführt worden. Nur durch die Hilfe eines Freundes in Down-Under, Don hieß er, kam sie gerade so mit dem Leben davon.
Die dramatischen Ereignisse hatten unsere Freundschaft vertieft, und wir verbrachten viel Zeit miteinander.

Der Kaffee ist echt gut, du hast wirklich eine Klasse-Frau“, unterbrach Tommy meine Gedanken.

Ja, die habe ich. Aber deine Sonja ist ja auch eine Super-Klasse für sich“, meinte ich dazu. Ich sah das Lächeln in Tommys Augen und wusste, dass er seine Frau noch immer liebte.

 

Ja, auch ich liebte Marion, meine wunderbare, geliebte Frau. Sie ist schon ein besonderes Geschenk des Schicksals an mich. Ich liebte sie über alles und konnte mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Das Beste, was mir im Leben je passiert ist…

Nun ist es nicht so, dass wir uns nicht mal stritten. Natürlich waren wir öfters anderer Meinung und wir fetzten uns. Aber dieses Grundvertrauen, dass deshalb unsere Liebe nicht beschädigt würde, hatte nach wie vor unverbrüchlich Bestand. Umso mehr würde ich gegen meine Krankheit kämpfen, und ich würde gewinnen. Marion und unser Sohn waren es wert, dass ich diesen letzten großen Kampf führe und gewinne.
Aber zurück in der Gegenwart, stellte ich fest, dass ich einen Motor zu zerlegen hatte und machte mich an die Arbeit, unterstützt von Tommy.

 

Nachdem ich den Ventildeckel entfernt hatte, baute ich den Zylinderkopf ab und schraubte die Kurbelwelle aus dem Gehäuse. Ich schaute sie mir genauestens an, nahm einige Messungen vor und kam zu dem Schluss, dass sie völlig hinüber war. Zu tief waren die Riefen und Rillen, hier war nichts mehr zu machen. Das war auch Tommys Einschätzung. Zum Glück hatte ich noch einige halbwegs gute und verwertbare Kurbelwellen dieser Baureihe gehortet und suchte mir die Beste heraus, überprüfte sie und bat Tommy darum, sie zu einem befreundeten Betrieb zu bringen, der sich auf das Schleifen von Kurbelwellen- und Zylindern spezialisiert hatte. Den dazu passenden Dichtungssatz sollte er auch gleich mit bestellen.

Tommy verstaute die Teile in seinem Wagen und machte sich auf den Weg.

Ich wusch mir die Hände, ging zurück ins Haus und zog meinen Overall aus.

Ich hab Tommy gesehen, ist er wieder weggefahren?“, fragte mich Marion.

Er kommt gleich wieder, bringt nur eine Kurbelwelle zum Schleifen. Hast du Lust, einen kleinen Snack für Tommy und mich vorzubereiten?“

Na klar, mein Schatz.“

Während sich Marion an die Arbeit machte, ging ich ins Büro, wählte die Telefonnummer meines Arztes und ließ mich von seiner Mitarbeiterin direkt mit ihm verbinden.

Sein freundliches Gesicht erschien auf dem Bildschirm, und er lächelte, als er mich begrüßte. „Herr Sedler ich grüße Sie. Was kann ich für Sie tun?“

Guten Tag, Herr Dr. Lukas. Ich wollte nur einmal nachfragen, wann ich mit dem neuen US-Medikament rechnen kann.“

Oh ja, ich habe eine erfreuliche Nachricht für Sie. Schon heute Nachmittag erhalte ich es, wir können auch gleich einen Termin vereinbaren, damit ich es verabreichen kann.“

Das hört sich gut an. Wann immer es Ihnen passt, Herr Doktor.“

Dann schlage ich übermorgen vor, ist Ihnen 11:00 Uhr angenehm?“

Sehr angenehm. Vielen Dank, Dr. Lukas.“

Gerne, auf Wiedersehen.“

Zurück in der Küche teilte ich meiner Frau die Neuigkeit mit. Sie freute sich genauso wie ich darüber und drückte sich fest an mich. Ich spürte, dass sie sich trotz meiner Zuversicht noch immer Sorgen machte.

Ein warmes, angenehmes Gefühl durchströmte mich. Niemals mehr wollte ich dieses Gefühl ihrer Liebe zu mir missen. Auch ich würde sie bis ans Ende meiner Tage lieben. Ich drückte sie auch an mich und spürte etwas Feuchtes an meiner Wange. Tränen, Marion weinte und konnte einen weiteren Tränenstrom nicht unterbrechen.

Ich liebe dich, mein Dieter. Und ich will dich nicht verlieren, hörst du? Bleib bitte bei uns. Du musst kämpfen und gewinnen. Besiege diesen Scheiß-Krebs!“, schluchzte sie und klammerte sich noch fester an mich.

Ich werde gewinnen. Ich verspreche es dir.“ Auch ich war den Tränen nahe und konnte nicht verhindern, dass meine Augen feucht wurden.

Noch eine Weile standen wir eng umschlungen in der Küche. Dann löste sich Marion von mir und machte weiter mit dem Snack für Tommy und mich.

Keine halbe Stunde später fuhr auch schon Tommy vor und stieg aus seinem Fahrzeug. Ich öffnete die Haustür und ließ ihn ein.

Alles erledigt, Dieter. Übermorgen Nachmittag kann die Kurbelwelle abgeholt werden.“

Die Lagerschalen und die anderen Teile auch?“

Selbstverständlich.“

Prima, komm lass uns eine Kleinigkeit essen. Du hast sie dir verdient. Marion hat etwas vorbereitet.“

 

 

Frauen unter sich

 

Am Nachmittag stieg Marion in ihr E-Auto und fuhr zu ihrer Freundin. Es war kein weiter Weg, aber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nur unzureichend erreichbar. Der Gedanke an Dieters Erkrankung nagte an ihr, und sie musste sich eingestehen, dass sie große Angst um ihn hatte. Sie liebte ihren Mann über alles und wollte mit ihm sehr, sehr alt werden. In manchen Nächten verließ sie das gemeinsame Bett, ging in die Küche und weinte. Sie wollte es ihn nicht spüren lassen und auf diese Weise entmutigen. Aber sie ahnte, dass er von ihren nächtlichen Ausflügen in die Depression wusste.
Besser auch, dass er nichts von den extrem hohen Kosten wusste, die für die genetisch modifizierten Medikamente fällig wurden. Zwar konnten sie beide von ihren derzeitigen Einkünften sorgenfrei leben, aber hunderttausende Dollars mal nebenbei hatten auch sie nicht zur Verfügung.

Als sie gar nicht mehr weiter wusste, hatte sie mit Sonja und Tommy über dieses Thema gesprochen, um nach Auswegen zu suchen. Und zu ihrem Erstaunen haben Tommy und Sonja sofort erkannt, worauf es ankam. Sie hatten genug Geld, insbesondere nach den Entschädigungszahlungen der US-Geheimdienste und des Bundes-Innenministeriums und boten es spontan und bereitwillig für Dieters Heilung an.
Nach langem Zaudern willigte Marion schließlich ein. Sonja und Tommy waren glücklich, sich endlich für Dieters Hilfe revanchieren zu können. Die finanzielle Frage war also geklärt.

Nur einer durfte nichts davon erfahren: Dieter selbst! Denn dieser hätte mit tödlicher Sicherheit abgelehnt. Soviel stand für die Helfergruppe fest. Und Dr. Lukas wurde dazu vergattert, die Kostenfrage zu meiden und allenfalls nur zuzugeben, dass es sich um eine der ersten Chargen von Medikamenten eines kleinen, noch unbekannten, US-Pharma-Unternehmens handele, zu dessen Management er beste Beziehungen aus seiner Studienzeit hätte.

 

Aber jetzt versuchte Marion, ihre depressiven Gedanken beiseite zu schieben und konzentrierte sich auf den Verkehr.

Ein paar Minuten später erreichte sie das Haus ihrer Freundin, parkte den Wagen vor der Garage und stieg aus.

Noch bevor sie die Haustür erreichte, wurde schon geöffnet, und Ihre Freundin Birgit begrüßte sie voller Freude.

Das bei Frauen übliche Küsschen-Geben durfte natürlich nicht fehlen. Nach dem Begrüßungsritual gingen beide ins Haus. Marion legte ihre Garderobe ab und ließ sich im Wohnzimmer seufzend auf einen der bequemen Sessel nieder. „Tee oder Kaffee, Schätzchen?“, fragte Birgit.

Tee, Earl Grey, bitte, falls du welchen im Hause hast.“

Oh, da habe ich einen ganz besonders guten Tee. Den habe ich gestern bei TK-Maxx gekauft. Von The London Tea Company. Der ist total lecker. Lass dich überraschen.“

Während Birgit den Tee zubereitete, nahm sich Marion eine Zeitschrift vom Tisch und blätterte darin herum, fand aber nichts, was sie besonders interessierte. Also legte sie sie wieder zurück, stand auf und ging zu ihrer Freundin in die Küche.

Wann kommt denn nun dein neuer Freund?“, wollte Marion von Birgit wissen.

Der sollte eigentlich schon längst hier sein. Aber Pünktlichkeit gehört nicht zu seinen Stärken. Sogar bei unserem ersten Date kam er zu spät. Ich wollte schon fast gehen, als Francis dann doch noch auftauchte. Wie geht es übrigens Dieter?“

Birgit wusste nichts von Dieters Krankheit, und Marion wollte es ihr auch nicht erzählen.

Gut. Er schraubt mit Tommy an so einem alten Motorrad herum.“

Ich hatte früher, als ich siebzehn war, auch einen Freund mit einem Motorrad. Wir haben tolle Touren gemacht und hatten viel Spaß“, berichtete Birgit.

Hast du noch Kontakt zu ihm?“

Nein“, erwidertet ihre Freundin. „Ein paar Jahre, nachdem wir uns trennten, ist er tödlich verunglückt.“

Mit dem Motorrad?“, fragte Marion interessiert nach.

Nein, es war ein Autounfall. Er war Beifahrer, als ein junger Türke unter Drogeneinfluss ihnen in die Seite krachte. Der Bursche war auf der Flucht vor der Polizei und raste mit über hundert Sachen durch die Stadt, mitten in das Auto. Der Türke, der Fahrer und Bernd, mein Exfreund, waren auf der Stelle tot.“

Das ist ja schrecklich.“

Lass uns über was anderes reden. Hier, bitte, dein Tee. Möchtest du Zucker oder Kandis?“

Ja, Kandis bitte.“

Marion setzte sich an den Küchentisch, während Birgit sich ihren Tee eingoss und sich dann zu ihr setzte. Sie lauschten dem vertrauten Knacken des Kandis, als das Telefon klingelte. Birgit aktivierte den Monitor, und ein gutaussehendes männliches Gesicht erschien auf dem Bildschirm.

Hallo, Schatz“, hörte Marion die Stimme von Francis.

Hallo, Francis, ich dachte, wir wären bei mir verabredet.“ Ein leichter Vorwurf klang in ihrer Begrüßung mit.

Ja, ich weiß, aber mein Auto streikt, und deshalb dachte ich, falls du Lust hast, dass du ja mit deiner Freundin zu mir kommen könntest. Nur, wenn sie möchte, natürlich.“

Birgit blickte zu Marion und erntete ein Kopfnicken mit leichter Schnute.

Ja, dann werden wir wohl oder übel zu dir kommen, Francis. Du kannst zwischenzeitlich schon mal einen Tee vorbereiten, den Earl Grey, den ich dir gestern mitgebracht habe. Wir fahren gleich los, in etwa zehn Minuten sind wir bei dir. Bis gleich.“

Ja, dann bis gleich“, bestätigte Francis und unterbrach das Telefonat.

Marion trank ihren Tee aus und stellte die Tasse in die Spüle. Birgit nahm noch einen kleinen Schluck aus ihrer Tasse, ließ diese aber dann auf dem Küchentisch stehen und folgte Marion zur Garderobe.

Ist Francis eigentlich sein wirklicher Name?“, wollte Marion wissen.

Nein, er heißt eigentlich Franz-Josef. Aber sprich ihn nur nicht damit an. Darauf reagiert er allergisch. Als Kind hat er gern die alten Piratenfilme gesehen, und Sir Francis Drake gefiel ihm so gut, dass seine Eltern ihn dann Francis nannten.“

Klingt allerdings auch besser als Franz-Josef“, kommentierte Marion.

Ja, finde ich auch. Gut, dann lass uns aufbrechen.“

 

 

Francis´  Francis' kleine Schwäche

 

Nach kurzer Fahrt erreichten sie das Haus, in dem Birgits neuer Lover eine luxuriöse, große Mietwohnung in der ersten Etage bewohnte.

Francis begrüßte beide Frauen, Marion sogar mit einem angedeuteten Handkuss und führte sie in sein teuer ausgestattetes Wohnzimmer.

Der Tee war schon zubereitet, und Francis reichte Kekse dazu.

Nachdem sie ein wenig geplaudert hatten fiel Marion ein seltsames Verhalten an Francis auf. Ständig sog er die Luft hörbar durch seine Nase, fummelte andauernd daran herum und war überhaupt sehr fahrig bis nervös.

Dann stand er urplötzlich auf, ging in einen anderen Raum und kam mit einem kleinen Spiegel sowie einigen schmalen Papierröllchen zurück.

Der wird doch wohl nicht…, dachte Marion, als Francis auch schon ein kleines Plastikbeutelchen öffnete und eine Portion Kokain auf dem Spiegel verteilte. Dachte ich mir doch..., sagte sich Marion in Gedanken. Francis sah sie fragend an.

Für mich nicht, bitte“, stellte Marion fest.

Kein Problem, aber ich dachte als Anreger für ein paar nette Spielchen...“, kam Francis übergangslos zur Sache. Als wenn ich auf nichts anderes gewartet hätte, dachte Marion, antwortete aber eher diplomatisch:

Nette Spielchen. Ich weiß schon lange genug, wie die gespielt werden. Danke, kein Bedarf“, unterstrich sie ihre abwehrende Haltung und blickte Birgit und ihren Freund konsterniert an.

Verlegen schaute Birgit zur Seite, offensichtlich war ihr die Situation selbst äußerst peinlich. Vermutlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass Francis sie derartig in Verlegenheit brachte. Doch dann läutete die Türglocke und enthob sie einer Reaktion - vorläufig.

Wird der Hausmeister sein, der nach meinem Wasserboiler sehen soll“, sagte der Kokser, stand auf und ging zum Eingang, öffnete die Wohnungstür ohne durch den Türspion zu schauen. Ein großer Fehler, denn nur Sekunden später stürzte er nach einem knirschenden, trockenen Geräusch rücklings mit blutender Nase krachend ins Wohnzimmer zurück, gefolgt von drei muskelbepackten Gestalten übelster Sorte: Kurz geschorene Schädel, tätowierte Ober- und Unterarme vervollständigten das negative Erscheinungsbild. Überlegen grinsend folgten sie ihm in die Wohnung. Einer von ihnen ging zu Francis, hob ihn mit einer Leichtigkeit hoch, als handele es sich um eine aufgeblasene Gummipuppe und schlug ihm gleich die Faust derbe in die Magengrube, worauf dieser gleich kotzte und die Bestandteile seiner letzten Mahlzeit offenbarte.

Vor Angst völlig erstarrt saßen die Frauen in den Sesseln und mussten hilflos mit ansehen, wie Birgits Lover den nächsten Fausthieb zwischen die Zähne kassieren musste. Das Design seiner neuen Zahngeometrie schien ihm gar nicht zu gefallen, denn er heulte auf wie ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten hat und spuckte einige Zahnstummel aus.
„Wo hast du das Koks?“, fragte der Angreifer, ein Typ mit ausgeprägtem Stiernacken, auf dem ein seltsam asymmetrisch proportionierter, schmaler, kleiner Eierkopf saß. Abgerundet wurde die Erscheinung durch ein ebenso verformtes Gesicht mit einem Schiefmund, dessen Oberlippe eine kleine dunkle Warze zierte. Er musste zugleich wohl der Anführer der Gruppe sein. Eine derartige Ganovenfresse habe ich schon lange nicht gesehen. Wie man nur so herumlaufen kann. Aber da hilft wahrscheinlich auch keine Schönheits-OP, dachte Marion und wandte sich schüttelnd ab, während Francis noch immer verstockt schwieg.

Sag sofort, wo du das Zeug hast, sonst wird es richtig übel für dich und die beiden Weiber“, ließ sich der Schläger mit gefährlich leiser Stimme und deutlich russischem Akzent vernehmen. Um seine Drohung zu unterstreichen, zog er eine Waffe aus seiner Tasche und schraubte seelenruhig einen Schalldämpfer auf. Dann richtete er sie auf Francis' Kopf.

Zum letzten Mal, wo hast du es?“ Francis stand sichtlich unter Schock und stotterte: „Ich, ...ich hab es nn…nicht mehr, Igor. Alles v.. verkauft.“

Du hast drei Kilo verkauft, die dir nicht gehörten? Das glaube ich einfach nicht“, staunte Igor.

Wo ist das Geld?“, knurrte er nun sichtlich gereizt.

Das hab i...ich auch n...nicht mehr, Igor - wirklich, aber du bekommst alles zurück“, kam die lispelnde Antwort stotternd aus den neu entstandenen Zahnlücken hervor.

Was soll das heißen, du hast es nicht mehr?“

Hab Schulden b...bezahlt.“

Mit meinem Geld? Das war ein großer Fehler, Durak. Ein sehr großer Fehler.“

Wohl in Panik sprang Birgit plötzlich auf und wollte zur Tür rennen. Der Pistolenmann blickte nur kurz hinterher und schoss ihr wie nebenbei in den Rücken. Es machte leise “Plopp“, und Birgit stolperte noch zwei, drei Schritte, drehte sich noch zu Marion herum. Dann stürzte sie wortlos mit gebrochenen Augen leblos zu Boden. Unter ihr bildete sich eine Blutlache. Ohne sie weiter zu beachten, wandte sich Igor übergangslos wieder an Francis.

Also, Durak, wir schauen uns erst mal in der Wohnung um und machen danach einen kleinen Ausflug. Mal sehen, ob wir nicht doch noch an unser Geld kommen…“

Entsetzt riss auch Marion ihre Augen auf, als sie sah, dass sich Igor nun ihr zuwandte. Er schwenkte den Pistolenlauf hin und her und schüttelte seinen verformten Schädel, als sei er noch unschlüssig, doch konnte er seine Perversion nicht verbergen und kostete seine Macht als Herr über Leben und Tod genüsslich aus.

Eigentlich schade um Dich, Krassiwaja, schöne Frau, aber nimm das nicht persönlich…“, sprach er. Marion war zu keiner Entgegnung fähig, wie gelähmt blickte sie in den Pistolenlauf. Und wie in einer Art Super-Zeitlupe sah sie, wie er den Finger krümmte und das kleine Projektil, einer Eintagsfliege gleich, auf sich zufliegen… Dann sah sie nichts mehr..., jedenfalls nicht mit den Augen des menschlichen Sensoriums.

 

*

 

Es war ein anderer Blickwinkel, ihr bisher unbekannt, dennoch seltsam vertraut…, als hätte sie es bereits in anderen Leben immer wieder erlebt. So ist das also, im letzten Lebens-Atemzug, dachte sie und betrachtete interessiert die wichtigsten Stationen ihres Lebens - wie in einem 3-D-Film. In einer Klarheit und messerscharfen Deutlichkeit, dass es fast schmerzte, und gleichwohl nicht einmal surreal wirkte: unbeschwerte Kindheit, Geschwister, Freunde, Eltern, Lieblings-Kuscheltiere, Kindergarten, Schule, Disco, Studium, ihre Kunstwerke, Dieter, ihren Sohn Freddy und seine Entwicklung, seine Liebe, Dieter und ihr Leben, ihre innige Liebe, und sie dankte ihrem Gefährten für jedes gemeinsame Jahr, jeden Tag, jede Stunde und Minute ihrer Liebe… Alles, jede Kleinigkeit ihres irdischen Daseins, alles auf unendliche, unerklärliche Weise komprimiert und dennoch selbsterklärend. Mit großer Erleichterung sprach sie eine innere Stimme frei, und sie schwebte mit guter, positiver Bilanz empor in die Gefilde weit oben. Sie hatte sich im Großen und Ganzen nichts vorzuwerfen… Irgendwie war sie erleichtert und dennoch unendlich traurig, weil sie ihre Lieben so plötzlich verlassen musste. Es ist nicht schön, wenn man im Frühling stirbt…, sagte sie zu sich. Es war ihr nun, als schwebe sie herauf, in höhere Gefilde, einer Wolke gleich, diesem warmen flirrenden Leuchten entgegen, das sie wie magisch anzog und ihr so unendlich vertraut war. Als sie ihre sterbliche Hülle verließ und nochmals einen Blick herunter warf auf den irdischen Ort ihres Abschieds, verblassten auch die irdischen Eindrücke..., und vertraute Gestalten schritten ihr entgegen, Ihre Eltern, Großeltern und Vorfahren, alle wohlbekannt durch ein übergeordnetes Gedächtnis. Und doch bannte besonders eine Kontur ihren Blick: Sie hatte nichts Menschliches. Doch dann setzte das Erkennen ein, und sie ließ ihren ätherischen Freudentränen freien Lauf. Eine Wolfsgestalt näherte sich ihr, doch nicht bedrohlich, sondern in tiefer Demut, voller Liebe. Es war ihr Carlos, der sie willkommen hieß. Jetzt bin ich eine Wolfsbraut, dachte sie noch und verschmolz sogleich mit seiner Aura…

 

 

Ein lan    Ein langer Abschied…

Mittlerweile war es spät am Abend. Marion war noch nicht zurück. Ich machte mir schon ein wenig Sorgen. Zweimal hatte ich versucht, sie über ihr Smartphone zu erreichen, aber es war ausgeschaltet. Auch Birgit hatte ich versucht anzurufen, aber nur ihre Mailbox erreicht.

Dann klingelte es, und ich ging erleichtert zur Tür. Wahrscheinlich hatte Marion mal wieder ihren Schlüssel in der Handtasche vergraben, nicht gefunden oder vergessen.

Na, wieder den Schlüssel vergessen“, sagte ich beim Öffnen der Tür und sah mich aber unverhofft drei unbekannten Männern gegenüber. Einer von ihnen war ein Bulle, er hatte diesen Blick, das witterte ich sofort. Der andere trug einen kleinen Koffer, und der letzte war ein Pfaffe. Kaltes Erschrecken durchfuhr mich.

Herr Dieter Sedler?“, fragte mich der Bulle.

Ja, der bin ich“, antwortete ich zögernd.

Kriminalhauptkommissar Kristof Kovalidis ist mein Name. Dürfen wir hineinkommen?“

Ja, bitte. Was ist denn passiert? Ist etwas mit meiner Frau oder meinem Sohn?“

Herr Sedler, setzen Sie sich bitte hin. Ich muss Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen.“ Ich setzte mich, und heiße Panik stieg in mir auf.

Herr Sedler, heute Nachmittag wurden Ihre Frau Marion Sedler und Birgit Groß ermordet und in der Wohnung eines gewissen Franz-Josef Overhoff aufgefunden“, teilte er mir mit viel Mitgefühl in der Stimme mit.

Gut, dass ich schon saß. Ich begann zu zittern, mir wurde eiskalt, und ich fühlte eine beißende Ratte in meinen Eingeweiden. Das konnte doch nur ein böser Traum sein. Marion tot, das konnte doch nicht wahr sein. Eine Verwechselung, mehr nicht. Das durfte einfach nicht sein. Doch das ernste Gesicht des Bullen ließ keinen Zweifel aufkommen. Die ersten Tränen rannen meine Wangen hinunter, ein trockenes Schluchzen entwich meiner Kehle, und ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Langsam aber sicher begann mein Kreislauf zu kollabieren. Das wird wohl auch dem Bullen aufgefallen sein.

Herr Sedler“, bot er an, „das hier ist Dr. Braun, er kann Ihnen helfen. Brauchen Sie Hilfe?“ Ich nickte, atmete tief ein und winkte dann aber doch ab. KHK Kovalidis hatte mich mit seinem Angebot wieder heruntergeholt.

Nein, bitte, ich...ich komme zurecht“, mühsam gelang es mir, halbwegs die Fassung zu bewahren.

Bitte, stellen Sie Ihre Fragen, Kommissar Kovalidis.“

Kriminalhauptkommissar. Aber das ist jetzt zweitrangig“, antwortete er.

Warum erwähnt er es dann?, fragte ich mich verwirrt.

Herr Sedler, kennen Sie Franz- Josef Overhoff?“, fragte der zweitrangige Kriminalhauptkommissar.

Nein, ich höre den Namen zum ersten Mal. Deshalb kann das alles nur eine Verwechselung sein. Ich weiß auch nicht, wieso meine Frau in seiner Wohnung gewesen sein kann. Sie wollte sich mit Birgit in ihrer Wohnung treffen, um dort ihrem neuen Freund vorgestellt zu werden.“

Möglicherweise ist Overhoff dieser neue Freund. Aber er ist spurlos verschwunden“, erläuterte der Polizist.

Was ist denn genau passiert, wie ist meine Frau umgekommen?“

Ihre Frau, Herr Sedler, und Birgit Groß wurden erschossen“, entgegnete er.

Erschossen? Marion wurde erschossen? Warum? Von wem?“, fragte ich voller Entsetzen und sprang auf, sank aber wieder zurück und wusste aber zugleich, dass ich darauf heute keine Antwort erhalten würde.

Das wissen wir noch nicht. Wir fanden mehrere Gramm Kokain am Tatort.“

Kokain? Marion hatte noch nie etwas mit Kokain zu tun!“

Wir haben einen Drogenschnelltest am Fundort gemacht. Negativ. Genaues wird bei der Obduktion ermittelt, aber wir gehen erstmal davon aus, dass Ihre Frau nicht unter Drogeneinfluss stand. Bei Birgit Groß gehen wir davon aus, dass sie Kokainkonsumentin war. Doch auch hier müssen wir das Obduktionsergebnis abwarten.“

Entschuldigung, wenn ich hier nicht mehr gebraucht werde, würde ich gern einen anderen Termin wahrnehmen“, brachte sich plötzlich Dr. Braun in Erinnerung.

Herr Sedler, sind Sie sicher, dass Dr. Braun nicht mehr benötigt wird?“

Ja, ich bin mir sicher, und der Priester braucht auch nicht zu bleiben“, erwiderte ich.

Aber Herr Sedler. Mit Gottes Hilfe werden wir einen Weg aus...“, beharrte dieser auf seiner Wichtigkeit.

Bitte ersparen Sie mir Gottes Hilfe. Hat er meiner Frau geholfen?“ Wütend blickte ich in das konsternierte Gesicht des Pfaffen.

Bitte gehen Sie jetzt!“, forderte ich den Gottesmann heftiger als beabsichtigt auf. Doch ich wusste, dass ich ungerecht war.

Entschuldigen Sie meine Heftigkeit, ich nehme Ihre gute Absicht für die Tat. Danke.“ Der wandte mir nun den Rücken zu und schien versöhnt. Aber er ging grußlos mit dem Doktor hinaus.

Herr Sedler, wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt natürlich noch sehr wenig und werden intensiv weiter ermitteln. Dieser Franz-Josef Overhoff ist uns allerdings einschlägig bekannt. Mehrere Vorstrafen wegen Drogenbesitz und Drogenhandel, eine mehrjährige Haftstrafe wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, und derzeit wird von der Drogenfahndung wegen Verdachts des Kokainhandels gegen ihn ermittelt. Aber wie gesagt, er ist verschwunden. Nachdem wir seine und die Telefonate von Frau Groß geprüft haben, wissen wir mehr. Zunächst haben wir haben ihn zur Fahndung... “

Ich kann das alles noch nicht fassen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es ergibt doch keinen Sinn. Marion hat doch niemanden etwas getan“, unterbrach ich den Bullen.

Noch etwas Herr Sedler, wir kennen Ihre Vergangenheit. Wir wissen von Ihrer Zeit als Rocker, von Ihrer Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung an Vollzugsbeamten und auch von Ihrer Geschichte mit Thomas Becker. Hierfür möchte ich Ihnen persönlich danken. Das alles ist mir damals als jungem Mann sehr nahe gegangen und hat mich auch - ehrlich gesagt - mehr oder weniger motiviert, den Beruf eines Polizisten zu ergreifen. Sie haben den Bürgern, dem Land, und auch mir, damals einen großen Dienst erwiesen.

Aber dennoch, bitte unternehmen Sie jetzt nichts auf eigene Faust. Lassen Sie uns unsere Arbeit machen. Ich, äh, wir werden das Verbrechen aufklären. Glauben Sie mir. Gerade in ihrem Fall werde ich mich besonders bemühen. Wenn Sie Fragen oder Hinweise haben, hier ist meine Karte. Bitte melden Sie sich morgen bei mir, Sie müssen mit mir ohnehin zur Gerichtsmedizin, um die Leiche Ihrer Frau zu identifizieren.“

Er überreichte mir seine Karte, blickte mich mitfühlend an und verabschiedete sich mit einem Handschlag. Er war mir sympathisch. Doch für solche Gefühle fehlte mir derzeit die seelische Verfassung.

Wie versteinert blieb ich sitzen und hörte, wie die Tür geschlossen wurde.

Dann brach es heraus, und ich begann hemmungslos zu weinen. Die Ratte hatte inzwischen meinen Magen erreicht und verbiss sich in den Magenwänden, und sie biss und biss...

 

Goethes Brief anlässlich des Todes seiner Schwester, irgendwann um 1777, fiel mir ein. Und ich rezitierte ganz aus dem Gedächtnis:

 

Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz:

alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“

 

Wie wahr dachte ich und brach schon wieder in Tränen aus, obwohl ich es nicht wollte…

 

 

Freunde

 

Am nächsten Morgen klingelte mich mein Freund Tommy aus den Federn, besser gesagt von der Couch, auf der ich eingeschlafen war. Völlig verkatert,

ich hatte nach der Todesnachricht eine fast volle Flasche Wodka geleert, schlurfte ich zur Tür und öffnete.

Hallo Dieter, mein Gott, du siehst ja schrecklich aus. Dir scheint es aber gar nicht gut zu gehen. Marion soll Dir erst mal einen starken Kaffee machen und...“ Der Blick, den ich Tommy zuwarf, ließ ihn mitten im Satz innehalten und löste Erschrecken in seinen Augen aus.

Dieter, was ist los? Sag es mir, sofort!“ Ich setzte mich und bedeckte mein Gesicht mit meinen Händen.

Ich konnte es nicht verhindern und begann zu weinen. Der Weinkrampf hatte mich fest im Griff. Tommy ließ mich in Ruhe und wartete ab. Und erst Minuten später hatte ich mich soweit gefasst, dass ich ihm alles erzählen konnte. Auch Tommy war erschüttert und den Tränen nahe.

Es tut mir so leid, Dieter. Das ist ja so schrecklich. Mein Gott, ich kann es gar nicht glauben. Marion ermordet, keinerlei Spuren, ein Verdächtiger verschwunden. Kokain, Drogenhandel und weiß Gott noch was“, stammelte er. „Lass uns zu Sonja fahren und gemeinsam trauern. Es gibt jetzt viel zu erledigen. Denk bitte an Freddy, Dieter.“
Stimmt, an unseren Sohn hatte ich meiner Trauer noch gar nicht gedacht. Er wollte ja heute Abend kommen.

Tommy, ich muss heute Vormittag erst noch zur Gerichtsmedizin, um Marion zu identifizieren. Würdest du mich bitte begleiten?“

Ja, selbstverständlich, Dieter. Schließlich sind wir doch Freunde.“

Ich rufe dann jetzt diesen Cop an und mache einen Termin.“

Nachdem ich den Anruf erledigt hatte, ging ich in die Küche, wo Tommy ein Frühstück vorbereitete. Kaffeeduft erfüllte den Raum und ließ mich wieder an Marion denken.

Ich glaub ich krieg' jetzt nichts runter. Danke, Tommy.“

Du musst, Dieter, du musst, wenigstens einen Toast und eine Tasse Kaffee. Versuch es. Bitte, tue mir den Gefallen!“

Ich gab Tommy's Drängen nach, kaute lustlos den Toast und spülte ihn mit dem Kaffee hinunter.

In einer Stunde treff' ich Kommissar Kovalidis in der Gerichtsmedizin. Ich geh mich dann mal umziehen.“

 

Schweigend fuhren wir zusammen zur Gerichtsmedizin, wo wir von KHK Kovalidis schon erwartet wurden. Die Begrüßung fiel knapp aus. Ich stellte ihm Tommy vor.

Sie sind also Thomas Becker? Auch wenn es sehr unerfreuliche Umstände sind, unter denen wir uns kennenlernen, möchte ich Ihnen die Hand schütteln und meinen Dank für Ihre Leistung zum Erhalt unseres Rechtsstaates aussprechen?“ Er wartete eine Antwort von Tommy erst gar nicht ab und ergriff seine Hand, um sie ausgiebig zu drücken.

Ja, vielen Dank, Herr Kommissar“, bedankte sich Tommy verlegen. „Kriminalhauptkommissar“, wurde auch er korrigiert.

Ja, meinetwegen. Eine Bitte hätte ich aber. Darf ich anstelle von Herrn Sedler die Identifizierung von Marion Sedler durchführen?“

Hmm, das ist zwar gegen die Vorschrift. Aber wenn Herr Sedler einverstanden ist, kann ich eine Ausnahme machen“, antwortete KHK Kovalidis und blickte mich fragend an. Ich nickte stumm.

Dann lassen sie uns gehen. Der Pathologe wartet nur ungern.“ Ich stand nun da und blickte den Beiden hinterher.

Halt!“, rief ich plötzlich - einer inneren Stimme folgend. „Ich hab es mir überlegt, ich mache es selbst. Diese letzte Ehre möchte ich Marion auf jeden Fall erweisen: Und ich will sehen, was die Schweine mit ihr gemacht haben. Und wenn ich die in die Finger kriege, werden sie es bereuen, jemals geboren worden zu sein!“

Herr Sedler, ich habe es Ihnen gestern schon gesagt. Tun Sie nichts Unüberlegtes, und halten Sie sich vor allem aus unseren Ermittlungen heraus. Erst recht dulde ich keine Selbstjustiz!“

Dieter, bist du sicher. Ich meine, es wäre doch besser, wenn du Marion in schöner Erinnerung behältst“, drängte sich Tommy in das Gespräch.

Herr Sedler, bitte hören sie auf ihren Freund. Ich spreche aus Erfahrung. Es ist kein schöner Anblick. Ihrer Frau wurde in den Kopf geschossen. Aus kurzer Distanz, und das mit einem Dum-Dum-Geschoss... Entschuldigung“, unterbrach KHK Kovalidis seinen Vortrag, weil sein Handy klingelte.

Kovalidis“, meldete er sich und lauschte. Dann schaute er mich an und murmelte ein paar Sätze in sein Telefon.

Herr Sedler, wir haben die Leiche des Franz-Josef Overhoff gefunden. Auf einer Industriebrache. Ihm wurde von hinten in den Kopf geschossen. Sieht sehr nach einer Hinrichtung aus. Lassen Sie uns jetzt weitermachen, und bitte, hören Sie auf Ihren Freund.“

Doch ich befolgte beider Rat nicht und nahm es auf mich, Marion noch einmal die letzte Ehre zu erweisen. Sie sah schrecklich deformiert aus. Nichts erinnerte mich mehr an ihr schönes, liebliches Gesicht. Fast wie in Zeitlupe merkte ich, wie mein Kreislauf versagte - dann merkte ich nichts mehr.

Etwas rüttelte an mir herum und störte meinen Schlaf. Lästig… Ich fühlte mich gestört und schlug unwillig meine Augen auf. Ich wollte nicht aufwachen. Ich wollte nur zu meiner Marion… Es war eine Hand, die meine Schultern hielt und mich unablässig bewegte. Dann hörte ich Geräusche, die sich langsam in Stimmen verwandelten.

Hallo, wachen sie auf!“, hörte ich - wie durch Watte gedämpft.

Dieter, versuch wach zu werden“. Die Stimmen wurden immer deutlicher, und der Schleier vor meinen Augen wurde nach und nach transparent. Wieder im Hier und Jetzt erblickte ich zwei schemenhafte Gestalten, die sich als Tommy und KHK Kovalidis herausschälten.

Irgendwann identifizierte ich auch ihre Stimmen, die mich wieder ins Leben zurückriefen. Beide Männer verloren kein Wort darüber, dass ich ihren Rat ignoriert hatte.

Wie sah sie aus, Dieter?“, fragte ich mich mein bester Freund.
„Es war gut, dass du draußen geblieben bist, Tommy. Und es war meine verdammte Pflicht. Auch der Bulle nickte und murmelte so etwas wie: „…hätte ich auch so gemacht.“

Dann kam er zur Sache. Der Pathologe sagte, dass Marion kein Kokain genommen hatte. Birgit war aber Konsumentin. Zwar hatte sie zur Tatzeit nichts genommen, aber die Untersuchung der Haarprobe ergab, dass sie schon jahrelang gekokst hat.

Dieter, ich...ich fasse das alles nicht. Warum? Warum Marion?“, rang auch Tommy um seine Fassung.

Heute kommt Freddy aus den USA, und ich muss ihm noch beibringen, dass seine Mutter tot ist. Ermordet! Ich weiß nicht, wie ich ihm das erklären soll, Tommy. Was soll ich nur machen?“ Mühsam musste ich meine Tränen zurückhalten.

Dieter, Sonja und ich werden bei dir sein, wir helfen dir“, bekräftigte Tommy und hakte mich unter. Gemeinsam verließen wir die Pathologie. Ich mit weichen Knien.

Danke, mein Freund“, flüsterte ich kaum hörbar. Es tat gut, in höchster Not auf jemanden zählen zu können.

 

 

Vater u   Vater und Sohn

 

Der nächste Morgen kam zwangsläufig, und mit brummenden Schädeln wachten wir auf. Nachdem Sonja und Tommy uns verlassen hatten, wurden zwei weitere Flaschen Wodka ihrer Existenz beraubt. Eine für mich, die andere für Freddy. Auch ihn hatte der Tod seiner Mutter gnadenlos erschüttert.

Ich machte uns erst einmal einen starken Kaffee. Plötzlich fiel mir ein, dass ich heute noch einen Termin mit Dr. Lukas hatte.

Unschlüssig, ob ich ihn wahrnehmen sollte oder nicht, ging ich erstmal zur Toilette, um mich der Morgenhygiene zu widmen.

Irgendwie hatte ich keine Lust mehr, den Krebs zu besiegen. Was wäre, wenn das Mittel die Krankheit tatsächlich erfolgreich bekämpfen würde? Für mich war das keine schöne Aussicht: Ich wäre dann noch länger ohne Marion. Deshalb aktivierte ich das Bildtelefon und gab die Nummer des Arztes ein. Doch dann schaltete ich aus, noch bevor die Verbindung zustande kam. Ich hatte eine andere Idee.

Morgen, Papa. Au, mein Schädel brummt wie ein Hornissennest. Hast du Aspirin im Haus?“, hörte ich hinter mir eine krächzende Stimme.

Ja, im Medikamentenschrank. Ist im Badezimmer. Morgen, Freddy“, antwortete ich.

Gut, für mich kein Frühstück, bitte. Ich kriege jetzt nichts runter. Kaffee reicht.“

In Ordnung. Mir geht es auch nicht anders. Hör zu, ich habe später noch einen Termin beim Arzt. Ich kann dich doch allein lassen, Sohn?“, wollte ich wissen.

Hey, Papa, ich bin schon groß.“ Ein schiefes, wenn auch trauriges Grinsen stahl sich in Freddys Gesicht.

Ja klar, aber irgendwie bist du immer noch mein Junge, entschuldige. Und ich fürchte auch, das bleibst Du, selbst wen du achtzig bist und ich die hundert überschritten habe“, knurrte ich von einer Art väterlicher Zärtlichkeit ergriffen. „Ja, ja, ist schon in Ordnung, Papa“, antwortete der Sohn ganz brav, seiner Rolle entsprechend. Er hatte verstanden und auch emotional erfasst, was mich jetzt bewegte.

Der Kaffee war jetzt fertig, und ich goss Freddy und mir je einen großen Bottich voll ein.

Dann schob ich zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster, nahm einen Schluck Kaffee und wartete auf den Toast. Eine Minute später warf die Maschine die Scheibe aus, und ich bestrich sie mit Butter. Eine Scheibe Käse legte ich auf und Biss einen Happen ab, den ich lustlos zerkaute.

Ich musste an Marion denken, und sofort begann die Ratte in meinem Magen mit ihrer grausamen Arbeit. Sie biss und biss...

 

 

SpontanSpontan-Entscheidung…

 

Guten Tag Dr. Lukas“, begrüßte ich meinen Facharzt für Onkologie.

Guten Tag, Herr Sedler. Ja, dann ist es jetzt also soweit. Das Präparat ist hier, und wir können direkt mit Medikation beginnen. Es handelt sich um Injektionen mit Depotwirkung, die ich Ihnen alle vier Wochen verabreichen muss. Ich mache rasch die erste Injektion fertig.“

Einen Moment, bitte. Ich habe da noch eine Frage, Dr. Lukas.“

Bitte.“

Ich räusperte mich und atmete tief ein.

Wie lange habe ich noch zu leben, ohne das Mittel?“ Der Arzt blickte mich überrascht an.

Herr Sedler, Sie sind aber voller Überraschungen. Wie habe ich das zu verstehen?“

Ich mache es kurz, Herr Doktor. Vorgestern ist meine Frau gestorben.“ Mühsam musste ich einen Weinkrampf unterdrücken, und mit belegter Stimme fuhr ich fort: „Sie wurde ermordet.“

Eindringlich schaute er mich an und presste seine Lippen zusammen.

Das tut mir außerordentlich leid, Herr Sedler. Ich las davon in der Zeitung, wusste aber nicht, dass es sich dabei um Ihre Frau handelt. Es tut mir außerordentlich leid. Es muss schrecklich für Sie sein. Aber Sie dürfen jetzt nicht aufgeben, Ihre Frau und ich haben...“

Wie lange noch?“, unterbrach ich ihn.

Ich kann Sie ja verstehen. Herr Sedler. Aber...“

Wie lange, bitte.“ Der Arzt blickte mich eine Weile an und seufzte.

In Ordnung, reden wir nicht lange drum herum. Ich habe Sie als einen Mann kennengelernt, der weiß was er will. Meiner Einschätzung nach, würde ich sagen... anderthalb bis zwei Jahre, vielleicht zweieineinhalb.“

Dann beenden wir hier und jetzt die Behandlung, Herr Dr. Lukas. Mein Entschluss steht fest.“

Ich kann Sie nicht zwingen. Aber eins sollten Sie wissen. Wenn Sie nicht innerhalb des nächsten Jahres mit der Medikation beginnen, wird es danach sinnlos. Sie haben also noch Bedenkzeit.“

Für mich ist jetzt schon alles sinnlos, es gibt nichts zu bedenken. Vielen Dank. Auf Wiedersehen, Herr Dr. Lukas.“

Auf Wiedersehen, Herr Sedler. Ich hoffe Sie überwinden diese schwere Krise, und ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute. Und ich möchte dennoch der Vollständigkeit halber noch hinzufügen, dass sich Ihre Frau nichts sehnlicher gewünscht hat, als Ihre Gesundung. Das hat sie mir selbst nachdrücklich mitgeteilt. Wir haben diesbezüglich viele Gespräche geführt. Auch wegen der nicht unerheblichen Kosten. Bedenken Sie bitte auch das.“ Ich sah ihn verwirrt an. Welche nicht unerheblichen Kosten; davon hat Marion nie etwas gesagt, dachte ich verblüfft. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Ich verließ die Praxis und stieg in mein Auto.
Nach ein paar Minuten erreichte ich mein Ziel, das Polizeipräsidium. Am Empfang stellte ich mich und mein Anliegen vor. Ich wollte mit dem KHK Kovalidis noch einmal sprechen.

Der diensthabende Beamte griff zum Telefon, wählte eine Nummer und ließ mich nach einem kurzen Gespräch mit ihm durch die Schleuse in die Behörde ein.

Dritte Etage, KHK Kovalidis erwartet Sie in seinem Büro. Zimmer M 301.“

Ich ging am Aufzug vorbei und nahm die Treppe. Am Büro angekommen, klopfte ich an. Die Tür wurde von KHK Kovalidis geöffnet.

Herr Sedler, das trifft sich gut, ich wollte Sie heute sowieso anrufen. Bitte treten Sie ein.“

Ich betrat das Büro und bemerkte, dass sich darin auch eine Frau aufhielt.

Herr Sedler, ich möchte Ihnen die Kriminalhauptkommissarin Dr. Sigrid Mattern-Friese vorstellen. Sie ist vom Bundeskriminalamt.“

Doktor? Bundeskriminalamt? Ähm..., ich verstehe nicht.“

Ich bin Doktor der Psychologie, Herr Sedler, ein wenig Slawistik und Russistik habe ich auch studiert. Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass das BKA von jetzt an die Ermittlungen in diesem Fall übernimmt. Es tut mir aufrichtig leid, was Ihrer Frau passiert ist.“

Sie hatte eine dunkle, etwas rauchig klingende Stimme, die irgendwie nicht zu ihrer schlanken aber sportlich wirkenden Figur passen wollte. Doch wirkte sie, als wäre sie nicht bei der Sache, und ihre Aufrichtigkeit nahm ich ihr nicht ab, zumindest sagte mir dies meine Lebenserfahrung. Ich musterte sie und kam zu dem Schluss: Kampflesbe mit einer pathologischen Abneigung gegen Männer…

Wir ermitteln seit über einem Jahr in dieser Angelegenheit. Der Mord an Ihrer Frau war mit Sicherheit nicht geplant und wohl eher ein „Unfall“, berichtete sie nahezu teilnahmslos. War da nicht was mit Dr. der Psychologie, und dann so wenig Empathie, dachte ich.

Dieser Franz-Josef Overhoff“, fuhr sie fort, „…war Mitglied einer international arbeitenden kriminellen Vereinigung. Er war zwar nur ein Verteiler in der mittleren Hierarchieebene, aber er gehörte zu einer Bande, die über Sao Paolo, Rotterdam und Moskau große Mengen Kokain in Europa verteilt. Wir vermuten, dass Overhoff Geschäfte auf eigene Rechnung machte, schon seit Tagen gesucht und deswegen erschossen wurde. Hingerichtet wäre der passendere Ausdruck. Wir haben dazu einige Informationen unseres V-Mannes aus dem Milieu. Vermutlich wussten die Täter nicht, dass sich Ihre Frau und Overhoffs Freundin zur Tatzeitpunkt bei ihm aufhielten. Daher sprach ich von einem Unfall. Die Täter wollten wohl keine Zeugen. Die Rekonstruktion der Telefonate ergab nämlich, dass Overhoff zunächst Birgit Groß in ihrer Wohnung aufsuchen wollte. Aufgrund eines Schadens an seinem Fahrzeug, haben sich die beiden Frauen aber zu ihm in seine Wohnung begeben. Dort trafen die Mörder dann auf Overhoff und seine Besucherinnen. Die Rekonstruktion der Ereignisse durch die Spurensicherung ergab, dass zuerst Birgit Groß erschossen wurde und danach Ihre Frau, Herr Sedler. Overhoffs Wohnung ist auch durchsucht worden, vermutlich nach Kokain oder Wertsachen. Wir haben an Herrn Overhoff auch DNS-Spuren sichergestellt, die vermutlich einer der Mörder hinterlassen hat. Wir können sie derzeit jedoch nicht zuordnen. Nachbarn sagten aus, sie hätten Overhoff und drei andere Männer in eine Limousine steigen sehen. Wir haben auch eine Beschreibung der Männer. Sie gehören mit hoher Wahrscheinlichkeit einer Russenmafia an und befinden sich vermutlich nicht mehr in Deutschland“, schloss sie ihren Bericht.
„Das bedeutet wohl, die Mörder kommen davon, solange sie nicht nach Deutschland zurück kommen, Frau Kommissarin, oder?“, fragte ich nach.

„Kriminalhauptkommissarin, aber das ist jetzt zweitrangig.“

Habe ich das nicht schon einmal gehört?, dachte ich. Übergangslos fuhr sie in förmlichem Ton fort mit ihrem Vortrag.

Herr Sedler, leider können wir da nichts machen. Sofern die Mörder nicht in die Bundesrepublik oder einen anderen EU-Staat einreisen und auch noch identifiziert werden, bleiben sie für uns unerreichbar. Wir ermitteln natürlich weiter in alle Richtungen, und irgendwann haben wir eine heiße Spur, dann werden wir Sie unverzüglich informieren“, teilte sie weiter mit. Skeptisch sah ich sie an.

Haben Sie denn Informationen, wo die sich aufhalten, oder wie sie heißen?“, wollte ich wissen.

Selbstverständlich, aber diese Informationen darf ich aus ermittlungstaktischen Gründen nicht an Sie weitergeben. Wir können nicht zulassen, dass Sie sich in eine laufende Ermittlung einmischen. Tut mir leid.“

Ich glaubte noch immer nicht, dass es ihr wirklich leid tat. Aber mir umso mehr. Sie schien mir nicht genügend motiviert zu sein, dass spürte ich überdeutlich. Auch daran, wie KHK Kovalidis zusammenzuckte und verwirrt zu seiner BKA-Kollegin herübersah. Die Mörder kamen also ungestraft davon, konstatierte ich. Das BKA macht Dienst nach Vorschrift, und der Mord an meiner geliebten Frau bleibt ungesühnt. Das konnte und wollte ich nicht zulassen. Ich musste also selbst etwas unternehmen. Vielleicht brachte ja ein kleiner Hacker-Besuch im Computernetzwerk des Polizeipräsidiums neue Erkenntnisse bzw. Informationen, die mir verweigert werden…, überlegte ich.

Wir verabschiedeten uns. Sie überreichte mir ihre Visitenkarte für alle Fälle. KHK Kovalidis brachte mich zur Bürotür, um mich herauszulassen und reichte mir die Hand. Er hielt sie länger als üblich fest und blickte mir mit ehrlichem Bedauern in die Augen.

Und wegen des Kawasaki-Motorrads, der Z 900, melde ich mich noch“, teilte er mir unvermutet mit. Ein wenig ratlos blickte ich ihn an, knurrte aber zustimmend. Mein Beziehungsohr hatte sehr wohl registriert, dass ich mit einer Fortsetzung des Gesprächs zu rechnen hatte. Ansonsten schwieg ich und ging.

 

 

Die längste Reise beginnt mit dem ersten kleinen Schritt
- ein geheimes Treffen…

 

Am nächsten Tag rief mich KHK Kovalidis an und bat um ein Treffen wegen des Motorrads, das ihm so gefiele. Schon immer hätte er sich eine Kawasaki
Z 900 erträumt. Und weil er sie durch das Werkstattfenster gesehen habe, wolle er mit mir über einen Ankauf verhandeln. Es roch förmlich nach einer verdeckten Botschaft, und so ging ich scheinbar interessiert auf die Fiktion mit dem Motoraddeal ein.

Wir verabredeten uns in einem Cafe in Unna, einer kleineren Nachbarstadt Dortmunds.

Gewohnheitsmäßig erschien ich eine Viertelstunde früher zum Treffpunkt und setzte mich in eine möglichst abseits liegende Sitzecke im Cafe, weil es ja anscheinend auf eine ungestörte Unterhaltung hinauslief. Misstrauisch sondierte ich die Umgebung, aber es war nichts Ungewöhnliches wahrzunehmen. Pünktlich auf die Minute erschien Kovalidis in der Eingangstür, sah sich um, kam zielstrebig auf mich zu und setzte sich zu mir.

Nach einer freundlichen Begrüßung bestellte er Kaffee und begann sich zu erklären.

Herr Sedler, das hier ist ein inoffizielles Treffen. Es hat eigentlich nie stattgefunden. Wir haben auch nicht miteinander geredet. Ich würde es auch abstreiten. Es tut mir leid, dass die Dinge nicht nach Ihren Vorstellungen laufen, auch nicht nach meinen, glauben Sie mir. Aber das ist nun mal der Dienstweg. Ich habe Sie gestern genau beobachtet, und meine Erfahrung sagt mir, dass Sie etwas unternehmen werden, so oder so. Ich glaube auch, dass nichts und niemand Sie davon abhalten könnte.“

Völlig richtig, Herr Kovalidis. Davon können Sie ausgehen.“

Ich bitte Sie nur um eines, Herr Sedler. Tun Sie nichts Unüberlegtes, bleiben Sie extrem vorsichtig und lassen sich nicht von Ihren Gefühlen leiten. Hass und Wut sind schlechte Ratgeber. Und Sie wissen ja, Rache ist ein Gericht, das man eiskalt serviert. Behalten Sie einen kühlen Kopf. Denn wer auf Rache aus ist, grabe besser zwei Gräber.“

Ich sah in an und entgegnete: „Herr Kovalidis, es gab da mal einen englischen Schauspieler, Peter Ustinov, der wohl auch ein geachteter Philosoph war. Er hatte mal geäußert, dass man sich mit Propheten am besten drei Jahre später unterhalten sollte…, verstehen Sie, Herr KHK Kovalidis?“ Mein Gegenüber nickte wortlos. Ich fuhr fort: „Deshalb danke ich sehr für Ihre Hinweise, aber von Ihren Ratschlägen habe ich nichts, sie sind wie das Wort es trefflich beschreibt Rat-Schläge. Die Betonung liegt eher auf den Schlägen, so fasse ich das auf. Ich habe keinen Ansatzpunkt, und weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur, dass ihre Kollegin vom BKA, die mit dem Doppelnamen, wahrscheinlich untätig bleibt - aus welchen Gründen auch immer.“

Sie sind tatsächlich ein Philosoph, Herr Sedler. Aber Sie können mich nicht täuschen, und ich weiß genau, dass Sie die Bande verfolgen werden. Deswegen, Herr Sedler, ist dieses Treffen auch inoffiziell. Es fand nie statt. Ich habe so etwas auch noch nie gemacht, aber ich mag Sie. Sie haben sich mal um unser Land verdient gemacht, und deshalb schuldet dieses Land Ihnen auch etwas. Und wenn ich mir nur vorstelle, dass so etwas mit einem meiner Familienmitglieder passieren würde, ich wüsste ebenfalls nicht, wie ich reagieren würde, aller weisen Einsichten zum Trotz. Ich habe es geahnt, dass Sie den Fall nicht auf sich beruhen lassen.“ Zu den Ausführungen von Kovalidis sagte ich nichts, denn er hatte ja recht.
Der Polizist sah mich nun konzentriert an, griff schließlich seufzend in seine Jackentasche und schob mir ein Tütchen über den Tisch Ein Tütchen, aus dem er einen USB-Stick im Miniformat herausgleiten ließ, ohne ihn zu berühren. Natürlich in Folie eingeschrumpft - vermutlich um Fingerabdrücke zu vermeiden.

Hier, damit Sie wenigstens eine Chance haben. Darauf sind die wichtigsten Ermittlungsdaten gespeichert, einschließlich entsprechender Fotos. Und darauf sind nicht nur Ratschläge verzeichnet. Gehen Sie klug damit um. Auf Wiedersehen und viel Glück. Übrigens, ich bin der Jüngere, deshalb mache ich den Anfang: Für Sie heiße ich Kristof, wenn Sie mögen.“ Ich nickte dazu und sagte: „Leb wohl Kristof. Ich hoffe, dass ich deine Hilfe nicht nochmal in Anspruch nehmen muss. Das sagt dir Dieter. Hab´ also vielen Dank! Und

mach´s gut.“

Kristof nickte. Dann stand er auf reichte mir zum Abschied die Hand mit einem festen Händedruck und verließ das Cafe ohne sich umzudrehen. Ich blieb noch eine Weile sitzen, trank meinen Kaffee und dachte nach. O.k., das mit dem Hacken ins Computernetzwerk des Polizeipräsidiums hat sich vermutlich erledigt - gut so. Nachdem ich den Kaffee für uns beide bezahlt hatte, verließ auch ich das Cafe.

Das waren wenigstens Aussichten. Ich musste mich nun an die Auswertung der Daten auf dem USB-Stick begeben und eine Strategie für mein weiteres Vorgehen festlegen. Marion brauchte dringend einige unterwürfige Sklaven für ihr Leben im Jenseits… Ihr Blut wird euch verfolgen, ihr dreckigen Schweine, dachte ich erbittert.

 

 

RuhestäRuhestätte 

Nun war es soweit. Der Zeitpunkt für den endgültigen Abschied von Marion war gekommen. Nachdem der Leichnam amtlich freigegeben worden war, wandte ich mich an Wolfgang, einen alten Freund aus alten Zeiten bei den Freeway Tigers.
Ich wusste, dass ich mit ihm rechnen konnte. Wolfgang hatte im Dortmunder Nord-Westen ein Bestattungsinstitut von seinen Eltern geerbt und betrieb es recht erfolgreich sowie mit dem nötigen Ernst, aber auch mit einer gewissen Kreativität - soweit das in seinem Gewerbe überhaupt möglich war: Berühmt waren seine Krimi-Lesungen, Schaufensterausstattungen, die den potentiellen Kunden mit philosophischen Betrachtungen die Berührungsängste vor dem Thema Tod nahmen. Wolfgang regelte auch alles andere. Eine Rechnung habe ich nie gesehen. Ich wollte ihn nicht beleidigen und habe ebenfalls nie danach gefragt. Ehrensache.

In seiner Freizeit war Wolfgang aber ein anderer: ein Discjockey, der sein ernstes Tageswerk des Abends häufig mit der Musik aus guten alten Zeiten und Oldies kompensierte. Wer was auf sich hielt in der Szene, engagierte Wolly, so der Kampfname, und die Fete war gerettet.

 

Getreu Marions Wunsch, wurde ihr Leichnam dem Feuer übergeben. Ihre Asche wurde im allerengsten Familien- und Freundeskreis beigesetzt, in einer Urne, die ihren Platz in einem Haingrab im Wurzelbereich eines alten Baumes auf der Kuppe des Westerfilder Berges fand. Es war da noch Platz für eine zweite Urne. Und ich wusste schon, wer dort dereinst seine letzte Ruhe finden würde… Es war ein würdevoller Rahmen, dessen ernste, traurige Stimmung sich auf alle übertrug.

Es hatte keiner großen Überlegung bedurft, wie der flache, liegende Grabstein auszusehen hatte: Neben ihrem Vornamen, Geburts- und Todesdatum fand sich in Stein gemeißelt die Kontur einer Wolfsgestalt - Carlos! Zu sehr klangen mir noch ihr letzter Wunsch und ihre heimliche Sehnsucht nach einem Gefährten auf vier Pfoten in den Ohren nach. Wenigstens auf diese Weise wollte ich ihre letzte Sehnsucht nicht unerfüllt lassen. Als persönliche Grabbeigabe legte ich das alte Halsband von Carlos hinzu… In stummer Zwiesprache verabschiedete ich mich von meiner einzigen Liebe meines Lebens, die so plötzlich und grausam von meiner Seite gerissen wurde. Nur mit Mühe konnte ich meine Fassung bewahren und war froh, mich auf den Beinen zu halten.
 

Der engste Freundes- und Familienkreis war denkbar klein: Freddy und seine
Frau Jenny, Sonja und Tommy, Wolly und ich selbst, und das war's. Vielmehr echte Freunde gab es ja auch nicht. Doch aus den Augenwinkeln erkannte ich, dass sich da noch ein unerwarteter Trauergast eingefunden hatte und Marion weitab von der kleinen Trauergemeinde seinen Respekt erwies. Es war Kristof. Doch kein Schwätzer, vergess´ ich dem Bullen nie!

Was Dieter nicht erkennen konnte: Kristof machte sich Sorgen, als er in die versteinerten Gesichter des Vaters und seines Sohnes Freddy sah… Seine Bedenken waren der Tatsache geschuldet, dass Dieters potentielle Gegner nicht nur mächtig, sondern auch skrupellos und brandgefährlich waren.

 

Die Organisation des Begräbnisses, die Anrufe und die Veröffentlichung der Todesanzeige hatten Sonja und Tommy übernommen. Dem Rat Wollys folgend, hatte ich mir gewünscht, dass die Freunde der Familie statt zugedachten Blumenschmucks oder anderer Beileidsbekundungen eine Spende bei einem Unterstützungs-Verein einer Förderschule vor Ort einzahlen. Hätte Marion auch so gefallen. Wie ich später hörte, kam eine erkleckliche Summe zusammen - besonders die Freeway Tigers hatten sich nicht lumpen lassen - auch wenn sie wie ich in die Jahre gekommen und des Umherstreifens müde geworden waren. Die meisten ihrer Nachkommen standen nicht mehr so sehr auf Rocker-Romantik und haben andere Formen des Zusammenlebens entwickelt. Aber das ist nun mal der Lauf de Welt, wenn sich die Kinder von den Eltern emanzipieren…

 

 

Grammatik einer Rache…

 

Erst Tage später kam ich dazu, mir die Daten auf dem USB-Stick anzusehen. Das Rechercheergebnis war ein Schock für mich. Ich konnte nur staunen, über wie viele Erkenntnisse das BKA bereits verfügte. Auf Anhieb wurde mir klar, warum Kristof so vorsichtig mit diesen brisanten Daten umging. Er muss sich persönlich in Gefahr begeben haben, als er diese vom Dienstcomputer herunterlud.

Demnach war dem BKA und der Polizei schon seit längerer Zeit bekannt, um welche Personen es sich bei dieser Abteilung der Russenmafia handelte. Das BKA hatte sogar eine verdeckte Ermittlerin undercover in die Bande eingeschleust, deren Führerin Dr. Sigrid Mattern-Friese selbst war. Sowohl über die Hintermänner wie auch die Männer im operativen Bereich, also die Typen fürs Grobe, gab es verschiedenste Fotos im Datensatz.
Nach dem ersten Studium der vorliegenden Daten stand ich noch Stunden unter Schock. Doch am Ende stand für mich fest: Marion ist aus Versehen in ein tödliches Wespen-, nein in ein Hornissennest geraten.

Dass es nun eines gut durchstrukturierten Plans bedurfte, lag auf der Hand. Und es würde Monate brauchen, bis ich damit beginnen konnte, die Rache kalt, eiskalt zu servieren… Jetzt kam es darauf an, mich taktisch und strategisch so gut aufzustellen, dass ich gegenüber den mafiosen Strukturen überhaupt eine Chance bekam. KHK Kovalidis, ääh… Kristof, hatte recht: Die Sache war höchstbrisant und lebensgefährlich.

Aber aufgeben kam dennoch nicht in Frage. Die Schweine sollten auf keinen Fall davonkommen, nicht so billig. Sie würden von der eigenen bitteren Medizin kosten. Verabreichen würde ich sie höchstpersönlich.

Dank der mir vorliegenden Bilanz der Datenlage stellte sich die Sache nun für mich so dar:

 

Ich kannte nun nicht nur die Namen der Killer von Marion, Birgit und Francis, sondern auch ihr Aussehen. Es waren Igor Julishko, eine übel wirkende hässliche Type mit KGB-Vergangenheit, dessen Nacken nach dem Vorbild der japanischen Yakuza von einem Tattoo geziert wurde. Er war wohl der Gruppenführer der Killertruppe für besondere Aufgaben, also fürs Grobe. Die Assistenten hießen Boris Karassenkov und Jewgenij Brushnev, Riesen-Gorillas vom Typ Schlagetot, tumbe Plasmahaufen mit einem Hang zum Sadismus.
Der Hintermann und Chef der Drogenmafia war ein Kerl namens Karel Romanov.

Und was mich sehr stutzig machte: Die Zentrale der Bande befand sich nicht irgendwo in Russland, sondern in Vilnius, also der Hauptstadt des EU-Mitglieds Litauen. Zwar handelte es sich um russische Staatsbürger, aber ihr Lebensmittelpunkt befand sich eindeutig in der EU. Somit hat mich die BKA-Beamtin entweder getäuscht, oder sie wollte auf keinen Fall, dass ich mich einmische. Jedenfalls erschien mir dieser Aspekt sehr mysteriös.

Es gab auch einiges an Sozialdaten auszuwerten.
Der Gruppenführer Igor war verheiratet mit einer Deutschen, Julia, die aus der Gegend um Hamburg stammte. Sie hatten eine 7jährige Tochter, die Natasha hieß - hübsches Mädchen, so gar nicht nach dem Vater geraten. Selten hatte ich eine Ganovenfresse wie die seine gesehen. Ihre Mutter reiste mit dem Kind regelmäßig nach Hamburg, um dort ihre Eltern bzw. Großeltern des Kindes zu besuchen.

Boris und Jewgenij waren sich selbst genug, weil stockschwul. Hinweise über ihren familiären Hintergrund lagen nicht vor. Wohl aber Fotos.

Anders verhielt es sich bei Karel Romanov, einem Mann gesetzten Alters, Der lebte in Vilnius, der schönen litauischen Hauptstadt, auf großem Fuß und hatte einige Freundinnen am Start. Seine derzeitige Lieblingsvertraute war Olga, eine herbe Schönheit, die eine gewisse äußere Ähnlichkeit zur BKA-Beamtin Dr. Sigrid Mattern-Friese aufwies.

Romanov war laut Aktenlage ebenfalls ein KGB-Abkömmling, früher in leitender Position. Er hatte sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Litauen selbstständig gemacht hat. Es gab Hinweise darauf, dass er über mehrere Identitäten und Pässe verfügte.
Es handelte sich wohl um einen dieser neureichen Oligarchen, die das Zeitfenster nach dem Zusammenbruch rechtzeitig für sich nutzen konnten. Einen seiner Geschäftszweige bildete der Drogenhandel, Schwerpunkt Kokain. Als neuen Geschäftszweig hatte er den Vertrieb mit Designerdrogen angepeilt. Die illegalen Labore waren bereit, Unmengen der bunten Pillen zu produzieren. Zumindest beherrschte er bereits in Vilnius weite Kreise des Drogenmilieus und expandierte. Einer der wichtigsten Stützpunkte war wohl Dortmund. Mit der Hinrichtung von Francis galt es jetzt aber, so vermutete Frau Dr. Mattern-Friese in einem ihrer Berichte, zumindest auf der mittleren Dealerebene einen neuen Verteilerring in Dortmund aufzubauen.

Was mich wunderte war nach wie vor, dass die Bande über Jahre so ungestört in Dortmund und Vilnius agieren konnte. Nicht einmal kleinere Dealer aus deren Umfeld waren verhaftet worden, obwohl mindestens vier von ihnen polizeibekannt waren. Fotos von den Deals inklusive. Dabei handelte es sich um Personen mit türkischen und arabischen Hintergrund. Irgendetwas stimmte nicht. Das roch ich.

Doch ich brauchte jetzt erst eine Denkpause, um mich zu sammeln und die Informationen mental zu ordnen.

Eines stand fest: Keinesfalls durfte ich einen meiner Freunde oder gar Freddy in den Rachefeldzug einbeziehen - zu gefährlich. Es war wie Grammatik: Jedes Komma, jeder Punkt und Strich mussten stimmen, sollte daraus ein formvollendeter Satz mit der Hauptaussage „Rache“ werden. Unwissenheit bildet manchmal den besten Schutz, den man seinen Lieben bieten kann. Deshalb würde ich schweigen, um sie in nichts hineinzuziehen.

 

 

Trauer  Trauerarbeit: Coaching

 

Auch nach Tagen der Überlegung war es mir noch immer nicht gelungen, mich für ein halbwegs plausibles Vorgehen zu entscheiden. Zu sehr haderte ich mit meinem Schicksal und mit Gott, dem ungerechten, betrauerte Marions Tod, Tag für Tag. Dann verhandelte ich mit Gott und bot ihm mein Leben gegen das von Marion an. Ich soff herum und opferte zahllose Wodkaflaschen…
Doch eines Morgens ergaben sich ein Bruch und zugleich das Ende meiner depressiven Phase. Ich fasste einen weitreichenden Entschluss: Auf mich selbst kam es nicht mehr so sehr an. Ich war ohnehin todgeweiht, denn der Krebs würde seinen Job schon machen. Also nahm ich mir vor, meine Rache für Marion tatsächlich zu realisieren. Mit Augenmaß. Zunächst begab ich mich zum Spiegel und stellte mit kritischem Blick fest, dass Fitness das Gebot der Stunde war, wenn ich mich mit einer Bande wie der, die ich im Auge hatte, einlasse…

Ja, es stimmte. Ich hatte jahrelang recht wenig getan für meinen Sport und auf den Seniorenbonus gesetzt. Das ging so nicht mehr.
Also begann ich mit einem täglichen ausgiebigen Fitnesstraining: Laufen, Hanteln bewegen, Fahrrad, Schwimmen usw. Es war die reinste Qual. Doch nach etwa vier Wochen konnte ich feststellen, dass sich nicht nur die Figur verbessert hat, auch die Kondition war gewachsen.

Nun musste ich wieder mein Wing-Tsun-Training aufnehmen, um meine alten Kampfreflexe aufzubauen. Es dauerte zwar einige Tage, aber bald hatte ich ein Dojo gefunden, dessen älterem, erfahrenen Meister die Wing-Tsun-Techniken bekannt waren. Nach einem ausführlichen Gespräch, erklärte er sich bereit, mich sozusagen im Schnellverfahren wieder auf einen akzeptablen Stand zu bringen. Und doch hatte ich das Gefühl, dass er etwas ahnte und nicht der Sport und der Aufbau meines Karmas im Vordergrund standen.
Ich selbst wusste, dass noch eine lange Durststrecke vor mir lag. Und so war es auch. Wochenlang habe ich mich geschunden und mir nichts geschenkt. Oft dachte ich daran aufzugeben. Aber nach etwa vier Monaten nahezu täglichen Trainings konnte ich mir sagen, dass ich wieder in Form war. Die Muskeln waren wieder hart und geschmeidig. Vielleicht war ich nicht mehr ganz so schnell, wie damals, in meiner Jugend, dafür aber überlegter, nachhaltiger und mit meinen Kampffiguren auf das Wesentliche ausgerichtet.

 

Doch meine Trainingserfolge konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich damit meine eigentliche Trauerarbeit vernachlässigt habe. Gut, dass mich Sonja und Tommy ab und zu besuchten. Auch Freddy ließ sich mit Jenny öfter bei mir blicken, so als seien sie zufällig in der Gegend. In Wirklichkeit trieb sie ihre Sorge um, dass ich ohne Zuspruch nicht zurecht käme. Da lagen sie durchaus richtig. Nur ahnten sie bzw. Freddy nicht, zu welchen selbstquälerischen Leistungen ich fähig war. Er wollte meinen Stolz nicht verletzen, das spürte ich. Gleichwohl war ich allen dankbar. Es tat gut, Menschen um sich zu wissen, denen man nicht gleichgültig war. Die hatten mir doch glatt eine Putzhilfe verpasst, damit ich nicht verrotte, wie Sonja sagte.
Nun ja, ich willigte schließlich ein. Ich hatte mich tatsächlich ein wenig gehen lassen und sah ein, dass die diskrete Ansage Sonjas ihre Berechtigung hatte. Es war schon ein angenehmeres Gefühl, wenn da nun jemand zweimal wöchentlich durch die Wohnung putzte und nach dem rechten sah, Wäsche und so inklusive.

Damit war ich ein wenig entlastet und war bald stark genug, Marion wieder regelmäßig an ihrem Grab entgegenzutreten. In stiller Zwiesprache konnte ich ihr abringen, wenigstens den Hintergründen des Gewaltverbrechens nachzugehen…
 

Ich begann mehr und mehr, mich auf mein Ziel konzentrieren. Nur auf der Höhe meiner Kampfeskraft rechnete ich mir überhaupt eine Chance aus, um meinen Einmann-Rachefeldzug erfolgreich durchzuführen. Doch was nutzten die besten Wing-Tsun-Fähigkeiten, wenn ein Brutalo wie Igor, Boris oder wie sie alle hießen, nur ihre Knarre abzudrücken brauchten. Und damit waren die Burschen recht schnell bei der Hand, wie ich wusste.

Und so begann ich mit dem Gedanken zu spielen, mir parallel zum Kampftraining das Messerwerfen anzueignen. Bei den Freeway Tigers gab es damals einen alten Kumpel, der genau das längere Zeit in einem Zirkus praktiziert hatte. Bodo hatte mich schon damals mit seinen präzisen Treffern sehr beeindruckt. Nach einigem Suchen konnte ich ihn und seine Telefonnummer ausfindig machen. Er war freute sich ungemein, was von mir zu hören. Wir verabredeten uns in Duisburg.

Verdammt lang´ her, dass wir uns gesehen haben. Entsprechend überschwänglich fiel die Begrüßung aus. Er war ebenfalls Witwer und befand sich seit nahezu einem Jahr in der Trauerphase. Wir waren also Leidensgenossen. Ein Grund mehr, uns zwei - oder drei? - Tage zuzusaufen. Tat mal wieder gut, so ganz ohne Training in den guten alten Zeiten zu schwelgen… Einzige Gegner: arme, kleine unschuldige Wodkaflaschen, die nun, ihres Inhalts beraubt, traurig und völlig leer die Gegend vollstanden. Ich blieb an die zwei Wochen bei ihm und erzählte ihm alles. Er nickte nur und brachte mir ohne viele Nachfragen einige grundlegende Techniken und Tricks des Messerwerfens bei. Darüber hinaus beschaffte er mir auf dem Schwarzmarkt einen hochwertigen Satz Wurfmesser, mit denen ich selbstständig weitertrainieren konnte. Fragend sah ich ihn an. Bodo stellte trocken fest: „Die schenk ich nur, weil du so talentiert bist. Hätte ich gar nicht vermutet, du bist fast gut wie ich, ehrlich Dieter! Aber Training ist alles. Vergiss das nicht!“ Ich sah ihn nahezu zärtlich und dankbar an: “Bodo, alter Kumpel, solch ein Lob von dir baut mich auf, danke! Aber die ganze Sache muss unter uns bleiben, ist doch klar!“ Ein wenig verkniffen und mürrisch gab Bodo zurück: „Ist doch eigentlich logo, Dieter, oder?“ Ich klopfte seine Schulter und nickte zustimmend. Dann verließ ich ihn. Ich spürte seinen sorgenvollen Blick noch lange in meinem Rücken.
Seinen Rat würde ich auf jeden Fall beherzigen. Meine Messerwurf-Übungen wurden mir mit der Zeit zur Gewohnheit. Ich vollzog sie später im recht einsam gelegenen Schrebergarten eines Bekannten im Dortmunder Nordwesten. Man wusste ja nie…

 

Nun, ich sagte ja bereits, die Russen waren mit der Knarre schnell bei der Hand und geübte, skrupellose Schützen. Konnte man von ausgebildeten ehemaligen KGB-Agenten auch nicht anders erwarten.

Zwar verfügte ich aus vergangenen Zeiten über gewisse Erfahrungen mit Handfeuerwaffen. Aber eben nur marginal. Das musste sich ändern. Auch in diesem Fall halfen mir meine alten Kontakte weiter. Ich konnte mir ein Gewehr und auch eine Pistole samt Schalldämpfern besorgen. Ziemlich teurer Spaß das Ganze. Habe nahezu 10.000 € dafür hinlegen müssen. War aber hochwertige, präzise Ware.

Dragunov, russisches Scharfschützengewehr. 10 Schuss im Magazin. Kaliber 7.62 x 54mm. PSO - 1 Zielfernrohr mit Reflexionsvisier. Absolut tödlich.

Heckler und Koch Pistole USP Compact 9mm, Halbautomatik, 13 Schuss im

Magazin und einen Schalldämpfer.

Und für Igor ein volles Magazin mit Hohlspitzmunition. Das stand ihm einfach zu. Die Projektile fragmentieren beim Aufprall, und alles was im Wege ist, wird von vielen kleinen Partikeln zerrissen, Gewebe, Muskeln und Knochen. Wenn der Drecksack Dum-Dum-Geschosse benutzt, will ich mich auch nicht lumpen lassen. Igor, das wird ein Spaß. Vielleicht zerschieße ich erst dein Knie, dann dein Lieblingsweichteil, und dann..., ließ ich meinen Rachefantasien freien Lauf.

In dem hohen Kaufpreis war aber ein kostenloses vierwöchiges Schießtraining enthalten, welches ich im Kellergeschoss eines illegalen Bulgarenpuffs im Norden von Dortmund absolvierte. Langsam und sicher kam ich wieder in Form und lernte es, mit den Waffen professionell umzugehen. Aber eines wurde mir während des Schießtrainings mit dem Gewehr deutlich bewusst. Ich war kein kaltblütiger Mörder der auf Distanz tötet. Eine solche Rache wollte ich nicht. Nein ich werde ihm in die Augen sehen, wenn sein letzter Moment gekommen ist, so soll es enden.
 

Ein Letztes blieb noch: Es musste eine zusätzliche Waffe her, die als solche nicht erkennbar war. Ich brauchte recht lange, bis ich die zündende Idee hatte. Einem Senior, der ich wohl mehr oder weniger war, stand ein Gehstock recht gut zu Gesicht und würde niemanden wundern. Er bildete zugleich eine gute Tarnung, die jeden Gegner zunächst täuschen würde. Dass sich damit zur Not auch einige Kendo-Übungen abwickeln lassen, war ein von mir gewünschter Nebeneffekt. Mit Kendo-Stockübungen hatte ich mich während des Trainings in meinem neuen Dojo angefreundet.
Außerdem hatte ich damals während Freddys Hwarang-Do-Trainings beobachten können, wie der Stockkampf funktioniert. Das kam mir nun zugute. Denn der Stockkampf gehört zu den Grundlagen des Hwarang-do. Von daher erwies ich mich als recht talentiert, und mein Dojo-Meister war voll des Lobes.

Das Shinai, das Übungsschwert aus Bambus, wurde zur Verlängerung meiner Arme. Fast schon traumwandlerisch beherrschte ich dieses Gerät und brachte auch den Meister so manches Mal ins Schwitzen. Auch mit dem Bokuto, dem Holzschwert für die Kendo-Kata, übte ich mich zu seiner Zufriedenheit täglich.
 

Auf einem Trödelmarkt gelang es mir, eine schwere, robuste und nahezu unkaputtbare Krücke aus einem asiatischen, teakähnlichen Hartholz zu erwerben, die gut in meiner Hand lag und mir in der Not gute Dienste leisten sollte. Das handgeschnitzte Griffstück symbolisierte einen Schlangenkopf. Die Symbolik sagte mir zu und passte sehr gut zu meinen Plänen: Schlangenbissen gleich sollten die einzelnen Schläge ausfallen, die ich dem Mörderpack versetzen wollte - schmerzhaft und giftig! Wie schon gesagt, Tarnung ist alles…
 

Jetzt musste ich nur noch darangehen, meine Spuren zu verwischen und meine wahren Absichten verschleiern. Dazu gehörte auch, meinen Sohn Freddy über mein Vorhaben zu täuschen, hauptsächlich, um ihn herauszuhalten und nicht zu gefährden.
Aber auch KHK Kristof Kovalidis sollte nicht den Eindruck beibehalten, dass ich dabei war, meine Rachepläne tatsächlich durchzuführen. Sehr unauffällig hatte ich deshalb ausgekundschaftet, welche Wege er vom Polizeipräsidium in der Mittagspause üblicherweise nahm. Es stellte sich heraus, dass er so seine Gewohnheiten hatte: Ab und dann unternahm er einen Spaziergang in Richtung des naheliegenden Westfalenparks, meist dienstags oder donnerstags zwischen 12 und 13 Uhr. Dann hielt er sich in der Nähe des Buschmühlenteichs auf. Diesen Umstand wollte ich mir zunutze machen: In aufgesetzter Gebrechlichkeits-Pose ging ich eines Tages, schwer atmend auf meinen Gehstock gestützt und leicht zitternd in einiger Entfernung an ihm vorbei, bis ich mir sicher war, dass er mich gesehen haben musste. So war es auch. Aus den Augenwinkeln nahm ich war, wie sich seine Augen weiteten und wie Kristof bei meinem Anblick zusammenzuckte. Ich sah auch, wie er sich spontan erheben wollte, aber dann in seiner Bewegung innehielt. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass ich mein Gesicht verliere. Guter Bulle…

 

Und am Ende hatte es der alternde Samurai geschafft und war gerüstet für den letzten Kampf.
 

 

Freddy Freddys Trauma

 

Bei einem seiner letzten Besuche fiel es mir in aller Deutlichkeit auf: Freddy schien innerlich versteinert. Das spürte ich, obwohl er die Situation nach dem Mord an seiner Mutter beständig rationalisierte. So, als wolle er sich selbst von seinen wahren Wünschen ablenken. Ich war empathisch genug, um zu ahnen, wie es wirklich in ihm aussah - Freddy sann ebenfalls auf Rache, dem ganzen juristischen Drill zum Trotze. Langsam wurde mir mulmig. Der Vater in mir sträubte sich mit aller Macht. Ich wollte meinen Sohn nicht unnütz einer Gefahr aussetzen, schon Jennys wegen und in Verantwortung gegenüber Marion.

Da er bald Geburtstag hatte, schenkte ich ihm und mir eine Wochenreise in den bayerischen Wald. Ich gestehe, dass es ein wenig hinterlistig von mir war. Aber ich hoffte, dass ihm das Licht über den Bergen ebenfalls Erleuchtung bringen würde. Nur unwillig schien er darauf einzugehen. Ich konnte die Zeichen aber deuten. Mein Sohn begann zu versteinern und in seiner Hilflosigkeit zu verstocken. Meine Hoffnung war, dass diese Woche ihm genauso gut tun würde wie einst mir.

Wir flogen vom Dortmunder Airport herüber zum nächsten Regionalflughafen und mieteten dort einen Wagen. Tante Wilmas Pension gab es schon lange nicht mehr. Aber dafür befand sich in dem umgebauten Gebäude ein nettes Garni-Hotel mit einigem Komfort.

Wir wanderten viel in diesen Tagen, und Freddy entspannte sich langsam. Ich zeigte ihm die Stellen, an denen sich seine Mutter und ich, sein Onkel Freddy und seine Großeltern einst aufgehalten haben und glücklich gewesen waren.
Und dann kam der Tag, an dem es galt, eine ganz besondere Reise zu unternehmen…

 

*

 

Schon in aller Hergottsfrühe waren wir aufgestanden, und in guter Stimmung schritten wir aus. Dies war Voraussetzung dafür, eine Tageswanderung wie diese zu bewältigen. Zunehmend wurde es heller und heller.
„Das wird ein schöner Tag“, dachte ich.

Ahnungslos genoss auch Freddy unsere Reise, und auch ich überließ mich wieder meinen Gedanken. Ein anderer Teil meiner Persönlichkeit registrierte das Rauschen des Waldes und das Murmeln des Bachlaufs, der sich träge ins Tal herunter wand. Die Geräusche des Kleingetiers und das Zwitschern der vielen verschiedenen Vögel bildeten einen klangvollen Background und weckten die Musik in mir. Spontan fiel mir wieder der Song aus den siebziger Jahren ein. Und ich dachte wie damals an Cat Stevens´ “Morning has broken“. Nie und nimmer hätte ich geglaubt, wieder zu solch´ romantischen Gedanken fähig zu sein, ausgerechnet ich, der ich mental so verwundet und gezeichnet war von den seelischen Verletzungen, des schmerzlichen Verlustes nach dem Weggang meiner Gefährtin und Geliebten.
Wie ich es mir schon vorher ausgerechnet hatte, erreichten wir rechtzeitig den Aussichtspunkt auf dem Berg, gerade als die Sonne die letzten aufsteigenden Nebel verdampfte und uns einen atemberaubenden Ausblick auf das Grün der Täler und Anhöhen bot. Majestätisch und zuverlässig wie seit Jahrmillionen stieg der rote Glutball und Spender allen Lebens innerhalb zweier bewaldeter Berggipfel in der Ferne empor. Irgendwo aus Richtung Tschechien hob er sich herauf und tauchte die Umgebung in sein sanftes rotes Licht. Seine milden Strahlen wärmten unsere Gesichter und trockneten im Nu den Schweiß unserer Wanderung. Das war doch mal ein Morgen, ganz und gar nicht so, wie er sich täglich anfühlte, seit Marion nicht mehr bei uns war…
Dieses Licht über den Bergen und die grenzenlose Freiheit der uns umgebenden Natur, diese universelle, beklemmende Ahnung von göttlichem Schaffen rings um uns herum, hinterließ den Anklang einer nie erlebten Demut und von Frieden in uns, so das mir die Tränen kamen: als hätte ich so etwas noch nie erlebt, noch nie einen Wald, noch keinen Hügel oder die Sonne gesehen ... Und allmählich machte sich eine große Zufriedenheit und Erleichterung in mir breit. Ich erkannte, dass es meinem Sohn genauso erging. Es begann bei ihm mit einigen kleinen Tränen, die in einen befreienden Weinkrampf mündeten. Ich schloss ihn in meine Arme. Er ließ es geschehen, wie einst als kleiner Junge. Langsam beruhigte er sich. Ich nickte nun zufrieden ob des Erfolges dieser Katharsis…

Gemessen an der Demonstration unseres Himmelsterns waren die menschlichen Pseudo-Probleme eigentlich nichtig und klein. Unsere ganz persönliche Katharsis entfaltete ihre befreiende und beruhigende Wirkung, löste die Versteinerung der Seelen und hauchte jedem von uns eine nahezu unerschöpfliche Energie ein.
 

Endlich konnten wir frei über das sprechen, was uns bewegte. Wir blieben lange dort oben und kehrten gegen Abend müde und erschöpft in das Hotel zurück.

 

Am nächsten Morgen begegnete mir Freddy in guter Laune und wirkte entspannt und ausgeglichen. Die Woche neigte sich dem Ende zu. Heute wollten wir einen letzten Spaziergang unternehmen und dann die Koffer packen:

Nach dem Frühstück begannen wir unsere tägliche Runde. Wir kamen ins plaudern. Doch plötzlich drehte sich Freddy unvermutet zu mir herum und stellte mit einer Entschlossenheit in der Stimme, die ich ihm nie zugetraut hätte, fest: „Papa, ich will nicht Drumherum reden: Ich will Rache und die Mörder meiner Mutter jagen bis ans Ende ihrer Tage. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich muss es tun.“
Ich hatte geahnt, dass so etwas kommt. Dafür kannte ich meinen Sohn.
Ich sah ihm fest in die Augen und sagte: „Ein kluger Mann, ich glaube Ghandi, sagte: Auge um Auge, und die Welt ist blind. Freddy, auch ich habe mich wochenlang gefragt, weshalb und wozu ich noch lebe. Sosehr ich dich und auch deine Gefühle verstehe, so muss ich doch erklären: Es ist mein vornehmstes Recht, den Tod meiner Frau zu rächen, und davon mache ich Gebrauch!“

Wo steht das, Vater?“, fragte mich mein Sohn verblüfft und wandte mir den Blick zu.

Nirgendwo, oder doch, vielleicht irgendwo in der Bibel, aber ich erkläre es zu Dieters Recht“, antwortete ich mit fester Stimme ohne in Pathos zu verfallen und fuhr fort: „Und sollte mir die Rache nicht gelingen, Sohn, dann erst sollst du sie fortsetzen. Gnadenlos. Hetze die Bande, bis sie blutige Füße haben und vor lauter Angst nicht mal mehr kriechen können. Dann richte sie. Das ist deines Vaters Wille, ebenfalls ganz im archaisch-biblischen Sinne. Das klingt vermutlich stark nach alttestamentarischer Gerechtigkeit, vielleicht auch auf naive Art, mein Sohn, aber wer, wenn nicht ich als Gefährte deiner Mutter, hätte nicht das erste Recht dazu? Verziehen wird erst im Himmel. Und das nur von Gott persönlich.“ Freddy schwieg, dachte lange nach und beugte sich schließlich.

Papa, erst jetzt weiß ich meinen sehnlichsten Wunsch in guten Händen, in deinen festen Händen. Danke!“

Wir verloren bis zum Ende der Reise kein Wort mehr über die Aussprache. Freddy blieb ausgeglichen. Die Versteinerung seiner Seele schien wie fortgeblasen.

 

 

Virtuell Virtuelle Spionage

 

Mit meiner Fitness war ich jetzt nicht unzufrieden. Ich übte weiterhin Tag für Tag: Messerwurf, Wing-Tsun Training, Kendo, Schießen… So bleib ich fit und in Bewegung.
Aber es waren Monate vergangen. Ein schöner, warmer Herbst war angebrochen, nicht nur der jahreszeitliche, wohl auch der Herbst meines Lebens. Ob die Informationen, die mir Kristof damals auf dem USB-Stick zukommen ließ, noch up to date waren, wusste ich nicht genau. Denn so naiv war ich nicht: Ich musste deshalb dafür sorgen, dass ich wieder auf den neuesten Stand kam. Und dazu hatte ich schon eine Idee entwickelt.

Da war doch mal was. Holger mein alter Kumpel, der mir damals bei der Sache mit Tommy geholfen hat, könnte mir vielleicht auch diesmal unter die Arme greifen, überlegte ich.

 

Holger war umgezogen, aber es dauerte nicht lange, bis ich seine aktuelle Adresse in Castrop-Rauxel ausfindig gemacht hatte. Wir verabredeten uns dort im Cafe Antik, einem freundlichen, gemütlichen Restaurant-Cafe mit Jugendstil-Ambiente, dessen nostalgisches Flair durch allerlei alte Möbeln und antike Dekorationsgegenstände unterstrichen wurde. In dieser herrlichen Atmosphäre fühlte ich mich auf Anhieb wohl. Die beiden Gasträume waren hübsch ausgestattet. Harry K., der sympathische Inhaber hielt seinen Laden mit allerlei Extra-Veranstaltungen wie Bingo-Nachmittagen, Musikveranstaltungen oder Lesungen in Gang.

Holger hatte sich kaum verändert. Aber es schien ihm jetzt finanziell erheblich besser zu gehen, denn er fuhr in einem der neuesten BMW-Modelle der 7er-Klasse vor. Doch ich hatte ein gutes Gefühl und sondierte vorsichtig, ob noch einmal ein Gefallen wie damals möglich war.

Holger sah mich erstaunt an und nickte: „Auch wenn ich ein wenig Kohle gemacht habe, Dieter, mein alter Freund, so satt kann ich nie werden, dass ich meine alten Freunde vergesse. Was kann ich denn für dich tun?“

No risk, no fun, es muss wohl sein, dachte ich und vertraute Holger mein Problem an. Im Großen und Ganzen hatte er wohl schon erfahren, was mit Marion passiert war. Allerdings verschwieg ich ihm die Gefährlichkeit meiner düsteren Rachepläne.

Puh“, stellte Holger fest, und es folgte einer seiner Monologe: „Kann es bei dir nicht mal `ne Nummer kleiner sein? Du willst dich also mit nicht mehr oder weniger als mit dem BKA anlegen, Alter? Die sind nicht nur hart drauf, sondern auch gut abgesichert. Aber o.k., ich könnte den Rechner dieser Dr. Mattern-Friese mit einer Spy-Software infiltrieren, damit du an die russischen Hintermänner herankommst. Und ihre E-Mails willst du auch lesen. Oh, heilige Scheiße!“, stöhnte Holger auf und setzte seinen Vortrag fort.
„Da brauchst du was ganz Spezielles. Und es gibt da tatsächlich einen Weg. Ist aber verboten. Nicht mal die Geheimdienste dürfen offiziell damit umgehen. Jeder Computer hinterlässt eine Datenspur, sobald eine Mail geschrieben bzw. im Netz gesurft wird, ein Telefonat stattfindet oder eine SMS gesendet wird. Sobald sich der PC in das Internet einwählt, übermittelt diese spezielle Software alle 20 Sekunden ein Desktop-Foto und späht auf diese Weise alles aus. Auch auf Skype-Telefonate oder SMS hast du Zugriff, wenn du sie abfängst, bevor sie durch die Verschlüsselung laufen. Und damit dir keiner auf die Spur kommt, kannst du die Informationen auf irgend `nem Rechner in der Karibik oder Russland umleiten, auf den nur du Zugriff hast. Und wenn du am Ende alle Spuren verwischen willst, veranlasst du das Programm, sich nach einer vorgegebenen Zeit selbst zu löschen - ohne Spuren. Könnte ich dir alles machen, Dieter“, stellte Holger fest. „Mir reicht die E-Mail-Adresse oder Telefonnummer der Tussi. Und wenn sie öfter mit einer bestimmten E-Mail-Adresse ´kommuniziert, können wir auch diese ausspähen - wenn du willst, Dieter. (- Ich nickte -) Aber es wird nicht billig, ich meine ich muss da einige Leute bezahlen, damit die anschließend ihr Gedächtnis verlieren. Ich selbst verlang´ natürlich nichts von dir, Dieter, ist doch Klaro.“

Ich war perplex. Genau so etwas brauchte ich.

Dann sag mal `ne Hausnummer Holger“, verlangte ich.

Na, mit 20.000 € müsstest du hinkommen“, meinte Holger.

Ist geritzt, Holger“, erwiderte ich.

Gut, ich lege also morgen los. Die Adresse des externen Rechners und die geheimen Passwörter erfährst du noch von mir, so dass du regelmäßig darauf zugreifen und die BKA-Daten abrufen kannst. Ganz so, als wäre es dein eigener PC. Noch ein Tipp. Mach das am besten aus Internetshops heraus. Möglichst immer wieder wechselnde Läden, vielleicht sogar außerhalb Dortmunds“, sagte Holger bedächtig, nachdem ich ihm die Visitenkarte der BKA-Beamtin übergeben habe.

Aber du kennst mich ja, Dieter. Ich hab nichts gesehen, ich weiß von nichts, und kenne dich auch gar nicht. Klar? Du kennst mich nicht, und ich war auch nie hier. Ist mir alles zu heiß, und ich verschwinde jetzt mal für einige Zeit in einen ausgedehnten Urlaub, muss sowieso mal wieder weg. Tschüss, Dieter“. Sprach `s, sprang auf und war binnen kurzer Zeit aus dem Lokal. Der Cafe-Chef sah ihm verwirrt hinterher und legte mir wortlos die Rechnung vor…

 

 

Akupu   Akupunktur im Ruhrpott

 

Wochen waren ins Land gegangen. Immer wieder bin ich die Daten auf dem USB-Stick und auf dem Spy-Computer in der Karibik durchgegangen, bis sich in meinem Hinterkopf endlich eine Strategie abzeichnete.

Die Kleindealer der Russenmafia waren mir bekannt und auch die Akteure der nächsthöheren Hierachieebene, die über die Verteilung der Kokainmengen geboten. Heute Nacht war eine Übergabe geplant. Da setzte ich an…

 

Kemal war heute besonders gut gelaunt. Die Geschäfte liefen wieder gut, seit sich das Russen-Netzwerk reorganisiert hatte. Schon viel zu lange hatte er auf seine lukrativen Einnahmen verzichten müssen. Er trieb sich nur ziellos in den Kneipen im Westend Dortmunds herum, um die Lage zu checken oder potentielle Kunden anzubahnen. Die Nacht war fortgeschritten. Er wollte sich punkt 3:00 Uhr mit seinem regionalen Großdealer treffen, um eine größere Ladung Koks entgegenzunehmen. Morgen würde er sie dann an seine Unterverteiler weitergeben. Nach Entgegennahme der Ware wollte er heim zu seiner Familie. Er fühlte sich rechtschaffen müde. Sorgen machte ihm ein wenig das viele Bargeld, das er zur Bezahlung de Lieferung mit sich herumschleppte. Seit sich die Sache mit Francis ereignet hatte, bestanden die Russen leider auf sofortiger Zahlung, Zug um Zug.

Er sah auf dem Smartphone nach der Uhrzeit und sputete sich, um pünktlich seinen Lieferanten im Westpark zu treffen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz: Länger als eine Minute wurde nie gewartet, zu gefährlich.

Youssef war schon recht nervös und sah sich alarmiert um. Gerade wollte er gehen, als Kemal außer Atem doch noch eintraf. Er sah ihn böse an und fragte: „Hast du die Kohle dabei?“ Sein Unterverteiler nickte und zog ein dickes Geldbündel aus der Tasche.

Genau 20.000 €, erwiderte er.

O.k., dann kann es ja losgehen“, meinte Youssef und begab sich abseits des Weges zu einem Busch, unter dem er ein Päckchen mit dem Stoff deponiert hatte. Gerade als er seine Lieferung übergeben wollte, nahm er in einigen Metern Entfernung die gebeugte Gestalt eines älteren Mannes wahr, die sich auf sie zubewegte. Er musste wohl angetrunken sein, denn er bewegte sich in Schlangenlinien, trällerte irgendein Liedchen vor sich hin. Die Dealer warteten ab und wollten den Säufer vorbeigehen lassen. Doch als sich dieser in ihrer Höhe befand, entglitt ihm sein Gehstock, der Kemal fast vor die Füße fiel.
Dieser wurde langsam ärgerlich ob der Störung und trat den Krückstock in Richtung des angetrunkenen Passanten und schnauzte ihn an.

Hau endlich ab, Opa, sonst gibt´s was aufs Maul.“ Doch dieser kicherte nur blöd und bückte sich ungeschickt und behäbig nach dem Stock.
Das war zu viel. Kemal setzte an zu einem Tritt in Richtung der Brust des älteren Herren. Er kam aber nicht weit, denn dieser schien innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Verjüngung durchgemacht zu haben und hatte Kemal den Gehstock heftig ins Gemächt geschlagen. Vor Schmerzen brüllend wälzte sich der Angreifer am Boden und hielt sich wehklagend die Eier. Sein Geldbündel lag einsam und verlassen neben ihm.

Doch damit nicht genug. Sofort wandte sich der Alte Youssef zu, der das Weite suchen wollte. Irgendwas stimmte hier nicht ,dachte der noch, als auch er unsanft Bodenberührung bekam und sein Päckchen fallen lassen musste, um mit den Händen sein Gesicht zu schützen. Etwas hatte ihn von den Füßen geholt. Zu spät erkannte er, dass der nächtliche Spaziergänger seine Krücke benutzt hat, um seine Flucht zu verhindern. Behände sprang er wieder auf die Beine und griff den älteren Herrn an. Als Tae-Kwon-Do- Rotgurtträger sah er sich bereits als sicherer Sieger. Es wäre doch gelacht, wenn er diesen Kampfrentner nicht innerhalb einiger Minuten ausgeschaltet bekäme. Kemal hatte sich ebenfalls erhoben und griff an. Doch der fing sich sofort einen üblen Schlag mitten ins Gesicht ein, der sein Nasenbein zu Bruch gehen ließ ein

Obwohl Kemal hinter dem Alten stand, hatte dieser ihm präzise den Stock auf seiner Nase platziert, die jetzt heftig blutete.

Mit einer fließenden drehenden Bewegung drosch der Alte nun Youssef den Krückstock auf den Handrücken. Vor Schmerz schrie Youssef auf und trat mit einem Sidekick in Richtung des Alten. Aber der wich behände aus und schlug kräftig auf den gestreckten Oberschenkel von Youssef. Mit der nächsten Aktion holte er Youssef von den Beinen, indem er das Griffstück der Krücke an Youssefs Ferse ansetzte und mit Schwung sein Standbein unter dem Körper wegzog. Schwer schlug Youssef mit dem Rücken auf dem Boden auf und hatte Mühe, Luft zu bekommen. Er sah gerade noch wie der Alte sich umdrehte und mit einer eckig wirkenden Bewegung Kemal den Stock in die Halsbeuge hieb. Kemal sackte zusammen und blieb regungslos liegen.

Die ganze Aktion hatte nicht einmal drei, vier Sekunden gedauert, registrierte Youssef, und sprang auf. Sein rechter Oberschenkel schmerzte gewaltig und war für einen Tritt erst mal nicht zu gebrauchen. Also versuchte er den Alten mit Fauststößen auszuschalten. Ein gerader Fauststoß zum Kopf des Alten ging ins Leere, und verwundert stellte Youssef fest, das sich dieser längst hinter ihm befand und ihn mit einem Tritt in die Kniekehle in die Knie zwang. Plötzlich war der Alte wieder vor ihm, holte mit seinem Krückstock aus, und es wurde schwarz vor Youssefs Augen…

 

Beide Dealer lagen jetzt ziemlich malträtiert und blutig am Boden. Sie rührten sich nicht mehr. Im Krankenhaus würden sie einige Wochen Zeit haben, über den Vorfall nachzudenken. Und wenn sie nicht völlig verblödet waren, würden sie die Hintergründe des Vorfalls auch nicht offenlegen, zumindest nicht gegenüber der Polizei.

Zufrieden strich Dieter über das Griffstück seiner Krücke. „So, das war der erste Biss meiner Schlange, hatte ja auch alles lange genug gedauert, das mit der Beschattung usw…“, murmelte Dieter, als er das Geld und den Stoff einsammelte.
Das ist doch mal ein Stundenlohn, dachte er und pfiff anerkennend durch die Zähne und wog bedächtig das Geldpäckchen in seinen Händen. Den Stoff musste jetzt irgendwo gebunkert werden. Er wollte abwarten, wann er ihn nützlich einsetzen konnte. Aber zunächst informierte er von einem der seltenen Münz-Telefone anonym die Rettungshelfer, damit die Verletzten in ärztliche Behandlung kamen. Klar, dass er Handschuhe benutzte.
Dennoch war ihm bewusst, dass diese einmalige Störung einer Übergabe nicht reichen würde, um die Hintermänner in Vilnius besonders aufzuregen. Weitere Nadelstiche mussten folgen, um diese nach Dortmund zu locken. Zum Glück waren ihm die Namen weiterer regionaler Unterverteiler bekannt. Da würde er ansetzen und weiter provozieren.
 

*

 

Es war ein angenehmes herbstliches Wochenende. Die Menschen nutzten die letzten schönen Tage. Auch die Nacht hielt, was sie versprach. Es war angenehm warm.
Aber Mustapha war nervös. Heute Nacht sollte er eine größere Lieferung entgegennehmen und auch in bar bezahlen. Zug um Zug, Ware gegen Geld. So jedenfalls hieß es in der üblichen verschlüsselten E-Mail. Er schleppte 65.000 € mit sich herum, um den Stoff bezahlen zu können. Wie immer fanden solche Übergaben in den fortgeschrittenen Nachtstunden statt. Da die Koks-Lieferung samt der Amphetamin-Pillen einiges an Gewicht aufzuweisen hatte und die vielen Geldscheine ebenfalls ein gewisses Volumen aufwiesen, wollte man sich mit Fahrzeugen im Hafengelände treffen, das zu dieser Zeit einsam und verlassen da lag. Je Partei eine Vertrauensperson. Die üblichen Vorsichtsmaßnahmen also.

 

Omar war schon recht nervös und sah sich alarmiert um. Gerade wollte er in sein Fahrzeug steigen, um den Treffpunkt zu verlassen, als er das Motorengeräusch eines Fahrzeuges wahrnahm. Also würde er noch etwas zuwarten. Allerdings war er bereits verärgert, denn Mustapha erschien fast drei Minuten zu spät. Er war etwas außer Atem, als er eintraf. Omar sah ihn böse an und schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Ich bin zugeparkt worden“, entschuldigte sich Mustapha. „Ehe ich den Besitzer aus der Kneipe hatte, war einige Zeit vergangen, sorry!“
Omar wollte nichts mehr hören und fragte:“Hast du die Kohle dabei?“ Sein Unterverteiler nickte und öffnete die Kofferraumhaube seines Fahrzeugs und danach das Akten-Köfferchen mit den Geldscheinen, meist 50- oder 100-€uro-Noten in gebrauchten Scheinen.

„Genau 65.000 €“, erklärte er.

Das will ich auch meinen“, knurrte Omar und begann, die Geldbündel zu zählen. Er war wohl mit dem Ergebnis zufrieden und drehte sich nun zu Mustapha um.

Dann kann es ja losgehen“, meinte er und begab sich zu seinem Wagen. Hier begann dieselbe Prozedur, nur umgekehrt, denn auch Mustapha ging die Lieferung penibel durch. Er hatte mittlerweile einen guten Blick für die Mengen des Stoffs. Immerhin betrieb er das Geschäft schon seit längerer Zeit. Doch eine der Tüten wollte er doch unter genauem Augenschein nehmen, das stand ihm als Abnehmer zu - ungeschriebenes Gesetz in der Szene. Ungeduldig ließ Omar ihn die Prozedur vollziehen.
Nachdem Mustapha den Stoff am Ende noch abgeschmeckt, für gut befunden und an sich nehmen wollte, nahmen sie er in einigen Metern Entfernung die gebeugte Gestalt eines älteren Mannes wahr, die sich an einem Krückstock auf sie zubewegte. Er musste wohl angetrunken sein, denn er bewegte sich in Schlangenlinien, trällerte irgendein Liedchen vor sich hin. Die Dealer warteten ab und wollten den Säufer vorüber ziehen lassen. Doch dieser stellte sich erst einmal gemütlich an einen Baum und entleerte seine Blase. Fröhlich grölte er dabei sein Liedchen weiter und grinste die Beiden dümmlich an. Umständlich zog er den Reißverschluss seiner Hose zu und setzte seinen Weg fort. Als er sich in ihrer Höhe befand, entglitt ihm sein Gehstock, der Omar fast vor die Füße fiel.
Dieser war wegen der Verspätung Mustaphas ohnehin frustriert. Genervt wegen der Störung trat er den Gehstock in Richtung des angetrunkenen Passanten und brüllte ihn an: „Verpiss dich endlich, Opa, sonst trinkste morgen aus der Schnabeltasse.“ Doch dieser kicherte nur blöd und bückte sich ungeschickt und behäbig nach dem Stock.

Das war zu viel für Omar. Er trat nach den älteren Herren, steppte einen Schritt vor, drehte sich auf seinem linken Fuß und trat mit dem rechten, gestreckten Bein zu. Doch er kam nicht weit, denn dieser schien innerhalb von Sekundenbruchteilen ernüchtert, wich mit der Leichtigkeit eines Balletttänzers zur Seite und ergriff Omars Schienbein mit seiner linken Hand und hielt es fest.

Nun hüpfte dieser auf einem Bein herum und versuchte es aus der Umklammerung zu zerren. Aber der Alte hatte ihn fest im Griff, grinste ihn schadenfroh an und ließ ihn zappeln. Dann hieb er Omar mit der Handkante heftig auf den schön gestreckten Oberschenkel. Grinste noch mal, und ein zweiter Schlag folgte auf dieselbe Stelle.

Dann ließ er ihn los, Omar hielt sich gebeugt das Bein, versuchte den Schmerz wegzumassieren und wollte irgendwas losbrüllen, gerade als ihm die rechte Faust des alten Gesellen ins Gesicht fuhr. Er musste seinen Fluch wohl oder übel herunterschlucken. Der Fausthieb traf ihn genau auf die Nase. Einige Zähne mussten auch fehlen. Um sie nicht versehentlich herunterzuschlucken, spuckte er die Trümmerstücke aus. Nun hatte Omar genug Grund, um noch lauter zu brüllen, allerdings sehr undeutlich in der Aussprache, weil er wieder einige Zahnreste ausspucken musste. Er wusste nicht einmal, ob er sich die blutende Nase oder den schmerzenden Oberschenkel halten sollte.
Es nützte nichts. Die Schlägerei war wohl unvermeidbar. Auch Mustapha stürmte jetzt auf den Alten los, kam aber nicht weit. Voller Überraschung sah er, dass der Opa eine Pirouette vollzog und einen heftigen Kick auf seiner Brust platzierte. Der Tritt nahm ihm fast völlig den Atem. Er stolperte einige Schritte zurück. Wütend griff er wieder an. Doch wie aus dem Nichts hörte er plötzlich ein knirschendes Geräusch. Der Schmerz setzte mit Verzögerung ein. Erst jetzt realisierte Mustapha, das auch seine Nase und die Kinnlade hinüber waren. Gleich einem jungen Hund jaulte er voller Schmerz und Wut auf.
Seine Schmerzenslaute, die durch die neu entstandenen Zahnlücken drangen, vermischten sich mit dem Geschrei seines Kumpels zu einem seltsamen disharmonischen Choral, gleich einer defekten Orgel, deren Obertöne der zügigen Nachstellung bedurften.
Doch so schnell endete die Auseinandersetzung nicht. Omar griff erneut an.
Er hatte jedoch sein Messer gezückt und fuchtelte wie wild damit herum. Er überlegte wohl noch, wie er angreifen sollte, denn der Alte hatte zu seiner Verteidigung seinen Gehstock erhoben und ließ sich von den Manövern des Angreifers nicht beeindrucken. Omar machte einen Ausfallschritt und stach in Richtung des Unterleibs seines Gegners zu, als er auch schon wimmernd in die Knie ging. Ein kunstvoller Schlag auf die Messerhand brach ihm einige Knochen. Ein weiterer Hieb in die Eier, mit dem Stock von unten geführt, ließ ihn aufbrüllen. So ein Schmerz wirkt nun mal ziemlich nach, zuverlässig wie immer. Zusammengekrümmt hielt er sein Gemächte fest. Ein wohldosierter Hieb mit dem Faustballen auf seinen Hinterkopf beendete sein Martyrium - direkt neben dem Ohr kurz und trocken gesetzt. Der der verhinderte Messerheld ging stöhnend zu Boden und fiel in eine wohltuende Ohnmacht. So brauchte er die Tritte, methodisch in die Rippen und in den Bauchraum gesetzt, nicht mehr zu ertragen. Er musste auch nicht zusehen, wie der Alte die Klinge seines Messers mit einem Tritt zerbrach…

Mustapha hatte sich ein wenig erholt. Blind vor Scham und Zorn stürmte er wieder auf den Alten los, um seine Ehre wieder herzustellen. Er wollte es einfach nicht wahrhaben, dass ein gebrechlicher alter Säufer ihm eine derartige Schande bereitet haben konnte. Doch auch ihm widerfuhr Omars Schmach, als der Alte ihm in einer blitzschnellen Bewegung, die ihn entfernt an eine japanische Kampfstellung erinnerte, heftig den Gehstock ins Gemächte schlug. Der Schmerz war überirdisch. Brüllend wälzte er sich auf dem Boden herum und hielt sich ebenfalls wehklagend die Eier. Und dann bückte sich der Opa zu ihm herunter. Aus den Augenwinkeln sah er noch, wie sich zwei Handkanten ihn Richtung seines Halses zubewegten. Dann sah er nichts mehr. Wohltuende Dunkelheit hatte sich um ihn gelegt. Und so brauchte auch er die Tritte, methodisch in die Rippen und in den Bauchraum gesetzt, nicht mehr ihm bewussten Zustand zu ertragen.

Beide Dealer lagen ziemlich malträtiert und blutend am Boden und rührten sich nicht mehr. Im Krankenhaus würden sie einige Wochen Zeit haben, über den Vorfall nachzudenken. Wenn sie nicht völlig verblödet waren, würden sie die Hintergründe des Vorfalls nicht offenlegen, zumindest nicht gegenüber der Polizei.

So, das war die zweite Akupunkturbehandlung und hoffentlich giftig genug, dachte Dieter und sammelte das Geld und den Stoff ein, der ein ziemliches Gewicht auf die Waage brachte. Es war gut, dass er sein Motorrad einige hundert Meter weiter geparkt hatte. Er verstaute seine Beute in den Transportboxen und war zufrieden mit dem Verlauf der Nacht- und Nebelaktion. Aber zunächst informierte er wieder vom Münz-Telefon aus anonym die Rettungshilfe, damit die Verletzten in ärztliche Behandlung kamen. Dafür hatte er auch gern den Umweg in Kauf genommen. Bin ja schließlich kein Unmensch, murmelte er. Klar, dass er auch diesmal wieder Handschuhe benutzte.
Ohne Zwischenfälle zu Hause angekommen, sah er sich den Stoff an und zählte oberflächlich das Geld durch. Donnerwetter, ein durchaus lohnender Job, dachte er. Den Stoff musste er noch wie beim letzten Mal bunkern und abwarten, wie er ihn nützlich einsetzen konnte.
 

Es war klar, dass spätestens diese giftige Akupunktur-Aktion Wellen schlagen und die Hintermänner in Vilnius zu besonderer Aufmerksamkeit veranlassen würde. Vielleicht reichte es, um diese nach Dortmund zu locken. Zum Glück waren ihm die Namen weiterer regionaler Unterverteiler bekannt. Da würde er ansonsten ansetzen und weiter provozieren.
 

 

Troja

 Troja

Es war eine ruhige Woche gewesen, und Kristof Kovalidis freute sich schon auf ein entspanntes Wochenende mit seiner Familie. Kurz vor Feierabend klingelte plötzlich das Telefon. Wäre auch zu schön gewesen, dass ein Polizeibeamter mal ein störungsfreies Wochenende verbringt, dachte er und schaltete von bösen Ahnungen geplagt sein Bildtelefon ein.

Am anderen Ende befand sich Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese vom Bundeskriminalamt. Nach einer knappen Begrüßung kam sie übergangslos zur Sache. „Herr Kovalidis, Sie haben vermutlich auch schon von den verschiedenen Vorfällen im Westpark und im Hafengebiet gehört. Ich sehe mich angesichts dessen veranlasst, eine SOKO einzuberufen, um der Sache auf den Grund zu gehen und einer etwaigen Selbstjustiz vorzubeugen. Ich möchte Sie aufgrund Ihrer örtlichen Kenntnisse in die Kommission berufen. Hätten Sie jetzt Zeit, mal eben in mein Büro zu kommen?“

Diese mehr rhetorische Frage war reine Höflichkeit. Sein Chef hatte ihm schon vor einigen Tagen angedeutet, dass so etwas anstand. Zwar waren die Außenstelle des BKA, und besonders die Doktorin, hier im Polizeipräsidium wegen ihrer Arroganz sehr unbeliebt, doch es half nichts, der Hierarchie war zu entsprechen. Es hatte vor zwei Wochen und vor drei Tagen Überfälle gegeben, bei denen einige Dealer aus der Dortmunder Szene gewaltig Federn lassen mussten und schwer verletzt im Krankenhaus landeten. Es handelte sich ausgerechnet um Dealer, die dem Netzwerk der Russenmafia zuzurechnen waren, die wohl auch für die Morde an Franz-Josef Overhoff, Birgit Groß und Marion Sedler verantwortlich war. Einen Zusammenhang zu Dieter sah er nicht, obwohl er sich das klammheimlich wünschte. Doch es war bereits zu viel Zeit vergangen seit diesen Morden. Vermutlich hat Dieter seinen Rat doch beherzigt und sich richtigerweise aufs Altenteil zurückgezogen.
Grundsätzlich muss diesen Fällen zwar nachgegangen werden, dachte er, aber gleich eine SOKO einzurichten, erschien ihm übertrieben, zumal sich diese Landplage von einem Dealerpack eine Abreibung durchaus redlich verdient hatte… In solch politisch unkorrekten Gedanken versunken, schlurfte er missgelaunt zu ihrem Büro, das sich nur eine Etage höher über dem seinen befand. Sie hätte sich ja auch zu mir begeben können, wenn Sie was von mir will, dachte er griesgrämig.

 

Die Doktorin empfing ihn wie stets in ihrer überheblichen, abweisenden Art und wies ihm einen Platz seitlich an ihrem Schreibtisch zu. Wir hätten uns ja auch in der gemütlichen Sitzecke niederlassen und eine Tasse Kaffee zu uns nehmen können, fiel Kristof nebenbei auf, aber diese seltene Ehre bleibt wohl nur Frauen vorbehalten. Das die Doktorin lesbisch ist, stellte ein offenes Geheimnis dar und war ab und zu Thema im Flurfunk des Präsidiums. An sich hätte das niemanden besonders interessiert, wenn sie ihre sexuelle Orientierung nicht immer so demonstrativ vor sich hertragen würde.

Nachdem er sich auf dem ziemlich unkomfortablen Stuhl an ihrem Schreibtisch niedergelassen hatte, fasste die BKA-Kollegin die Ereignisse der letzten Tage zusammen und sah ihn prüfend an. Kristof hatte keinen Anlass, in besonderer Weise zu reagieren und wartete ab. Dann ließ sie die Katze doch noch aus dem Sack und fragte ganz direkt: „Sagen Sie mal Herr Kollege, könnte es da einen Zusammenhang zu diesem Dieter Sedler und dem Mord an seiner Frau geben?“
Jetzt begriff Kristof. „Absolut negativ, Frau Doktor. Ich habe Herrn Sedler monatelang im Auge behalten und nichts Verdächtiges feststellen können. Ich schätze, dass er noch immer trauert und handlungsunfähig ist. Habe ihn im Übrigen neulich von weitem im Westfalenpark gesehen. Er ist ein gebrochener alter Mann, der sogar am Stock geht. Traurig, traurig…“, fügte er hinzu.
„Ja, dann dürfte das wohl doch keine vielversprechende Spur sein. Aber für einen Macho mit einer solchen Vergangenheit wie der seinen, schwächelt er für meinen Geschmack doch ziemlich stark“, entgegnete sie recht kalt.

Kristof war schockiert und versuchte ihre unpassende Bemerkung zu relativieren.

Nun ja, es war ja schon ein sehr schmerzlicher Verlust. So ein brutaler Mord an der Ehefrau geht an niemandem spurlos vorüber.“

Aber die BKA-Beamtin konnte sich nicht mehr dazu äußern, weil sie vom Klingeln ihres Mobiltelefons unterbrochen wurde. Sie nahm den Anruf nach einem Blick auf das Display entgegen. Es musste wohl wichtig und nicht für seine Ohren bestimmt gewesen sein, denn sie verließ telefonierend das Büro und bedeutete ihm mit Gesten, dass es etwas dauern könnte. Er möge aber abwarten. Und so saß er schon einige Minuten gelangweilt herum, als der Meldeton einer ankommenden E-Mail-Nachricht auf ihrem PC erklang. Mehr aus Langeweile sah er auf den Desktop ihres PC’s herüber, der sich schräg in seiner Sichtachse befand, und wurde stutzig, weil er dem Absender entnehmen konnte, dass die Nachricht aus Russland kommen musste. Neugierig geworden ging er zur Tür und horchte auf den Flur hinaus. Aber von der Doktorin war nichts zu sehen und zu hören.

 

*

 

Er eilte also zum PC zurück und öffnete die E-Mail. Es waren Liebesgrüße aus Vilnius, abgesandt von einer Olga. Das anliegende Video zeigte eine hübsche laszive Blondine in eindeutiger Stellung, die eine starke Ähnlichkeit mit seiner BKA-Kollegin aufwies. Er spielte das Video kurz an pfiff anerkennend durch die Zähne: Es war ein Kurzporno, der es in sich hatte - mit Olga als Hauptdarstellerin in eindeutigen Posen und Sexspielzeugen, die nur eine Lesbe erfreuen konnten. Zwischen den Stöhn-Einlagen klang immer wieder ein Vorname heraus: Sigrid… Da wird doch nicht…, dachte Kristof. Spontan griff er in seine Hosentasche und entnahm ihr einen USB-Datenstick, den er als passionierter PC-User gewohnheitsmäßig mitführte. Eine solche Chance würde sich so schnell nicht mehr bieten. Er kopierte innerhalb von Minuten den gesamten Ordner-Inhalt in Sachen Overhoff u. a. vom BKA-PC seiner Kollegin auf seinen Datenträger. Die neueste Technik erlaubte es mittlerweile relativ große Datenmengen schnell zu speichern. Er hoffte, dass er mit der Kapazität seines Speichers von 32 GB hinkam. Es gelang. Er versetzte den Computer wieder in seinen Ursprungszustand, nahm Platz in der Sitzecke und blätterte scheinbar gelangweilt in einigen Zeitschriften herum.

Nach etwa 5 Minuten erschien die Doktorin. Wie sich an ihrer rosigen Gesichtsfarbe zeigte, musste es ein stressiges Telefonat gewesen sein.

Ich habe mir ein wenig die Zeit vertrieben…“, begründete Kristof seinen Standortwechsel zur Sitzecke und legte die Zeitschrift zur Seite. Sie nickte zerstreut und setzte sich zu ihm. Ein wenig nervös fand sie nach und nach zum Sachverhalt zurück.

Wo waren wir stehengeblieben? Ja, also Herr Kollege, ich beabsichtige eine SOKO auf die Beine zu stellen, die nächste Woche mit ihrer Arbeit beginnen sollte. Diese Überfälle sind kein Zufall. Und ich möchte gern, dass mich die Kripo mit ihrer Ortskenntnis dabei unterstützt. Es gibt überstaatliche Interessen, die durch die Überfälle berührt werden. Es ist nicht nur so, dass die Dealer im Umfeld des Westparks und Hafens vermöbelt worden sind. Nach den Aussagen der Opfer, müssen es jedesmal mehrere Kerle aus irgendeiner Kampfsportszene gewesen sein, die sie derartig zusammengeschlagen haben. Ihnen wurden nach Mitteilung meiner V-Männer wahrscheinlich auch größere Mengen Kokain mit einem hohen Marktwert entwendet. Doch das können wir nicht beweisen. Ich möchte außerdem nicht, dass hier eine Selbstjustiz-Serie oder ein Bandenkrieg in Gang gesetzt werden. Auf Ihre Unterstützung kann ich doch sicher zählen?“, stellte sie mehr rhetorisch als fragend am Ende der Unterredung fest und erhob sich. Das Gespräch war beendet.

Opfer, ich höre nur immer Opfer. Welche Opfer meint sie? Etwa tatsächlich die Dealer oder die vielen geschädigten Drogenkonsumenten?, dachte Kristof kopfschüttelnd.

Aber auch Kristof hatte genug und begab sich noch kurz in sein Büro, um sich anzukleiden. Er verließ die Dienststelle in Richtung Wochenende. Vorher wollte er noch die Daten auf dem USB-Stick sichten und machte Halt an einem Internetshop.

Was er zu sehen bekam, ließ ihn erblassen. Es sah ganz danach aus, als sei Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese tiefer als üblich in den Sachverhalt involviert. Sie unterhielt anscheinend eine intensive Liebesbeziehung zu dieser Olga aus dem Umfeld von Karel Romanov, die weit über die vorschriftsmäßige Führung einer Undercoveragentin hinausging. Denn ohne Zweifel war Olga die Person, die für das BKA arbeitete. Die Frau Doktorin selbst war es, die ihre Stellung als Agentenführerin wohl zur Tarnung ihrer privaten Liebschaft benutzte und verdächtig oft nach Vilnius reiste.

Es mochte vielleicht den unvollständigen Deutschkenntnissen Olgas geschuldet sein, dass man seiner BKA-Kollegin zu deutlich bedeutet hat, für die Beendigung der Überfallserie auf ihre Landsleute in Dortmund zu sorgen. Ein indirekter Hinweis wäre vielleicht angebrachter gewesen. So konnte sich Kristof auf Anhieb seinen Reim machen.

Angesicht der vielen Indizien lag also der Verdacht nahe, dass Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese erpressbar oder anderen Abhängigkeiten unterworfen war. Er konnte es kaum glauben. Nachdenklich verließ Kristof den Internetshop…

 

Er verbrachte nahezu das ganze Wochenende mit Grübeleien, war unkonzentriert und kaum in der Lage, sich seiner wunderschönen Ehefrau und seinen beiden Töchtern zu widmen. So absurd es war: Gestern hatte er sich noch nach einem unbeschwerten Wochenende mit seiner Familie gesehnt, und heute konnte den Dienstbeginn der kommenden Woche kaum abwarten. Eine verrückte Welt…

Doch dann hatte er eine andere Idee. Einer spontanen Eingebung folgend, verließ er unter einem dienstlichen Vorwand das Haus und begab sich unangekündigt zu Dieters Anwesen. Er konnte nicht ahnen, dass ihn dort eine große Überraschung erwartete…

 

*

 

Es war ein schöner Tag. Dortmund erlebte einen schönen, warmen Herbst. Eigentlich schade, dachte Kristof als er auf Dieters Haus zufuhr, diese Stunden hätte ich mit meiner Familie verbringen sollen. Aber es ist stärker als ich… Leider fand sich kein Parkplatz in der Nähe von Dieters Anwesen. Die Hofzufahrt war ebenfalls geschlossen, so dass er an dessen Haus vorbeifuhr, um irgendwo einen Parkplatz zu suchen. Das gelang etwa 100 m weiter, weil gerade jemand eine Parklücke freimachte. Zu Fuß begab er sich in Richtung seines Zieles. Kurz bevor er es erreichte, zögerte er. Gieße ich nicht Öl ins Feuer, wenn ich mich ihm anvertraue? Beschäme ich ihn nicht, wenn ich nun mit Informationen auftauche, die ihm bei seiner angeschlagenen Gesundheit nur vor Augen führen, wie hilflos er ist? Was erreiche ich damit, wenn ich mit ihm über meinen Verdacht rede? Kristof war mittlerweile auf dem Hof angekommen und wollte aufgrund seiner Zweifel eigentlich wieder nach Hause zurück, als er durch die Hecke das schnelle Schemen einer Gestalt bei gymnastischen, nein, bei Kampfsport-Übungen wahrnahm. Leise trat er auf die Hecke zu. Er konnte es nicht glauben, nein, er wollte es nicht wahr haben: Es handelte sich um Dieter, der dort auf dem Rasen wie ein junger Gott Kendo-Übungen mit seinem Gehstock vollführte.
Zunächst erbost, dass er im Park wohl einer Täuschung aufgesessen war, beruhigte er sich und grinste vor sich hin. Dieses Schlitzohr, dachte er und beschloss, dass Spielchen mitzuspielen…
Er betätigte die Klingel und wartete ab. Nach einiger Zeit nahm er schlurfende Schritte war. Dieter öffnete scheinbar mühsam die Haustür und blickte ihn überrascht an.

Du, Kristof?“, begrüßte er ihn erstaunt. „Was führt dich zu mir? Nun, da du schon bist, kannst du auch gleich hereinkommen“, murmelte er. Er ging vor, zitternd und schwer auf seinen Gehstock gestützt. Kristof folgte ihm und schloss die Haustür hinter sich. Dieter ahnte wohl nichts Böses, als Kristof leise hinter ihn trat und ihm blitzschnell den Gehstock wegkickte. Dieters Reflexe reagierten wie vorher gesehen. Er drehte sich gedankenschnell um seine Achse und nahm blitzschnell eine Abwehrstellung ein. Kristof war aber zurückgesprungen und grinste ihn an.

Du bist so was von aufgeflogen, altes Schlitzohr. Was hast du nun gegenüber der polizeilichen Staatsgewalt zur Rechtfertigung hervorzustammeln?“

Tja, das ist eine lange Geschichte, Kristof…“, stotterte Dieter, wohl nach einer plausiblen Ausrede suchend.
“Lass mal stecken, Dieter, ich kann mir schon denken, was los ist. Und ich Depp habe mir gerade noch Gedanken darüber gemacht, ob ich dich mit meinem Geschenk zu verschonen soll.“

Nun entspannte sich auch Dieter, bat ihn ins Wohnzimmer, stellte wortlos zwei Gläser auf den Tisch, ging zum Kühlschrank und köpfte eine eiskalte Wodkaflasche. Er sah Kristof fragend. Dieser nickte erleichtert über den Ausgang seines nachmittäglichen Besuchs.

Geschenk?“, fragte Dieter und sah ihn skeptisch an. „Wenn Griechen schon Geschenke machen, sollte man wachsam sein. Das ist den Trojanern auch nicht bekommen, glaube ich.“ Kristof grinste.

Du triffst den Nagel auf den Kopf.“

Er lehnte sich zurück und begann zu berichten, wobei er wie nebenbei einen USB-Stick in Dieters Richtung schob.

Als Kristof seinen Bericht beendete, nickte Dieter und wandte sich ihm zu.
„O.k., mein Freund. Vertrauen gegen Vertrauen. Was du mir berichtet hast, stimmt völlig mit meinen Informationen überein und wird sich auch vermutlich auf deinem Datenträger wiederfinden.“ Kristof sah ihn verwirrt und fragend an. Dieter fuhr fort.

Du brauchst dich künftig nicht mehr in persönliche Gefahr begeben. Ich bin selbst zu einer Art Trojaner geworden. Deshalb meine Anspielung auf die griechische Mythologie…“ Kristof unterbrach ihn und fragte fassungslos zurück: „Willst du damit etwa sagen, dass du dich in den BKA-Computer eingehackt hast? Klar, so muss es sein. Ich bin fassungslos und schockiert.“ Dieter nickte und erwiderte: „So, ungefähr, aber das willst nicht so genau wissen, oder?“

Nein, ist schon o.k.“, beeilte sich Kristof festzustellen und schüttelte noch immer den Kopf.

Und wenn ich jetzt eins und eins zusammenzähle, hast du auch den Dealern im Westpark und im Hafen heimgeleuchtet. Seltsam ist nur, dass die von einer größeren Bande berichteten, die sie überfallen haben soll.“ Dieter grinste und erklärte: „Die werden doch niemals zugeben, dass sie von einem Opa verdroschen worden sind. Gesichtsverlust und so. Verstehst du, Kristof?“ Ja, er verstand und dachte: Gut, dass die BKA-Doktorin das mit der Bande geschluckt und er es selbst im guten Glauben bestätigt hatte, dass Dieter jetzt ein gebrochener und gebrechlicher Greis sei. Nun, er selbst war bis heute auch davon überzeugt gewesen. Insoweit war Dieters Täuschungsmanöver durchaus hilfreich gewesen, das musste er neidlos zugeben. Doch ein klein wenig ärgerte er sich und sagte zu Dieter gewandt: „Aber dass du mich mit deiner Gebrechlichkeitsnummer im Westfalenpark so verarscht hast…, mach das nie wieder Dieter.“
„Kommt auch nicht mehr vor, Kristof. Damals hielt ich das für richtig, weil ich dich nicht hereinziehen wollte in meine Absichten.“
„Wobei wir beim Thema wären, Dieter. Ich hänge mit drin in der Sache. Allein schon, dass ich dich mit Informationen versorgt habe, hat mich zur Partei gemacht. Nicht so sehr im Hinblick auf deine persönlichen Rachepläne, die ich nachvollziehen kann. Doch dass meine BKA-Kollegin auf zwei Schultern trägt und für die Russen arbeitet, macht mir zu schaffen. Denn das bedeutet im Umkehrschluss, dass sie auch für die Morde an deiner Frau, Birgit Groß und Franz-Josef Overhoff eine Mitverantwortung trägt.“
Dieter nickte bedächtig und machte einen Vorschlag: „Hör mir gut zu Kristof, das Ganze war bisher der Teil meiner Inszenierung, um die Russenbande nach Dortmund zu locken. Je größer die Einbußen an Stoff und Geld sind, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie Igor und Konsorten nach Dortmund schicken. Die werden nach dem Rechten sehen wollen. Und genau darauf warte ich. Doch das allein reicht mir nicht. Ich will Karel Romanov, und deine BKA-Doktorin auch.“

„Und welche unwichtige Nebenrolle kommt mir zu in diesem Drama?“, fragte Kristof. Dieter überlegte, so als wenn er noch nach den richtigen Worten suchen würde.

Hmm, ich schätze, wir müssen eine falsche Spur legen und sie deiner ehrenwerten Kollegin vom BKA unterjubeln. Und dabei kommst du ins Spiel, wenn du möchtest, Kristof.
„Ja, daran liegt mir viel. Ich halte es einfach nicht aus, wenn sich Mitglieder staatlicher Instanzen wie des BKA korrumpieren lassen, die Gesellschaft, unsere Werte und damit unsere Freiheit untergraben. Deshalb bin ich dabei. Natürlich nur bei legalen Aktionen, Dieter“, entgegnete er.

 

Selbstredend. Kristof, was hältst du davon, wenn wir Frau Doktor zu einem Ankauf des Stoffs verleiten, den ich den Dealern abgenommen habe? So ausgetrocknet wie der Markt zurzeit ist, wird sich ein Bedarf entwickelt haben. Dabei könnten wir dem BKA zugleich suggerieren, dass man die neue gegnerische Bande, die hauptsächlich aus mir besteht, neutralisieren könnte.“

 

Und was hast du vor?, fragte Kristof.

Ich schreibe nur eine E-Mail“, versicherte Dieter treuherzig.

 

 

Interm   Intermezzo

 

Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese war unzufrieden. Sie suchte nach einem Vorwand, mal wieder eine Dienstreise nach Vilnius zu unternehmen. Sie hatte Sehnsucht nach Olga… Sexuell war sie ohnehin völlig auf Entzug und brauchte es mal wieder so richtig besorgt. Das konnte keine so gut wie ihre heißgeliebte Olga. Sie träumte vor sich hin und wurde schon allein von dieser Vorstellung feucht. Sie musste sich unbedingt etwas einfallen lassen.

Das letzte Zusammentreffen lag 4 Wochen zurück. Schon seit Tagen wartete sie auf ein Lebenszeichen ihrer Geliebten. Sie beschloss, wie mit ihr für solche Fälle verabredet, Olga eine indirekt gehaltene Botschaft per Mail zukommen zu lassen, um sie nach Vilnius anzufordern. Das besondere Stichwort für diesen Fall lautete „Intermezzo“ und würde zufolge haben, dass Olga sie wegen einer größeren Komplikation im Milieu um persönlichen Rat in Vilnius bitten würde. Denn es durfte nicht auffallen, dass sie unbegründete Dienstreisen ins Ausland unternahm. Und wie immer würde sie Olga ein großzügiges Handgeld auf Kosten des Steuerzahlers überreichen.

 

Zur gleichen Zeit seufzte Olga hingegen gerade wohlig und zufrieden auf, als sie nach einem intensiven Orgasmus von Karel herunterstieg. Das war mal wieder nötig: Sex mit einem ganzen Kerl… Und auch gut für ihre Gesundheit - in jeder Hinsicht. Auch wenn Karel Romanov ein erfahrener und überaus interessanter Liebhaber war, so ungesund war es hingegen, ihn zu verärgern. Er hätte im Zweifelsfalle keine Skrupel, sie Igor oder einem seiner Satrapen zu überlassen, wenn sie Anlass dazu bot. Entsprechende Beispiele gab es genug. Karel war absolut kalt, eiskalt, wenn es um seine geschäftlichen Interessen ging.

Über ihr Verhältnis zu Sigrid, der eher einfältigen deutschen BKA-Agentin, war er voll im Bilde, nachdem er sie beide damals in flagranti erwischt hatte. Sigrid war somit erpressbar geworden. Er ließ Olga zwar gewähren, beobachtete jedoch genau alle ihre Aktionen. Sie stellte für ihn somit die perfekte Doppelagentin dar. Eine alles andere als einfache Aufgabe für Olga. Gleichwohl war sie einträglich, denn sie ließ sich gut bezahlen von Sigrid. Das Geld durfte sie mit Billigung Karels behalten. In der Hinsicht war er großzügig. Olga war es recht, denn sie hatte Spaß mit Sigrid und konnte sogar ganz im Sinne des Geschäfts ihre vielfältigen sexuellen Neigungen ausleben.

Selbstverständlich war nach jeder Affäre stets Bericht zu erstatten. Das führte bisweilen dazu, dass sich Karel dann angeregt ihrer annahm. Wenn sie mal wieder guten Sex gehabt haben, tat Sigrid ihr manchmal leid. Wohl fühlte sie sich dabei keineswegs in ihrer Haut.

 

Nach einer ausgiebigen Dusche begab sie sich in ihr Büro. Dort hatte sie quasi einen PC-Arbeitsplatz, von dem aus sie u.a. den virtuellen Kontakt nach Deutschland pflegte. Ihr war aber klar, dass Karel ihre elektronische Post überwachen ließ. Denn ganz so gutgläubig war er nicht, KGB-Berufskrankheit. Sie sah ihre Posteingänge durch und stellte fest, dass sich Sigrid gemeldet hatte. Der unverfängliche Text enthielt das vereinbarte Stichwort für den Fall, dass sie von Olga dringend angefordert werden wollte. Doch das würde sie erst morgen erledigen, weil sie vorher mit Karel darüber reden wollte…

 

*

 

Doch der nächste Tag begann direkt mit einer Überraschung. Bevor sie ihn wegen der Einladung von Sigrid ansprechen konnte, tauchte des Vormittags wutschnaubend Karel Romanov bei ihr auf und schnauzte sie an: „Was ist da los in diesem Dartm… Dortmund? Es gab schon wieder einen Überfall auf meine Großverteiler. Irgendeine Bande versucht wohl mein Revier zu besetzen und mich vom Markt verdrängen. Wofür schmiere ich diese BKA-Schlampe und dich? Bring das in Ordnung, Olga, bevor ich Igor und seine Truppe herunterschicke!“ Nun war es heraus: Auch Sigrid ließ sich also bezahlen. Eifersucht glomm in Olga auf, aber sie ließ sich nichts anmerken.

Sie berichtete Karel davon, dass Sigrid nach Vilnius kommen wollte.

Sehr schön“, entgegnete dieser, „…dann können wir ja alles besprechen. Ich will sie morgen Abend hier sehen. Sie soll ihren Arsch blitzschnell her bewegen. Organisier das!“

 

Dr. Mattern-Friese war überrascht. Olga meldete sich bereits am nächsten Tag und bat dringend um ihren Besuch in Vilnius. Ganz so eilig hatte es die Doktorin nun doch nicht gehabt, weil sie in dieser Woche eigentlich mit der Arbeit der SOKO beginnen wollte. Aber das Schreiben enthielt atypische Elemente, die darauf hindeuteten, dass Olga nicht nur ihrem, sondern wohl eher Karels Wunsch entsprach. Er wird wohl von den Überfällen erfahren haben und sauer sein. Aber was soll ich da machen?, dachte sie.

 

Sie stimmte die Dienstreise mit ihrem Abteilungsleiter ab, einem älteren ausgebrannten Kollegen, der sich Karl Meyer nannte. Ob es sich dabei um seinen Klarnamen handelte, wusste sie nicht. Koordinationsfunktionen auf dieser Ebene wurden bewusst verschleiert. Doch meist konnte er ihr keinen Wunsch abschlagen, das spürte sie. Sie hörte ihm ein wenig zu und tat interessiert. Im Verlaufe der Unterhaltung hatte er wie meist die Dienstreisegenehmigung blind unterzeichnet. Sie hatte nun freie Bahn.

Sie begab sich ins Büro und kopierte einige neue Datensätze zu den Vorermittlungen aus dem Ordner Drogenhandel in Dortmund auf einen USB-Stick, nahm ihren Laptop und begab sich nach Hause, um für die Dienstreise zu packen. Sie musste sich sputen. Um den Flug von Düsseldorf nach Vilnius zu erreichen, war die Zeit denkbar knapp. Ein bis zwei Tage wollte sie aber doch in Vilnius bleiben und sich der heißen Versuchung in Gestalt von Olga hingeben.

 

Der Flug verlief ohne besondere Vorkommnisse. Wie immer reiste sie erster Klasse und landete recht gut erholt in Vilnius. Dort wurde sie bereits von Olga erwartet, die sie mit einer großen abgedunkelten Limousine samt Chauffeur abholte. Das gefiel ihr. So ließ es sich leben.

Schon im Fahrzeugfond konnte sie die Hände nicht von Olga lassen und fiel wie hungrig über sie her. Olga muss es geahnt haben, denn sie hatte nichts unter ihrem Rock. Auch Sigrid hatte sich kurz vor der Landung in der Flugzeugtoilette entsprechend präpariert. Zum Glück war die Fahrerkabine abgeschirmt, so dass der Fahrzeugführer nichts mitbekam. Bis zur Ankunft hatte jede der Frauen einen ausgiebigen Orgasmus hinter sich.

Wie Sigrid vermutet hatte, wollte Karel Romanov sie persönlich wegen der Überfälle auf seine Verteiler sprechen. Ein wenig fürchtete sie ihn, trotz aller ihrer psychologischen Kenntnisse. Damit war ihm nicht beizukommen, zumal der Mann nach ihrer Einschätzung schlicht und einfach ein Psychopath war.

 

Doch das Gespräch mit ihm verlief diesmal wider Erwarten gut, nachdem sie mit ihm die Faktenlage ausführlich erörtert hatte. Selbstverständlich führte sie die Unterredung mit ihm in seiner Muttersprache, was seinem Ego schmeichelte. Aber er war von Beruf wegen Fachmann genug, um ihre Einschätzung zu teilen. Noch lagen ihnen zu wenige Erkenntnisse vor, um der Bande in Dortmund auf die Spur zu kommen. Allerdings war die verlorengegangene Kokainmenge immens, und die wollte er nicht ohne weiteres abschreiben. Wegen des großen Verlustes würde sie deshalb auch die ihr zustehende Prämie auch nicht erhalten. Diese Bestrafung saß. Sie ärgerte sich, weil sie das Geld bereits für eine längere Karibikreise mit Olga eingeplant hatte. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Sie konnte seine Gründe durchaus nachvollziehen. Denn wenn das der Beginn einer Serie bzw. eines Bandenkriegs war, so musste er sich gut vorbereiten, um all dem zu begegnen.
Sie vereinbarten, dass er zunächst Boris Karassenkov und Jewgenij Brushnev, dort stationieren wollte, zwei seiner Bodyguards, die Dortmund bereits kannten. Mit einem unguten Gefühl willigte sie ein. Die beiden waren ihr höchst zuwider, zumal sie von ihrer zwielichtigen Rolle im Fall Sedler wusste.

Es blieb ihr nur noch eine Nacht mit Olga, und die wollte sie nutzen.

 

 

En Pas  En Passant   
 

Es war Donnerstag. Der Beginn der Arbeit der SOKO war kurzfristig auf die nächste Woche verschoben worden. Kristof hatte bereits versucht, die Doktorin deshalb zu erreichen. Er erfuhr, dass sie auf Dienstreise und unabkömmlich sei.

Ein guter Grund Kontakt mit Dieter aufzunehmen. Er suchte den nächsten Internetshop auf und rief ihn per Skype auf dessen Sonderhandy an. Das hatte sich Dieter für Fälle wie diesen angeschafft.

Hi, Dieter, Kristof hier“, meldete er sich.

Ach, hätte nicht gedacht so schnell von dir zu hören. Gibt es Neuigkeiten?“ Kristof ärgerte sich ein wenig über die Klangqualität des Skypetelefonats. Trotz aller Technik kam es noch immer vor, dass der akustische Nachklang die Gespräche störte.

Scheiß-Tonqualität“, ärgerte er sich und erzählte Dieter, dass der Beginn der SOKO-Arbeit verschoben worden sei.

Kein Wunder“, reagierte Dieter belustigt, „…es war stärker als sie, denn Olga hat gerufen. Aber etwas stimmt nicht. Ich schätze, dass es bald Besuch aus Vilnius gibt.“ Er berichtete Kristof von dem seltsamen E-Mail-Verkehr, der im aufgefallen war.

Kristof, lass es mich wissen, wenn sie wieder zurück ist. Ich glaube, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, an dem wir den Köder auslegen sollten.“

Hast du heute Abend Zeit auf `n Bierchen? Muss ja nicht immer Wodka sein.“ Kristof sagte gern zu. Auch das mit dem Bier ging in Ordnung, denn nur zu gut war ihm der letzte Wodka-Nachmittag mit Dieter im Gedächtnis. Er hatte doch glatt seinen Wagen stehen lassen und ein Taxi nehmen müssen…

Es wurde fast eine Kiste Bier. Und wieder musste Kristof ein Taxi nehmen.

Aber es hat sich gelohnt. Ihr Plan stand. Ein Schachzug à la En-Passant war vorgesehen…

 

*

 

Am nächsten Tag war die Doktorin wieder im Dienst. Unnahbar und kalt wie gewohnt, bestellte sie Kristof telefonisch in ihr Büro ein. Schon während des Telefonats deutete er ihr an, dass auch er einen wichtigen Hinweis für sie hätte. Kaum eingetreten, sah sie ihn bereits erwartungsvoll an. Nicht mal eine formelle Begrüßung kriegt die hin. Was eine Psychologin?, dachte Kristof.

Nun, Frau Dr. Mattern-Friese“, gab auch er sich kühl, „…es gibt da einen vagen Hinweis von einem meiner szenekundigen Informanten, eher ein Gerücht, das er mir da kommuniziert hat. Es soll eine größere Menge Kokain an Großabnehmer angeboten werden. Ich dachte sofort an unsere geplante SOKO, weil ich da evtl. einen Zusammenhang zu den Bandenverbrechen im Westpark und im Hafen sehe. Vielleicht können wir uns die SOKO-Nummer ja sparen.“ Die Doktorin schien plötzlich interessiert.

Woran denken Sie - an einen Ankauf von Amts wegen?“

Ja, in der Tat, so zum Schein“, gab sich Kristof leutselig.

Da möchte wohl jemand Karriere machen“, scherzte die BKA-Kollegin.

Warum nicht, wäre ein interessantes Nebenprodukt?“, ließ sich der KHK schlagfertig vernehmen.

Nun, wir werden sehen“, antwortete sie nicht weniger diplomatisch. „Aber zur Sache, Herr Kovalidis, …ist bereits ein Kaufpreis im Gespräch?“ Kristof kratzte sich den Kopf.

Nun, ja, ich meine, dass da von 100.000 die Rede war. Wäre das BKA denn tatsächlich interessiert?“

Die BKA-Beamtin zögerte.

Ich will das mal mit der Führungsebene abstimmen und melde mich bei Ihnen, o.k.?“

Kristof willigte ein. Aber er hatte ein ungutes Gefühl. In solchen Spielchen war er noch zu unerfahren.

Er hatte kaum das Büro verlassen, als sie bereits eine E-Mail an Olga absetzte und von der neuen Option berichtete. Die E-Mail-Rückantwort folgte prompt. Sehr unverfänglich wurde angekündigt, dass der längst erwartete Besuch ihrer Cousins Boris und mit seinem Freund Jewgenij heute endlich zustande käme. Ferner wurde ein Telefonat in den nächsten Tagen angekündigt. Das Telefonat erfolgte jedoch innerhalb einer halben Stunde. Karel meldete sich und fragte die Doktorin nach Einzelheiten. Sie berichtete von der neuen Lage und schlug vor, den Stoff durch Boris und Jewgenij zurückkaufen zu lassen.

Nun lernte auch sie Karel von seiner psychopathischen Seite kennen. Nicht er, sondern sie hätte für den Rückkauf des Kokains zu sorgen. Denn schließlich sei sie es, die er für den Schutz regelmäßig bezahle. Es täte ihm leid, ansonsten Olga für ihre Fehlleistungen bestrafen zu lassen. Ganz klar, die gestörte Psyche eines Verrückten, dachte sie erbittert und setzte ihre ganze Überzeugungskunst ein, ihn von dem prinzipiellen Logikfehler seiner Forderung zu überzeugen. Das gelang ihr mit Mühen. Es wurde vereinbart, dass sie dem V-Mann des ihr unterstellten Beamten für morgen in der Nacht einen früheren Übergabe-Zeitpunkt benennen würde, selbst aber eine Stunde später mit dem MEK anrücken würde. Bis dahin müssten Boris und Jewgenij ihren Job gemacht und den Stoff sichergestellt haben, ob gegen Bezahlung oder wie auch immer. Karel Romanov willigte ein, zumal er auf diese Weise wahrscheinlich um die Bezahlung herum und an seinen Stoff heran konnte.

 

Für Frau Dr. Mattern-Friese kam es nun darauf an, auf die Schnelle Bargeld in der geforderten Menge zu beschaffen, auch wenn es nur zum Schein war. Zum Glück besaß sie eine Handlungsvollmacht bis zu einer Höhe von 250.000 €, so dass sie auf zeitraubende Genehmigungsprozeduren verzichten konnte. Sie ließ einen kleineren unauffälligen Aktenkoffer mit entsprechendem Equipment vorbereiten, um seinen Verbleib bei Verlust bestimmen zu können. Aber Hoffnung hatte sie für einen solchen Fall ohnehin keine, weil Profis auf solche altbekannten polizeilichen Tricks schon lange nicht mehr hereinfielen.

Nach Rücksprache mit KHK Kovalidis bat sie ihn, mit seinem V-Mann einen festen Übergabetermin für morgen Nacht um 2.00 Uhr am Ort des Überfalls im Hafengelände zu vereinbaren, und zwar pünktlich auf die Sekunde. Das wegen des MEK-Zugriffs würde sie selbst in die Hand nehmen. Und das tat sie auch auf ihre Weise. Sie legte den exakten Zeitpunkt des Zugriffs auf 3.00 Uhr fest. In unauffälligen Polizeifahrzeugen sollte das MEK ohne Blaulichteinsatz oder Sirene exakt zu diesem Zeitpunkt den geschützten Platz umzingeln, alle anwesenden Personen verhaften und bei Gegenwehr von den Waffen Gebrauch machen.

Unterdessen hatte sich KHK Kovalidis gemeldet und der Doktorin den Übergabetermin um 2:00 Uhr bestätigt. Ein wenig stolz auf sich war Frau Dr. Mattern-Friese nun doch. Beschwingt und zufrieden mit sich selbst und ihrem präzisen Organisationstalent. Wie einfach es war, das polizeiliche System zu überlisten, wenn man auf die richtigen Knöpfe drückte, dachte sie selbstgefällig. Boris und Jewgenij meldete sie den geplanten vorgezogenen Übergabe-Zeitpunkt und -ort, an dem sich diese das entwendete Kokain zurückholen konnten. Die beiden schienen bereits vollständig im Bilde und gaben ihr kühl zu verstehen, dass sie ab sofort keinen Kontakt mehr zu ihr wünschten, weil sie alles Notwendige nun selbst zu erledigen gedächten. Sie möge nur dafür sorgen, dass das MEK nicht zu früh am Tatort erscheint. Ein wenig mehr Lob ob ihres Organisationstalents hätte sie schon erwartet. Aber es schien so, als wenn sie diese Order der Russen hinnehmen müsste.

 

*

 

Dieter bereitete sich auf die Begegnung mit Boris und Jewgenij vor. Ihm war klar, dass es jetzt ernst wurde. Der E-Mail-Nachricht an die Doktorin hatte er entnommen, dass sie bereits in Dortmund angekommen sein mussten.
Kristofs SMS erklärte alles andere: Das MEK würde also gezielt in die Irre geführt und eine Stunde zu spät am Tatort erscheinen. Ihm blieb also wenig Zeit, die Mitglieder der Russenmafia auszuschalten. Dies hier waren aber Profis und keine im Kampf unerfahrenen Dealer, die man mit einer Krücke verhauen konnte.

Er versuchte sich vorzustellen, wie er anstelle der Russen vorgehen würde. Ihm wurde klar, dass es diesmal auf Leben und Tod ging. Kristof als indirekter Helfer fiel aus, weil er der BKA-Beamtin assistieren musste. Doch Dieter war entschlossen.

Er konnte sich vorstellen, dass die Profis nicht zu zweit zur vermeintlichen Übergabe erscheinen würden. Einer bliebe als Reserve in der Hinterhand. Dann fiel ihm ein, dass es sich um ehemalige KGB-Agenten handelte und höchstwahrscheinlich Schusswaffengebrauch angesagt war. Das roch er förmlich.

Den Ort des künftigen Geschehens kannte er zur Genüge, auch seinen diskreten Fluchtweg. Es gab nur eine Stelle, von der aus ein Scharfschütze in aller Ruhe agieren könnte - die richtige Nachtsichtausrüstung vorausgesetzt. Das kleine abbruchreife Bürogebäude verfügte über zwei Vollgeschosse mit freier Sicht auf den künftigen Schauplatz des Geschehens und befand sich etwa 100 m entfernt. Dieter beschloss, das Bürogebäude beim Übergabeort zwei Stunden vor der Zeit aufzusuchen. Er war sicher, dass er bereits vor dem verabredeten Zeitpunkt Feindberührung bekäme. Er packte seine Heckler & Koch USP Compact samt Schalldämpfer und auch seinen Wurfmessersatz ein, alles keine Nah-Distanzwaffen. Doch man konnte nie wissen, ob sie nicht doch nützlich sein konnten. Er überlegte, ob er auch wieder seine Krücke mitnehmen sollte. Er entschied trotz einiger Bedenken dafür. Vielleicht beginne ich ja langsam senil zu werden, weil ich mit so an Gewohnheiten klammere, dachte er, über sich selbst belustigt. Aber der Gehstock bildete eine nicht zu unterschätzende Tarnung.

 

Kurz nach Mitternacht näherte er sich vorsichtig dem Ort des künftigen Geschehens. Um die Ecke verbreiteten noch einige der alten Straßenlaternen stumpfsinnig ihren Schein über eine verrottete asphaltierte Nebenstraße. Ansonsten lag alles nahezu im Dunkeln. Der Rest der Umgebung bestand aus verschiedenen Lager- und Werkhallen, viel aufgetürmtem Schrott und Bauelementen.
Dieter war mit seinem Bike angereist, das er etwa 500 m weiter in der Nähe einer stillgelegten Schrebergartenanlage in guter Deckung abgestellt hatte. Er achtete darauf, dass er es bergab stellte, so er es bei seiner Flucht zunächst rollen lassen konnte, ohne den Motor zu starten. Den Zündschlüssel legte er unter das Vorderrad, um ihn später nicht lange suchen zu müssen. Den Schutzhelm ließ er ungesichert beim Fahrzeug, um ihn im Fall der Fälle schnell aufsetzen zu können. Seinen Verlust musste er riskieren.

Seine Waffen hatte er in einem Spezialgurt am Körper befestigt. Er war dunkel gekleidet. So machte er sich auf den Weg, schwer auf seinen Gehstock gestützt. Vorsichtig drang er in das Gebäude ein. Im ersten Obergeschoss befand sich ein größeres leeres Büro, in dem er zunächst Position beziehen wollte. Er hatte richtig kalkuliert. Noch befand sich niemand in der näheren Umgebung. Langsam gewöhnte er sich an das diffuse Licht aus einer seltsamen Mischung von Mondschein und den Lichtausläufern der alten Straßenlaternen. Ein Nachtsichtgerät wäre jetzt genau das Richtige, dachte er. Nachdem er sich akklimatisiert hatte, nahm er eine Meditationsstellung ein und wartete, den Körper entspannt, die Sinne auf das schärfste sensibilisiert.

Er hätte auf Anhieb nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war. Aber nach etwa gefühlten 90 Minuten hörte er ein leises Geräusch und nahm wahr, wie sich zwei Gestalten zum Übergabeort bewegten. Sie nutzten jede Deckung aus. Eine von ihnen ging leise und zielstrebig auf das Bürogebäude zu. Sie führte einen länglichen Gegenstand mit sich. Vermutlich ein Gewehr, dachte sich Dieter. Die andere Gestalt führte einen Aktenkoffer mit sich, in dem sich vermutlich das Geld für den Rückkauf des Kokains befand. Sie verschmolz in etwa 150 m Entfernung sogleich mit dem Schatten eines Bauelements, etwa im 45°-Winkel zu seinem derzeitigen Standort. Dacht´ ich`s mir doch, überlegte Dieter und atmete tief durch.

Sein unmittelbarer Gegner war indessen am Haus angekommen, suchte einen Zugang und verursachte trotz aller Vorsicht leise, schabende Geräusche, die seine Wegstrecke markierten. Erster Fehler. Den Weg muss man vorher genau kennen, Buddy, kritisierte Dieter seinen Gegner in Gedanken.

Jetzt kam es darauf an, dass sich der Typ den Raum aussuchte, in dem er ihn erwartete. Aller Logik nach müsste er ihn nehmen, schon wegen des besseren Schussfeldes. Aber es kam anders, zunächst. Er wählte den Nebenraum aus. Das typische Öffnungsgeräusch eines Reißverschlusses signalisierte Dieter, dass der Attentäter das Futteral seiner Gewehrumhüllung geöffnet hatte. Gerade als Dieter sich schweren Herzens nach nebenan schleichen wollte, musste es sich sein Gegner überlegt haben. Mit leisen Schritten, nun jedes unnötige Geräusch vermeidend, betrat er die vorgesehene Arena. Dieter umklammerte seinen Krückstock. Wohl dein Lieblingswerkzeug in letzter Zeit, alter Mann, dachte er selbstironisch.

Die dunkle Gestalt betrat vorsichtig das ehemalige Büro und legte seine Waffe ab. Ah, ein Scharfschützengewehr, erkannte Dieter. Der Russe wollte zum Fenster, wohl um das Schussfeld zu begutachten. In der Mitte des Raumes angekommen, hatte Dieter vor, ihn mit einem Hieb niederzustrecken. Sei es durch den Luftzug oder nur aufgrund wacher Instinkte, wurden stattdessen nur die Kampfreflexe und Verhaltensroutinen seines Kontrahenten blitzartig ausgelöst. Er wich unglaublich schnell aus und ging sofort zum Gegenangriff über. Sein Gegner musste ebenfalls über Kampfsporterfahrungen verfügen, denn wie von einer Feder geschnellt, prallte sein rechter Fußspann auf Dieters Schienbein, ohne abzusetzen zur Körpermitte und weiter auf seinen Kopf zu. Ein dreifacher Roundhouse Kick. Wahrhaftig ein Profi, mit dem ich es zu tun habe, dachte er noch überrascht.
Dann war auch sein bewusstes Denken ausgeschaltet, denn seine Verhaltensroutinen wurden ebenfalls ausgelöst. Gemäß dem Rat seines Dojo-Meisters, hörte er auf bewusst zu denken und ließ Es stattdessen kämpfen. Du musst in Bewegung bleiben, darfst dich nicht ausrechnen lassen,
hatte sein Meister ihm immer wieder in seiner leisen, bedächtigen Art zugeflüstert.

Er konnte den Kick gerade noch mit seinen nach oben gezogenen Unterarmen kurz vor dem Gesicht abblocken. Drei Tritte in knapp einer Sekunde. Beeindruckend. Sein Gegner täuschte nun mit seiner rechten Faust einen Schlag ins Gesicht an, zog aber seinen rechten Oberschenkel an seinen linken und streckte sein Bein in einer schnellen Bewegung von sich. Ein Sidekick. Eine gefährliche Waffe, wenn man diesen Tritt beherrscht. Er beherrschte ihn perfekt. In seinen Bauch getroffen torkelte Dieter drei, vier Schritte nach hinten. Die Wucht des Aufpralls bewirkte, dass sein Unterkörper schneller beschleunigt wurde als sein Oberkörper. Er schlug mit meiner ganzen Länge auf den Boden, sprang zwar sofort wieder auf und fing sich aber gleich einen Frontkick ein. Dieser Vorwärtstritt traf ebenfalls in seinen Bauch. Er sank zu Boden.
Diesmal ließ der Russe ihn aufstehen. Er winkte Dieter mit vier Fingern zu, wie es weiland Bruce Lee in seinen Filmen machte. Er begann zu tänzeln, steppte mal hier hin mal dort hin, täuschte eine Aktion an, zog zurück und blitzschnell traf er mit dem Handrücken seine rechte Wange. Das tat weh. Dieter spürte wie das Blut in seine getroffene Gesichtshälfte schoss und seine Wange knallrot werden ließ. Langsam begann er richtig sauer zu werden.

Der Russe tänzelte er um ihn herum, bückte sich leicht und schlug mit seinen Fingerknöcheln mit einer eher stechenden als stoßenden Bewegung in sein Sonnengeflecht. Und er traf seinen Solarplexus, voll. Dieter knickte ein, und ein höllischer Schmerz durchfuhr seinen Brustkorb.

 

Alles geschah nahezu lautlos. Doch es war Dieter recht. Er war froh darüber. Auf einen weiteren Gegner dieses Kalibers konnte er verzichten.

Nur langsam bekam er wieder Luft. Das hier war alles andere als ein Leichtkontaktkampf. Es war ein Kampf um Leben und Tod. Er war auf einen Gegner gestoßen, der ihm vermutlich überlegen war und ihn wohl erledigen wollte. Dieters Aktionen bestanden hauptsächlich aus Selbstverteidigung…


 

Er richtete sich wieder auf. Der Russe ließ ihm Zeit, seine Kampfstellung einzunehmen und legte nun richtig los.

Seine Drehung auf dem linken Fuß, seine Kopfwendung in Dieters Richtung und sein hoher Beinaufschwung fegte in einer flüssigen Bewegung dessen Deckung beiseite. Ein Backspin Kick, vom Feinsten. Mit dem Aufsetzen seines Beines folgte die nächste halbe Drehung, und sein rechter Handrücken prallte ihm wieder einmal heftig auf die Wange. Wie durch Watte hörte er, wie ihn sein Gegner verspottete: „Backpfeife, nur umgekehrt!“ Mit einem hohen Sprung wirbelte er anschließend um seine Längsachse und vollführte den Backspin Kick in seiner gesprungenen Variante. Reflexartig zog Dieter seinen Kopf zurück, und nur um einen Zentimeter verfehlte der Tritt des Russen sein Gesicht.

Der spielt mit mir, wurde Dieter nun schmerzhaft klar.

Er steppte nach hinten und konnte diesmal alle drei Tritte abwehren. Das gab ihm Auftrieb. Alles verlernt hatte er schließlich auch nicht, selbst wenn er bis jetzt noch keine eigene Aktion setzen konnte. Doch jetzt wusste er, dass sein Gegner ihn verprügeln und demütigen wollte.
Alles in ihm lehnte sich gegen diesen Versuch der Demütigung auf, denn trotz der massiven Überlegenheit des Russen wollte er nicht zu Kreuze kriechen, sich nicht völlig würdelos verabschieden und ihm diesen Triumph gönnen.

Und jetzt werde ich ihn verarschen. beschloss er und hoffte, dass ihm sein Vorhaben gelang. Dabei setzte er auf die Selbstgefälligkeit seines Gegners. Bei dem Burschen handelte e sich zweifellos um den Typus „Herr über Leben und Tod“ - oder so ähnlich. Dieter versuchte, ihm seine völlige Unterlegenheit zu suggerieren, indem er einige etwas unbeholfen wirkende Tritte ansetzte. Die trafen den Profi natürlich nicht und ermutigten ihn nur, einmal mehr mit Dieter spielen zu wollen. Er grinste Dieter nur an. Allerdings wurde er in seinem Überlegenheitsgefühl auch leichtsinniger. Er fing an, Dieter auch noch zu verhöhnen.

Der Russe war gut, zweifellos. Auf Dauer würde Dieter nicht gegen ihn bestehen können, nicht bei dessen Form und Jugend.
Dieter musste handeln. Er konnte froh sei sein, aus dieser Nummer ohne Knochenbrüche und lebendig herauszukommen.

Dieter versuchte also einen Bauerntrick und täuschte einen Schlag gegen den Kopf seines Kontrahenten an. Zu seinem Erstaunen gelang die Finte. Der Russe deckte sein Gesicht mit beiden Fäusten, während ihn diesmal ein Sidekick Dieters auf die Bretter schickte.

Zufallstreffer“, murmelte der Russe bass erstaunt beim Aufstehen.

Soll er ruhig glauben, war Dieters stille Antwort. Frontkick, Roundhouse Kick, Bein absetzen sich auf dem Fuß drehen und einen Sidekick nachsetzen. So stürmte sein Gegner nun vor. Genau wie Bruce Lee.

Er hetzte ihn durch den Raum. Es schien, als wolle er gar nicht aufhören und ließ ein Trommelfeuer verschiedener Trittkombinationen los. Wieder musste Dieter reichlich einstecken, ohne ihn einmal auskontern zu können.

Nun begann der Russe ihn mit den Fäusten zu attackieren. Er atmete jetzt auch schneller, weil die vielen Tritte und Figuren ihn ebenfalls ermüdet hatten.

Doch plötzlich wurde Dieter von einem Fauststoß an de Stirn getroffen. Er sah Sterne und spürte, dass er blutete. Doch sein unmittelbarer Konter erwischte auch den Russen an dessen Oberlippe. Sie platzte auf, und er blutete nun auch, allerdings auf dem Fußboden. Es hatte ihn umgehauen. Er stand auf und wollte sich das Blut von der Lippe wischen. Das gelang ihm auch, allerdings lag er gleich danach schon wieder auf dem Boden, weil Dieter ihm die Beine weggetreten hatte.

Er hatte noch immer nicht bemerkt, dass sich etwas am Kampfgeschehen geändert hat. Genauso war es Dieter recht. Dieter ließ ihn aufstehen. Das war ein Fehler, denn sein Gegner griff ohne zu zögern und kompromisslos an und knallte ihm einen Roundhouse Kick ins Gesicht.

Dieter sah wieder Sterne, ein Meer von Sternschnuppen. Er hatte Mühe, nicht zu Boden zu gehen.

Sollte das das Ende sein?, dachte er verblüfft, so ganz lapidar, ohne Marions Tod zu rächen? Der Gedanke an Marion gab ihm neue, ungeahnte Kräfte, weil ihm wieder klar wurde, weshalb er überhaupt in diesen Kampf verwickelt war: Rache für den Tod seiner geliebten Frau! Ob es letztlich die Energien seiner Rachegelüste oder die Kraft war, die nur die reine Todesangst erzeugen konnte, würde wohl im Dunkeln seiner Seele bleiben. Dieter setzte jene Kraft unverzüglich in eine nahezu verzweifelte, gedankenschnelle Aktion aus dem Stand um. Ohne Ansatz schoss er blitzartig einen Sidekick ab, der die Deckung des Russen durchschlug und ihn unter dessen Kinn traf. Diesmal perfekt ausgeführt und mit einer Wirkung, die selbst Dieter überraschte. Der Kopf seines Gegners schleuderte zurück. Er hörte das typische Geräusch berstender Knochen. Der Russe hob ab, flog rücklings durch die Luft und schlug schwer mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf.

Dort blieb er liegen, stöhnte laut auf und rief mit brechender, klagender Stimme noch einen Namen: „Boris“ - und rührte sich nicht mehr. Eine Blutlache bildete sich um seinen Hinterkopf herum. Bei der anderen Gestalt im Dunkeln der Nacht musste es sich also um Boris, seinen Liebhaber handeln.

Dieter kniete nieder, atmete mehrmals tief ein und aus und versuchte seine eigenen Schmerzen zu beherrschen, die ihn jetzt mit aller Macht heimsuchen wollten. Hinzu kam, dass er sich nicht gehen lassen durfte, denn sein nächster Gegner könnte etwas gehört haben.

 

Noch voller Adrenalin hob er seine Krücke auf und schlich leise aus dem Haus. Und tatsächlich sah er aus den Augenwinkeln, wie die andere Gestalt mit bereits gezogener Waffe nahezu lautlos auf ihn zueilte. Als sie Dieters gewahr wurde, blieb sie in einer Entfernung von etwa 10 m abrupt stehen. Zu weit für einen Angriff mit der Krücke.

Wo ist Jewgenij?“, fragte der Russe zornig, setzte seinen Aktenkoffer ab, Dieter stets im Blick, und richtete eine Waffe auf ihn. Dieter ahnte, dass sein Leben jetzt am seidenen Faden hing. Er überlegte und entschloss sich zu einer Provokation.

Dein Liebhaber Jewgenij wartet in der Hölle auf dich, Schwuchtel!“, rief er höhnisch. Das saß. Boris zuckte angesichts dieser Nachricht schmerzhaft zusammen und war den Bruchteil einer Sekunde von der Trauer um seinen Liebhaber abgelenkt. Er richtete seine Waffe auf Dieter und presste hervor: „Dafür stirbst du, aber ganz langsam…“, zischte er.

Und auf den Stoff willst du jetzt verzichten, Idiot?“, provozierte Dieter weiter. Boris zauderte kurz.

Du wirst gleich glücklich sein, ihn mir auf Knien übergeben zu dürfen, wenn ich mit dir fertig bin…“, gurgelte er. Ja, er gurgelte seine Worte nur noch heraus, denn Dieters Wurfmesser, gedankenschnell aus dem Gurt gezogen und zielsicher geworfen, steckte bereits in seinem Kehlkopf und hatte auch die Luftröhre durchtrennt.
Ein Schwall schaumigen Blutes entwich seinem Mund. Der Bursche begann mit verdrehten Augen röchelnd zu Boden zu sinken, das Messer tief in seiner Kehle.

Bevor seine Augen brachen, konnte aber noch einen Schuss in Dieters Richtung auslösen, der diesen am Arm traf. Das leise „Plopp“ des Schusses hörte dieser nur noch wie durch Watte, als ihn die Energie des Treffers herumwirbelte. Er sank ebenfalls zu Boden…

 

Nachdem Dieter aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, musste er sich erst einmal orientieren. Wie lange er gelegen hatte, vermochte er auch nicht einzuschätzen. Nur mit Mühe konnte er sich erheben. Taumelnd stand er auf. Mehr in Gedanken nahm er die am Boden liegende Krücke auf und zog Boris das Messer aus dem Hals. Er griff sich den am Boden liegenden Geldkoffer. Die leere Patronenhülse lag direkt neben seinem leblosen Gegner, so dass er auch sie mitnehmen konnte. Dass dies eine reine Ersatzhandlung und ohne Bedeutung war, war ihm in seinem Zustand entgangen. Und mit weichen Knien schlich auf seine Krücke gestützt und so gut es ging in Richtung seines Fluchtfahrzeugs. Der Krückstock war ihm diesmal wirklich von Nutzen. Denn mit dem Eintreffen des SEK war jede Minute zu rechnen. Doch seine zeitweilige Schwäche gab sich wieder, nach und nach.

Es gelang ihm tatsächlich, sein Motorrad unbehelligt zu erreichen. Er setzte seinen beim Krad deponierten Helm auf, führte den Zündschlüssel ein und ließ das Bike zunächst das leichte Straßengefälle abwärts rollen.

Gerade im letzten Moment war es ihm gelungen, den Ort des Geschehens zu verlassen, denn er hörte bereits die Geräusche rasant heranfahrender Fahrzeuge und kurze Zeit später aufgeregte Stimmen.

Als weit genug entfernt war, startete er den Motor, beließ ihn aber im Leerlauf und legte erst später einen Gang ein. Solange es ging, fuhr er ohne Licht. Aber als er belebtere Straßen erreichte, schaltete auch er seine Beleuchtung ein, gab Gas und begab sich zügig nach Hause.

Es ging alles gut, ohne unverhoffte Ereignisse. Müde begab sich Dieter ins Badezimmer und besah seine Wunde am Oberarm. Es war gutgegangen. Ein harmloser Streifschuss hatte sein Hemd am Ärmel im Oberarmbereich nahezu chirurgisch zerschnitten und eine leichte Fleischwunde hinterlassen. Was ihn nur wunderte war die Tatsache, dass er bereits nach diesem eher leichten Treffer zusammengebrochen war.
Das Alter fordert seinen Tribut. Bloß gut, dass ich wieder in Übung war. So hat mir das Kampftraining also doch das Leben gerettet, dachte er. Die Verletzung bedurfte nicht einmal der ärztlichen Behandlung. Er reinigte und desinfizierte die Wunde und klebte ein großflächiges Wundpflaster darüber. Bei den restlichen Kampfspuren handelte es sich um Platzwunden sowie hauptsächlich um Beulen und Prellungen. Die Zeit würde es richten. Das blutgetränkte Hemd wollte er morgen verbrennen, um etwaige Spuren zu verwischen. Den Geldkoffer ließ er zunächst achtlos liegen.

Er war sozusagen rechtschaffen müde und begab sich ins Bett. Es gelang ihm nicht einmal mehr, die Bettdecke über seinen Körper zu ziehen, bevor er in einen tiefen Erschöpfungsschlaf fiel. Ein letztes dachte er noch: Morgen wollte er Marion aufsuchen und ihr von den jüngsten Ereignissen berichten. Es gab viel Beratungsbedarf…

 

*

 

Dieter erwachte und hatte zunächst Orientierungsschwierigkeiten. Und er stellte die physischen Folgen der letzten Nacht am ganzen Körper fest: Verschmutzte Knie und Ellenbogen, blaue Flecken, Beulen und völlig erschöpft.

Er fühlte sich elend und zerschlagen am ganzen Körper - und musste erst mit Mühe sein Erinnerungsvermögen an die letzten Vorgänge während der wilden Kampfhandlungen des Vorabends reaktivieren. Dieter konnte es nicht fassen. Welch guter Geist hat mich nur beschützt. Das soll wirklich ich gewesen sein, der überlebt hat. Ich habe tatsächlich einen solchen Sieg errungen?, durchfuhr es ihn. Doch der schale Beigeschmack dieses Sieges wollte irgendwie nicht weichen…

Sein Frühstück hatte er sowieso verpasst. Es war bereits Nachmittag. Er duschte ausgiebig und unterzog sich erst einmal einer ausgiebigen und teilweise schmerzhaften Hygiene, bei der nochmals seine Wunden und Beulen versorgte. Als er fertig war, begab er sich zunächst zum Kühlschrank und genehmigte sich ausnahmsweise einen doppelten harten Wodka, der sich wohltuend in seinem Körper ausbreitete. Dabei versuchte er zur Ruhe zu kommen und die letzten Stunden zu rekonstruieren. Allein, es gelang ihm nicht vollständig, sich zu erinnern. Ein bisschen Trauma, das gibt sich schon, dachte er. Er gab sein Vorhaben zunächst auf und beschloss, das Mittagessen beim Griechen um die Ecke einzunehmen. Kristof war ihm eingefallen. Doch bevor er losging, machte er sich daran, den Geldkoffer der Russen zu untersuchen. Es war wie er schon vermutet hatte: Die Ganoven haben nur die obere Deckschicht im Koffer mit echten 50.000 Euronoten versehen. Der Rest bestand aus Spielgeld. Auf diese Weise hatten sie wohl gehofft, eine oberflächliche Prüfung zu überstehen. Ihre Gegner hätten sie nach Erhalt der Ware vermutlich ohnehin erledigt, wie Jewgenijs Suche nach einem günstigen Schussfeld gezeigt hat. Aber immerhin, ein nettes Schmerzensgeld, stellte Dieter pragmatisch fest und legte das Geld zu den anderen außerordentlichen Einnahmen.

 

 

Russis  Russisches Roulette

 

Die MEK hatte getan, was sie konnte… Allein die Gegner fehlten. Und die Personen, die sie in ihrem Blut liegend auffand, waren tot. Da hatte jemand gründliche Arbeit geleistet. Anhand der Spuren war kaum zu übersehen, dass hier ein übler Kampf stattgefunden haben muss.

Sowohl Frau Dr. Mattern-Friese wie auch KHK Kovalidis gaben sich überrascht.

Kristof konnte sich seinen Teil denken: Da hat Dieter ja verdammt schnell reagiert. Aber wieso wir mit dem MEK so spät eingetrudelt sind…? Muss mal später mit Siggi Schulz drüber reden…

Er konnte beobachten, dass die Doktorin plötzlich recht blass wirkte. Sie schien fassungslos, so als hätte sie mit einem völlig anderen Bild gerechnet. Sie veranlasste nur eine kleine Spurensicherung, als wäre sie an weitergehenden Ergebnissen nicht sonderlich interessiert. Gleichwohl. Die MEK-Crew stellte im Bürohaus zunächst ein schallgedämpftes Scharfschützengewehr samt Zielfernrohr einschließlich Nachtsichtgerät und eine Handfeuerwaffe mit Schalldämpfer bei den Toten sicher.

 

Das MEK konnte sich das Ganze nicht erklären. Ihr Einsatzleiter, Siegfried Schulz, ein erfahrener rauer Geselle, blieb misstrauisch. Er fragte Kristof in einem günstigen Moment nach seiner Einschätzung.

Hör mal, haben wir ein Leck im Hause? Wie kommt es, dass da jemand so schnell Fakten schaffen konnte, obwohl der Einsatz so kurzfristig arrangiert wurde? Wir waren superpünktlich vor Ort, und alles ist schon gelaufen?“ Kristof reagierte spontan: „Wie superpünktlich, Siegfried?“

Ja, 3:00 Uhr, wie es die Doktorin verlangt hat. An uns lag es diesmal nicht“, bekam er zur Antwort. Kristof zuckte mit den Schultern.

Dann weiß ich auch nicht weiter, Siggi“, gab er diplomatisch nichtssagend zur Antwort.

Aber langsam fügte sich das Puzzle für ihn Stück um Stück zu einem ganzen Bild. Kristofs ohnehin latent in ihm gewachsenes Misstrauen wurde nun fast zur Gewissheit: Die Doktorin schreckte anscheinend nicht einmal davor zurück, die polizeiliche Organisation für kriminelle Zwecke zu missbrauchen. Wenn er bis heute noch leise Zweifel hatte, so stand nun endgültig fest, dass die BKA-Kollegin tatsächlich auf zwei Schultern trug. Beim nächsten Besuch Dieters würde er ohnehin mehr erfahren.

 

*

 

Erst zwei Tage später kam er dazu, sich unauffällig vom Dienst zu entfernen. Er verabredete sich mit Dieter. Sie wählten wieder das Cafe in Unna, nachmittags um 15:00 Uhr. Dieter sah recht ramponiert aus. Kristof grinste: „Hast dich überarbeitet, alter Junge?“

Ja, Nachtschicht ist immer Scheiße, mein Freund“, bekam er zur Antwort.

Sie tauschten sich intensiv aus. Rein äußerlich wirkte die Szene wie eine Begegnung zwischen Vater und seinem älteren Sohn.

Kristof berichtete Dieter von seinem Misstrauen gegenüber der BKA-Kollegin. Dem konnte sein Partner nur beipflichten und setzte ihn von den Einzelheiten der jüngsten nächtlichen Vorgänge im Hafen in Kenntnis. Kristof sah Dieter tief die Augen und stellte mit fester Stimme klar: „Du weißt, Selbstjustiz kann ich nicht dulden, obwohl ich dich nur allzu gut verstehen kann, Dieter.“ Dieser schwieg längere Zeit, während sie versonnen ihren Kaffee tranken. Dann entgegnete er ebenso deutlich: „Und bei wem finde ich mein Recht. Bei der Polizei oder beim BKA? Wer hat Marion beschützt, als sie in Not war? Etwa Frau Dr. Mattern-Friese? Oder die Russenmafia? Und überhaupt: Mittlerweile werden Täter in diesem Land oft besser behandelt als ihre Opfer, weil ein ausgebrannter oder überliberaler Richter sie jederzeit auf freien Fuß setzen kann. Mörder sind manchmal früher auf freiem Fuß als die Opfer unter der Erde sind. Das weißt du genauso gut wie ich, Kristof, muss ich dich in diesem besonderen Fall wirklich erst in die Lebenswirklichkeit zurückholen? Außerdem war es Notwehr, die waren dabei mich eiskalt zu erledigen.“
Angesichts dieser Argumentationskette schwieg Kristof betreten und vollzog eine nervöse Ersatzhandlung, in dem er einen großen Schluck Kaffee zu sich nahm…

 

Nur durch Glück bzw. sein umsichtiges Verhalten in Form seiner sehr frühzeitigen nächtlichen Präsenz im verlassenen Bürogebäude, war Dieter dem nahezu sicheren Tode entronnen. Nun gut, vielleicht hatte er seine Notwehr überzogen. Aber er vermochte nicht zu erkennen, an welcher Stelle.

Die BKA-Doktorin war bereits derartig involviert, dass sie anscheinend nicht einmal mehr davor zurückschreckte, die polizeiliche Organisation für kriminelle Zwecke zu missbrauchen.

 

Ja“, ließ sich auch wieder Kristof vernehmen, „…das war wohl russisches Roulette mit 2 Kugeln in der Trommel. Aber die waren wohl nicht für dich bestimmt, mein Freund. Gott sei Dank!“

Das Spiel ist noch nicht beendet, Kristof. Mindestens drei Beteiligte warten ungeduldig auf ihre Bestrafung. Verziehen wird erst im Himmel. Und das nur von Gott persönlich“, entgegnete Dieter, sich an seinen Appell gegenüber Freddy erinnernd.

Was genau schwebt dir vor, Dieter?“, fragte Kristof nach.

Weiter mit russischem Roulette“, antwortete Dieter und grinste Kristof trotz allen Galgenhumors verschmitzt an.

Es begann eine ausgedehnte Diskussion, die sich über eine Stunde hinzog.

Da sie inzwischen hungrig waren, genehmigten sie sich noch etwas Kuchen, der den Blutzuckerspiegel ein wenig anhob und das Denken befruchtete...

 

Es ergab sich neuer Handlungsbedarf.

 

 

Über B  Über Bande

 

Die Vorgänge im Umfeld des Hafengebiets schienen soweit ausgewertet. Jedenfalls die oberflächlich erkennbaren. Die getöteten Personen wurden als Mitglieder einer russischen Drogenbande identifiziert. Darauf deuteten schon die Waffenfunde hin. Und dass Kampfhandlungen im Spiel waren, war bereits von den ersten Überfällen bekannt. Die Getöteten waren ohnehin zur europaweiten Fahndung ausgeschrieben gewiesen. Irgendwer hatte der Polizei bzw. dem Gericht also die Arbeit abgenommen. Von Amtswegen wurde gegen Unbekannt ermittelt, bei Tötungsdelikten dieser Art war dies ohnehin vorgeschrieben. Großen Erfolg rechnete sich die Staatsanwaltschaft aber nicht aus. Besonders motiviert war sie bei der Verfolgung der Hintergründe der näheren Tatumstände aber auch nicht. Man ging von einem der ab und dann vorkommenden Banden- und Verteilungskriege konkurrierender Clans im Drogenmilieu aus.

 

Einzig die Möglichkeit eines Informationslecks gab den Abteilungschefs im Präsidium und beim BKA zu denken und hatte auch beim Vorgesetzten von Frau Dr. Mattern-Friese für Unmut gesorgt. Auch er war inzwischen mit dem Gerücht konfrontiert, dass es ein Leck im Präsidium geben könnte. Der Leiter des MEK hatte das zumindest auf seiner Hierarchieebene nicht dementiert. Und so machte auch die Doktorin nun eine völlig neue Erfahrung. Karl Meyer hatte sie zum Rapport bestellt. Er schien doch nicht so ausgebrannt und desinteressiert an den Vorgängen innerhalb seiner Abteilung, wie sie stets angenommen hatte. Kühl gab er ihr zu verstehen, dass er Klarheit über den oder die Tippgeber wünsche. Er ordnete an, dass sie die Informationen bei der Undercoveragentin in Vilnius ermitteln möge. Das entsprechende Dienstreiseformular lag bereits unterzeichnet vor. Damit wurde deutlich, dass er eine umgehende Klärung der bestehenden Verdachtsmomente erwartete. Die BKA-Agentin mag vielleicht nicht besonders geschickt im Umgang mit ihrem Chef gewesen sein. Doch sie war klug genug, die unausgesprochenen Zeichen zu deuten. Karl Meyer hatte mit seiner Anordnung nicht ausgeschlossen, dass er die Möglichkeit des Informationslecks nicht nur auf die Dortmunder Polizei beschränkte. Dass er sie diesbezüglich förmlich nach Vilnius jagte, war ihr Hinweis genug.

 

*

 

Die Doktorin tröstete sich mit dem Gedanken, bald wieder Olga zu begegnen. Sie breitete eine ihrer chiffrierten E-Mail-Nachrichten vor und kündigte ihren Besuch noch für heute Abend an und buchte wieder einen teuren Direktflug - wie immer erster Klasse. Vorzuwerfen war ihr nichts: Sie hatte die Anordnung ihres Chefs umgehend befolgt und die Reise organisiert. Es kam Drive in die Sache. In der Tat war es so, aber vielleicht ein wenig anders als sie es sich vorstellte…

Allerdings hatte sie Furcht, dem Psychopathen Karel Romanov gegenüber zu treten. Der war sicher nicht begeistert. Er hatte nicht nur zwei seiner Top-Leute verloren, sondern musste auch befürchten, vom lukrativen Drogenmarkt verdrängt zu werden. Daran würde er ihr vermutlich die Schuld geben.

 

Die Ankunft in Vilnius verlief wie beim letzten Mal. Sie wurde von Olga in der üblichen Luxuslimousine abgeholt. Die Frauen kamen sich auch wieder näher. Ja, sie hatte am Ende ihren langersehnten Orgasmus, aber das Feuer einer echten sexuellen Befriedigung vermochte sie diesmal nicht zu verspüren. Sie war zu angespannt. Die Entwicklung der ganzen Angelegenheit begann sie zu überfordern.

 

Karel Romanov empfing sie und Olga diesmal persönlich vor dem großen Eingangsportal seiner Villa. Er gab sich zwar ungemein freundlich, umarmte sie zu ihrem Erstaunen sogar herzlich wie eine gute Freundin, aber es wurde dennoch ein Rapport, nachdem sie sich erst in sein Büro zurückgezogen hatten. Mehr als zweimal täglich halte ich das nicht aus. Und dann noch mit einem solchen Psychopathen, ärgerte sich die BKA-Agentin.

Doch das Gespräch verlief glimpflicher für sie als befürchtet. Sie berichtete über die Vorgänge in Dortmund, konnte sich den dramatischen Ausgang aber nicht erklären. Sie führten die Unterredung wie stets in Romanovs Muttersprache, die sie recht gut beherrschte. Der Chef der Russenmafia polterte ein wenig wegen des verlorenen Lockgeldes, das er Boris und Jewgenij mitgegeben hatte und machte ihr Vorhaltungen. Offenbar wusste er nicht, dass Boris und Jewgenij nicht die komplette Summe benutzten sondern für sich ein kleines Extrageld abzwackten.

Da scheint dir ja jemand ewige Freundschaft geschworen zu haben. Ich jedenfalls habe getan, was ich sollte. Boris und Jewgenij haben sich jede Einmischung von mir strikt verbeten. Daran habe ich mich gehalten, Karel“, kommentierte sie seinen Vorwurf. Romanov nickte verärgert, war aber einsichtig. Er selbst hatte Boris und Jewgenij die entsprechenden Anweisungen erteilt.

Im Gegenteil, ich werde wahrscheinlich als undichte Stelle im Amt verdächtigt und muss sehen, wie ich diesen Verdacht loswerde“, fügte die Doktorin noch hinzu.

Ja, ja, da stimmt etwas ganz und gar nicht“, murmelte Romanov nur, statt auf ihre Ausführungen einzugehen.

Aber er schien mittlerweile mehr daran interessiert zu sein, wer ihm da seine Marktanteile abjagen wollte, als an ihrem Wohlergehen. Das ist dem doch gleich, was mit mir passieren könnte, der ist hier in Sicherheit, blitzte ein Funke Selbstmitleid in ihr auf.

Ich muss wohl weitere Leute auf die Sache ansetzen. Das fing alles mit diesem Overbeck… äh Overhoff an. Vielleicht schicke ich wieder Igor, mit dem ist nicht zu spaßen, hä, hä... Und Du kannst deinem Chef - wie heißt er noch, Meyer - , hä, hä, sehr seltener Name, ja sagen, dass du bei uns keinerlei Anhaltspunkte für Durchstechereien gefunden hast. Sag einfach, dass sich Olga sehr intensiv umgehört hat.“
Frau Dr. Mattern-Friese war fassungslos, wie sie da beschieden wurde. Andererseits war diese Variante angesichts ihrer Einfachheit das naheliegende Ergebnis, trotz allem. Die Unschuldsvermutung war noch immer ein hohes juristisches Gut in Deutschland, und solange man ihr nicht das Gegenteil nachweisen könnte, würde nichts geschehen.

Schließlich war das Gespräch beendet. Sie konnte den Rest des Abends und die Nacht mit Olga verbringen. Doch diesmal war der sprichwörtliche Wurm drin. Sie war zu unkonzentriert. Olga kam zu kurz und schmollte, denn sie brauchte ihren Sex und täglich mindestens einen intensiven Orgasmus. Sie schliefen zwar miteinander, doch das Bett blieb sozusagen kalt. Ein Teil Ihres Unterbewusstseins beschäftigte sich fortwährend mit den Vorgängen der letzten Tage, besonders mit der veränderten Haltung ihres Chefs. Der alte Meyer schien auf eine subtile Art misstrauisch geworden zu sein. Allein, es half nichts.

Am nächsten Vormittag fand sich unverhofft Igor mit Karel Romanov ein, die sie nochmals in nahezu hochnotpeinlicher Weise zu ihren Eindrücken der Vorgänge um den Tod der Emissäre aus Vilnius befragten.
Da ihr Abflug nicht mehr verschoben werden konnte und auch die Limousine eingetroffen war, brachten sie Igor Julishko und Karel Romanov sogar zum Wagen. Sie verabredeten, dass sich Olga wie immer vor Ankunft des Besuchs aus Vilnius melden würde. Olga begleitete sie auch zum Flughafen. Sie nahmen diesmal den Weg durch die Stadtmitte. Die Route führte vorbei an der im klassizistischem Stil errichteten Kathedrale St. Stanislaus und Ihrem separaten Glockenturm, sie streiften die Burgruine von Gediminas aus dem 14./15. Jh., dem Wahrzeichen von Wilna, und ließen das Tor der Morgenröte mit seinem weltweit berühmten Madonnenabbild links der Fahrtroute liegen. Ach, es gab noch so Vieles anzusehen, etwa die berühmte St.-Annen-Kirche und die Bernhardiner-Kirche - beide im gotischen Stil errichtet. Dann gab es da die Choral-Synagoge - die einzige von einst 105 erhaltenen Synagogen, das Künstlerviertel Užupis…

Versonnen dachte sie an die markanten Punkte dieser Metropole, ihre berühmte alte Architektur mit ihren Kirchen und der alten Universität, an das Vilnius der Galerien, Paläste und Museen. Dieses Jerusalem des Nordens mit seinem berühmten Judengetto, seiner barocken Altstadt, die 1994 in die Liste des UNESCO- Weltkulturerbe aufgenommen worden ist. Diese Stadt, die seit Jahrhunderten in schmerzlicher, wechselvoller Geschichte hin und her gerissen ward von Eroberern, die sie nach Belieben immer wieder annektiert und geschunden haben. Und dennoch einen Zauber ausstrahlte, der sich in seltsamer Weise auf sie übertrug. Die Stadt des Czesław Miłosz und Adam Mickiewicz, der berühmten litauischen Dichter polnischer Sprache… Jetzt war ich so oft hier und habe es versäumt, mir diese Schönheit, dieses Vilnius, auch nur ein einziges Mal intensiver anzusehen, wenigstens oberflächlich. Und das, obwohl ich meine Slawistik so liebte. Eine Schande ist das, dachte sie selbstkritisch und enttäuscht von sich selbst im Vorüberfahren.
In Gedanken rezitierte sie die ersten Zeilen eines ihrer Lieblings-Monologe von Miłosz:

 

Ziemlicher wäre es, nicht zu leben. Zu leben geziemt sich nicht,
sagte einer, der nach sehr vielen Jahren zurückkam,
in die Stadt seiner Jugend.
Es war keiner mehr da von denen,
die einmal durch diese Straßen gingen,
und sie hatten nun nichts mehr,
außer seinen Augen.
Stolpernd ging er und besah, an ihrer Statt,
das Licht, das sie einst liebten,

den Flieder, der wieder blühte…
 

Tränen flossen über ihre Wangen, ohne dass sie es merkte. Aber Olga fiel es auf. Sie missdeutete aber die Beweggründe der melancholischen Anwandlung ihrer deutschen Geliebten und bezog sie auf die aktuelle Abschiedsstimmung. „Wir sehen uns doch bald wieder, Sigrid, und dann wird es wieder schön.“ Sigrid verzichtete auf eine Richtigstellung. Ja, vielleicht ist es ja wirklich ein Abschied, dachte Sigrid leicht depressiv-verstimmt. Als sie beim Abflugterminal angelangt waren, stieg ihre Geliebte mit aus und brachte sie bis zum Gate. Sie blieb bis zur letzten Minute, verabschiedete sich sehr emotional und streichelte sie ausgesprochen zärtlich. Trotz aller Touristen und Reisenden um sie herum. Was ihre Freundin Sigrid doch sehr überraschte. Diese Liebkosung tat ihr aber sichtlich gut. Zuviel war in den letzten Tagen auf sie eingeprasselt. Sie reagierte ebenso intim. Was die Leute dachten, war ihr im Moment egal…

 

*

 

Der Rückflug von Vilnius verlief ohne Zwischenfälle. Neidvoll ruhte der Blick von Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese auf einigen älteren Touristen, die sich Vilnius genauer angesehen hatten und unüberhörbar darüber diskutierten.

Sie fasste einen Entschluss: Noch im Flieger griff sie zu ihrem Notebook und bereitete eine E-Mail-Nachricht an Olga vor; sie würde sie später im Büro absenden.

Noch ganz unter den melancholischen Eindrücken ihres Besuchs der schönen Stadt Vilnius, erläuterte sie ihrer Geliebten ausführlich ihre wahren Träume und Sehnsüchte, ihren Hunger nach kunsthistorischen und philosophischen Themen, erklärte die Beweggründe ihrer Tränen auf der Rückfahrt zum Flughafen. Und dann am Ende baute sie nochmals die Zeilen von Czesław Miłosz´ Werk Die Straßen von Wilna in den E-Mail-Text ein und lehnte sich nachdenklich zurück.

 

 

Effet

 Effet

Igor hatte Olga zwar gebeten, die deutsche BKA-Beamtin von seiner Ankunft zu informieren. Aber dass er sich bereits in Dortmund befand und recherchierte, sollte der deutschen Schlampe vom BKA zunächst verborgen bleiben. Auch das er einen Partner dabei hatte, brauchte sie nicht zu wissen.
Igor Julishko ging sehr systematisch vor und begann den Sachverhalt nach dem Overhoff-Exempel zu rekonstruieren, weil die Probleme danach begonnen hatten. Doch er trat dabei auf der Stelle. Er wollte diese Angelegenheit schnell und erfolgreich hinter sich bringen. Wenn alles gut ging, wollte er nächste Woche zu einem Pflichtbesuch zu seinen Schwiegereltern nach Hamburg. Eine gute Gelegenheit, sich diese Stadt mal mit Julia, seiner Frau, und Natasha, seiner himmlischen Tochter, seinem kleinen Augenstern, genauer anzusehen. Er hatte ohnehin zu wenig Zeit für Natasha. Aber Job ist Job. Der Chef kannte da keinen Spaß.

Sein neuer Partner Jurij Ivanev gab sich sehr anstellig. Allerdings war er noch nicht lange genug im Geschäft und musste vorsichtig an die damit verbundenen Besonderheiten herangeführt werden. Aber Jurij hatte noch andere brauchbare Fähigkeiten. Er war ein exzellenter Kampfsportler und Scharfschütze, und eben ein solcher Job war im Imperium des Karel Romanov vor kurzen frei geworden, seit Jewgenij das Zeitliche gesegnet hat. Und wegen Boris musste er noch sehen…

 

Gestern hatte er versucht, an Omar, einen der Großverteiler heranzukommen. Doch Omar war nicht erreichbar, spurlos verschwunden. In der Szene ging das Gerücht um, dass er nach dem Überfall durch eine unbekannte konkurrierende Bande in seine Heimat entschwunden sei. Er habe es sehr eilig gehabt und nicht einmal das Ende der Krankenhausbehandlung abgewartet. Selbst seine Familie blieb verschwunden, so dass es keinen Ansatzpunkt gab, sich Omar vorzunehmen.

 

Besser lief es bei Mustapha, der sich noch im Krankenhaus befand. Er hatte seinen Verteiler zunächst in eindringlicher Weise befragt und verlangt, dass dieser noch einmal den Verlauf der Übergabe der Drogen und des Überfalls durch die Bande schildert. Doch Mustapha gab sich irgendwie verstockt und berichtete zögernd von mindestens drei Schlägern, die ihn bedrängt und sich seiner angenommen hätten. Er habe nichts tun können, zumal einer von ihnen auch eine Waffe auf ihn gerichtet hätte. Igor roch förmlich, dass etwas nicht stimmte. Seine KGB-Erfahrung bei Verhören kam ihm hier zugute. Schon die unruhige Physiognomie und der Versuch, den Augenkontakt zu vermeiden, sprachen Bände.
Zum Glück befand sich Mustapha allein in seinem Zimmer. Ansonsten hätten sie den Zimmergenossen ruhigstellen müssen. Igor zog seine Waffe und schraubte langsam einen Schalldämpfer auf. Mustapha zeigte sofort Angstreaktionen und geriet ins Schwitzen. Dann nahm sich Igor eine Pflasterrolle, die sich auf einem Behandlungstisch befand und klebte blitzschnell einen Streifen über Mustaphas Mund. Igor grinste noch Stunden später im Stillen vor sich hin, wie dankbar kranke Patienten auf Massage und Zuspruch reagieren. Diesen Part hatte Jurij übernommen, nachdem Igor ihm dies mit einer Geste bedeutete.

Jurij knetete brutal das verletzte Gemächte von Mustapha durch, bis dieser in Ohnmacht fiel. Igor entfernte das Pflaster und fragte gefährlich leise noch einmal nach: „Mustapha, wie lange willst du uns zum Narren halten? Sag schon, wo ihr das Zeug versteckt habt? Oder legst du großen Wert auf eine nette kieferorthopädische Zusatzbehandlung?“ Das Entsetzen stand in Mustaphas Augen. Er erzählte ihnen alles, wirklich alles. Selbst einige Stöße an seiner Kinnschleuder veränderten die Aussage nicht mehr.

Demnach seien sie beide, Omar und er, von einem alten Säufer, mit einer Krücke zusammengeschlagen worden. Es musste sich um einen ehemaligen Profi mit ungemeinen Kampfsport-Fähigkeiten gehandelt haben, mindestens Schwarzgurt… Er sei erst im Krankenhaus aufgewacht. Wo der Stoff und das Geld geblieben sein könnten, wusste er nicht. Und von Omar habe er auch nichts mehr gehört. Igor ließ sich die Person genauestens beschreiben.

Die ganze Geschichte klang so unglaublich, dass sie wiederum wahr sein konnte. Nun, es wurde Zeit, den Krankenbesuch zu beenden. Igor drückte ab. Mustapha riss seine Augen auf und brachte noch einen erstaunten Gesichtsausdruck zustande und lag dann still. Jurij drehte den Toten auf die Seite und zog die Bettdecke über ihn, so als ob er schliefe. Sie verließen unerkannt das Krankenhaus.

 

Als nächstes suchten die russischen Emissäre nachmittags Youssef, ihren anderen Großverteiler auf. Der war bereits aus dem Krankenhaus entlassen worden. Sie trafen ihn in den frühen Abendstunden in seiner üblichen Teestube im Dortmunder Norden an. Sie gingen gezielt auf ihn zu. Youssef begrüßte sie mit einem verzerrten unsicheren Grinsen, aus dem die Angst deutlich erkennbar war. Er sah sich noch nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber da war keine Chance. Igor und Jurij setzten sich zu ihm.

Youssef, mein Freund“, sprach Igor ihn leise an. „Lass uns spazieren gehen. Wir haben einiges zu besprechen.“

Und wenn ich nicht will, was dann? Willst mir hier in meinem Stammsitz ernsthaft drohen?“, antwortete Youssef recht patzig.

Ja, sei aber besser vernünftig“, sagte Igor, ließ seine Jacke ein wenig aufgleiten und Youssef einen Blick auf seine Waffe tun. Dieser erbleichte und erhob sich mühselig und folgte ihnen breitbeinig nach draußen. Sie begaben sich in den naheliegenden Park und begannen sich guter Deckung hinter einigem Strauchwerk zu unterhalten.

Igor begann mit seiner Befragung. Auch hier wieder die verstockte Geschichte von der Bande, die sie mit mindestens vier Schlägern krankenhausreif geschlagen und ausgenommen hätten. Er und Kemal hätten nichts tun können, zumal die anderen bewaffnet gewesen seien.
Auch hier roch Igor förmlich, dass die Geschichte nicht stimmte. Zu unsicher und seltsam verhielt sich ihr Opfer. Der ehemalige KGB-Agent ahnte, was nun als nächstes folgen musste. Er schlug Youssef mit seiner Waffe nieder. Diesmal hatte er breitflächiges Klebeband in einem Baumarkt erworben, dass sie Youssef über den Mund klebten. Jurij brachte Youssef wieder zur Besinnung, indem er ihn mit dem Gesicht in eine recht tiefe Pfütze drückte.
Sie setzten Youssef auf eine Parkbank. Es war dasselbe Spiel wie bei Mustapha. Ein wenig die Eier kneten, das malträtierte geprellte Nasenbein massieren - Jurij verstand sein Foltergeschäft.

Igor hielt Youssef die Waffe an den Kopf und fragte mit leiser Stimme nach: „Junge, sag uns, wo ihr den Stoff gebunkert habt? Oder hast du noch was vergessen?“ Jetzt brach es aus Youssef heraus, Gesichtsverlust hin oder her. Er erzählte schwitzend alles, was er wusste.

Demnach seien sie beide, Kemal und er, von einem unbekannten alten Säufer, mit einer Krücke zusammengeschlagen worden. Es konnte sich nur um einen gefährlichen Kampfsport-Profi gehandelt haben, mindestens Gurtträger… Er sei erst im Krankenhaus aufgewacht. Auch Youssef konnte nicht sagen, wo der Stoff und das Geld geblieben sein könnten. Und von Kemal habe er schon lange nicht mehr gesehen und gehört. Igor ließ sich die Person beschreiben und nickte. Die Beschreibung deckte sich mit den Angaben von Mustapha.

Spätestens jetzt wurde Igor stutzig. Zweimal dieselbe Geschichte. Sie konnte durchaus stimmen, selbst wenn es so unglaublich klang. Nur, wer war der unbekannte alte Säufer?

Nun, es wurde Zeit, den Spaziergang ausklingen zu lassen. Igor sah sich um und richtete die Waffe auf Youssef. Der stammelte: „Ich habe doch alles gesagt, Igor, wirklich alles. Sei gnädig, bitte.“

Gnade gehört nicht zu meinem Wortschatz“, entgegnete dieser kalt und drückte ab. Youssef sank in die Knie, fiel mit einem verwunderten Gesichtsausdruck zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Das alles geschah binnen Sekunden, nahezu lautlos, wenn man von dem leisen „Plopp“ absah. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Sie ließen den Toten liegen und verließen wortlos den Schauplatz des Geschehens.

 

Sie begaben sich auf die Suche nach Kemal…, obwohl sie mit keinem anderen Ergebnis rechneten.

 

*

 

Im Polizeipräsidium herrschte am nächsten Morgen Aufregung. Wieder drei Gewaltverbrechen im Drogenmilieu. Eine wohl zusammenhängende Bluttat, die niemandem plausibel zu vermitteln war, erst recht nicht der Presse. Als Kristof davon erfuhr, fiel sein Verdacht zunächst auf Dieter. In der Mittagspause rief er ihn auf dessen Sonderhandy von einem der wenigen Münz-Fernsprecher an.

Dieter“, kam Kristof sofort zur Sache, „…ich glaube es zwar nicht, muss dich aber dennoch fragen: Hast du etwas mit den gestrigen drei Hinrichtungen im Krankenhaus, im Stollenpark und in Eving zu tun?“

Nein“, sagte dieser nur. „Aber ich muss dich dringend treffen. Am besten nachher. Besuch mich doch bitte in meinem Haus.“ Kristof nahm an. Um 18:00 Uhr wollte er vorbeikommen. Seine Ahnung schien sich zu bestätigen.

 

Auch die BKA-Kollegin hatte zwischenzeitlich versucht, ihn in dem neuesten Fall telefonisch zu erreichen. Er rief sie ihrem Büro zurück. Sie schien sichtlich nervös und zitierte ihn in ihr Büro.

Kristof kannte das schon und setzte sich auf die andere Seite ihres Schreibtisches. Die Doktorin gab sich kaum Mühe, das hämische Glitzern ihrer Augen noch den süffisanten Tonfall ihrer Stimme zu verbergen. Ihm schien, als sei da auch noch der Ausdruck einer höhnischen Befriedigung zu sehen.

Herr Kovalidis, glauben Sie noch immer an Zufälle? Zufällig sind die Opfer auch diesmal die Leute, die schon einmal im Westpark und im Hafengelände überfallen worden sind. Nur sind sie jetzt tot.“

Und es handelte sich ausgerechnet um Dealer, die dem Netzwerk der Russenmafia zuzurechnen waren, dachte Kristof amüsiert.

Kristof sah aber keinen Anlass zu antworten und wartete ab.

Die Doktorin nahm jedoch den Faden auf und äußerte mal wieder ihren alten Verdacht.

Sagen Sie mal Herr Kollege, sehen Sie noch immer keinen Zusammenhang zu diesem Herrn Sedler und dem Mord an seiner Frau?“
Jetzt begriff Kristof.

Wie ich neulich schon sagte, Frau Doktor. Ich habe bei Herrn Sedler nichts verdächtiges feststellen können. Und ich hatte ja berichtet, dass ich ihn im Westfalenpark gesehen habe. Ein gebrochener alter Mann…“

Sie grinste, unterbrach ihn und ergänzte seine damaligen Worte: „Ja, ja, der sogar am Stock geht. Traurig, traurig…“

Kristof versuchte die Situation zu relativieren und von Dieter abzulenken: „Bedenken Sie, ein solch schmerzlicher Verlust und brutaler Mord an der Ehefrau geht an niemandem spurlos vorüber.“ Aber die BKA-Beamtin sah ihn prüfend an und hatte offenbar einen Entschluss gefasst.

Bevor wir die angedachte SOKO beginnen lassen, Herr Kovalidis, gehen Sie jetzt mal dieser Spur nach und prüfen diskret, ob Herr Sedler als Täter bzw. Rächer in Frage kommt.“ Doch Kristof war nun gewarnt, setzte sein bewährtes Pokerface auf und gab sich leutselig. Die weiß mehr als sie zugibt, dachte er.

O.k., wenn Sie meinen“, gab er zur Antwort, „…dann will ich dieser Spur mal nachgehen, am besten sofort. Ich lass es Sie wissen, sobald ich Näheres weiß.“ Er erhob sich, grüßte und verließ ihr Büro. Das passt mir natürlich recht gut. Jetzt kann ich Dieter sogar offiziell besuchen, schmunzelte er in sich hinein. Er rief ihn ganz offiziell auf seinem Festnetz an und kündigte seinen Besuch an.
„Guten Tag, Herr Sedler, ich habe da noch einige Nachfragen in der Mordsache Ihrer Frau und würde Sie gern gleich besuchen. Haben Sie Zeit, etwa um 15:00 Uhr?“ Dieter schaltete sofort und willigte mit zitternder Stimme ein.

Ich bin ohnehin zu Hause und kann mein Anwesen kaum verlassen. Mir geht es ungemein schlecht in der letzten Zeit. Kommen Sie ruhig. Was gibt es denn? Haben Sie endlich diesen verdammten Mörder gefasst?“

Das besprechen wir alles nachher, Herr Sedler“, wich Kristof aus. Nur für den Fall, dass mich die BKA-Kollegen abhören, dachte er und machte sich auf den Weg.

 

Auf dem Weg zu Dieters Anwesen fiel ihm auf, dass er von einem unscheinbaren Fahrzeug verfolgt wurde. Ein Ford Fiesta in silber-metallic hatte sich in sicherer Entfernung an seine Fersen geheftet und wurde kurze Zeit später von einem Golf der letzten Generation abgelöst. Aha, jetzt wollen die es aber wissen, dachte er amüsiert.
Bei Dieter angekommen, läutete er die Türglocke. Dieter empfing ihn in gebeugter Haltung und stützte sich schwer auf seine Krücke. Kristof grüßte und legte unauffällig seinen Finger auf sie Lippen, um damit anzudeuten, dass etwas nicht stimmt. Das erkannte sein Gastgeber sofort und machte weiter in gebrechlich und fragte mit dünner Stimme: „Nun, ich hoffe sie kommen mit guter Nachricht. Haben sie den Mörder geschnappt, Herr KHK Kovalidis? Ich geh mal vor. Wir können im Garten Platz nehmen.“

Zufällig rauschte dort die Fontaine seines Wasserspiels. Das kam Kristof entgegen. Er grinste und setzte sich auf einen der vorbereiteten Stühle in der Nähe des Wasserrauschens.

Es kann sein, dass wir beobachtet werden. Lass uns leise sprechen, Dieter“. Flüsternd setzte er ihn über die neuesten Entwicklungen in Kenntnis. Er berichtete auch davon, dass die Doktorin anscheinend Lunte gerochen hat und die Story mit der Gebrechlichkeit nicht mehr kaufte.

Ich kann den Stand der Dinge um eine Neuigkeit ergänzen, Kristof. Igor Julishko ist seit zwei Tagen wieder in Dortmund. Ich nehme an, dass die Hinrichtungen auf sein Konto gehen.“

Kristfof nickte. „Das erklärt vieles.“
Dieter setzte noch einen Verdacht obendrauf.

Wenn Igor die Leute vorher ausgequetscht hat, werden die zwar noch nicht wissen, nach wem sie zu suchen haben. Aber dafür haben sie ja die Doktorin vor Ort. Ich habe nach deinem Anruf sofort ihre E-Mails und die Nachrichten auf dem litauischen E-Mail-Account gecheckt. Und rate mal, nach wem deine BKA-Kollegin von Vilnius aus gefragt worden ist?“ Der KHK zuckte die Schultern.

Nach mir, Kristof. Einem alten Mann mit Krücke, einschließlich recht detaillierter Personenbeschreibung. Alles klar?“

Kristof wurde blass.

Das Finale, oder?“

Ja“, sagte Dieter. „Endlich! Der Tag der Abrechnung naht.“

Sie hatten noch Einiges zu besprechen…

 

*

 

Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese brütete über den Beobachtungsprotokollen der BKA-Beamten, die sie auf KHK Kovalidis angesetzt hatte. Es gab nichts außergewöhnliches. Allem Anschein nach war Dieter Sedler tatsächlich ein gebrechlicher, kranker Mann, der auf einen Gehstock angewiesen war. Auch die Telefonprotokolle ergaben keine Auffälligkeiten. Der Bericht von KHK Kovalidis wies in dieselbe Richtung: nichts Besonderes - alter, kranker und traumatisierter Mann...

Sie war unschlüssig, wie sie die Anfrage aus Vilnius beantworten sollte. Der Ermittlungsdruck auf die Dortmunder Polizei und zugleich auf sie nahm zu. Dann fasste sie einen Entschluss: Sollte sich doch Igor um Sedler kümmern. Der hatte Mittel und Wege, ihn zum Reden zu bringen, gebrechlich oder nicht.

Sie setzte eine E-Mail nach Vilnius ab und teilte Olga mit, dass sie derzeit dienstlich sehr beschäftigt sei und sich demnächst melden werde. Das war das Stichwort, dass sie in Kürze auf anderem Wege Kontakt aufnehmen würde. Sie kopierte verschiedene Daten, hauptsächlich aus dem Vorgang Sedler, von ihrem Dienst-PC und lud sie auf ihren persönlichen Laptop. Sie fuhr in die Nordstadt zu einem Internetshop und bereitete eine umfangreiche E-Mail nach Vilnius vor. Sie gab Olga alle Daten bezüglich Dieter Sedler samt älterem Fahndungsbild und neuester Adresse durch. Sie deutete jedoch an, dass sie sich ihres Verdachtes nicht sicher sei und glaubte, damit genug Fairness und Gerechtigkeit geübt zu haben.

 

Doch sie war nicht die einzige, die des Schreibens mächtig war.
KHK Kovalidis schrieb schon seit Stunden an einer detaillierte Dokumentation über die Vorgänge und seinen Kenntnisstand um Frau Dr. Sigrid Mattern-Frieses Aktivitäten. Nur war der Adressat ein anderer. Der Text sollte an die interne Ermittlung des BKA gehen. Er berichtete nicht nur von seinem ersten Verdacht, sondern auch von der Tatsache, dass er unzulässig BKA-Daten heruntergeladen habe und zu bestimmten Schlüssen gekommen sei. Er könne nun nicht länger schweigen. Die Weitergabe dieser Informationen an Dieter erwähnte er nicht. Gleichwohl rechnete er damit, dass ihm ohnehin ein hochnotpeinliches Disziplinarverfahren bevorstand, wenn er die Bombe hochgehen ließ. Er war sich nur nicht schlüssig, wann er den Bericht absenden sollte… Er ließ ihn erst Mal gespeichert im PC stehen und sicherte die Datei mit dem Passwort „Doktorin“. Ziemlich phantasielos, aber man sollte die Datei auch knacken können, falls mir etwas zustößt, dachte er.

 

*

 

Igor zuckte zusammen, als er den Meldeton einer eingehenden E-Mail-Nachricht vernahm. Zu sehr war er in Gedanken versunken. Den objektiven Fakten nach gab es keine Bande, die seine Dealer überfallen und ausgeraubt hatte. Doch wo konnte er ansetzen, um des geheimnisvollen alten Säufers habhaft zu werden. Ohne viel zu erwarten öffnete er die E-Mail-Nachricht aus Vilnius und verharrte wie elektrisiert an einem Detail: Der Ehemann der älteren Krassiwaja, der schönen Frau, die sich damals bei Francis Overhoff befand, benutzte einen Krückstock. Igor vertiefte sich in den Lebenslauf von Dieter Sedler und nickte verstehend mit dem Kopf. Er konnte Eins und Eins zusammenzählen. Jetzt wusste er, an wen er sich zu halten hat. Der Mann der älteren Schönheit sann auf Rache und hatte bereits viel Schaden angerichtet. Nicht dass er ihm das übel genommen hätte. Er verstand die Gefühle dieses Sedlers ganz gut… Aber hier ging es ums Geschäft. Nun ja, dann hatte die BKA-Schlampe mal ausnahmsweise gute Arbeit geleistet.

 

Der Mann schien aber gefährlich zu sein. Igor entschloss sich, zunächst dessen Umfeld auszuforschen. Er telefonierte mit Jurij und wies ihn an, den Wagen bereitzumachen.

 

 

Tödlich Tödliches Ballett

 

Wie immer, wenn Prozesse eine eigene Dynamik entwickeln, ist sie plötzlich in der Welt: die unbekannte Variable - manchmal ganz nach Murphys Gesetz als da schief geht, was schiefgehen kann oder auch umgekehrt als eine Art Glück bzw. ausgleichende Gerechtigkeit. Je nach Standpunkt, versteht sich.

 

Hier war ein Gefühl ursächlich, dass vielleicht genetisch bedingt auf die Schlitzohrigkeit eines Vaters zurückzuführen ist oder, wie auch immer, einem guten Riecher geschuldet war.

Freddy traute seinem Vater nicht so recht über den Weg und ahnte, dass dieser sehr schnell in eine Klemme geraten konnte und auf Hilfe angewiesen war. Allen guten Absichten zum Trotz. Ihm war auch klar, dass sein Vater ihn heraushalten und nicht gefährden wollte. Ja, der Vater war fit und konnte sich seiner Haut sehr gut wehren. Das glaubte er schon. Doch die Gesetze der Fairness waren außer Kraft gesetzt, wenn man den Pressemeldungen der letzten Wochen Glauben schenken konnte. Bandenkrieg im Drogenmilieu, Hinrichtungen… Irgendwas war faul, aber auch übergefährlich in dieser Szene.
Und was wäre er für ein verantwortungsloser Sohn, wenn er nicht wenigstens versuchen würde, eine Gefahr abzuwenden. Der Gefahr, in der sich sein Papa befand, wollte er wenigstens präventiv begegnen.

 

Des einen Sorge, des anderen Glück: Gerd Müller befand sich schon seit zwei Tagen auf einem stinklangweiligen Beobachtungsposten. Aber er war froh, den Job ergattert zu haben. O.k., die Sache lief unter der Hand und war streng vertraulich. Er hatte da auch was gut zu machen, und hatte endlich die Chance, eine Scharte auszuwetzen.
Gut honoriert wurde er ebenfalls. Die Zeiten für Privatdetektive waren alles andere als rosig.

Und so saß er auch heute Nachmittag im absolut unauffälligen Kombi mit der Werbung eines Sanitärfachbetriebes und starrte aus dem Innenraum auf das Anwesen des Vaters von Freddy Sedler, um beim geringsten Verdacht helfend einzuspringen oder seinen Auftraggeber zu benachrichtigen. Zwei Tage war es hier, dass er ihn von wechselnden Standorten beobachtete. Fast war er geneigt, seinem Auftraggeber normale Verhältnisse zu signalisieren. Mehr als einen gebrechlichen, älteren Herrn, der seine täglichen Spaziergänge, schwer gestützt auf einen Krückstock, absolvierte, konnte er auch heute nicht vermelden. Was dieser in seinem großen Garten trieb, konnte er trotz besten Fernglases nicht definieren. Wahrscheinlich schob er nur eine ruhige Kugel. Wenn nur diese Langeweile nicht wäre. Die Nachrichtenlage und die Werbung des Lokalsenders kannte er mittlerweile auswendig.

Aber etwas hatte sich doch verändert. Seit geschlagenen zwei Stunden parkte in etwa 100 m ein Leihwagen von Avis. Er kannte diese Fahrzeuge, die rundum mit Privacy-Verglasung ausgestattet waren. Leider hatte er nicht beobachten können, ob jemand das Fahrzeug verlassen hat. Wahrscheinlich war ich Volltrottel kurz eingenickt, knurrte er unzufrieden mit sich selbst und nippte an einem starken Kaffee. Durch ein Loch in der Karosserie, das sich fast nahtlos in die Werbebeschriftung einfügte, richtete er zu wiederholten Male seine Videokamera auf den Wagen. Jetzt nahm er eine doch eine Bewegung hinter den abgedunkelten Scheiben wahr. Ein Typ verließ das Fahrzeug und schlug sich in die Büsche. Will bestimmt nur pissen, dachte Müller - genauso wie ich und griff zu seiner Urinflasche, in die er seine Blase entleerte. Jetzt ging es ihm besser, und er machte seinen Job. Der Typ kehrte zurück, und wie Gerd Müller vermutet hatte, schloss er seinen Reißverschluss. Eine prima Aufnahme war fällig. Er sprach zu jemandem in den Wagen hinein, also war er nicht allein.

Gewohnheitsmäßig ließ er die Videoaufnahme von dem Typen durch das polizeiliche Personenerkennungsprogramm seines Notebooks laufen. Hatte ihn eine Stange Geld gekostet, die Software. Während das Programm seine Arbeit verrichtete, schüttelte es ihn noch immer:
Selten hatte er einen so hässlichen Vogel wie diesen Mann gesehen. Ein Typ mit Stiernacken, der nach dem Vorbild der japanischen Yakuza ein exotisches Tattoo aufwies und auf dem sich ein seltsam proportionierter, schmaler Eierkopf, befand, abgerundet durch ein ebenso verformtes Gesicht mit Schiefmund, dessen Oberlippe eine dunkle Warze zierte. Wie man nur so herumlaufen kann?, dachte sich Müller.

Der Meldeton des Notebooks zeigte an, dass es eine Übereinstimmung mit einer zur Fahndung ausgeschriebenen Person gab. Den Aufzeichnungen nach handelte es sich bei dem Typen um einen Igor Julishko aus Vilnius, Litauen. Nach ihm wurde verdeckt vom BKA gefahndet, und zwar wegen mehrerer Gewaltverbrechen im Drogenmilieu. Es wurde davor gewarnt, dass er bewaffnet sein könnte.

Volltreffer, dachte Müller und griff zu seinem Mobiltelefon. Es wurde ein längeres Gespräch. Ganz nebenbei mailte er seinem Auftraggeber das BKA-Fahndungsbild zu. Sie vereinbarten, dass er seinen Beobachtungsstandort beibehalten sollte, bis Freddy Sedler eintraf…

 

 

*

 

 

Wenn Igor etwas hasste, dann Jobs wie diese. Und Jurij war auch nicht der gesprächigste. Sie saßen die Zeit ab und beobachteten das Anwesen dieses Dieter Sedler. Einmal war er bereits an ihnen vorbeigegangen, allem Anschein nach ein gebrechliches, älteres Väterchen, das seinen täglichen Spaziergang absolvierte, schwer gestützt auf einen Krückstock, und sich alle 50 m schwer atmend mit einem Taschentuch den Schweiß abrieb. Igor war unschlüssig, ob sie auf der richtigen Spur waren. Augenscheinlich konnte dieser alte Mann unmöglich ihr Gegner sein. Nicht dass es Igor etwas ausgemacht hätte, ihn zu liquidieren. Aber die einzige günstige Gelegenheit wurde ihnen durch eine vorbeiziehende Gruppe junger Männer vermasselt. Zeugen konnten sie nicht gebrauchen. So mussten sie wieder warten, weil ihr Zielobjekt bereits in seinem Haus verschwunden war. Sie würden stattdessen die Dunkelheit abwarten und die Sache im Hause des Alterchens zu Ende bringen. Sie mussten dringend den verlorengegangenen Stoff und das Geld sicherstellen. Bis dahin hing Igor seinen Gedanken nach und dachte versonnen an seine eigene kleine Familie, besonders zärtlich an sein Töchterchen Natasha. Nicht eine Sekunde kam es ihm in den Sinn, dass auch die vielen seiner Opfer Familien mit Kindern hatten…

Langsam senkte sich die Dunkelheit über Dortmund. Schon bald würde Licht in die Angelegenheit kommen. Juris Folter hat bisher niemand widerstehen können.

 

*

 

Dieter war schon den ganzen Tag sehr unruhig. Die Nachricht, dass sich Igor und Helfer bereits in Dortmund befänden, erforderte verschiedene Vorsichtsmaßnahmen. Ihm war auch nicht entgangen, dass schon seit ein bis zwei Tagen das Fahrzeug eines Sanitärfachhandels in der Straße parkte, den es in Dortmund und Umgebung nicht gab. Darüber hinaus hatte sich ein Avis-Leihwagen mit Privacy-Verglasung dazugesellt. Er machte einige Spaziergänge, die an beiden Fahrzeugen vorbeiführten, um Näheres herauszufinden. Seine Senioren-Tarnung mit Krückstock kam ihm gelegen, weil er ohne Umstände nahe an den Fahrzeugen entlang gehen konnte. Allein, es gelang ihm nicht, weiteren Aufschluss über die Fahrzeuglenker zu erhalten. Mussten entweder Profis oder völlig harmlose Zeitgenossen sein. Dieter ging davon aus, dass ihn seine Gegner ausfindig gemacht haben und in Kürze etwas unternahmen. Wahrscheinlich nach Einbruch der Dunkelheit. Dass Freddy versucht hat, ihn telefonisch zu erreichen, konnte er vom Display seines Telefons ablesen. Er reagierte bewusst nicht und nahm den Anruf nicht an, zu gefährlich, und hereinziehen wollte er seinen Sohn in dieses üble Finale auch nicht…

Ins Haus zurückgekehrt, überlegte er, wie er sich wirksam schützen konnte. Es kamen Fallen infrage, die die mutmaßlichen Einsteiger behindern bzw. sogar verletzen könnten und sollten. Skrupel hatte er keine. Typen, wie diese Angreifer, durften gern mal von ihrer eigenen Medizin kosten. So entschloss er sich auf die Schnelle für einige simple Maßnahmen im Hause und im Garten. Für Einbrecher bei Dunkelheit ein echtes Problem.

 

*

 

Die Nachricht Müllers verursachte bei Freddy große Unruhe und bestätigte seinen heimlichen Verdacht. Der Vater befand sich wohl tatsächlich in Gefahr, wenn er den BKA-Informationen trauen konnte. Der Abend nahte. Er musste unbedingt zu ihm, um nach ihm zu sehen und um ihn zu warnen, denn Vater nahm das Telefon seit geraumer Zeit nicht ab. Ein Glück, dass Jenny, seine Frau, für einige Tage bei ihren Eltern in Münster war. So musste er auf ihre Ängste keine Rücksicht nehmen. Freddy hoffte, dass er nicht zu spät kam und stieg eilig in seinen Wagen. Zum Anwesen des Vaters waren es immerhin zwölf Kilometer, die er zurück legen musste. Schnell rief er noch bei Müller an, der bis zu seiner Ankunft die Stellung halten sollte. Doch der nahm das Gespräch nicht an. Ein Grund, noch vorsichtiger zu sein…

*

 

Die Gegend, in der ihr Zielobjekt lebte, war einsam gelegen. Gut für ihr Vorhaben. Ebenfalls günstig war, dass die Straßenbeleuchtung das Anwesen nicht erfasste. Ihr Opfer hatte inzwischen das Licht gelöscht und sich vermutlich schlafen gelegt. Es war auch schon spät.

Aber bevor sie ins Haus einbrachen, erhielt Jurij noch einen Sonderauftrag. Irgendetwas stimmte mit dem parkenden Fahrzeug des Sanitärfachhandels nicht. Igor war vor einer Stunde aufgefallen, dass im Rückspiegel des Kombis kurz der Schein eines Feuerzeuges aufgeblitzt war. Er wollte nicht riskieren, dass jemand Zeuge der Aktion wurde; vielleicht war es auch ein Beschatter der Kripo oder vom BKA, der auf ihr Opfer angesetzt worden ist.

Allerdings erhielt Jurij keinen Auftrag zur Liquidierung. Es reichte aus, den Kollegen auszuschalten. Zu riskant und geschäftsschädlich wäre es, sich womöglich das BKA zum Feind zu machen.

Jurij umrundete das Gelände und kam ganz harmlos von vorn auf den Wagen zu. Der Fahrzeuginsasse musste annehmen, dass es sich bei ihm um einen harmlosen Passanten handelt, der seines Weges geht.

Auf Fahrzeughöhe konnte er unschwer erkennen, dass darin ein auffällig unauffälliger Typ genüsslich an seiner Zigarette sog. Zwar barg die Aktion ein gewisses Risiko, aber aller Erfahrung lehrte, dass die Leute meistens die Beifahrertür offen ließen. Wäre dies nicht der Fall, würde er von der Waffe Gebrauch machen.
Blitzartig griff er zu und riss an der Tür. Der Fahrer hatte Glück. Die Tür war nicht verriegelt. Wortlos richtete er seine Waffe auf ihn und setzte sich auf den Beifahrersitz. Der unbekannte Fahrer erbleichte und erstarrte in seinem Rauchgenuss. Jurij hieb ihm den Kolben seiner Waffe in einer fließenden Bewegung brutal in den Nacken, genau im Übergang zum Schädelknochen. Gelernt ist gelernt, gute KGB-Schule und gut für dich mein Junge, dachte Jurij zufrieden. Stumm sank der Beobachter zusammen, die Zigarette zwischen den Zähnen. Als passionierter Nichtraucher zog Jurij ihm den Glimmstängel angewidert aus dem Mund und warf ihn aus dem Wagen. Einen zufälligen Fahrzeugbrand mit Feuerwehreinlage konnten sie im Moment nicht gebrauchen. Er verstellte die Sitzbank nach hinten, so dass es so wirkte, als hielte der Fahrer ein Nickerchen.

Für die nächsten Stunden war mit dem Typen nicht mehr zu rechnen.

 

Im Schutze der Dunkelheit schlichen sie sich leise zum Anwesen ihres Opfers. Sie konnten kaum die Hand vor Augen sehen. Aber das war umso besser für ihr Vorhaben. Seitlich pirschten sie sich an die Eingangstür heran. Jurij bildete die Vorhut und öffnete mit einem Spezialschlüssel geräuschlos die Tür. Leise betraten sie das Haus. Alles war wie es sich zur nachtschlafenden Zeit gehörte.

Dennoch blieben beide Einbrecher wachsam und versuchten, sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Man wusste nie, was einen auf unbekanntem Terrain erwarte. Voller Anspannung ging Jurij, getreu seiner Rolle als Vorhut, einige Schritte in den Raum hinein… und schlug mit einem Klatsch lang auf die Steinfliesen auf den Rücken, genau auf den Hinterkopf. Blutend und benommen blieb er stöhnend liegen. Er war auf einen geradezu dummen Bauerntrick hereingefallen. Ihr Gegner hatte eine größere Fläche einfach mit Schmierseife versehen. Das erkannte Igor, als er nach Jurij sah und hineingriff in die glitschige, schmierige Masse. Es war eine Schande. Schon allein dafür würde er es dem alten Säufer besonders gut besorgen, grollte er im Stillen. Der Alte war also gewarnt und hatte vorgesorgt. Igor griff nach seiner Waffe und blickte sichernd um sich. Er ging vorsichtig an der Wand des Hausflures entlang, um nicht ebenfalls auszurutschen. Zu spät erkannte er, dass sein Gegner ihn indirekt durch den Garderobenspiegel beobachten konnte. Der schlug ihm mit seiner Krücke ungemein heftig die Waffe aus der Hand und prellte auch noch die Finger seiner Waffenhand. Schmerzerfüllt rieb er sich die verletzte Hand. Seine Wut steigerte sich ins Unermessliche. Seine Waffe konnte er nicht mehr sehen, aber den Alten, der durch die Terrassentür in den Garten floh und sich zur Seite absetzte. Zornbebend folgte ihm Igor... und schlug lang hin, irgendwelche Steintreppen herunter und prellte sich das Gesicht, von den Abschürfungen an den Händen ganz abgesehen. Er verfluchte den alten Säufer in den allerfeinsten Varianten der russischen Sprache, hauptsächlich dessen Familie, seinen Genital- und Analbereich betreffend. Allein schon die Flüche wiesen eine waffenscheinpflichtige Qualität auf… Hat der Drecksack doch einfach einen Fallstrick hinter der Tür aufgespannt. Wo blieb hier die Fairness?, dachte Igor wutentbrannt.

Sein Gegner befand sich in der Nähe des Buschwerks. Er eilte auf ihn zu, diesmal erheblich vorsichtiger. Man wusste ja nie, was sich der Opa noch ausgedacht hat. Schade, dass er seine Waffe verloren hatte. Und da sah er ihn schon. Der Alte hielt sich in gebückter Haltung im Schutze eines Busches auf, wohl um sich zu verbergen. Gerade als er ihn mit einem Fausthieb niederstrecken wollte, verlor er sein Sehvermögen und stürzte geblendet zu Boden. Sein Gegner hatte ihm im wahrsten Sinne des Wortes Sand in die Augen gestreut, einfach so - wie auf einem Kinderspielplatz: eine volle Ladung ins Gesicht. Igor spuckte die Sandkörner aus und versuchte, sich aus der Reichweite dieses verdammt gefährlichen Zeitgenossen fortzurollen. Doch der war weitergeeilt, vermutlich um sich in Sicherheit zu bringen…

In Igor wuchs nun eine schier unbegreifliche Mordlust heran. Wegen des restlichen Sandes in den Augen war sein Sehvermögen noch getrübt, als er die Verfolgung aufnahm. Doch plötzlich sah er Sterne. Ein brüllender Schmerz zuckte durch sein rechtes Ohr, als etwas Hartes ihn dort traf. Zum Glück glitt das Geschoß seitlich ab, weil er ansonsten k.o. gegangen wäre. Und schon sah er, wie der Alte schon wieder eine weitere Boule-Kugel nach ihm warf. Im letzten Moment konnte Igor sich zur Seite werfen. Er spürte, wie sich etwas Feuchtes über seinem Hals ausbreitete. Es war Blut, das aus seinem Ohr herauslief. Doch darauf konnte er jetzt nicht achten. Sein Gegner konnte nicht mehr entkommen, weil er sich in eine Ecke manövriert hatte, aus der er nicht mehr herauskam.

Igor griff an - sich all seiner Nahkampffähigkeiten bewusst, die er im Rahmen der KGB-Ausbildung erworben hat. Doch zu seiner Überraschung war der alte Säufer nicht zu fassen, weil er sich ebenfalls zur Seite geworfen hatte und Igor einen wuchtigen Schlag auf die Nase setzte. Er sah wieder Sterne und konnte am knirschenden Geräusch erkennen, dass seinem Nasen- samt Jochbein eine längere Auszeit bevorstand. Stoisch ließ er die Schmerzen wallten und griff erneut an. Er platzierte eine linke Gerade in den Solarplexus des Alten. Dieser klappte kurz zusammen, richtete sich aber gleich wieder auf. Doch Igor umklammerte dessen Brustkorb und zog den Gegner unbarmherzig an sich heran, um ihm die Wirbelsäule zu brechen. Dieser wehrte sich nach Leibeskräften und schlug mit seinen Fäusten auf Igors Rücken ein. Doch es nützte ihm nichts. Igor hatte seine Muskulatur angespannt und ignorierte die harten Schläge. Einem Schraubstock gleich zog er ihn immer näher an sich heran. Igor merkte bereits wie die Kräfte des Alten nachließen und dieser sich wohl in sein Schicksal ergab.

Aber unvermutet explodierte sein Hirn, besser gesagt als seine Trommelfelle zu platzen schienen. Der Alte hatte seine beiden gewölbten Handflächen auf Igors beide Ohren geknallt. Vor Schmerzen brüllend ließ er seinen Gegner los. Das hätte er nicht tun sollen. Der alte Säufer zeigte ihm plötzlich in rasender Geschwindigkeit, wie ein richtiger Nahkampf aussieht.

Wie durch Watte hörte Igor, wie ihm sein Gegner hasserfüllt entgegen schleuderte: „Du tötest keine wehrlose Frau mehr, Du nicht.“

Aber vorher gibt es was von der eigenen Medizin, Meister, und zwar bis Du dich einpisst“, fügte er hinzu und schlug Igor mit dem Krückstock, der plötzlich wie hingezaubert in seiner Hand lag, auf die Kniescheiben. Dann bezog der Profikiller die Prügel seines Lebens, nach Strich und Faden. Er wurde windelweich geschlagen, bis er nur noch um Gnade wimmerte. Er war nur noch ein Häufchen Elend. Natürlich hatte er sich eingepisst und auch eingeschissen. Es stank fürchterlich. Igor lag da, wie ein Schluck Wasser und weinte wie ein kleines Kind.

Doch der Alte mochte nicht aufhören und näherte sich ihm wieder. In Erwartung weitere Schläge hielt sich Igor die Hände vor das Gesicht. Mit entsetztem Blick duckte er sich.

Doch plötzlich erhielt Igor Hilfe von unerwarteter Seite. Jurij war zu sich gekommen und richtete in eindeutiger Absicht seine Waffe auf den Alten. Der hielt inne. Mühsam rappelte sich Igor auf, riss Jurij die Waffe aus der Hand und legte hasserfüllt auf seinen Gegner an.

Wer bist du?“, fragte er.

Nur ein Witwer, der um seine Frau trauert, du mörderisches Schwein“, antwortete der. Igor sah ihn fragend an.

Erinnere dich an Francis Overhoff. Den Rest kannst du dir denken, Hurensohn.“ Igor begriff.

Ah, der Mann der Krassiwaja, der schönen Dame… Ja, wirklich sehr schade um sie. Aber das war nichts persönliches, Opa? Bald bist du bei ihr, tröste dich.“

Igor war aber noch nicht fertig.

So, Alterchen. Du kannst es dir leicht machen. Erst schieße ich dir die Eier weg, und dann kannst du Juris Folterkünste ausprobieren. Ich frage dich nur einmal. Wo ist der Stoff, und wo ist das Geld, dass du meinen Dealern abgenommen hast?“
Doch der alte Säufer schwieg verstockt. Igor hob die Waffe und richtete sie auf die Männlichkeit seines Gegners. Der schien sich im letzten Moment zu besinnen, trat vorsichtig an Igor heran. Jetzt, im Besitz einer Waffe, ließ Igor die Unterschreitung der Angriffsdistanz zu. Der Alte sprach nur einige Worte zu Igor. „Und was soll dann gleich mit deiner kleinen Natasha in Hamburg geschehen, Papa?“ Wie von einer Tarantel gestochen, verlor Igor sein seelisches Gleichgewicht und sah seinen Widersacher fassungslos an. Wenn auch stotternd, so brach doch spontan eine Frage aus ihm heraus.

Was ist mit meiner Tochter, was hast du mit ihr vor, du Schwein?“ Gelassen antwortete der Alte: „Noch nichts. Und wie du siehst: Nur der eigene Schmerz tut weh. Aber um deine Frage zu beantworten - ich weiß nicht wie lange mein pädophiler Gehilfe es noch aushält bei diesem schönen Kind.“ Igor war wie gelähmt und nahm wie durch einen Nebel wahr, wie ein mörderischer Schlag auf ihn zukam und unter dem Kinn traf. Und dann war da nichts mehr.

 

Jurij hatte mit ansehen müssen, wie sein Chef von den Beinen gehoben wurde und besinnungslos zu Boden sank. Genau in der Sekunde des Knock Outs von Igor griff er den ohnehin angeschlagenen Gegner an. Wer Natasha war, wusste er nicht, war ihm auch egal. Mit einem gewaltigen Hieb in den Nacken seines Gegners schaltete er diesen aus.

Gerade als er sich nach der Waffe bückte, sah er aus den Augenwinkeln ein lautloses schwarzes Schemen durch die Luft auf sich zufliegen.

Reaktionsschnell erhob sich Jurij und schlug blitzartig mit der rechten Faust nach dem Gesicht seines Gegners. Doch dieser blockte den Hieb mit dem linken Arm ab, ergriff mit der rechten Hand sein Handgelenk, packte mit der linken seinen Ellbogen und ließ ihn einen Vorwärtssalto machen. Jurij brüllte vor Schmerzen auf, denn sein Gegner hatte sein Handgelenk nicht etwa losgelassen. Er hörte sein Schultergelenk mächtig knacken. Ausgerenkt. Mit dem Rücken nach unten stürzte er nun zu Boden. Heftig trat ihn das Schemen von oben auf sein Knie. Es folgte wieder so ein hässliches Knacken, begleitet von einem jammernden Aufschrei Juris.

Doch auch Jurij war ein geübter Nahkämpfer und bekam ein Bein seines Gegners zu packen, so dass dieser neben ihn fiel. Es begann ein zäher Ringkampf. Jurij gelang es, seinen Gegner zu umklammern. Mit der ganzen Kraft seiner bärenstarken Natur zog er ihn an sich und presste ihm während des Aufstehens die Luft aus der Lunge. Jurij spürte es genau. Gleich hatte er seinen Widersacher ausgeschaltet. Gnadenlos zog er ihn an sich heran. Aber plötzlich explodierte die Welt. Sein Gegner hatte ihm einen üblen kraftvollen Kopfstoß unters Nasenbein gesetzt und ihm dieses unmittelbar ins Hirn geschoben. Jurij schwanden die Sinne. Das war doch wieder nur so ein übler Straßenschläger-Nahkampftrick. Keine Kampfkultur bei diesen Deutschen…, waren seine letzten Gedanken, als er kurz darauf sein Leben aushauchte und Freddy aus der tödlichen Umklammerung entließ.

Dieter war inzwischen zu sich gekommen. Er zog sein Messer und kniete sich auf die Brust seines Gegners. Igor war inzwischen aufgewacht und blickte fatalistisch zu seinem Bezwinger hoch.

O.k., sagte er. „Du hast gewonnen. Mach mit mir, was du willst. Aber ich habe eine Bitte. Lass meine kleine Natasha leben. Sie ist mein Augenstern. Bitte! Ich flehe dich um Gnade an“, schluchzte er. Mit kalten Augen reagierte sein Gegner: „Hattest du bei Marion Gnade walten lassen, Igor-Hurensohn? Sie braucht einen Sklaven, dort oben im Himmelreich. Dringend.“

Aber das Kind kann nichts dafür“, flehte Igor, „…nimm mich dafür. Bitte, lass Natasha leben!“

Nein“, antwortete Dieter, „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

Vater“, ließ sich eine leise, ruhige Stimme vernehmen, „…du bist kein solches Schwein wie er.“ Er warf Dieter sein Handy zu, ergriff das Messer und kniete sich an seines Vaters statt entschlossen auf die Brust von Igor. Er sagte zu seinem Vater: „Ruf bitte an in Hamburg und stopp die Racheaktion, wenigstens einstweilen.“ Dieter sah seinen Sohn mit stoischem Gesichtsausdruck zögernd an, nahm das Mobiltelefon und ging zur Seite. Er wählte eine Nummer und sprach etwa eine Minute leise in das Gerät.
Dann kehrte er zurück.

Deine Tochter und du, ihr habt jetzt eine halbe Stunde, keine Sekunde mehr. Wir haben zu reden.“
Freddy nahm Igor in einen Polizeigriff und schob in Richtung des Hauses. Wimmernd folgte Igor allen Anweisungen. Er blickte Dieter fragend an. Dieser sagte nur: „Ich will Karel Romanov, mit Haut und Haaren. Und sorgst dafür, dass er hier ziemlich schnell eintrifft. Ruf ihn an. Suggeriere ihm, dass wir alle erledigt sind. Sofort. Mach es dringend und lukrativ für ihn. Er kann eine Menge Stoff zu besten finanziellen Bedingungen kaufen, sagen wir mal für 500.000 €. Und glaube mir eines. Du kannst soviel versteckte Botschaften an ihn richten wie du willst. Jeden kleinsten dieser Fehler wird deine Tochter, dein Augenstern, für dich ausbaden. Man muss nur wissen, wann man verloren hat. Hast du das verstanden?“ Igor nickte. Er war ein gebrochener Mann.

Er nahm das Telefon und sorgte dafür, dass Romanov sehr großes Interesse an dem Geschäft bekam und sich schnell auf den Weg nach Dortmund machen würde. Bereits morgen Vormittag würde er hier sein. Mit ca. 300.000 € im Koffer, weil er mit einem Superdeal rechnete. Übergabeort sollte das Hotel Römischer Kaiser, Luxus-Kaisersuite, Raum 508, sein.
Der neue Geschäftspartner hatte eine Großmenge an Amphetaminen und Koks im Gepäck. Als Stichwort war „Troja“ vereinbart.

Dieter sah ihn lange an.

Deine Familie haftet mit ihrem Leben. Ist dir das klar, Igor-Hurensohn?“

Dieser nickte.

Es geschieht dein Wille, Alterchen.“

Danach wurde Igor in den Keller verfrachtet und zitterte dort stundenlang angstvoll um das Leben seiner Tochter. Er selbst sah sich ohnehin dem Tode geweiht.

Dieter und Freddy verließen das Kellerverlies und bereiteten derweil den Empfang Karel Romanovs aufs sorgfältigste vor.

 

 

Schnee  Schnee von gestern

 

Dieter führte einige Telefonate. Es gab viel vorzubereiten.

Derweil war Karel Romanov guter Dinge. Der Flug von Vilnius war ohne Zwischenfälle verlaufen. Wie immer war es angenehm, First Class zu reisen. Weniger schön war die Anfahrt mit dem ICE. Zuviel gewöhnliche Leute mit dabei. Er hätte gern noch eine Luxuslimousine mit Chauffeur gemietet. Aber es musste wohl sehr schnell gehen. Das Geld hatte er dabei. Es war fast schon zu schön, um wahr zu sein. Aber bei guten Geschäften musste man schnell sein. Und wenn Igor, sein getreuer Paladin, sich für den Deal verbürgt hat, war alles o.k. Ja, gutes Personal war wichtig. Und es gab kaum etwas, was Igor wichtiger war als Geld, dachte Romanov amüsiert.

Wie stets bei Auslandsbesuchen traf er sich mit einem seiner Gewährsleute, der ihm auf der Toilette diskret eine Handfeuerwaffe samt fertigmontiertem optimierten Mini-Schalldämpfern überreichte. Nach alter KGB-Gewohnheit verstaute er die Waffe hinten im Hosenbund. Jetzt fühlte er sich wesentlich besser.

 

Am Dortmunder Hauptbahnhof ergatterte er ein Taxi. Ihm war klar, dass der Fahrer ihn durch die halbe Stadt lotsen würde, um zu verdienen. Deshalb kürzte er die Sache ab und legte eine Hundert-Euro-Note auf das Armaturenbrett.

Die gibt es, wenn ich spätestens in 10 Minuten beim Hotel Römischer Kaiser bin“, sagte er zum Fahrer. Der verstand. Es wurden 6 Minuten einschließlich Koffer aus dem Gepäckraum heben. Geht doch. Geld ist das beste Schmiermittel. Ich wüsste nicht, was man nicht kaufen könnte, dachte Romanov und lächelte still in sich hinein.

Er war bereits angekündigt. Freundlich lächelte ihn der Rezeptionist an.

Die Kaiser-Suite ist vorbereitet. Sie werden erwartet, Herr Romanov.“

Guter alter Igor. Perfekt wie immer. Aber ich bezahle ihn auch gut genug, dachte Romanov und schritt selbstzufrieden zum Lift, wo ihm ein Boy die Tür in der genau richtigen Sekunde öffnete und ihm den Koffer abnahm.

 

Vor der Suite blieben sie stehen. Der Hotelboy übergab die elektronische Tür-Öffnungskarte und blieb erwartungsvoll stehen. Na, gut, dachte Romanov und drückte dem jungen Mann 50 € in die Hand. Der dankte mit distinguiertem Gesichtsausdruck und schritt in aller Selbstverständlichkeit würdevoll davon.

Romanov betrat die Suite, wollte sich gerade in einem der Sessel niederlassen, als es auch schon klopfte. Er sah auf die Uhr. Verdammt pünktlich, die Deutschen, selbst in Dealerkreisen, dachte er überrascht, erhob sich und fragte: “Wer da?“

Willkommen in Troja“, antwortete eine männliche Stimme. Seufzend ging er zur Tür und öffnete.

Ein ihm unbekannter älterer Mann mit Krückstock betrat die Suite. Romanov war zwar erstaunt über das ungewöhnliche Jeans-Outfit und die Blessuren im Gesicht seines Geschäftspartners, aber er nahm es hin. Immerhin hat der Besucher das Kennwort genannt und war damit akzeptiert.

Wo ist Igor?“, fragte er den Fremden.

Igor ist momentan verhindert“, antwortete dieser. „Und Sie sehen ihn sehr bald wieder“, ergänzte er. Etwas an dessen Tonfall gefiel Romanov überhaupt nicht. So liefen Geschäfte dieser Art normalerweise nicht ab.

Wo haben Sie den Stoff?“, fragte Romanov.

Im Nebenzimmer, Herr Romanov“, bekam er zur Antwort. Romanov wollte sich dorthin wenden, wurde aber am Ärmel festgehalten.

Haben Sie das Geld?“, fragte der Unbekannte.

Natürlich, dort im Koffer.“

Der ältere Herr nickte.

Wie üblich, würde ich gerne ein Blick darauf werfen. Es geht hier immerhin um ein größeres Geschäft.“ Romanov nickte, gab den Koffer-Code ein, öffnete ihn, griff wahllos unter die Geldstapel und hob sie an, damit der Alte sichergehen konnte, dass ihm kein Spielgeld oder gar Altpapier angedreht wurde. Er achtete darauf, dass sein Geschäftspartner einen gebührenden Abstand einhielt. Nun drehte sich Romanov herum und fragte: „Woher kennen Sie eigentlich meinen Namen?“

Das ist eine lange Geschichte…“

Langsam wurde Romanov misstrauisch und proportional dazu ungemütlich. So wehrlos wie es schien, war er längst nicht. Er schob den noch offenen Koffer zur Seite und griff an. Mit einem Schlag in den Solarplexus seines Gegenübers wollte er diesen außer Gefecht setzen, um ihn dann zu überwältigen. Aber der augenscheinlich alte Mann schlug die rechte Gerade von Romanov blitzschnell zur Seite, schützte auf diese Weise seinen Körper und wich behände aus. Romanov stolperte nach vorn. Es gelang ihm aber, seine Waffe zu ziehen und anzulegen. Einmal reicht mir, dachte Dieter und setzte mit dem Krückstock nach. Von unten nach oben schnellte sein Kampfgerät in Bruchteilen von Sekunden hoch und schlug seinem Gegner schmerzhaft die Waffe aus der Hand. Noch im Fluge löste sich ein Schuss, der in der gegenüberliegenden Wand einschlug. Das leise „Plopp“ war kaum vernehmbar. Doch es nützte nichts. Auch Karel Romanov bezog die Prügel seines Lebens. Am Ende lag er winselnd am Boden.

Wer bist du?“, jammerte er.

Jemand, der eine offene Rechnung mit dir hat. Deine Machenschaften haben das Leben meiner Frau gekostet. Von den übrigen Folgen deiner schmutzigen Geschäfte mal abgesehen.“ Romanov richtete sich auf seinen Händen mühsam in eine sitzende Position auf. Dieter hob drohend die Krücke. Romanov zuckte zurück.

Was ist mit Igor?“, fragte er lauernd.
„Igor war der Meinung, dass Geld nicht alles ist in dieser Welt…, und jetzt wirst du dich deiner Verantwortung stellen müssen“, antwortete Dieter.

Was ist mit Igor geschehen, wo ist er?“, wiederholte Romanov seine Frage.
„Nun, gut. Warum sollst du es nicht erfahren, Karel Romanov. Das Spiel ist aus. Igor befindet sich in meiner Gewalt. Seine Natasha war ihm wichtiger, als du und dein Geld. Nur aufgrund seiner Kooperation befindest du dich hier, großer Boss.“

Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr Romanov hoch.

Was ist mit meiner Tochter?“ Jetzt war es an Dieter überrascht zu sein. Aber er fasste sich schnell.

Natasha wird von mir festgehalten. Und ich weiß nicht, wie lange es mein pädophiler Gehilfe noch aushält mit einem so schönen Mädchen?“ Romanov jaulte voller Panik auf.

Lasst mein Kind in Ruhe. Es kann nichts dafür!“
Dieter reagierte eiskalt.

Du verwechselst etwas. Es ist Igors Tochter. Mich kannst du nicht bluffen.“ Das Entsetzen stand Romanov ins Gesicht geschrieben.

Nein, nein, es ist ganz anders. Ich hatte mit Igors Frau Julia ein Verhältnis. Natasha ist in Wirklichkeit meine Tochter. Komm, Alter, nimm das Geld, und lass das Kind frei, bitte.“
Dieter entgegnete: „Hast du noch immer nicht erkannt, dass man für Geld nicht alles haben kann, du Hundesohn? Ich bin gespannt darauf, was Igor zu deinem Verhältnis mit seiner Frau sagt. Du solltest ihm nie mehr begegnen.“ Jetzt erst wurde sich Romanov der Gefahr bewusst, in der er schwebte. Pure Verzweiflung bestimmte seine Handlung, als er wie von einer Feder geschnellt aufsprang und es schaffte, Dieter zur Seite zu stoßen. Seine Waffe war unerreichbar, und so flüchtete er ohne sie ins Nebenzimmer, ließ alles stehen und liegen. Hastig verschloss er die Zimmertür, um eine direkte Verfolgung durch den Alten zu verhindern.
Eine Luxus-Hotelsuite hatte gewöhnlich zwei Ein- und Ausgänge, wegen der Diskretion versteht sich. Mit einem Blick konnte er feststellen, dass sich in diesem Raum keineswegs der Stoff befand, den er ursprünglich ankaufen wollte. Doch das war jetzt zweitrangig. Er musste sein Leben retten und öffnete voller Hast die Zimmertür, um die Suite zu verlassen.

Aber auch dort erwartete ihn eine böse Überraschung. Ein stämmiger Typ vertrat ihm den Weg, im Schlepptau mehrere vierschrötige Männer. Bullen, das rieche ich,
dachte Romanov.

Herr Karel Romanov, mein Name ist KHK Kovalidis, nach Ihnen wird europaweit gefahndet. Sie sind hiermit verhaftet“, sagte der Polizist.

Das alles muss ein Irrtum sein. Gerade bin ich im Nebenzimmer angegriffen worden. Außerdem bin ich Informant des Deutschen BKA. Ich verlange sofort Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese zu sprechen. Sie kann das alles erklären“, ließ sich Romanov forsch ein.

Dazu kommen wir noch. Wer soll Sie im Nebenzimmer angegriffen haben?“, fragte Kovalidis und wies einen seiner Kollegen mit einem Kopfnicken an, dort nachzusehen. Dieser kam unverrichteter Dinge zurück und schüttelte den Kopf. Allerdings führte er Romanovs Koffer mit.
„Was befindet sich darin, Herr Romanov?“, fragte ihn der Polizist.

Geld, das ich zum Ankauf von Antiquitäten einsetzen wollte. Lassen sie die Finger von meinem persönlichen Eigentum. Ich werde mich beim BKA beschweren.“

Kovalidis ignorierte die Einwände. Auf ein Zeichen wollte der Beamte den Koffer öffnen. Romanov war fassungslos.

Ich protestiere!“, rief er. Doch der Polizist öffnete den Koffer dennoch.

So, so, Geld soll das sein“, knurrte er belustigt und wies auf ein prallgefülltes Gepäckstück voller Kokaintüten und einer Auswahl bunter Pillen, sauber abgefüllt in Plastiktüten.
Romanov erbleichte.

Ich bin übel hereingelegt worden. Darin befand sich Geld. Der Typ vorhin hat mir den Stoff untergejubelt. Niemals wäre ich so dumm und würde mit Rauschmitteln handeln. Ich doch nicht.“

Ja, ja, dafür haben Sie ihre Gehilfen, ich weiß“, entgegnete Kovalidis kalt. „Wir klären die Sache am besten im Präsidium. Ab heute sind Sie unser Gast.“ Grob wurden Romanov die Arme nach hinten gerissen. Er hörte die Handschellen klicken und einrasten - natürlich zu eng.

 

*

 

Dieter und Freddy betraten den Kellerraum. Igor lag noch immer gut verschnürt und sah ihnen angstvoll entgegen.

Äh, was stinkt das hier streng“, sagte Freddy in Anspielung auf Igors Zustand. „Hat es geklappt. Habt ihr Romanov?“, fragte der jedoch unbeeindruckt.

Ja, wir haben ihn. Und er hat uns auch eine Arie gesungen“, stellte Dieter fest. „Dann habe ich ja meinen Teil der Abmachung erfüllt. Ihr müsst Natasha jetzt freilassen“, forderte Igor.

Wir müssen gar nichts und werden es auch nicht tun“, entgegnete Dieter.

Aber das war doch der Deal“, wimmerte Igor. „Habt bitte Erbarmen mit meinem Kind.“

Nenn mir ein Beispiel, Igor-Hurensohn, wann du jemals Erbarmen mit einem deiner Opfer hattest, ein einziges nachvollziehbares Beispiel.“

Igor schwieg betreten.

Warum also, soll ich Gnade walten lassen. Nenne mir einen guten Grund, Igor-Hurensohn, einen einzigen guten Grund.“

Mit tränenerstickter Stimme flüsterte Igor: „Weil zweimal Unrecht, kein Recht ergibt, Alter.“
„Du hast mit den Morden an meiner Frau, ihrer Freundin und Francis Overhoff also ein Unrecht begangen, Igor-Hurensohn?“, sekundierte Dieter fragend.

Igor erkannte es endlich und stellte sich, voller Demut.

Ja, das habe ich. Und dafür habe ich auch den Tod verdient. Aber nicht mein Kind. Also richte mich. Jetzt und sofort.“

Sprach's und senkte den Kopf. Lange sah Dieter ihn an. Freddy stand im Hintergrund. Dieter hob und entsicherte nun die Waffe. Er trat auf Igor zu und hielt sie ihm an die Stirn. Igor hob seinen Kopf und sah Dieter nun ohne Angst an.

Ja, alter Mann, tue es. Doch ich bitte dich vorher um Verzeihung für den Mord an der Krassiwaja, der schönen Dame. Dort oben, ob im Himmel oder in der Hölle, werde ich der demütige Sklave deiner Frau sein. Ganz wie du es wolltest.“

Freddy atmete tief durch und auch auf. Dieter hatte die Waffe angesichts der Demuts-Äußerung Igors gesenkt.

Igor, als Hurensohn will ich dich nicht mehr bezeichnen. Aber höre mir zu: Deine Natasha war niemals in Gefahr. Auch Julia nicht. Es gab auch nie einen pädophilen Gehilfen. Aber überprüfe deine eigene kranke, schmutzige Phantasie darauf, wie du so etwas jemals glauben konntest. Ich bin mir nicht sicher, ob du zu einer solchen Geiselnahme fähig gewesen wärst. Fast fürchte ich ja. Aber zur Mindeststrafe wird gehören, dass ich dich der Polizei übergeben werde. Im Knast wirst du vielleicht Karel Romanov, deinem Boss, begegnen. Kläre mit ihm, wer von euch beiden der Vater von Natasha ist. Ich fürchte, du bist auch in dieser Hinsicht beschissen worden, wenn ich dessen Beteuerungen glauben darf. Er hatte jedenfalls einen so seltsamen perversen Gesichtsausdruck, als er von deiner Frau sprach.“

Igor stöhnte auf wie ein waidwundes Tier und brach vollends zusammen.

Du hättest mich besser getötet, alter Mann“, stieß er hervor und brach in die Knie. Sein Blick war nicht mehr von dieser Welt.

Nachdenklich wandte sich auch Freddy an seinen Vater.

Igor war wohl trotz allem der bessere Vater für Natasha.“

Dieter nickte lediglich.

Das gehört alles zur Abschluss-Geometrie meiner Rache. Auch dass ich ihn leben ließ.“ Doch es war ihm anzusehen, dass er den schalen Beigeschmack seiner Rache nicht so wirklich genoss. Freddy sekundierte: „Du bist ein harter Richter, Vater!“ Dieter blieb ihm eine Antwort schuldig und sah weg.

 

 

Epilog:  Epilog: Einige Bilanzen

 

Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese versuchte seit geraumer Zeit, KHK Kovalidis telefonisch zu erreichen. Allein, es gelang ihr nicht. Was sie erfuhr war, dass er zu einer Verhaftung in einem Hotel sei.

Der späte Nachmittag war bereits angebrochen. Die Tage wurden kürzer. Es begann bereits dunkel zu werden. Gleich würde sie in den Feierabend gehen, um noch einige Einkäufe zu erledigen.

Aber es klopfte an der Bürotür. Sie sah auf ihre Uhr und wunderte sich. Um diese Zeit noch Besuch, überraschend, dachte sie. Und es sollte in der Tat eine große Überraschung werden.

KHK Kovalidis betrat den Raum und nickte.

Nach Ihnen habe ich bereits gesucht. Wo waren Sie denn?“, fuhr sie ihn gleich in ihrer offensiven Art an.
Kovalidis schmunzelte.

Dienstlich unterwegs, Frau Doktor. Ich soll Grüße ausrichten.“ Sie sah ihn fragend an.

Grüße? Von wem?“

Von einem alten Freund, Frau Doktor. Sein Name ist Karel Romanov, aus Vilnius, falls Ihnen der Name und dieser Ort etwas sagen. Er behauptet steif und fest Ihr Informant zu sein. Und Sie könnten auch erklären, dass er trotz europaweiter Fahndung auf Ihren Wunsch in Dortmund sei.“

Die Doktorin wurde blass und ahnte, dass der Zeitpunkt der Abrechnung sehr nahe gekommen war. Doch sie versuchte geistesgegenwärtig zu retten, was noch zu retten war.

Nun ja, es handelt sich um eine BKA-Aktion, in die Sie nicht eingeweiht sind. Ich muss bei der ganzen Sache überstaatliche Aspekte im Auge behalten. Das ist alles eine Nummer zu groß für Sie, eine andere Liga, Herr Kovalidis. Mischen Sie sich nicht ein. Und ich wünsche, dass sie mir Romanov sofort überstellen. Das ist eine Bundesangelegenheit. Haben Sie verstanden?“

Kristof war geradezu baff ob der Kaltschnäuzigkeit seiner BKA-Kollegin, aber auch er hatte etwas zu bieten und fragte: „Mit oder ohne den Kokainkoffer, Frau BKA-Kollegin? Ich nehme doch nicht an, dass der Bund ins Rauschgiftgeschäft eingestiegen ist.“ Die Doktorin schwieg und suchte nach einer plausiblen Erklärung.

Kovalidis´ Mobiltelefon klingelte und unterbrach den Dialog. Er sah auf das Display und nahm das Gespräch an. Er nickte und wandte sich an seine Kollegin.

Es gibt eine weitere Überraschung, Frau Doktor. Soeben wurde im Eingangsbereich des Präsidiums ein gewisser Igor Julishko aufgegriffen. Gefesselt und mit einigen Blessuren zwar, aber immerhin vernehmungsfähig und -willig. Nach ihm wird bekanntlich europaweit gefahndet. Auch er behauptet, Sie gut zu kennen. Wünschen Sie, dass ich Ihnen auch diesen Herrn überstelle?“

Die BKA-Beamtin wusste nun, dass ihr Spiel beendet war. Eine Finte hatte sie jedoch noch auf Lager.

Woher beziehen Sie Ihr Wissen. Haben Sie mich etwa ausgespäht?“

Das will ich nicht ganz ausschließen, Frau Doktor“, bestätigte Kristof. Die BKA-Agentin griff zum Telefon.

Ich werde jetzt das BKA in Kenntnis setzen. Betrachten Sie sich als verhaftet.“

Kovalidis grinste müde.

Das können Sie auch einfacher haben.“

Er schritt zur Bürotür und öffnete sie. Frau Dr. Sigrid Mattern-Friese, aufstrebende Kriminalhauptkommissarin im Dienste des BKA, erblasste. Ihr Abteilungschef Karl Meyer, im Schlepptau mit zwei Kollegen der internen BKA-Ermittlung, betrat den Raum. Traurig blickte er seine Mitarbeiterin an und sagte: „In der Tat hat der Kripo-Kollege Sie und Ihre Daten ausgespäht und mir mit meiner ausdrücklichen Billigung pflichtgemäß ausführlich berichtet. Auch Ihre Dienstreise nach Vilnius wurde dokumentiert, Diashow inklusive. Man sollte scheinbar harmlosen Touristen in unmittelbarer Nähe mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen. Nie weiß man, mit wem man es zu tun hat. Ihre Olga wird derzeit von den Kollegen im Vilniuser Polizeipräsidium verhört. Sie gab ebenfalls an, Ihre Informantin zu sein. Möchten Sie noch mehr hören, Frau Doktor? Vielleicht von den finanziellen Zuwendungen der Russenmafia an Sie?“ Sigrid Mattern-Friese schüttelte den Kopf.

Dann können wir ja“, stellte Meyer fest und gab den BKA-Beamten einen Wink. Wie durch Watte hörte die Doktorin Handschellen in ihrem Rücken klicken. Natürlich wie immer zu stramm fixiert, dachte sie in einem Anflug von Rechthaberei. Die Gruppe verharrte noch einen Augenblick. Meyer wandte sich an Kristof Kovalidis: „Begabte Beamte, wie Sie es sind, können wir beim BKA stets gut gebrauchen. Denken Sie bitte gut über mein Angebot nach, Herr Polizeirat Kovalidis.“

Das werde ich, davon können Sie ausgehen“, entgegnete Kristof, äußerlich unbewegt, innerlich aufgewühlt wie nie. Meyer und sein Kordon verließen das Büro.

Kristof wusste nicht, wem er die gute Nachricht seiner Beförderung zuerst übermitteln sollte: seiner Frau oder Dieter… Pragmatisch realisierte er Beides. Noch während der Heimfahrt im Auto rief er seine Frau an und teilte ihr die gute Nachricht mit. Allerdings habe er noch eine dienstliche Angelegenheit zu regeln. Jedenfalls käme er heute früher nach Hause. Und da das Wochenende anstand, möge sie bitte den Sekt kaltstellen, weil es doch etwas zu feiern gäbe.

 

*

 

Dieter wartete bereits auf ihn. Sie begrüßten sich herzlich per Handschlag.

Sie rekapitulierten bei einigen Fläschchen Bier die jüngsten Ereignisse.

Eines wollte ich noch wissen, Kristof. Wie hast du es hinbekommen, dass für Romanov so kurzfristig eine Luxus-Suite bereitstand?“, knüpfte Dieter an die letzten Ereignisse an. Kristof tat ein wenig geheimnisvoll, musste dann aber doch grinsen.

Hinbekommen würde ich eher nicht sagen, mein Lieber. Es war reines Glück, weil kurz zuvor ein vermögender Gast abgesagt hatte. Den Rest habe ich mit dem Hoteldirektor ausgehandelt. Der war mir noch einen großen Gefallen schuldig und froh, die Scharte endlich ausgewetzt zu haben.

Aber auch ich habe eine Frage, Dieter. Wie ist es dir gelungen, den Stoff so schnell in Romanovs Koffer umzupacken?“

Da sagst du etwas. Mir steht der Schweiß noch immer auf der Stirn. Keine 10 Sekunden früher, und dein Kollege hätte mich dabei erwischt. War ein Scheiß-Timing. Für einen Griechen bist entschieden zu schnell, Kristof.“

Der grinste nur.

Das sind die deutschen Gene in mir. Oder wusstest du nicht, dass meine Mutter eine Deutsche ist?“

Dieter schüttelte den Kopf und murmelte: „Das erklärt natürlich alles.“

In meiner Eigenschaft als frischbeförderter Polizeirat muss ich dich morgen aber ins Polizeipräsidium zur Vernehmung bitten. Allerdings in die Abteilung des BKA im vierten Obergeschoss - in mein neues Büro. Die Sekretärin weiß Bescheid. Ich werde das Verfahren polizeitechnisch zu Ende führen. Und tue mir einen großen Gefallen: Vergiss die verdammten Geldeinnahmen. Ich will davon nichts wissen. Die Kohle würde sonst an die Staatskasse gehen und uns alle trotz deiner guten Absichten in ziemliche Erklärungsnöte bringen. Nimm dir von dem Geld, was du an Kosten hattest und spende den Rest oder wie auch immer. Du selbst hast schließlich Kopf und Kragen riskiert, nicht die Staatskasse.“

Dieter willigte ein. Das mit den Spenden war ein guter Gedanke. Doch er vergaß nicht, Kristof zu seiner Beförderung zu gratulieren.

 

*

 

Herr Sedler“, rief Dr. Lukas erfreut aus. „Es führt Sie hoffentlich zu mir, was ich mir seit Monaten wünsche. Und gut und fit sehen Sie aus“, meinte er noch mit Blick auf seine körperliche Verfassung. Dieter nickte stumm und lächelte ihn an. „Ja, dann ist es jetzt endlich soweit. Das Präparat liegt seit langem gut gekühlt im Medikamentenschrank, und wir können direkt beginnen, sozusagen mit der Premiere. Ich mache rasch die Injektion fertig. Und ich lasse Sie nicht fort, bis ich die Ampulle vollständig injiziert habe.“

Dieter wollte zu einer Erklärung ansetzen, doch der Doc kam ihm zuvor und legte seine Finger auf die Lippen.

Sie brauchen mir nichts zu erklären. Und wenn Sie evtl. verreisen mögen - Sie sollten wissen, dass Sie die Ampullen mitnehmen können. Nur gekühlt müssen sie werden. Alle vier Wochen eine Injektion. Und für den ärztlichen Kollegen, der sie vornimmt, stelle ich gern eine Bescheinigung aus. Alles wird gut, glauben sie mir, Herr Sedler…“

 

*

 

 

Abends waren Freddy und Jenny, Tommy und Sonja sowie seine neuen Freunde Kristof mit Inge, seiner Frau, zu Gast. Dieter hatte ein opulentes Abendessen anliefern lassen. Es wurde angenehm und gemütlich. Doch irgendwer hatte das Thema Krebserkrankungen gestreift. Sehr schnell nahmen sich Sonja und Tommy der Problemstellung an und berichteten von den neuesten genetisch modifizierten US-Medikamenten. Dieter sah Tommy und seine Sonja intensiv an. Tommy senkte den Blick, Sonja sah verkrampft in den Garten hinaus. Es sieht so aus, als seien wir aufgeflogen, dachte Sonja. Tommy schossen ähnliche Gedanken durch den Kopf: Erst denken, dann reden. Mein altes Problem...

Ihr seid sowas von aufgeflogen und die schlechtesten Lügner, die mir je untergekommen sind. Wollt ihr leugnen, dass ihr diese US-Pumaspucke finanziert habt?“ Unisono schüttelten Sonja und Tommy ihre Köpfe.

Plötzlich brach Dieter in Tränen aus. Seine Schwiegertochter setzte sich zu ihm und legte ihren Arm um ihn, bis er sich beruhigt hatte.

Dann brach es aus ihm heraus. Er informierte die Runde darüber, dass er die Behandlung zwar abgebrochen, jetzt aber doch damit begonnen hatte, die Therapie fortzusetzen.

Marion zuliebe, euch zuliebe, die ihr ohne zu fragen gezahlt habt. Außerdem hatte ich es Marion versprochen. Deshalb habe ich mich revidiert.“
„Und eines noch“, setzte er flüsternd, kaum hörbar nach: „Es tat gut, in höchster Not auf euch zählen zu können. Danke meine Freunde!“

 

Wenn das keine weiteren Flaschen Wein wert war…

 

*

 

Er würde sich stets an die Tage des Prozessverlaufs erinnern. Noch einmal kam mit den Aussagen von Igor Julishko alles hoch. Der brutale Tathergang in der Wohnung von Francis Overhoff, bei dem seine Marion, ihre Freundin und der Hausherr so grausam zu Tode kamen, bestätigte alle Vermutungen Dieters. Igor, der als Kronzeuge gegen den Haupttäter, Karel Romanov, aussagen musste, schien auf seine Weise tatsächlich geläutert. Doch auf der Grundlage seines Hintergrundwissens war Dieter klar, dass Igor auch nur nach Rache suchte - an Karel Romanov, der seine Frau vergewaltigt und ihm Natasha als Kuckuckskind untergeschoben hatte. Zwar liebte Igor seine kleine „Tochter“ nach wie vor. Doch Romanov wollte er nicht vergeben… Er räumte vor Gericht alles, aber auch alles ein und hielt sich weitgehend an die Wahrheit, zumindest was die Auftragsmorde betraf.

Einiges blieb vor der großen Strafkammer im Dunkeln: z.B. Dieters Rolle beim Kampf gegen Boris Karassenkov und Jewgenijs Brushnev oder Freddys Entlastungsangriff im Endkampf gegen Jurij Ivanev. Igor schwieg, vielleicht aus Angst, dass Dieter sich an seine Familie halten könnte, und hielt Freddy heraus. Er stellte das Gerangel als sehr unübersichtlich dar und schloss nicht aus, dass er es selbst gewesen sein könnte, der Jurij tödlich verletzt habe. Und seltsamerweise verweigerte Karel Romanov jegliche Aussage, vermutlich um sich nicht selbst zu belasten und um einer etwaigen Sicherungsverwahrung zu entgehen - so dass Dieters Rolle im Hotel erst gar nicht zur Sprache kam.
Doch es reichte auch so. Romanov wurde zur Höchststrafe verurteilt, Igor erhielt einen „Kronzeugenrabatt“ und wurde zu 11 Jahren Strafhaft verurteilt. Allerdings hätte Dieter auch nichts zu befürchten gehabt. Abgesehen von der Tatsache, dass er ohnehin in Notwehr gehandelt hatte, wäre er von der Staatsanwaltschaft als verdeckter Undercover-Agent vor Gericht präsentiert worden.

Am Ende war auch Dieter zufrieden. Er hatte noch seinen Trumpf im „Ärmel. Er rechnete fest damit, dass Igor im Knast eines Tages auf Romanov stoßen würde…
 

*

 

Einige gemeinnützige Einrichtungen im Dortmunder Nordwesten konnten ihr Glück kaum fassen. Die Geschäftsführer rieben sich die Augen. Ein anonymer Spender hatte jeweils verdammt viel Geld gespendet und auf diese Weise das Fortkommen ihrer sozialen Arbeit gesichert.

zufrieden besah sich Kristof einen Überweisungsträger der Sparkasse Dortmund, auf dem eine Aufstellung mit Überweisungen an Kindergärten, Fördervereine, Bürgerinitiativen, und Wohlfahrtsverbände aufgelistet waren. Das half ihm dabei, die Staatskasse zu vergessen… Nette Stange Geld, die mein Freund Dieter ausgegeben hat. Hoffentlich hat er auch an sich gedacht, murmelte er still und zufrieden in sich hinein.
Hatte er. Nicht umsonst eilte Dieter der Ruf eines Schlitzohrs voraus…

 

Aber Dieter hatte auch andere Seiten. Nahezu ein Jahr war es her, dass er seine Marion verloren hatte. Mit Wehmut gedachte er all der schönen Jahre… Seine Besuche am Haingrab auf dem Westerfilder Berg fanden regelmäßig statt. Die stumme Zwiesprache war intensiv und von Liebe getragen. Doch hatte ihn irgendwie neuer Lebensmut ergriffen. Vielleicht lag es am Frühling, der nicht nur die Winterdepression, sondern auch die Geister der Vergangenheit vertrieb. Und so begab er sich eines Tages zu Marion und bat sie um ihr Einverständnis, ein neues Leben beginnen zu dürfen. Denn sie würden sich ohnehin in einigen Jahren wiedersehen.

Vielleicht war es Zufall oder eine Vision, die ihm zuteil wurde. Marions Lieblingsgedicht von einer Colleen Corah Hitchcock aus den Staaten fiel ihm unvermutet ein. Es führte den Titel “Himmelfahrt”. Obwohl er es vor Jahren nur zwei oder dreimal am Rande angehört hatte, als Marion es ihm vortrug, stand es ihm plötzlich mit einer Deutlichkeit vor Augen, die an Zauberei grenzte:

 

Und sollte ich gehen,

solange Du noch hier...,

so wisse, dass ich weiterlebe.

Nur tanz ich dann zu einer andren Weise

- und hinter einem Schleier, der mich Dir verbirgt.

Sehen wirst Du mich nicht,

jedoch, hab´ nur Vertrau´n.

Ich warte auf die Zeit, da wir gemeinsam neue Höh´n erklimmen

- einer des anderen wahrhaftig.

Bis dorthin leere Du den Becher Deines Lebens bis zur Neige,

und wenn Du mich einst brauchst,

laß´ nur Dein Herz mich leise rufen,

... ich werde da sein!

 

Mit feuchten Augen und tief erschüttert begab Dieter sich nach Hause. Er war nun sicher, dass höhere Mächte ihre schützende Hand über ihn hielten… Die Schlacht war geschlagen.
Der alte Samurai hatte auch diese wie durch ein Wunder überlebt. Und die nächste Generation würde es richten, so wie er einst selbst… Er war voller Zuversicht.

 

Und als er am nächsten Morgen erwachte, dachte er seltsamerweise an Dick

und Katrin aus Rotterdam. Ja, der Doc hat recht. Geld habe ich genug. Vielleicht sollte ich es einfach tun und tatsächlich eine kleine Reise ans Meer unternehmen, alte Freundschaften auffrischen…, waren seine nächsten Gedanken. Und danach begebe ich mich auf eine ausgedehnte Weltreise und sehe mir an, was ich schon immer sehen wollte: Mexiko, die Inka-Monumente, Machu Picchu, Osterinseln, Down-Under, Pyramiden…. Er lächelte verträumt... - wie schon lange nicht mehr.

 

*

 

Olga wurde in Vilnius aus der Untersuchungshaft entlassen. Letztlich hatte sie in der Angelegenheit keinen besonders wichtigen Part gespielt - eigentlich nur als Nutznießerin und Geliebte: einmal als die von Karel Romanov und der BKA-Beamtin Sigrid Mattern-Friese. Direkt strafbar war das alles nicht. Die Staatsanwaltschaft Vilnius hatte auch kein besonderes Interesse an einem aufwendigen Gerichtsverfahren, allein schon aus politischen Gründen…

 

Und so irrte Olga eines morgens an Sigrids Statt durch die Straßen der Altstadt von Vilnius/Vilnia/Vilné/Wilno/Wilna, heiße Tränen in den Augen… - und verstand.
Sie dachte an Sigrids letzte E-Mail zurück. Erstmals hatte diese etwas von ihren Träumen und Sehnsüchten erkennen lassen. Während ihrer Untersuchungshaft hatte sie überdies Gelegenheit genug, das Buch von Czesław Miłosz, des Vilniuser Dichters polnischer Zunge, über ihre Heimatstadt zu lesen, mehrmals. Und jetzt, die ersten Worte seines Prologs auf den Lippen, bis sie endlich begriff. Und auch die Wurzel ihrer eigenen jüdisch stämmigen Familie entdeckte.
Es gibt mehr als Geld und ein schönes Leben in Luxus…, dachte sie beschämt an ihr früheres Leben zurück. Sie konnte es nicht fassen.

 

*

 

Karel Romanov hatte sich arrangiert mit dem Knastleben. Seit 3 Jahren saß er ein. Die 15 Jahre Knast würde er schon überstehen, auf einer Arschbacke. Bei der zu erwartenden Zweidrittelregelung war er in 7 Jahren wieder frei. Mit Glück konnte er sogar mit einer Halbstrafe bei Strafrestaussetzung zur Bewährung rechnen, sofern ihm eine günstige Legalprognose attestiert wurde. Den Vorsitzenden der Vollstreckungskammer habe ich so gut wie in der Tasche - Spielschulden, Weiber, Koks: könnte an die 500.000 € kosten, aber die sind in mich selbst, Karel Romanov, investiert, also gut angelegt, dachte er still in sich hinein grinsend.
Dann könnte er daran gehen, einige offene Rechnungen zu begleichen. Er hoffte, dass dieser Sedler dann noch lebte, weil er die Folter an ihm selbst zu vollziehen gedachte… Froh war er, dass ihm der Prozess hier in Deutschland gemacht worden ist. Kein Vergleich zu einem Verfahren in Litauen oder gar Russland. Er war auch schon dabei, sich hier im Knast ein Netzwerk aufzubauen. Für seinen persönlichen Schutz sorgten die zahlreichen Insassen russischer Herkunft, deren Familien er mit Geldgeschenken gewogen hielt. Er war mittlerweile zum heimlichen Knastherrscher avanciert und in der Lage, eine nicht unerhebliche Macht auszuüben. Selbst die türkischen Gruppierungen hatten Respekt. Insoweit war er sozusagen mit einem blauen Auge davon gekommen. Gutes Deutschland, tolerantes Rechtssystem, gute Juristen… Mit Geld konnte man doch eine Menge erreichen, dachte Karel Romanov selbstzufrieden. Wenn nur diese Langeweile nicht wäre. Aber eines der Arbeitsangebote mochte er nicht annehmen. Ich doch nicht, dachte stets reserviert über solche Zumutungen.
Und noch eines enttäuschte ihn: Seit seiner Verhaftung war der Kontakt zu Julia und seiner Tochter Natasha wie abgeschnitten. Zwar ließ er die beiden mit erheblichem finanziellen Aufwand suchen, aber bislang erfolglos. Auch die Eltern Julias waren nicht mehr auffindbar. Das konnte nur bedeuten, dass man sie in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen und ihnen eine neue Identität verschafft hat. Das grenzte in seinen Augen an Verrat, zumal er gar nicht knauserig gewesen war. Aber Julia sollte sich mal nicht zu sicher fühlen. Seinem langen Arm war bisher noch niemand entkommen.

Auch von Igor hatte er lange nichts gehört. Doch vergessen hatte er nichts. Nicht zuletzt seiner Aussage im Rahmen der Kronzeugenregelung hatte er zu verdanken, dass fünfzehn, statt der erhofften 9 Jahre Knast verhängt worden waren. Igor kassierte 11 Jahre. Dieser schmähliche Verrat Igors harrte in den Augen Romanovs noch der strengen, hochnotpeinlichen Buße…
Gleichwohl wirkte es wie eine Ironie des Schicksals, dass sich sein sehnlichster Wunsch nach einer Halbierung des Knastaufenthaltes sehr bald erfüllen würde…

Aktuellere Informationen erhoffte er sich jedenfalls von den Neuzugängen. Heute vormittags war wieder Termin. Allerdings musste er zunächst das Wochenende abwarten, weil sein vertrauter Adlatus beim Wachpersonal Urlaub hatte und ihm eine Kopie der entsprechenden Namensliste erst am Montag vorlegen würde. Vielleicht ließ sich daraus eine Spur herausdestillieren.

Beim Mittagessen war ihm jedenfalls kein interessantes Gesicht aufgefallen. Doch vielleicht brachte der Umschluss der Gefangenen Neuigkeiten. Karel Romanov ahnte nicht, wie sehr sich sein sehnlichster Wunsch erfüllen sollte…

 

Endlich erklang das ersehnte Schließgeräusch an seiner Zellentür. Ausgerechnet Wachtmeister Endemann, den er wegen seiner distanzierten kühlen und unbestechlichen Art gar nicht mochte, öffnete die Tür, um einen neuen Gefangenen einzulassen. Wie immer bei Umschluss-Aktionen drehte er den Neuankömmlingen den Rücken zu, um diesem gleich die bestehende Hierarchieordnung symbolisch durch Desinteresse zu vermitteln. Endemann hatte bereits die Zellentür verschlossen und Romanov mit keiner Silbe gewürdigt. Doch plötzlich vernahm er bekannte Laute in seiner Muttersprache, eine Stimmlage ganz besonderen Timbres, das ihn wie von einer Tarantel gestochen herumfahren ließ.

Lang, lang ist es her, Karel, mein Freund!“

Er riss entsetzt die Augen auf. Vor ihm stand Igor und musterte ihn mit eiskaltem Blick.

Du, Igor, ich habe nach dir suchen lassen und nicht die leiseste Spur von dir gefunden“, stotterte er bass erstaunt. Igor lächelte ihn müde an.

Das kann ich mir vorstellen. Du hättest nach der litauischen Namensvariante forschen sollen. Aber jetzt stehe ich vor dir, und du hast mir eine verdammte Menge zu erklären.“

Romanov wich zurück in die äußerste Zellenecke, Panik in den Augen. Ihm war klar, dass er Igor in keinster Weise gewachsen war. Und die Mordlust in dessen Augen verhieß gar nichts Gutes. Also verlegte er sich auf Erklärungen.

Das mit Julia, weißt du Igor, das hat sich so spontan ergeben. Sie hat mich verführt, verstehst du?“

Igor nickte scheinbar verständnisvoll, und Romanov begann ein wenig Hoffnung zu schöpfen. Aber die nächste Frage traf ihn bis ins Mark.

Und wieso sprach Julia von Vergewaltigung und Todesdrohung, Karel? Weshalb hast du ihr mit Natashas Tod gedroht, falls sie sich mir anvertraut?“

Romanov war fassungslos.

Du hast Kontakt zu Julia und Natasha?“

Igor nickte langsam und beantwortete die darin enthaltene Fragestellung.

Ich kann es dir durchaus sagen. Sie haben mich schon einige Male im Knast besucht. Ihre neue Identität steht - und auch ihr Auskommen. Dafür habe ich gesorgt. Sollte ich hier jemals lebend herauskommen, du Sohn einer Wanze, dann werden wir als Familie zusammenbleiben.“

Romanov, im Glauben, bereits wieder die Überhand zu haben, entgegnete hämisch: „Warte mal ab, ob sie meinen finanziellen Zuwendungen widerstehen können. Auch ich komme bald heraus. Und wahrscheinlich erheblich früher als du, Ganovenfresse.“

Wieder nickte Igor scheinbar verständnisvoll und entgegnete gefährlich leise: „Du glaubst anscheinend noch immer, dass man für Geld alles kaufen kann.“ „Ja, fast alles…“, fiel ihm Romanov ins Wort. Igor ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Deine Rechnung stimmt durchaus, Du kommst tatsächlich früher als üblich hier heraus. Sie enthält allerdings einen entscheidenden Fehler, Karel.“

Doch dieser grinste nur überheblich und fragte Igor: „Welchen Fehler enthält meine Rechnung denn, Du Schwachkopf?“

Die Antwort fiel denkbar knapp aus.

Nun, weil du noch heute Nachmittag Selbstmord begehst - aufgrund deiner knastbedingten Depressionen, verstehst du…! Und deshalb werde ich es sein, der Julia und meine Natasha zuerst in die Arme schließen wird. Auch wenn es noch einige Zeit dauert.“

Romanov wich noch weiter zurück.

Wieso Selbstmord…?“, stammelte er mit entsetzt aufgerissenen Augen.

 

 

*

 

 

Der Justizminister zitierte seinen Staatssekretär, Dr. Eifermann, ins Büro. Dieser ahnte bereits, worum es gehen würde. Zornentbrannt wie selten schleuderte der Minister einen Aktenordner in die Mitte des Raumes.

Sorgen Sie dafür, dass das mit diesen vielen Selbstmorden in den NRW- Knästen endlich aufhört. Regeln Sie das. Schon wieder so ein seltsamer Fall von Knastdepression, Tod durch Erhängen, keine Spuren äußerer Gewalt, und das mitten im Wahlkampf. Diese Häufung von Vorfällen ist kaum noch zu vermitteln. Dann auch noch ein EU-Bürger aus Litauen, der keinen anderen Ausweg sah…“

Ich werde mein Bestes tun, Herr Minister“, entgegnete der Staatssekretär eilfertig und entfernte sich schnell aus dem Büro. Der wird es nie verstehen, dass wir auf diese Parallelwelt in den Knästen so gut wie keinen Einfluss haben, dachte er resigniert und ließ die Akte pflichtgemäß im Ordnerschrank für aussichtslose Aufträge verschwinden. Die Sache hatte allenfalls eine Halbwertzeit von vier Wochen, und der Minister würde die Sache ohnehin nach zwei Tagen vergessen haben.

 

 

Ende


 

 

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