Helga Eberle

Unsere Gesellschaft und Kindsmord




Unsere Gesellschaft und Kindsmord
Gegenüberstellung mit dem Leben in den 40iger Kriegsjahren




Wir schreiben das Jahr 2012 und selbst kritisch gesehen, geht es den Menschen hier in Deutschland nicht schlecht. Ich bekomme entgegnet: ja die Reichen werden reicher und die Armen immer ärmer. Ist das eine Entschuldigung dafür, dass immer wieder Kinder ermordet werden? Wenn dann Eltern die Täter sind, fällt für mich mein Weltbild zusammen. Was ist nur los mit unserer Gesellschaft? Es kann nicht am Geld liegen, weshalb die Menschen zu solchen Taten schreiten. Ich muss dabei an die 40iger Kriegsjahre denken und wie damals Familien armselig lebten und mit vielen Kindern „kinderreich“ waren.


Ein Stadtviertel in Freiburg geprägt von Mietskasernen für Familien. Meist kinderreich, mit 4-7 Kindern. Kleine Räume, kein Bad oder Dusche, insgesamt höchstens 35 qm. Man wohnte dicht aneinander, übereinander. Das Leben der Kinder spielte sich meist auf der Straße oder im Hof ab. Autos fuhren da fast noch keine, außer dem Müllauto, dem Eiswagen (Stangeneis für den Kühlschrank), Krankenwagen, Totenwagen.) Einen Kinderspielplatz gab es keinen, war auch nicht nötig. Es gab noch eine freie Landschaft hinter den Bahngleisen. Die Kinder bauten sich ihre eigene Welt voller Abenteuer. Sie lebten noch in einer Landschaft mit Wiesen, bestellten Feldern und mit Bäumen. Es wäre ein kleines Paradies gewesen, doch es herrschte Krieg.

Hier wohnte damals auch die Familie B. mit sieben Kindern.
Herr B. war bei der Stadt Freiburg angestellt als Straßenkehrer. Täglich musste er zur Arbeit trotz seiner schweren Erkrankung. Seine Frau ging 2-mal in der Woche in das entlegene, vornehme Stadtviertel am Schlossberg zum Putzen. Sie schob den Kinderwagen mit dem Kleinsten und hatte rechts und links ein Kind mitlaufen. Auf dem Wagen lag ein Brett, darauf saß die kleine Hildegard. Über die feine "Herrschaft" ließ Frau B. nichts kommen. Sie war dankbar, dass sie mit den Kindern zum Arbeiten kommen durfte. Außerdem erhielt sie oft etwas zu essen oder auch abgetragene Kleidung. Aus dieser nähte sie wiederum etwas Neues für die Kinder.

Auf Betreiben dieser „Herrschaft“ wurde eines der Kinder im Freiburger Kinderchor aufgenommen. Die Eltern und die Geschwister waren darüber glücklich. .Die öffentlichen Auftritte des Chors, bei dem die kleine Brunhilde mitsingen durfte, machte Vater und Mutter, aber auch die Geschwister stolz. Wenn dann Tage danach ein Bericht darüber in der Zeitung stand, und die Nachbarn sehen konnten, in was für einem feinen Chor Brunhilde mitsingen darf, waren sie stolz und zeigten dieses jedem, mit dem sie zu tun hatten. Es wurde überall darüber gesprochen: „ja, der Dirigent Herr… hat Brunhilde so gelobt. Außerdem soll auch die kleine Hildegard nächstes Jahr in den Kinderchor kommen, obwohl nur Kinder aus der Stadt da mitsingen dürfen.“

Am Wochenende zogen Bersels mit dem Leiterwagen in den Wald nach Günterstal um Holz zu holen. Dabei mussten alle Kinder, groß und klein mithelfen. Es schien jedoch kein Opfergang zu sein, denn oft kamen sie zusammen singend, den Wagen schwer beladen, nach Hause.
Bei schönem Wetter saß Frau B. auf einem Hocker draußen vor der Haustüre, neben sich die Schatulle mit dem Stopfzeug und einem Korb voll mit kaputten Strümpfen. Andere Frauen des Hauses setzten sich zu ihr und strickten oder stopften. Auf ihre Männer brauchten sie nicht zu warten, die waren im Krieg. Doch ab und zu hatte die eine oder andere der Frauen einen Brief, oft nur einen Fetzen in der Hand und las daraus ein paar Sätze vor. Herr Gramlich war in Dänemark stationiert und berichtete begeistert von dort, wie gut es ihm und seiner Truppe gehen würde. Frau Eisele mit ihren zwei Buben konnte sich nicht mit freuen, denn ihr Mann war vermisst gemeldet. Was das wohl heißt? Vermisst? Sie redete nicht viel, ihren Kummer sah man in ihren leicht verschleierten grauen Augen.
Die Kriegserlebnisse ihrer Männer und die Versorgung ihrer Kinder, die täglich vermehrt auftretenden Einschränkungen, wie das Verdunkeln müssen der Fenster mit schwarzem Papier, gaben immer genug Gesprächsstoff. Doch es wurde auch viel gelacht. Sie waren ja junge Frauen, und sie glaubten noch an das Leben. Außerdem brachten die Sondermeldungen in dem Radio laufend Siege der deutschen Armee. Wie hieß es in einem der Kampflieder: „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!“ Mutter dachte einmal laut: „sind die größenwahnsinnig?“ sie korrigierte sich sofort: „habe mich versprochen, wir haben alle Hoffnung!“
Einen Radio besaß die Familie B. nicht. Bücher oder Zeitungen sah ich dort nie, wenn ich dort die Kleinen hüten durfte. Die Bersels waren arm wie die Kirchenmäuse aber reich an Kinder. Mit ihnen waren sie glücklich, wenn auch nicht immer.
Das tödliche Asthma von Herrn B. war nachts im Haus nebenan bis in das dritte Stockwerk zu hören. Familie B. bekam fast jedes Jahr ein Kind. Die Hebamme Frau Heidlauf betreute Frau B. Von weitem hörte man das Geknatter ihres Fahrzeugs. Alle Kinder der Straße kannten dieses Motorrädle. Ringsum war es mit Taschen behängt. Wenn Frau Heidlauf mit ihrem Töfftöff in der Straße einbog, wurde sie immer von einer großen Kinderschar begrüßt, wobei sie bestimmt schon einigen der Kleinen auf die Welt geholfen hatte. Es eilte immer. Deshalb war sie ruck-zuck drin bei der Wöchnerin. Wenn die schwere Stunde bei Frau B. kam, warf die resolute Frau Heidlauf als erstes alle B.-Kinder aus der Wohnung. Jetzt hieß es draußen warten. Die Straßenkinder spielten jetzt nicht mehr so laut. Immer wieder war zu hören: „Wie lange noch?“ Die Spannung stieg. Sobald Frau Heidlauf aus dem Haus herauskam, wurde sie überfallen: „was isch es diss mol? ä maidli oder ä bue?“ Einmal gab Frau Heidlauf keine Antwort, sondern fuhr schnellstens mit dem Motorrad weg. Es war zu ahnen, dass da etwas nicht stimmt. Ein kleiner Bub, das Edwinle, war tot geboren worden. Die Geschwister dieses Kindes erzählten es ihren Freunden auf der Straße. Die ganze Familie trauerte und noch jahrelang wurde das kleine Grab auf dem Friedhof liebevoll geschmückt. Auch wir Kinder dachten oft an diesen kleinen Edwin, den wir nie zu sehen bekommen hatten. Auf der Wiese und dem Kornacker jenseits der Güterbahn pflückten wir Margeriten, roten Mohn und Kornblumen und brachten die Blumen auf das winzige Grab.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.03.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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