Harald Haider

BLUTRACHE - 2.Teil

TAG 1
Kontaktaufnahme

2
 
Montag, der 28. März 2011
 
Vorchdorf, 06:30
 
Christopher
 
Wie immer läutete der futuristische Wecker, den ich von meinem besten Kumpel Tom geschenkt bekommen habe, viel zu früh. Verschlafen streckte ich meine Arme von mir, schlug einmal wild auf den Unruhestifter, bis dieser angenehm verstummte. Wie ich diese Geräte hasste! Zu allem Überfluss war es zusätzlich Montagmorgen! Ich war nicht nur ein leidenschaftlicher Morgen-, sondern noch viel mehr ein großer Montagsmuffel, der sich nach einem gemütlichen Wochenende rein gar nicht an die schnelle Rückkehr in den Arbeitsalltag umgewöhnen wollte. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich meinen Job nicht mag, ganz im Gegenteil, aber ich muss auch offen zugeben, dass ich sehr großen Wert auf meine Privatsphäre und Freizeit lege und diese stets so intensiv wie nur möglich genieße. Ich bin und war immer schon ein echter Genussmensch, das muss ich zugeben. Auf jeden Fall riss mich das nervige Tüten des Weckers aus meinen angenehmen Schlaf. Ich hatte ohnehin noch ein wenig mit der Umstellung auf die Sommerzeit zu kämpfen. Nur eine Stunde länger im Bett bleiben können wäre oft ein wahrer Segen, mehr verlangte ich ja gar nicht. Langsam drehte ich mich auf die Seite und tastete noch mit halb geschlossenen Augen nach der Wärme meines Schatzes. Die linke Hälfte des Bettes war jedoch leer, kein wunderbarer Körper lag mehr eingehüllt in die kuschelige Daunendecke, nur der verführerische Duft von Chanel No.5 war noch leicht im Raum wahrzunehmen. Ich öffnete die Augen, richtete mich etwas schwermütig und schlaftrunken auf und sah mich im noch halbdunklen Schlafzimmer um. Nein, keine Sarah zu sehen. Ich ließ mich in das sanfte Kopfkissen zurückfallen und konnte mich nicht so recht aufraffen aus dem Bett zu steigen um zu frühstücken und sich für die Arbeit fit zu machen. Einige Sekunden lang schloss ich noch einmal meine schweren Lider und ließ das vergangene Wochenende im Kopf Revue passieren.
 
Es war einfach traumhaft gewesen. Für viele wären es keine besonders aufregenden Tage gewesen, doch ich sah solche harmonische und leuchtende Abschnitte im Alltag nicht als selbstverständlich an, zu schnell kann so ein Glück gleich wieder getrübt werden. Darum empfand ich schöne Tage mittlerweile intensiver als es die meisten Menschen tun, weil sie so in der Hektik und der Unzufriedenheit des Lebens gefangen sind und gar nicht merken, wie toll man sich so manche Stunden gestalten konnte. Der Frühling hatte sich in den letzten Tagen verstärkt gemeldet, die Sonne sandte bereits sehr wärmende Strahlen, die nach dem kalten Winter wunderbar gut taten, für Körper und Seele gleichermaßen. Nach einem langen Arbeitstag hatte mich Tom zunächst jedoch am Freitag zu einem Männerabend entführt. Zuerst haben wir uns im Kino den Film „Alles erlaubt – Eine Woche ohne Regeln“ zu Gemüte geführt. Owen Wilson war wieder mal eine Wucht! Tom und ich stehen voll auf die Filme der Farrelly-Brüder und deren Brachialhumor, dessen Pointen nur zu oft auch mal tief unter die Gürtellinie gehen, aber das Leben war eh schon ernst und korrekt genug. Nach dem Kinobesuch wurde bei Tom zu Hause noch ausgiebig das neue „Gran Turismo 5“ auf seiner Playstation 3 gezockt, wobei ich zumeist als Verlierer die virtuellen Rennstrecken verlassen durfte. Ok, ich gebe zu, dass Konsolenspiele nicht gerade eine alltägliche Beschäftigung für zwei siebenundzwanzig Jahre alte Kerle war, trotzdem war es ein echter Spaß gewesen ein wenig von der Arbeitswoche runterzukommen und an nichts anderes denken zu müssen als an Spaß und Freude am Leben. Außerdem hat der Konsolenkampf schon jahrelange Tradition in unserer langen Freundschaft, welche schon seit der Volksschule besteht. Da standen regelmäßig Wettkämpfe auf den diversen Apparaten auf dem Programm, vom legendären „Mortal Kombat“ auf dem Nintendo über die „Tekken“-Kampfspielserie auf der Playstation bis hin zu den heutigen Arenen in „Fifa 11“ oder halt „Gran Turismo 5“. Und wenn wir als Burschen mal Computersperre daheim bekamen, setzten wir unsere Duelle sehr oft auf dem Fußballfeld in der Nähe unserer Elternhäuser fort, wo Tom mit besonders präzisen Schüssen brillierte, während ich ihn mit meinen Sprints stets hinter mir ließ. Das waren für uns die nur willkommene Abwechslung zu strengen Eltern und der nervenden Schule und wir genossen jeden Moment davon. Natürlich kam an diesem fortgeschrittenen Abend nach dem dritten Renntriumphs Toms in Folge seinerseits die momentan interessanteste Frage in meinem Umfeld: „Wie geht es mit den Vorbereitungen? Nur noch zwei Wochen…Mann, Alter, wenn du mir das vor ein paar Jahren gesagt hättest…nein, ich kann es echt noch immer nicht glauben, dass der ehemalige ‚Mister Aufriss‘ endgültig sesshaft wird…“ „Du sagst es, der ‚ehemalige‘, diese Zeiten sind vorbei. Ich hatte lange genug meinen Spaß mit den verschiedenen Frauen in meinem Leben und es waren echt scharfe Geschosse dabei, das muss ich zugeben, aber bei Sarah bin ich mir einfach total sicher. Das ist die Frau, mit der ich eine Familie aufbauen will, all die schönen Dinge auf dieser tollen Welt erleben möchte, sie ist einfach das, was man so schön die große Liebe nennt, mit der man sich vorstellen kann, alt und runzelig zu werden. Verstehst du das?“ „Oh mein Gott!“ erwiderte mein Kumpel, „jetzt wirst du auf deine alten Tage sogar noch zu einem hoffnungslosen Romantiker!“ Lachend und auch mit einem sanften Blick des Stolzes und des Vergönnens tätschelte er mich freundschaftlich auf meine Schulter und fuhr fort: „Darf ich dir was sagen, Chris?“ Ich sah ihn gespannt an, rechnete mit irgendeinem weiteren machomäßigen Spruch, doch seine Augen hatten bei dieser gestellten Frage so etwas Warmes in sich, dass ich wusste, dass ich gleich in den seltenen Genuss von Toms weicher Seite kommen würde. Und ich irrte nicht. „Ich wünsche dir alles Gute mit deiner Traumfrau. In all den Jahren, welche ich dich als der große Womanizer kennen lernen durfte, hast du mir trotz deiner Affären und belanglosen Liebeleien doch auch irgendwie leid getan, denn keine der Frauen hatte es geschafft dein Herz wirklich dauerhaft zu berühren. Natürlich habe ich mir damals auch öfters gedacht, ‚Könnte ich doch auch solche Frauen haben!‘, aber im Endeffekt hat mir dann Elena alles an Liebe und Leidenschaft gegeben, dass ich oft vermisst habe und welche dir keine Affäre in dieser Form geben kann. Weil sie meine große Liebe war…“ Toms Blick wurde nun glasig und aus dem Innersten seiner Seele wurden alte Wunden aufgerissen. Ich fühlte mich hin und hergerissen, wusste nicht, was ich sagen sollte, aber mein Freund sprach nach einer kurzen Pause weiter und sein Blick war wieder klar und gefasst. „Ich möchte damit sagen, dass du erst die echte Freude am Leben schätzt und fühlst, wenn du geliebt wirst und diese Liebe nur liebend gerne auch erwiderst. Spaß haben ist super und gehört zum Reifungsprozess eines Mannes schließlich auch dazu, aber wenn man erst am Ziel dieser Entdeckungsreise angekommen ist, fühlt man sich daheim, total ausgeglichen, am schönsten Fleck der Erde. Als ich deine Sarah kennen lernte, spürte ich gleich von Beginn an, dass sie anders ist als all die anderen. Sie brachte dich zurück ins Leben, nach der Sache mit…“ Wieder stockte mein Freund und ich wollte nur zu gerne etwas sagen, was diese erdrückende Stille lösen konnte, aber ich brachte selbst keinen Ton heraus. Alleine schon der Gedanke an diesen dunklen Augenblick in unserem Leben ließ einen wieder abtauchen in tiefe Fluten voller Tränen, Fassungslosigkeit und Schuldgefühle. Nachwirkend hatte mich dieses Erlebnis zu einem ganz anderen Menschen gemacht, der rein gar nichts mehr mit dem Christopher gemeinsam hatte, den es vorher jahrelang gegeben hat, zu einem sicher für viele Außenstehende besseren Menschen, doch trotzdem würde ich schon alleine Tom zuliebe immer noch der Macho, der Partylöwe, der Draufgänger sein, dem dieser Albtraum nie passiert wäre. Leider konnte ich es nicht rückgängig machen, für mich war es noch immer ein Wunder, dass unsere Freundschaft das alles trotz mancher schweren Stunden so gut überstanden hatte, aber da merkte man einfach auch wieder, dass Tom und ich Freunde fürs Leben waren, die einander trotz so mancher Hürde brauchten wie die Luft zum Atmen. Ich sah diese Beziehung zwischen uns alles andere als selbstverständlich, vielmehr spüre ich sie in mir als großes Geschenk. Es ging ja doch nichts über eine echte tiefe Männerfreundschaft. Ich war so unheimlich froh, dass gerade dieser tolle Kerl da neben mir in zwei Wochen mein Trauzeuge sein würde. Tom hatte sich wieder im Griff und erhob erneut seine Stimme. „Sarah ist ein herzensguter Mensch und ich vergönne es dir von ganzem Herzen, dass du nun das erleben darfst, was nicht alle in ihrem Leben dürfen, nämlich die große Liebe gefunden zu haben. Danke, dass ich dich zum Altar begleiten darf, ich werde mich echt anstrengen diese Sache gut zu machen.“ Ein Lächeln huschte über seine Lippen, dann beugte er sich zu mir herüber und nahm mich fest in seine starken Arme. Einen kurzen Moment blieb mir die Luft weg, aber nicht, weil er mich so fest drückte, sondern weil dieser Gefühlsausbruch mir ganz den Atem raubte. Es fühlte sich so an, als ob nie ein Schatten über uns zwei gewesen wäre, als ob es diesen schlimmen Tag damals vor nunmehr zwei Jahren nie gegeben hätte. „Freu mich schon total auf euren großen Tag, Chris! Ich wünsche euch all das Glück dieser Erde. Du wirst ein dufte Bräutigam sein, da wird dein Schatz große Augen machen, mein Freund…ich bin echt so froh dich weiter zu meinem Kumpel zu haben. Damals war alles eine sehr schwere Zeit und ich habe dir danach oft Sachen gesagt, die nicht ganz nett waren,...“ „Alles in Ordnung, Tom, alles in Ordnung, jedes Wort davon habe ich verdient an den Kopf geworfen zu bekommen, jedes einzelne davon.“, unterbrach ich ihn. So saßen wir da, zwei sentimentale Männer, die sich umarmten, neben einer Spielkonsole, ein wahrlich skurriler Anblick, aber in diesem Augenblick war uns das alles egal. Sekunden der Stille danach ließ Tom langsam wieder los, seufzte kurz und sah mich schließlich wieder mit den Augen des ehrgeizigen Konsolenrennfahrers an. „Und, willst du noch eine Chance zur Revanche, oder kneifst du, du Feigling?“ Ich musste bei seiner kecken Aufforderung auflachen und spielte den Beleidigten. „Was erlaubst du dir? Ich soll ein Feigling sein? Das werden wir gleich sehen. Na, warte! Jetzt wähle ich mir diesen rassigen Ferrari aus und düse dich in Grund und Boden, dann wirst du nicht mehr so große Worte spucken, du Möchtegern-Schumi!“ Tom zwinkerte mir zu und sagte nur siegessicher: „Du kannst dir auswählen, was du willst, ich bin einfach der King auf den virtuellen Straßen!“ Dann gaben wir wieder kräftig Gas, ließen diesen ganz intimen Moment hinter uns, doch mein Herz fühlte sich warm an. Ich fühlte mich total glücklich, besser konnte mein Leben echt nicht mehr werden. Tom gewährte wirklich nicht oft Einblicke in seine Gefühle und deswegen fühlte ich mich umso geschmeichelter darüber. Seine so aufrichtigen Worte waren Balsam für mich, für unsere Freundschaft, sie sprachen zwischen den Zeilen aus, dass wir alles gemeinsam schaffen würden. Meinem Glücksgefühl machte es auch rein gar nichts aus, dass ich vier der folgenden fünf Rennen ziemlich glatt verlor, ich fühlte mich gut, Tom fühlte sich gut, nur darauf kam es an und so ließen wir ausgelassen den Abend zu Ende gehen. Als ich gegen ein Uhr früh schließlich meine Wohnung betrat, hat meine Sarah schon tief und fest auf ihrer Seite des Bettes geschlafen. Ich setzte mich an den Rand und strich sanft über ihr feuerrotes wunderschönes Haar. Wie ich diese Frau nur liebte. Unbeschreibliche Emotionen kamen alleine schon bei ihrem Anblick aus mir hervor und benebelten meine Sinne. Sanft nach vorne gebeugt gab ich ihr einen zarten Kuss auf ihre Wange und flüsterte ihr leise ins Ohr:“Gute Nacht mein Liebling! Ich kann es kaum mehr erwarten, dein Ehemann zu werden.“
 
Am Samstag wurde erst einmal gemütlich ausgeschlafen und dann in Zweisamkeit mit meinem Schatz gefrühstückt. „Na, hattet ihr gestern viel Spaß, Tom und du?“ fragte sie mich liebevoll über den Küchentisch. „Es war super, solche Männerabende müssen einfach manchmal sein. Er ist eh schon sichtlich nervös wegen dem 9.April. Was der nur hat?“ antwortete ich Sarah schmunzelnd. „Soll das heißen, dass dich dieser Tag total kalt lässt, du Schlingel?“ Die wunderschöne Frau mir gegenüber sah mich mit funkelnden rehbraunen Augen an und musterte mich wie ein Inspektor den Hauptverdächtigen im Verhörraum. „Ach, Schatzi, du weißt doch, dass gerade ich schon jetzt flaschenweise Bachblüten zur Beruhigung brauche. Mein Herz klopft wilder und ausgelassener als je zuvor. Sagen wir es so: Ja, ich bin auch schon sehr nervös und weißt du warum?“ „Nein, warum denn?“ hauchte mir Sarah abwartend und neugierig zu. „Warum wohl? Weil ich an diesem Tag die schönste, liebste und wundervollste Frau auf dieser weiten Welt heiraten werde. Darum.“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Sarahs Mundwinkel zogen sich zu einem glücklichen und zufriedenen Lächeln empor. „Sei nicht gar so kitschig!“ lachte sie laut auf. „Es wird ein wunderschöner Tag werden, Chris. Ich freue mich auch schon sehr darauf und wenn es dich beruhigt, ich habe ebenfalls ein wenig Nervenflattern, aber nur, weil ich weiß, dass es ein ganz besonderer Augenblick in unserem Leben werden wird.“ Sanft streichelte sie meine Hand, sah mich verliebt an und ließ wie immer, wenn Sarah in meiner Nähe war, mein Herz kräftig beben. „Ja, das wird es, ein ganz besonderer Tag“, pflichtete ich ihr bei. „So, jetzt frühstücken wir noch fertig und dann geht’s los. Dieses tolle Frühlingswetter muss man einfach ausnützen.“ Keine fünfzehn Minuten später hatten wir die benutzten Teller und Kaffebecher im Geschirrspüler verstaut und widmeten uns noch einigen langen leidenschaftlichen Küssen, bevor wir schließlich unsere Wanderutensilien hervorkramten und dem beschaulichen Laudachsee einen Besuch abstatteten. Dabei handelte es sich um einen kleinen Bergsee in knapp 900 Metern Seehöhe zwischen dem Grünberg und dem Traunstein inmitten des schönen Traunviertels. Bei der urigen Ramsauer Alm, welche auf einem kleinen Hügel am Ufer des Sees lag, machten wir eine Rast und genossen das wunderbare Frühlingswetter. „Schatz, ist das nicht schön hier?“ fragte ich Sarah, welche auch bewundernd die Landschaft musterte. Ein idyllischerer Anblick hätte uns von Mutter Natur gar nicht geschenkt werden können, das Licht der Sonne schimmerte und glänzte an der Oberfläche des Wassers und wir konnten von diversen Stellen rund um uns die Vöglein zwitschern hören, die quasi erfreut den Winter verabschiedeten und sich wie wir Menschen nach all den warmen Tagen sehnten, die dieses Jahr noch bereit hielt. „Ja, es ist wunderbar. Müssen wir echt öfters machen, solche Ausflüge in die Natur.“ kam die Antwort meiner baldigen Ehefrau. Nach einem kleinen Imbiss vor der Almhütte wanderten wir gemütlich wieder den Berg hinab und hielten uns meist Hand in Hand. Wir mussten nicht viel reden, diese Momente sprachen für sich. Diese Welt konnte so kitschig schön sein, so voller Blüte, wo es jedem um einen gut ging, und auch wenn gerade keine zwei Wochen zuvor in Japan die große Erdbebenkatastrophe geschah oder zeitgleich in Libyen der werte Herr Gaddafi seine Eroberungsfeldzüge erkämpfte und ich tagelang alle Berichte gebannt am Bildschirm und im Radio verfolgte, dachte ich in diesen Stunden keine einzige Sekunde an all Leid auf dieser Welt. Ich fühlte mich einfach so gut, wollte den gesamten Erdbal vor Glücksgefühl umarmen. Fast fühlte ich mich wie in einem Traum, der so schön war, dass er gar nicht real sein konnte und man stets hoffte, daraus nie mehr aufzuwachen, doch das alles an diesem Hier und Jetzt war echt. Ich konnte getrost meine Augen öffnen, diese so wunderbar sprießende Liebe aus allen Zügen genießen. Tom hatte am Abend zuvor recht gehabt, als er meinte, dass mich Sarah zurück ins Leben geführt hat, und noch dazu in was für eins. Nie zuvor hatte ich mich so vollkommen gefühlt wie an diesem Tag am Laudachsee und den Wochen zuvor mit der Frau, die ich so sehr liebte.
 
Am Abend gingen wir gemütlich beim Italiener essen, Sarah bestellte wie üblich ihre so heiß geliebte Pizza frutti di mare, während ich mir als großer Gegner von allem, was sich so im Meer tummelte, eine Lasagne schmecken ließ. So saßen wir da, nur wir zwei, vergaßen alle Leute um uns und während wir Bissen für Bissen genüsslich an unsere Münder führten, leuchteten wir uns immer wieder mit unseren Augen an, sagten uns ohne Worte, dass wir einfach zusammen gehörten. Nicht einmal ein aufgebrachter Kellner, der uns das enttäuschende Ergebnis der Fußball-Nationalmannschaft gegen die belgische Auswahl mitteilte, konnte uns von der sanften Wolke sieben herunterholen. Das hieß was, denn ich war seit meiner Kindheit ein großer Fußballfan und verpasste kaum kein wichtiges Spiel im Fernsehen. Seit ich Sarah kannte, war jedoch auch diese Leidenschaft nebensächlich. Liebe war nun mal mit nichts anderem zu vergleichen. So nahm ich die überraschende Heimniederlage unserer Elf ziemlich locker hin, nichts konnte meine gute Stimmung trüben. Gemütlich und mit vollen Bäuchen schlenderten wir zurück zu meiner Wohnung, in die Sarah vor knapp drei Monaten eingezogen war. Vorher waren wir stets zwischen ihrem kleinen, aber feinen Zuhause in Wels und Vorchdorf hin-und hergependelt, hatten uns weder zum Kino gehen, abtanzen oder einfach die Stadt unsicher machen getroffen. Rasch waren wir bei der Haustüre angekommen und gingen eng beisammen in den ersten Stock hinauf, wo ich schnell den richtigen Schlüssel zückte und die Wohnungstür aufschloss. „Puh, jetzt werde ich mich noch mal kurz unter die Dusche begeben. Kannst schon mal das Bett vorwärmen, mein Liebling!“ ließ ich Sarah mit einem schnellen Kuss vor dem Badezimmer stehen. Während ich das heiße Wasser über meinen Körper laufen ließ, schloss ich meine Augen, ließ mich einfach treiben, die schöne Zeit aufsaugen. So blieb ich ein paar Minuten unter dem Duschhahn stehen, verharrte in meinen Gedanken. Hatte ich wirklich all dieses Glück wirklich verdient? Nach dem, was vor zwei Jahren an jenem milden Abend im Mai geschah, glaubte ich, dafür büßen zu müssen. Damals war ich in ein Meer aus Schmerz und Selbstmitleid gefallen, hatte mich tagelang in diesen vier Wänden verkrochen, wollte mit niemanden etwas zu tun haben. Tom ließ mir kaum eine Möglichkeit zu Erklärungen, zu Eingeständnissen meinerseits, aber ich verstand ihn. Es dauerte lange, bis wir dann doch wieder einigermaßen normal miteinander sprechen konnten, wir wollten einfach unserer Freundschaft noch eine Chance geben. Es war keine leichte Zeit, doch wir haben es tatsächlich geschafft. Und viel an meiner neu gefundenen Motivation am Leben hatte ich Sarah zu verdanken. Sie kam, als ich rein gar nicht damit rechnete, im richtigen Moment war sie am richtigen Ort und machte mich gleich schon beim ersten Gegenübertreten verlegen, was ein ganz neuer Charakterzug für mich war. Früher waren es die Frauen, die feuchte Hände bekamen, wenn ich sie mit aller Kunst um den kleinen Finger gewickelt habe. Schließlich trat ich aus der Duschkabine, schrubbte mich schnell trocken und zog mir eine meiner geliebten Boxershorts und ein weißes T-Shirt an, bevor ich entspannt aus dem Badezimmer trat. Nach dem leckeren Essen beim Italiener wartete im Schlafzimmer ein sehr angenehmer Nachtisch für mich, nämlich mein sexy Schatz in roten Dessous und den dazu passenden Strümpfen. Das war übrigens einer der ganz faszinierenden Dinge an ihr, eigentlich war sie eher ruhig und zurückhaltend, sah die meisten Dinge im Leben realistisch, blieb quasi auf dem Boden der Tatsachen, doch sie war immer für Überraschungen gut. Sie zeigte mir fast Tag für Tag neue tolle Facetten ihres Charakters und das war einfach ein echt schönes Gefühl. Für mich war sie die hinreißendste und liebenswerteste Frau, die ich je kennen lernen durfte. Als sie ganz überraschend so auf dem Bett lag, als ich das Schlafzimmer betrat, ließ ich ohne einen Moment zu zögern alle meine erst kurz zuvor angezogenen Kleidungsstücke zu Boden fallen und schmiegte mich an die so angenehm duftende Haut dieser Frau, die mir in dieser Nacht nicht zum ersten Mal förmlich den Verstand raubte. Sanft berührte ich ihre schön geformten Brüste, die sich unter dem Büstenhalter verführerisch abzeichneten, strich Sarah voller Liebe durch ihr feuerrotes Haar und ließ mich einfach treiben. Wir küssten uns wild, dann wieder zart und langsam, pressten unsere Körper so eng aneinander, wie es nur möglich war. Ich berührte sie voller Genuss, fuhr mit meinen durch meine Erregung zitternden Finger alle Rundungen ihres vollkommenen Körpers ab. Das Feuer loderte in Sarahs Augen, sie sah mich an wie ein Raubtier, so wild war sie auf mich. Sie stürzte sich mit ihren vollen Lippen auf mich und ließ mich nicht mehr gehen, bis wir miteinander verschmolzen und nach unzähligen Küssen und heißer Berührungen einschliefen. Auch, als wir am Morgen danach aufwachten, lagen wir noch Arm in Arm. Sarah beugte sich an meine Lippen und küsste mich sanft. „Guten Morgen mein kleiner Gigolo“, flüsterte sie mir zu, „ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe.“ „Ich auch mein Schatz, ich auch!“ konnte ich ihr nur aus tiefsten Herzen zustimmen. Ich hatte in meinem Leben schon einige Frauen gehabt, das kann ich nicht leugnen, doch keine davon ließ mir nur annähernd solche Gefühle empfinden wir Sarah. Sie war etwas ganz Besonderes, das spürte ich schon, als ich sie vor knapp achtzehn Monaten das erste Mal vor mir sah und ich hatte mich nicht geirrt.
 
Der Sonntag verlief sehr gemütlich. Zu Mittag waren wir bei meinem Arbeitskollegen Gerhard und seiner Freundin Simone eingeladen, sie weihten ihre neue erste gemeinsame Wohnung in Gmunden ein. Sie wohnten im Erdgeschoß in einem modernen Neubau in der Nähe des Zentrums der Stadt Die Räume waren in einem tollen Mix zwischen rustikalen Möbeln und modischen Accessoires eingerichtet und man merkte den stolzen Gesichtern an, dass sie total zufrieden mit dem Endresultat der Einrichtung waren. Sarah und ich wohnten ja in einem älteren Wohnhaus im zweiten Stockwerk in gemütlichen 80-Quadratmetern. Unsere Nachbarn waren vorwiegend Rentner, mit denen wir eher wenig zu tun hatten. Da war der Altersunterschied doch schon zu weit auseinander, als das sich da genug Gesprächsthemen ergeben hätten. Man akzeptierte sich einander und achtete darauf, den Hausfrieden zu halten. So waren wir stets bislang gut mit allen ausgekommen, ohne vieler Worte und Diskussionen. Bei uns waren die Zimmer günstiger und mehr zum Zweck der Gemütlichkeit bestückt worden. Ich wohnte schon ein paar Jahre in jenen vier Wänden, bevor Sarah in mein Leben getreten war. Ich fand es faszinierend, wie sich jeder Mensch ganz individuell sein Wohnreich gestaltete, mit unendlichen Möglichkeiten, wie man mit Kreativität und verschiedensten Geschmäckern sein eigenes Unikat bastelte. Zum Essen gab es Raclette und so saßen wir entspannt am Tisch und amüsierten sich blendend, während wir uns immer wieder am Grill bedienten und das leere Teller mit Hühnerstücken, Kartoffelscheiben und geschmolzenen Käse füllten. Eine Stunde später spazierten wir zu viert die Gmundner Esplanade entlang, sahen hinaus auf den ruhig am Fuß des Traunsteins liegenden See und ließen uns von der Frühlingssonne unsere Körper sanft streicheln. Es war mir eine große Freude, dass sich Sarah in Anwesenheit meines Kollegen und seiner Partnerin auch sehr wohl fühlte. Ausgelassen tauschte sie mit Simone Frauentipps untereinander aus, diskutierten über die verschiedenen Modemarken und welche Parfums momentan total angesagt waren. Gerhard und ich schlenderten nebeneinander weiter am Traunsee entlang, bis er unser Schweigen brach. „Ihr seid ein tolles Paar!“ „Sarah und ich? Danke. Aber Simone und du gebt auch keine schlechte Figur zusammen ab, muss ich sagen.“ Glücklich blickte ich meinen Büronachbarn an. „Und, schon alles erledigt für eure Hochzeit?“ „Soweit haben wir alles gemanagt, der große Tag kann kommen.“ Ich musste richtig strahlen, denn Gerhard fing an zu lachen und sah mich amüsiert an. „Es hat dich richtig erwischt, nicht?“ Darauf konnte ich nur nickend und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht bejahen. „Oh Mann, morgen wartet wieder die Arbeit auf uns. Ist das nicht schön?“ meinte mein Gegenüber voller Sarkasmus. „Was werden wir wohl die nächsten Tage wieder von unserem Herrn Generaldirektor zu hören bekommen? Wenn der nicht so viel Mist immer reden würde.“ Ja, unser Herr Generaldirektor. In Wirklichkeit hieß der Kollege von uns beiden Stefan Nowak und hatte nur eines mit diesem Spitznamen gemeinsam, nämlich seinen Hang zur ständigen Selbstüberschätzung, penibler Themenzerpflückung und unüberlegten Delegieren, auch wenn es meist unnötige Aufgaben waren, welche er so schnell wie möglich erledigt haben wollte. Ich persönlich musste über diesen Chaoten mehr lachen als das ich mich drüber ärgern konnte. Wir hatten mit ihm in der Marketingabteilung der Firma ‚Der Büroexperte‘ mit Sitz in Wels zu tun, wo ich seit ungefähr schon sechs Jahren mein Geld verdiente. Das Unternehmen kümmerte sich wie der Name schon sagte um den Verkauf aller nur möglichen Büroartikel, vom Kugelschreiber bis zum Fensterreiniger konnte man alles bestellen. Weiters gab es eine Werbemittelabteilung mit der Möglichkeit einer individuellen Gestaltung einer Firmenwerbung. Meine Hauptaufgabe bestand in der ständigen Aktualisierung und Wartung der Firmenwebsite und dessen Online-Shop wie auch der Erstellung und Versendung der Newsletter an die Firmenkunden. Gerhard war dagegen für das Corporate Identity, den Auftritt der Firma in der Öffentlichkeit und für den ständigen Kontakt mit den diversen Medien zuständig. Wir werkten direkt Tisch an Tisch, was an manchen Arbeitstagen sehr erheiternd sein konnte. Mein Kollege verstand es die gesamte Mitarbeiterschar im Büro auch bei stressigen und eher missmutig machenden Tagen immer mit seiner Fröhlichkeit bei Laune zu halten. Manchmal erinnerte mich Gerhard an mein früheres Ich und wie ich das Leben noch vor ein paar Jahren gesehen hatte. Da lebte ich so wie er meistens einfach in den Tag hinein, ich zog mein Ding durch, egal, was am nächsten Tag kommen würde. Mit Leichtigkeit erledigte er seine Aufgaben, doch bei einer Person war es auch bei ihm sofort vorbei mit der guten Stimmung. Vor einem halben Jahr war der Nowak durch Beziehungen in die Firma gekommen und hatte sich von Beginn an zur Aufgabe gemacht seine Kollegen, insbesondere die Lehrlinge zu schikanieren und seinen Rang als neuer Abteilungsleiter bei jeder Gelegenheit zu demonstrieren. Sein Vorgänger hatte sich von allen an der Nase herumtanzen lassen, er war mit zu wenig Durchsetzungsvermögen am Werk gewesen um ein erfolgreiche Abteilung führen zu können. In dieser Hinsicht hatte der Nowak Vorteile beim Geschäftsführer, doch es war sofort klar, dass Gerhard und er nie Freunde werden würden, man konnte die intensive Abneigung zueinander förmlich in der Luft spüren. Er konnte gar nicht damit umgehen, wie der Neue mit allen umsprang. Irgendwann hatte dann Gerhard den Einfall zu diesem Spitznamen gehabt und seitdem war er für alle hinter vorgehaltener Hand halt der Herr Generaldirektor. An diesem schönen Nachmittag wollte ich eigentlich nicht über die Arbeit sprechen, darum antwortete ich nur mit Achselzucken und versuchte schnell wieder das Thema zu wechseln. Wie gesagt, hatte ich absolut nichts gegen meinen Job, aber Wochenende war Wochenende, den Rest der Woche hatte man eh früh bis spät die Gedanken voll damit. Gerhard kam mir jedoch meinem Vorhaben zuvor und fragte mich:  „Hast du übrigens Lust mich heute Abend zum Spiel der Swans gegen die Kapfenberger zu begleiten? Ich wollte zuerst mit meinem Bruder Klaus gehen, aber der hat sich eine Erkältung eingefangen und nun stehe ich mit einer Eintrittskarte zu viel da.“ „Äh…ja, gerne…muss nur schnell meinen Schatz fragen…“ „Schon in Ordnung, Jungs, macht euch einen tollen Abend!“ kam die Antwort von der hinteren Frauenfront. Ich drehte mich um und sah in das strahlende und lächelnde Gesicht meiner Traumfrau. „Du hast nichts dagegen, auch diesen Abend wieder allein zu sein?“ „Nein, überhaupt kein Problem. Ich muss ohnehin heute noch zwei volle Wäschekörbe bügeln, da kann ich dich eh nicht brauchen, mein Schatz“, kam es aus Sarahs vollen Lippen. Keck zwinkerte sie mir zu. „Ja, dann komm‘ pünktlich zur Sporthalle. Das Spiel fängt um sechs an“ Gerhard zeigte mit seinem rechten Zeigefinger auf seiner Armbanduhr. „Heute geht es ja um den Finaleinzug, das müssen wir schon erleben.“ Wir ließen die Frauen wieder weiterquatschen, gingen weiter, während wir den schönen Tag genossen und fleißig Energie für die kommende Arbeitswoche sammelten.
 
Überpünktlich um dreiviertel sechs stand ich vor der Sporthalle Gmunden, als ich meinen Kollegen schon aus seinem schwarzen Audi Quattro steigen sah. „Na, dann kann es ja losgehen“, strahlte er mich an. Auf seinem Kopf hatte er eine Gmundner Swans-Kappe und ein Fanschal war um seinen Hals gedreht. Das Spiel der Basketballer war fast restlos ausverkauft, die Halle verwandelte sich im Laufe des ersten Viertels mehr und mehr zu einem Hexenkessel. Die Hausherren konnten gleich von Beginn weg einen Traumstart verzeichnen und führten nach zehn Minuten bereits mit acht Punkten Vorsprung gegen ihren harten Widersacher. Bis zur Pause konnten die Spieler sogar noch einen größeren Punktepolster herauswerfen „Und, was sagst du zu dem Spiel, Chris?“ fragte mich Gerhard während einem schnellen Besuch auf der Herrentoilette. „Muss schon sagen, der neue Center, den die Swans gekauft haben, der kann schon was. War vorher ja noch nie hier in der Halle bei einem Spiel, meistens habe ich die Liga nur über das Fernsehen verfolgt. Vor ein paar Jahren war ich mal bei einem Match der Welser Mannschaft, ich glaube, da haben sie gegen Wien oder so gespielt, kann dir das gar nicht mehr genau sagen. Danke jedenfalls für deine Einladung!“ „Keine Ursache, wir Kollegen müssen ja zusammenhalten, nicht wahr?“ entgegnete mir mein Gegenüber. Dann kehrten wir wieder an unsere Sitzplätze zurück. Kurz darauf begann dann das dritte Viertel, in dem der Spielverlauf sich etwas drehte. Plötzlich griffen die Steirer laufend an, verbuchten einen 8:0-Run und das Spiel war wieder offen. Von den Reihen der Fans kamen erste Pfiffe. Diese durften bei den Swans gefruchtet haben, denn sie ließen diesen kurzen spielerischen Hänger hinter sich und zeigten gleich wieder, wer der Herr im Haus, beziehungsweise in dieser Halle, war. Mein Kollege kam kaum mehr aus dem Jubeln heraus, zufrieden schwenkte er seinen Schal feierlich hin und her und klatschte Beifall. Zwanzig Minuten später konnten wir mit einem schlussendlich klaren Sieg der Hausherren die Sporthalle hinter uns lassen. Rings um uns sangen die Fans euphorisch „Finale, Finale!“ und tanzten mit ihren Fanutensilien ausgelassen umher. Bevor Gerhard in sein Auto stieg, wandte er sich mir nochmal zu. „Chris, danke fürs Mitkommen. War echt lässig mit dir. Simone und mir hat es heute auch getaugt, dass ihr uns besucht habt. Das müssen wir bald wieder mal machen. So, dann bis morgen in der Arbeit!“ Ich winkte ihm noch nach, dann begab ich mich zu meinen Skoda, den ich unfreiwillig vor knapp zwei Jahren kaufen musste. Der Vorgänger war leider da nicht mehr straßentauglich, aber ich hätte ohnehin keinen einzigen Meter darin mehr gefahren, geschweige mich denn nur hineingesetzt. Doch ich war einfach zu zufrieden mit meinem momentanen Leben, dass ich nach diesem schönen Wochenende missmutig werden wollte, so stieg ich ins Auto ein, legte das neue Milow-Album „North and South“ in den CD-Player ein und mit diesen rhythmischen Gitarrenklängen und gefühlvollen Zeilen des belgischen Künstlers um mich ließ ich den Parkplatz und kurz darauf auch Gmunden hinter mir und kehrte heim zu meiner Sarah, die mich in der Wohnung schon sehnsüchtig erwartete. Dieses Mal leider nicht in scharfen Dessous, aber nackt gab sie auch eine mehr als gute Figur ab.
 
„Guten Morgen meine kleine Schlafmütze! Zeit zum Aufstehen! Das Frühstück ist auch schon fertig!“ Sarahs aufgeweckte Stimme riss mich augenblicklich aus meinen Erinnerungen vom Wochenende. Ein Blick auf den Wecker ergab, dass es fast schon dreiviertel sieben war, und das hieß, es war wirklich höchste Zeit das Bett zu verlassen. Mit noch halb geschlossenen Augen beobachtete ich, wie sie schnell die Vorhänge wegzog und zwar noch nicht die aus dem Bett lockende Morgensonne das Zimmer mit ihrer Wärme flutete, aber das langsam aufsteigende Tageslicht schon gute Vorzeichen für einen weiteren schönen Frühlingstag bot. Noch dazu hatten draußen die Vöglein schon wieder den passenden Soundtrack auf den Schnäbeln. Ich lächelte meiner Verlobten zu, schwang mich mit einer flinken Bewegung von der Matratze und gab ihr auf dem direkten Weg ins Bad noch einen kleinen Kuss. Dort angekommen gönnte ich mir eine kurze, aber trotzdem sehr erfrischende Dusche. Auf in eine neue Arbeitswoche, dachte ich mir, obwohl meine Motivation doch noch etwas zu wünschen übrig ließ, aber wie gesagt, ich war einfach ein hoffnungsloser Montagsmuffel. Ohne noch weiter Zeit zu verlieren absolvierte ich diszipliniert meine Morgenwäsche, kleidete mich von oben bis unten mit einem sportlich-eleganten Outfit in Form von einem neuen Camp-David-Hemd mit der obligatorischem Rückenstickerei und einer dunklen Jeans und kam Punkt sieben in die Küche, wo mich auf dem Tisch schon frischer heißer Kaffee und eine geschmierte Marmeladesemmel in Empfang nahm. Salopp ließ ich mich auf die Eckbank fallen und wartete, dass sich Sarah zu mir setzte. Die werkte noch fleißig am Geschirrspüler ausräumen. „Soll ich dir helfen, Schatz?“ ließ ich sie meine Hilfsbereitschaft wissen. „Nein, nein, fang gleich an zu essen. Bist eh schon spät dran.“ Ich musste fast auflachen, hin und wieder hätte mir meine eigene Mutter gegenüber stehen können, wie bei einem Deja-vu fühlte ich mich, wenn sie das Ruder des Haushalts übernahm, doch mir gefiel es, wie sie alles auf Schuss hielt. Man spürte und merkte doch gleich, wenn man eine Frau im Haus hatte. Seit Sarah bei mir eingezogen war, wirkte einfach alles ordentlicher, gepflegter, es war ein System zu sehen, welches die Männerwelt leider meist nicht verstehen geschweige denn selbst koordinieren konnte. „Ok, dann lasse ich mich nicht mehr aufhalten!“ folgte ich ihrem Befehl und biss herzhaft in die Semmel hinein. „Und, hast du heute auch so viel Bock auf Arbeit wie ich?“ fragte ich sie zwischen zwei großen Bissen. „Absolut, ich kann es kaum erwarten“, kam postwendend die alles andere als überzeugende Antwort. Sarah arbeitete als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei im Zentrum von Gmunden. Es war ein oft stressiger, aber für eine Frau nicht schlecht bezahlter Job. Ihr Chef, der Herr Dr. Hoflehner, war ein harter, aber fairer Mann, der zwar sehr viel forderte, aber die gute Arbeit auch zu schätzen wusste. Bis sich Sarah mit ihrer Portion zu mir an den Tisch setzte, war ich mit meinem Frühstück bereits beinahe fertig. Mit den Gedanken noch ein wenig bei den vergangenen Tagen, verbrannte ich mir die Zunge beim Trinkversuch des Kaffees. „Aua!“ Ich ließ den Becher zurück auf den Unterteller schnellen und sprang auf, um mir ein Glas Wasser zur Abkühlung zu holen. „Guten Morgen!“ lästerte es hinter mir. Schadenfroh saß mein Schatz da und grinste breit übers Gesicht. Schnell leerte ich das Glas mit einem gierigen Schluck, bei dem mir auch ein paar Tropfen beim Kinn langsam herunterliefen. Ich hörte Sarah amüsiert glucksen. Man konnte ihr einfach nicht böse sein und obwohl es in dem Moment auf meiner Zungenspitze gefühlt brodelte wie bei einem Gang über heiße Kohlen, konnte ich ihr ohne zu zögern ein Lächeln erwidern. Wäre es mit der freien Zeit nicht schon so eng gewesen, hätte ich Sarah am liebsten sofort gepackt und zurück ins Schlafzimmer verfrachtet, aber leider musste ich schon in einer Viertelstunde den Weg nach Wels in Angriff nehmen. Ich behielt meine lustvollen Gedanken für mich und setzte mich mit einem weiteren Glas Wasser wieder zu meinem letzten Rest Marmeladesemmel. Ohne viele Worte und dafür mit liebevollen Blicken brachten wir das Frühstück hinter uns und verfrachteten das benutzte Geschirr danach ordnungsgemäß wie von Sarah strikt durchgesetzt gleich in den zuvor geleerten Geschirrspüler. Wie gesagt, sie war sehr ordnungsliebend, einfach eine kleine Hausfrau. „Brav machst du das“, lobte sie mich wie es auch meine Mutter früher oft getan hat. Wieder so eines dieser Deja-Vus. „Oh Mama, bin ja auch ein braver Junge!“ spielte ich ihr Spiel mit und posierte stolz und mit breiten Schultern. Sarah zog die linke Augenbraue hoch und musterte mich einige Sekunden lang, dann war es jedoch mit ihrer strengen Miene geschehen. Beide fingen an zu lachen, kicherten über diese dumme Situationskomik und verschafften uns dadurch endgültig einen optimalen Start in die neue Arbeitswoche. Sogar als wir ein paar Minuten später in unsere Autos stiegen, konnte man diese gute Laune noch deutlich spüren. Es war wieder einer der Tage, an denen es viel zu schade war zu arbeiten, wo man der Natur am liebsten den ganzen Tag einen Besuch abstatten wollte. So schön kann das Leben sein, und das auch trotz Arbeit und Alltag, im Augenblick konnte es echt kaum besser werden. Mit dieser Lebensfreude störte es mich auch nicht wirklich, dass sich auf dem Weg in die Firma weiter ab und an meine Zunge mit leichtem Brennen meldete. Ich genoss das Leben, wie es gerade war, und glaubte nicht, dass irgendetwas, schon gar nicht der werte Kollege Generaldirektor, meine Stimmung trüben konnte. Der Tag würde für einen Arbeitstag sicher ziemlich annehmbar werden, die aufgehende Sonne signalisierte bereits wunderbare Frühlingsstunden. Ja, so schön könnte das Leben ruhig bleiben, total unkompliziert und voller Harmonie. Nein, nichts würde meine gute Laune verdrießen können. Leider irrte ich da gewaltig, ich konnte ja nicht wissen, dass schon bald die gesamte Welt um mich aus allen Fugen geraten und mich in einen wahren Abgrund des Wahnsinns stürzen würde. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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