Manfred Bieschke-Behm

Die Anker trügen, denn mancher Hafen ist nur geträumt


Der gestrige Abend verlief zunächst so, dass ich zufrieden sein konnte. Beizeiten fing ich an, mich um das Essen zu kümmern. Alle Zutaten hatte ich am Vormittag besorgt, sodass ich mich ganz der Zubereitung widmen konnte. Auch die Getränke waren vorrätig, und soweit erforderlich, kühl gelagert.
Es blieb genug Zeit, um mich für meinen Gast frisch zu machen. Das Kleid, das ich für diesen Abend ausgewählt hatte, war aufgebügelt und hing fein säuberlich auf dem verchromten Haken, der rechts vom Garderobenspiegel platziert war.
Heute wollte ich auf mein Äußeres besonders viel Wert legen. Sorgfältiger als sonst trug ich    Make-up und Puder auf. Dabei passte ich auf, dass ich nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig  auftrug. Die Schminke sollte schon dazu beitragen, Unebenheiten abzudecken. Gleichzeitig sollte mein Gesicht auf keinen Fall maskenhaft wirken. Die Lippenstiftfarbe galt es, auf das taubenblaue Kleid abzustimmen, was mir auch außerordentlich gut gelang. Was mir ein bisschen Sorge machte, war mein Haar. Ich stand vor der Entscheidung es offen zu tragen, oder kunstvoll hochzustecken. Ich versuchte einige Variationen und entschloss mich letztendlich mein Haar offen zu tragen. Ein kritischer Blick in den Spiegel überzeugte mich, die richtige Wahl getroffen zu haben. Mein blondes Haar war durch einen sorgfältig gewählten Mittelscheitel zweigeteilt. Die jeweilige Hälfte fiel auf meine Schultern. Das Haar war lang genug, sodass es mein doch etwas zu groß geratendes Dekolleté abdeckte.
Nachdem es für mich nichts mehr zu korrigieren gab, betrachtete ich mich in meinem großen   Ankleidespiegel und fand mich sehr ansprechend. Nicht zuletzt durch die eleganten Schuhe gab ich - wie ich fand - eine gute Figur ab.
 
Inzwischen war es neunzehn Uhr geworden. Ich trat vor die Tür meines weiß getünchten Hauses und genoss die Abendsonne. Die warmen Strahlen erwärmten mein Gesicht auf angenehmer Weise. Ich spürte die Wärme auch auf meinen Armen und fühlte mich wie zärtlich festgehalten. Der Hausvorsprung war schuld daran, dass sich ein breiter Schatten hin zur Hauseingangstür   bildete. Dieser Schatten hat für mich die Symbolik eines Beschützers und gleichzeitig spürte ich Kühle von ihm ausgehend. Über der Eingangtür befindet sich ein halb geöffnetes Fenster. Der leichte Wind lies die Gardinen geräuschvoll flattern. Es hörte sich für mich an, als würden sich Segeln im Wind bewegen. Das dazugehörende weiße Boot stellte ich mir vor. Gleichfalls den Anker, der im Meeresgrund versunken, das Boot vom Abdriften abhielt.
Ich blickte hinaus auf das Meer. Ich sah, wie sich sanfte Wellen gleichgültig und geduldig am Strand brachen. Sie kräuselten sich auf dem gelben Strandboden, um dann gleich wieder ihren Rückzug anzutreten. Zurück blieben kleine Wasserlachen, in denen sich das Sonnenlicht   abertausendmal brach. Dieser Zauber hielt nur kurz an, denn sofort kamen neue Wellen, und das Spiel begann von Neuem. Längere Zeit beobachtete ich das Geschehen, obwohl so gut wie nichts  geschah. Die Zeit schien still zu stehen, so wie gestern, vorgestern und überhaupt lange Zeit davor.
 
Der Abend war lang. Er war ausgefüllt mit vielen Themen, die keine Langeweile aufkommen ließ. Der Rotwein trug dazu bei, die Stimmung als sinnlich beschreiben zu können und trotzdem, oder überhaupt, als lebendig zu charakterisieren. Kerzen, die ich an sorgfältig ausgesuchten Plätzen aufgestellt hatte, spendeten warmes, flackendes Licht. Das Kerzenlicht ließ meinen Gast und das Mobiliar unterschiedlich intensiv erscheinen. Das Mondlicht, das vor Stunden das Sonnenlicht  ersetzt hatte, zauberte zusätzlich eine traumähnliche Stimmung hervor. Unterstützt wurde die Stimmung durch leise Musik, die sich wie wabernder Nebel im Haus ausbreitete.
 
So oder ähnlich hätte alles sein können. Wieder einmal sah ich mich in einem Hafen der  Geborgenheit, der aber nur geträumt war. Schon lange hatte ich keinen Gast mehr für den sich alle diese Mühe gelohnt hätte.
 
Immer wieder genieße ich die Vorbereitungen und erlebe anschließend die ungewollte, quälende Einsamkeit. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf. Ich weiß, dass ich Vergangenes nicht   zurückholen kann. Ich weiß aber auch, dass die Zukunft nicht aus der Vergangenheit besteht, sonder aus dem, was ich aus der Gegenwart mache. Ich will keinen trügerischen Anker in einem nur geträumten Hafen. Ich will dich treffen, um mit dir dort mein Leben fortführen, wo es einstmals plötzlich aufgehört hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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