Elisabeth Neumann

Tödliche Liebe

 Plötzlich war er wieder da, dieser Moment. So kurz wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.
Doch für sie schien er eine Ewigkeit anzuhalten. Sein Gesicht verschwindet nicht. Nie.
Es hat sich in ihren Kopf gebrannt.
Er sitzt so fest. Der Schmerz der sie seit ihrer letzten Begegnung quält.
Er war wieder da und er hat dasselbe getan, dasselbe das er immer tut und sie hat es einfach mit sich machen lassen.
Sie
würde so ziemlich alles tun um bei ihm zu sein und er hat ihre Hand
gehalten. Er hat ihr zu viel versprochen. Und sie hat es geahnt, doch
sie hat nichts getan.
"Du wirst es wieder machen & du willst
mich brechen sehen" , war das einzige was sie sagte während warme
salzige Tränen ihre Augen füllten und langsam ihre Wangen hinunter
liefen. Eine nach der anderen. Und jede einzelne brannte auf ihrer Haut,
als wäre sie heiß wie Feuer.
Jeder Blick von ihm stach sie wie die
Dornen einer wunderschönen Rose. Gleichzeitig war es unmöglich ihm
auszuweichen. Er hatte sie gefesselt und sie konnte sich nicht
losreisen.
Sie versuchte weg zu schauen, sie versuchte zu schreien. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien.
Am liebsten wäre sie weggelaufen. Doch sie blieb wo sie war.
Sie
machte sich ganz klein und verbarg ihr Gesicht zwischen ihre
angewinkelten Knie. Nur um ihn nicht in die Augen blicken zu müssen.
Er sollte nicht sehen wie sie weint. Er sollte nicht sehen wie schwach sie in Wirklichkeit war.
Für ihn war sie doch immer das starke Mädchen und nun hatte er sie am falschen Punkt erwischt.
Gebrochen und kraftlos. Sie war ein innerliches Wrack.
Und
er streichelte ihr sanft über ihr zersaustes Haar, welches auch noch
den letzten Rest ihres Gesichts verdeckte.
Er war ganz vorsichtig und
seine Finger glitten über jedes einzelne Haar, als könnte es in jenem
Moment zerbrechen. Sowie sie an ihm zerbrochen war.
Und sie hatte das Gefühl tausend kleine Nadeln würden ihre Haut durchbohren bei jeder noch so zaghaften Berührung von ihm.
Sie spürte alles was er tat, ganz gleich ob sie ihn ansah oder nicht.
Sie spürte jede noch so kleine Bewegung von ihm,
sie
spürte jeden Centimeter der jetzt noch zwischen ihnen war.
Er war so
nah, so nah hatte sie ihn noch nie bei sich. Sie hätte nach ihm greifen
können. Sie hätte ihn fest halten können. Doch sie war wie versteinert.
Sie redeten nicht. Nicht ein Wort. Obwohl es so viel zu sagen gab.
Das einzige was sie jetzt noch wahrnahm war der leise Beat seines Herzens im Einklang mit ihrem.
Alle anderen Geräusche waren wie ausgeschaltet. Als hätte die Welt aufgehört sich zu drehen. Als hätte jemand für einen Augenblick auf Stop gedrückt.
Langsam schaute sie zu ihm auf. Wie geblendet von seinem Anglitz. Sie hatte sich wieder einmal in seiner Schönheit verloren. 
Ihre
Augen fokusierten jetzt nur ihn allein. Alles andere war unscharf und
verschwommen und für sie auch nicht weiter relevant. Alles was sie sehen
wollte war nur er.
Und das tat sie, voll und ganz. Nicht nur mit ihren Augen. Sie sah ihn mit dem ganzen Herzen.
Er erfüllte jede Leere die dort mal gewesen ist.
Ihr
Körper war wie betäubt. Da war plötzlich kein Gefühl mehr auf ihrer
Haut. Jegliches Gefühl hatte sie allein tief in sich drin.
Lediglich seine warmen Fingerkuppen auf ihrer ausgestreckten Handfläche nahm sie wahr.
Sie bewegten sich sachte auf und ab und blieben auf ihren Fingerspitzen stehen.
Er
hielt einen Moment lang inne. Für Sekunden konnte sie nichteinmal mehr
seinen Herzschlag hören. Er musste für einen Augenblick ausgesetzt
haben.
Dann umschlossen seine Finger ganz langsam ihre und drückten sie fest an sich, als würde sie jeden Moment davon laufen können.
Ihre
zierlichen kleinen Finger waren völlig versteckt von seiner großen,
kräftigen Hand. Einzig und allein der rote Fingernagel ihres Daumens war
noch zu sehen.
Er kam noch einen kleinen Schritt auf sie zu. Näher hätte er nicht sein können, dachte sie.
Unerklärbare
Hitze stieg in ihren Körper, gefolgt von eisiger Kälte, die sie zittern
lies, sodass neben dem Herzschlag das leise klappern ihrer Zähne zu
hören war.
Noch nie hatte sie so gefühlt und noch nie war ihre Angst größer.
Neben
seiner fesselenden Schönheit und dem unfassbar wundervollem Gefühl von
Geborgenheit, dass sie in seiner Nähe empfand, füllte sein Dasein sie
mit unglaublicher großer Angst. Fast schon Verzweifelung.
Wer hätte ihr garantieren
können, dass er nicht jeden Augenblick verschwindet, wie Licht in der
Dunkelheit? Dass dieser Moment nicht plötzlich verfliegt, wie Staub im
Wind?
Sie wollte bei ihm sein, für immer und ohne Kompromisse.
Ihr
war jetzt nicht mehr kalt und doch zitterte sie stärker als zuvor.
Diesmal vor Angst, diese unerträgliche Angst ließ immer mehr Tränen in
ihre Augen schießen und keine klare Sicht mehr zu.
Ihr Blick war
gesenkt und auf seine hellgrauen Turnschuhe gerichtet sie nahm nur noch
Farben wahr und undeutliche Formen.
Die Nässe machte ihre Augen immer
schwerer bis sich letztendlich ihre müden Augenlieder über ihre roten
Pupilen legten.
Sie wollte schlafen, doch viel lieber wollte sie in
seiner Nähe sein.
Es wäre ein undenkbar dummer Fehler gewesen die Zeit damit zu
verbringen von ihm zu träumen, während sie ihn leibhaftig und real an
jeder Stelle ihres Körpers spüren konnte. Fast so wie Gänsehaut. Nur schöner. Deswegen
musste sie gegen ihre Müdigkeit ankämpfen und sie wusste sie würde
diesen Kampf gewinnen, denn das Verlangen nach ihm war um einiges
größer als die Müdigkeit.
Trotzdem war es unglaublich absurd was da grade geschah. Und
zwischen Traum und Wirklichkeit wurde sie von seinen ruhigen, kräftigen
Atemstößen geweckt, die warm und angenehm ihr Ohr streichelten.
Sie sah ihn jetzt wieder an und ihre schwarz veschmierten, roten Augen sprachen Bände.
Er konnte daraus lesen wie sehr sie sich quälte. Zum einen mit der Müdigkeit aber vielmehr noch mit der Angst.
Er
lächelte. Und egal wie verschwommen alles ausgesehen hatte, auch bei
finsterer Nacht.. Sein Lächeln hätte sie immer zwischen allem anderen
erkannt.
Es war zauberhaft.
Langsam verschwand sein Lachen.
Seine vollen, rosanen Lippen formten sich zu einem Kussmund und drückten
sich vorsichtig auf ihre glühend heiße Stirn.
"Ich beschützte dich," flüsterte er, so leise das nur sie es hören konnte.
Seine Worte klangen noch lange in ihren Ohren nach. 'Ich beschütze dich' halte es in ihrem Kopf. Doch was sollte sie bloß anfangen mit diesem Satz. Es klang so absurd aus seinem Mund. Schließlich war das Einzige wovor sie Schutz suchte er selber.
Sie war zu starr um antworten zu können, sie fühlte noch immer seine
Lippen auf ihrer Haut, ob gleich sie nicht mehr da waren.
Und sie war zu schwach um sich zu bewegen.
Doch ihm war es egal, dass sie nicht auf seine Gesten reagierte.
Solang sie bei ihm blieb wusste er, er hatte nichts verkehrt gemacht.
Jetzt streckte er auch seine andere Hand nach ihr aus.
Und wie von allein fasste auch sie zu, um ihn mit beiden Händen zu halten.
Doch er hatte viel mehr Kraft als sie. Doppelt so viel, da jeder Muskel ihres Körpers schmerzte.
Und
er befreite sich aus ihren Finger und legte seine starken Hände locker
um ihre Hüften. Sie war ganz schmal und viel kleiner als er.
Ihre
schlanken, kleinen Finger umfassten seine Oberarme mit aller Kraft die
sie noch besaß, doch er spürte sie kaum. Allein ihre Wärme und ihre
zarte, glatte Haut, die sein leises Herz lauter und höher schlagen ließ, nahm er wahr.
Sie wollte es noch
viel deutlicher hören, das Schlagen seines Herzens, und lehnte ihren dröhnenden Kopf an seine harte,
heiße Brust. Für einen Moment lang spürte sie sich selbst nicht mehr.
Sie spürte rein garnicht bis auf seinen verführerischen Geruch der sich langsam in ihre Nase schlich und ihre Sinne benebelte.
Nicht
zu vergessen sein Herz das wie wild an ihre Brust klopfte und in ihren
Ohren das schönste Geräusch war, das sie jemals wieder hören würde,
selbst schöner als seine Stimme, die wie Musik ihr Trommelfell umspielt
und sie bis in jede Pore ihres Körpers erreicht.
Und so standen sie
da und regten sich kaum, alles war stumm. Sie nahmen nur sich selber
wahr, egal wie laut und tobend es im Hintergrund zuging. Es interessierte
nicht.
Alles was sie brauchte war er.
Sie wusste vielleicht war es falsch..
Er hatte sie schoneinmal verlassen. Doch sie hätte ihm niemals wiederstehen können.
Sie wusste, sie würde immer wieder zu ihm zurück kehren..
Er war ihr Zuhause. Er war wie das Gift das durch ihre Adern fließt. Tödlich. Doch sie war süchtig.
Sie wusste er hätte sie benutzen können, doch er hat sie in ihren Bann gezogen, wie kein zweiter es jemals tuhen würde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.03.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Andreas Vierk schreibt seit seinem zehnten Lebensjahr Prosa und Lyrik. Er verfasste die meisten der Gedichte des „Septemberstrands“ in den Jahren 2013 und 2014.

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