Martina Bongartz

Lebenswege

Lebenswege
Niemand hatte geahnt, dass alles so kommen würde…Ich –Malina Späth, 16 Jahre, 1,70m groß, nicht ganz schlank, schwarzgefärbte Haare, mit vielen Pickeln übersät-war bis vor kurzem ein Mauerblümchen. Was ist aus mir geworden? Vor einigen Wochen sah mein Tag so aus:
Früh um 6 klingelte der Wecker. Ich konnte drauf warten, dass meine Mutter- eine berufstätige, ständig gestresste Frau, die damit zu tun hatte, ihr wahres Alter zu beschönigen- ca.2 Minuten später die Tür zu meinem Zimmer aufriss und mit ihrer dröhnenden Stimme rief: „Lina, komm endlich. Du verpasst die Schule!“ Natürlich wollte ich um nichts in der Welt das Wichtigste in meinem Leben verpassen. So quälte ich mich brav aus meinem Bett, tapste mit halbgeschlossenen Augen ins Bad und versuchte dort mein Spiegelbild, so gut es ging, zu ignorieren. Meist reichte die Zeit nicht mehr fürs Frühstück und ich setzte mich auf mein Rad, mit dem ich seit Jahren bei Wind und Wetter zur Schule fuhr.
Meine Klasse war ätzend- die Jungs noch ziemlich kindisch, die Mädchen allesamt kleine Zicken, die keine Gelegenheit ausließen, sich auf meine Kosten zu amüsieren. Nina, die neben mir saß, war vor einigen Jahren meine beste Freundin. Sie lungerte mit mir in Parks herum, wir sausten mit unseren Rädern durch riesige Pfützen oder saßen stundenlang gemeinsam vorm Fernseher und sahen uns langweilige soaps an. Im vorigen Jahr begann sich Nina zu verändern. Eines Tages kam sie mit Minirock in die Schule und verkündete, dass sie ab jetzt für meine Kindereien keine Zeit mehr hätte. Mit jedem weiteren Tag entfernten wir uns Stück für Stück voneinander. Sie traf sich nachmittags mit den anderen Mädchen und mir fiel nicht mal ein Thema ein, über das ich mich mit ihr unterhalten könnte. So wurde ich immer einsamer…
Ich war in der Schule nicht schlecht, aber trat kaum in Erscheinung, weil ich mich fürchtete, dass alle ihre Blicke auf mich richten, wenn ich was sage. Ich wusste, dass ich keine Schönheit war, aber mussten mir das alle ständig so deutlich sagen? Am meisten nervte die Lehmann, meine Klassenlehrerin. Die mit ihren Sprüchen von ungenutzten Fähigkeiten. Die wusste doch gar nicht, was in mir vorging-dass ich gar nicht wollte, dass mir jemand half.
Nach der Schule ging es wieder nach Hause. Es war meist niemand da, wenn ich ankam. Mein Vater arbeitet als Ingenieur im Ausland. Da verdient er eine Menge Geld, das meine Mutter wiederum braucht, um sich ihre Jugend „zurückzukaufen“. Sie arbeitet halbtags in einem Kosmetiksalon und kommt erst nach dem Mittag heim, Oft besucht sie noch ihre Freundinnen- allesamt aufgeblasene, mit Make up zugespachtelte Schachteln-die immer einen netten Rat für mich hatten, damit ich mich endlich ihrem Ideal von Schönheit nähern würde. So verbrachte ich meinen Tag meist allein in meinem Zimmer, schrieb in mein Tagebuch, machte Hausaufgaben und vergrub mich anschließend im Chat. Zwischendurch gab es ein paar Leckereien, die ich oft wahllos aus dem Kühlschrank oder unserem Süßigkeitenschrank nahm. Abends hörte ich dann meine Mutter in der Küche mit Geschirr klimpern und wusste, dass es gleich Zeit zum Abendessen wäre. Schrecklich- denn nun kam der Teil des Tages, den ich am meisten hasste! Mutter fing an ihre Fragen zu stellen und sie wollte genaue Antworten: Wie geht es in der Schule? Hast du Probleme? Hast du einen Freund? Hatte ich das Verhör überstanden, konnte ich mich wieder in mein Zimmer zurückziehen und bis zum Einschlafen ungestört chatten.
Am nächsten Morgen ging die Tretmühle wieder von vorn los.
Ich weiß noch, dass es an einem dieser Abende war, die immer gleich verliefen. Nach dem Abendessen verzog ich mich schnell in mein Zimmer, um weiteren Fragen meiner Mutter schnell aus dem Weg zu gehen. Ich suchte im Netz ein bisschen herum und fand einen Link zu einem Chat der einsamen Herzen. Eigentlich war ich nicht auf der Suche und ich war mir sicher, dort nur alte Greise anzutreffen. Aber die website machte mich neugierig. So stieg ich ein- ein nickname war schnell gefunden- und machte mich mit den Leuten in der community bekannt. Da waren wirklich tolle Typen dabei- in allen Altersklassen. Während ich mich so durch die Meldungen las, fiel mir ein Teilnehmer besonders auf. Er schrieb von seinen Plänen, ein Jahr im Ausland arbeiten zu wollen, wenn er seine Ausbildung zum Konditor beendet hätte. Das war noch nichts Außergewöhnliches, aber als ich las, wie dessen Alltag aussah- morgens um 4 aufstehen und anschließend der pure Stress- fragte ich mich, wer um alles in der Welt sich so einen Beruf aussucht, bei dem man überhaupt keine Freizeit mehr hat. Immer öfter schrieben wir uns außerhalb des Forums, wahrscheinlich gefiel ihm meine Neugier. So stellten wir fest, dass wir sogar in der gleichen Stadt wohnten. Nun war vorauszusehen, was kommen musste. 4 Wochen lang schrieben wir uns täglich. Inzwischen wusste ich, dass Nils- so hieß er nämlich-19 war und in einer Konditorei ein paar Straßen weiter arbeitete. Auf meinem Schulweg versuchte ich nun täglich, ihn zu Gesicht zu bekommen, aber trotz meiner regelmäßigen Kuchenkäufe konnte ich keinen Blick auf ihn werfen.
Er hatte sich als ein 1,80m großer, sportlicher Mann mit blonden Haaren beschrieben. Jeden Abend versuchte ich mir nun sein Gesicht vorzustellen. Dann war es soweit. Wir sollten uns an einem Nachmittag im Park treffen. Stundenlang grübelte ich, was ich anziehen sollte, meine Jeans und die weiten Pullover schienen mir alle zu hässlich. Im Bad kramte ich in den Kosmetiktaschen meiner Mutter. Nach einer Stunde betrachtete ich das Ergebnis: ein lächerlich bemalter Clown, der in einer viel zu engen Jeans und in einer alten Bluse, die ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr getragen hatte, steckte. Vor Verzweiflung hätte ich heulen können. Nein-ich würde mich nicht verkleiden. Also rein in meine bequemen Jeans, in meinen Lieblingspullover und in meine Turnschuhe. So machte ich mich auf den Weg. Mein Herz klopfte mit jedem Schritt schneller. Was, wenn ich ihn enttäuschen würde? Würde er mich einfach stehen lassen?
Mit solchen Gedanken im Kopf betrat ich den Park. Langsam schlich ich mich bis zu unserem Treffpunkt heran und versteckte mich hinter einem Baum. Meine Blicke schweiften umher, bis sie an einem großen, blonden jungen Mann hängen blieben. War er das? Ich sah einen umwerfend aussehenden Typen, der garantiert jedes Mädchen rumkriegen würde. Sollte ich zu ihm gehen? Ich schämte mich in meinem Outfit, in dem ich mich nun gar nicht mehr sicher fühlte. Vielleicht würde er sich einfach umdrehen und gehen, wenn er mich sähe…
Als ich hinter dem Baum hervortrat, dachte ich, meine Knie würden zusammensacken. Sein Blick fiel auf mich und mit einem wunderschönen Lächeln begrüßte mich Nils. Als ich in seine Augen sah, merkte ich, wie mir heiß wurde und meine Gesichtsfarbe nahm ein leuchtendes Rot an. Wie peinlich! Ich stammelte etwas von Verspätung und Entschuldigung. Dann setzten wir uns auf eine Bank. Zum Glück wusste Nils sofort, wie er das Gespräch in Gang setzen konnte. Er machte das mit solchen Treffen sicher nicht zum ersten Mal. Nach und nach löste sich meine Verklemmung und wir sprachen über unsere Familien, seinen Job, meine Schule und kamen auch auf unsere Freizeit zu sprechen.
Nils ging regelmäßig joggen, wenn er von seiner Arbeit kam. Am nächsten Tag lief ich zum ersten Mal mit. Schon nach wenigen hundert Metern war ich außer Atem. Nils konnte so schön trösten und schon deshalb ließ ich mich überreden, nun täglich zu laufen. Mit der Zeit machte es richtig Spaß. Nach dem Joggen liefen wir beide jeweils nach Hause zum Duschen und trafen uns danach noch zu einem Kaffee. Ich war mächtig stolz, mit so einem gutaussehenden Typen in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Eines Abends saßen wir wie immer in unseren Eiscafe, als die Tür aufging und drei Mädchen aus meiner Klasse hereinspaziert kamen, sie waren gestylt, als ob sie zum Modelcasting wollten. Sina, die Eingebildetste von allen, grüßte mich plötzlich mit einem Engelsblick, kam zu uns und gab uns beiden die Hand. Dabei taxierte sie Nils wie einen Schinken in der Auslage eines Metzgerladens. Er ließ sich nicht verunsichern. Warum auch? Als wir gehen wollten, winkte Sina uns noch zu. Dieser Augenblick veränderte mein Leben.
Am nächsten Tag erwarteten mich in der Schule alle Mädchen meiner Klasse mit der Frage, wer das wohl gestern gewesen sei. Sie hätten mir nie zugetraut, einen solchen Typen aufzureißen und, und, und…Ehrlich gesagt, gefiel mir ihr Interesse an mir. Keine ließ sich über meine Unzulänglichkeiten aus, wen interessierten jetzt noch meine überflüssigen Pfunde oder meine Pickel? Mit jedem neuen Tag wuchs mein Selbstbewusstsein. Mein Leben machte Spaß. Nils hatte mir geholfen, mein Leben zu verändern. Ich mochte ihn sehr, aber es funkte zwischen uns nicht wirklich. Er erzählte viel von anderen Mädchen, hatte da schon eine Menge Erfahrungen, was mir nicht gefiel. Wahrscheinlich hätte Sina, meine Mitschülerin, gut zu ihm gepasst. Nils und ich wurden gute Freunde, zum Joggen trafen wir uns noch immer.
In der Schule war vieles anders geworden. Von meinem gesparten Taschengeld ging ich mit meiner Mutter shoppen. Ich wehrte mich nicht gegen ihre bauchfreien Tops, den Minirock und die Stiefel, die sie mir aufschwatzte, im Gegenteil. Beim Anprobieren fühlte ich mich darin sogar wohl. Wo waren meine Speckröllchen hin? Zum ersten Mal seit langem sah ich mir im Laden dieses Mädchen im Spiegel genauer an. Groß, schlank, kaum ein Pickel zu sehen- ich war zufrieden mit mir. Ein Gefühl, das ich vorher gar nicht kannte. Da sah ich plötzlich einen tollen Typen, der ein paar Meter weg stand und mich genauso im Spiegel betrachtete wie ich mich…
  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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