Ewald Frankenberg

die dunkle Seite

Die dunkle Seite

Ich habe Glück. Ich habe ein solches Glück. Vor gerade einmal acht Wochen ging meine Beziehung in die Brüche. Vielleicht war ich daran auch nicht ganz unschuldig. Aber das ist ja jetzt alles egal.

Vor drei Wochen lernte ich Marga kennen. Einfach so. ich habe mich nach dem letzten Reinfall nicht bemüht. Wir standen nebeneinander an der Tanzfläche, und aus dem Anlächeln wurde ein intensives Gespräch.

Ich war noch nüchtern, wohlgemerkt, da kann ich das garnicht, aber es passte einfach mit uns. Sie hatte die gleichen Themen wie ich. Da war die Umwelt, die Medienkritik, die Abneigung gegen kriegführende Regierungen, auch die Unsere, und da war der Umgang mit anderen Menschen, und dass Jedem ohne Ansehen erst einmal der gleiche Respekt entgegenzubringen ist.

Das Gespräch fand seinen Fortgang in ihrer WG, und auch da konnte ich noch mitreden, immer noch fast nüchtern, denn es wurde kaum getrunken und auf den Joint verzichtete ich als Nichtraucher, ohne mich ausgegrenzt zu fühlen. Und was später mit ihr allein in ihrem Zimmer abging, das war die Realwerdung meiner aufregendsten Erotikphantasien. Gleich in der ersten Nacht. Mit einer Frau, die ich sechs Stunden vorher noch nicht einmal kannte.

Und unsere Beziehung hat noch an Tiefe gewonnen. Wir reden immer noch. Es ist mehr als nur der Sex, auch wenn ich jetzt hier, auf dem Wege zu ihr, in Gedanken schon dort, im Bus sitzend fast meine Hose sprenge.

Ich habe ein Photo von ihr in der Hand. Sie hat mir ein Aktphoto von sich geschenkt. Na ja, es ist nur ihr Oberkörper drauf und ihr dickes, langes Haar verdeckt ihre kleinen, runden Brüste. Aber ich weiß, wie sie darunter aussieht. Das wissen wohl nur wenige.

Meine eine Hand hält das Bild, die andere liegt im Schoß, so dass ich, für meine Mitfahrer unsichtbar, durch Gewichtsverlagerungen mit dem Unterarm meine Erektion massieren kann.

Die Frau ist halt absolute Spitze. Und sie ist meine. Ein ganz großes Stück weit meine Traumfrau. Nur meine. Nicht so, wie Lena, meine Ex.

Eigentlich hatten auch wir eine große Zeit. Wir waren das viertel Jahr fast jede Nacht zusammen, aber irgendwie nörgelte sie dauernd herum, sie müsse auch mal ihre Freundinnen treffen, ihre Freunde. Von wegen. Am Ende war ich mir nicht mehr sicher, ob das immer noch ich war, oder ob es einer ihrer Freunde war, nach dem sie schmeckte.

Marga ist da ganz anders. Eine so große Gemeinsamkeit, ein so großes Vertrauen von Anfang an hat sie noch nicht erlebt, sagt sie. Also kann ich ja so verkehrt gar nicht sein. Diesmal hab´ ich die Richtige gefunden. Es kribbelt im Bauch und der Gedanke an sie verursacht wohlige Schauer. Nur noch drei Haltestellen bis zu ihr.

Ab und an ist sie etwas zurückhaltend. Aber ich bin mir sicher, wir könnten sofort zusammenziehen. Na ja, sie studiert und hat nicht immer für mich Zeit. Klar, sie muss lernen. Aber ich könnte auch ganz still hinter ihr sitzen, mich nur an ihrer Nähe erfreuen. Es muss ja nicht immer Sex sein.

Obwohl, wenn ich mir ihr Bild so anschaue. Es könnte schon immer Sex sein. Es macht ihr auch Spaß mit mir. Sagt sie. Und ich gönne ihr neidlos ihre Erfahrungen mit anderen, sonst könnte sie auch nicht beurteilen, was sie an mir hat.

Wer hat eigentlich das Photo gemacht. Und für wen. Das Bild gab es schon, als sie mich noch garnicht kannte. Man muss doch schon einigermaßen hemmungslos sein, wenn man sich vor einem Fremden auszieht und dabei eine solche Freude ausstrahlen kann. Vielleicht hat es ja auch ihr damaliger Freund gemacht. Egal, damit ist es vorbei, und jetzt habe ich es.

Ha, ist das etwa so etwas wie eine Staffel, die beim Wechsel weitergegeben wird. Oder wie viele Abzüge gibt es davon. Und ihr Ex sitzt jetzt daheim, wie ich hier im Bus mit dem Photo in der Hand und holt sich einen runter. Bei der Vorstellung krampft mein Magen leicht. Das Schwein hat das Photo bestimmt nicht zurückgegeben.

Aber ich freue mich so über sie, so sehr auf sie. Das wird nicht weniger. Das wird immer mehr, je länger wir zusammen sind, je näher ich ihr komme. Das Beste, was mir passiert ist.

Ob ihre Mitwohnies auch wohl dieses Photo kennen oder haben. Zu dritt sind die Jungs eindeutig in der Überzahl. Hoffentlich lassen die sie in Ruhe. Wie ist das denn, wenn man mit einer solchen Frau zusammenwohnt? Meine WG – Phantasien, begründet in den klischeehaften Vorurteilen meiner Eltern, beinhalten jeden Abend Sex, mit wechselnden Partnern. In meiner WG wären natürlich die Frauen in der Überzahl.

Ob sie auch aus diesem Grund mit drei Männern in einer WG wohnt. Noch zwei Haltestellen und ich kann sie das fragen. Ach Quatsch, jetzt hat sie ja mich, das ist bestimmt besser als drei.

Sie ist einfach klasse. Und wenn ich es bei ihr richtig anstelle wird sie hemmungslos und unersättlich. Aber wenn sie zwischendurch auf Klo geht, könnte sie doch mehr als nur den Slip überziehen, auch wenn ihre tollen Haare sie verdecken. Obwohl, ich bin schon sehr stolz auf sie, dass sie sich das erlauben kann. Ich bin so verliebt.

Oder will sie ihre Mitwohner vielleicht provozieren. Oder mich warnen, dass sie jeden haben kann. Und was heißt überhaupt, ruf mich an, bevor du vorbeikommst. Mir wird ein wenig flau und kalter Schweiß, wie Vorbote einer Ohnmacht, bildet sich im Nacken unter meinem Haaransatz. Von meiner Erektion ist nichts mehr da bis auf einen feuchten Fleck.

Nur noch eine Haltestelle, dann kann ich sie in den Arm nehmen und alles ist in Ordnung. Wenn man richtig verliebt ist, ist es doch normal, dass man auch mal zweifelnde Gedanken hat. Ich bin nicht eifersüchtig oder so, aber ich bin schon zu oft reingefallen, reingefallen auf scheinheilige Frauen, die ganz verliebt tun, um sich sofort den nächsten zu greifen, kaum dass ich aus der Tür bin.

Es hat ja schon etwas flittchenhaftes, dass sie gleich am ersten Abend mit mir ins Bett ist. Aber es hat halt gepasst bei uns. Es hat sich nur ergeben, weil wir uns insgesamt gut verstanden.

Ich freu mich, bis gleich, ich dusch noch schnell und dann bin ich für dich bereit, hat sie am Telefon gesagt. Na, wenn das keine Verheißung ist. Aber warum muss sie duschen. Ich kann sie gut riechen. Ich steige aus dem Bus und gehe in den Blumenladen an der Haltestelle. Mit einem Strauß Tulpen kann ich ihr sicher eine Freude machen. Sie hat ´s verdient.

Die Jungs in ihrer WG sind auch alle Studenten. Die können auch alle gut reden. Argumentativ sicher ausgefeilter als ich. Ich verbreite meine Meinung mehr aus dem Bauch heraus. Und der zieht sich gerade etwas zusammen, bei dem Gedanken wie man mit tollen Reden bei ihr Eindruck schinden kann.

Das wissen die Jungs sicher auch. Ob sie sie sich teilen. Ich muss meinen Griff etwas lösen, sonst zerquetsche ich die Tulpenstiele. Ich sollte mir nicht solche blödsinnigen Gedanken machen.

Aber ich weiß auch, wie heiß Marga sein kann und wie sie dann abgeht.

Ruf vorher an, wenn du mich sehen willst.

Es spricht aber doch für mich, dass sie mich will und keinen von den Anderen. Was soll dann diese durchfallverheißende Unsicherheit. Oder bin ich etwa nur die Zugabe. Man weiß doch, dass Studenten bis Mittags im Bett liegen, und wenn ich morgens um sechs raus muss holt sie sich die Anderen in das warme Bett. Klar.

Ich klingele.

Hej, lacht sie durch die Sprechanlage, ich bin gleich fertig, zieh mir nur noch was an.

Klar.

Wie kann es anders sein. Den ganzen Tag nackt herumlaufen. Jeder darf mal, wenn er Lust hat, und dann komme ich. Ist gut jetzt, Jungs, ich zieh mich an, bis morgen früh müsst ihr euch jetzt zurückhalten. Aber dann, ihr kennt mich doch.

Die Jungs brauchen ja auch mal ´ne Pause. Und ich bin dann der Lückenfüller. Zitternd krieche ich drei Stockwerke hoch.

Ich freu mich schon auf dich, hat sie gesagt.

Klar.

Frauen sind doch alle gleich. Die wissen, wie man uns einmacht. Ich bin ja so naiv.

Ich verdecke meinen Zorn mit dem Blumenstrauß. Vielleicht ist bei ihr doch alles anders.

Hej, du bist ja ein Schatz, strahlt sie mir entgegen. Blumen, du bist so lieb, das Beste, das mir passieren konnte.

Klar, strahle ich zurück, als sie wie ein Engel vor mir steht.

Und schon wieder eingemacht, denke ich zornig, schlage ihr den Strauß Tulpen ins Gesicht, „du gottverdammte Schlampe“ und breche ihr mit einem gezielten Kopfstoß das Nasenbein.



 

©Ewald Frankenberg 04.2012

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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