Fred Schmidt
Des Dichters Rose
Da wollten wir unseren Vorgarten neu gestalten und verschönern. Zwei sogenannte Lebensbäume mussten weg. Sie spendeten uns Schatten und schützten uns gegen den Lärm der Straße. Aber sie nahmen zu viel Raum ein, machten zu viel Dreck, und jedes Jahr mussten sie beschnitten werden, wobei aber nur immer vier bis fünf Zentimeter runtergeschert wurden, weil sonst ihr vertrockneter, brauner Untergrund zum Vorschein kam. Das war ihr Trick, um jedes Jahr größer zu werden, und nach zwölf Jahren mussten wir die Leiter anlegen und einen Obdachlosen beschäftigen, um die Bäume im Griff zu behalten. Außerdem fuhren auf der Straße, die ohnehin eine Sackgasse war, nur etwa drei Autos pro Tag. Also kaum Lärm. Dann waren wir’s leid, sie mussten weg! Aber wie? Auch dazu brauchten wir Hilfe. Um sie abzuholzen, umzulegen, zu zerkleinern, abzutransportieren zwanzig km auf die Kippe für Grünzeug.
Übrig blieb dann eine Mauer plus ein 1-m-hoher Eisenzaun und offene Sicht zur Straße und von der Straße in unseren Vorgarten. Da wir nicht wollten, dass man uns beim Essen im Sommer – und wir haben in der Haute Provence viel Sommer – auf den Teller schaute, mussten Holzpanele als Sichtschutz her. Ein teurer Spaß, der jedoch dadurch enorm reduziert wude, dass unser Gärtner sein Geschäft verlagerte und alle Vorräte loswerden wollte. Ersparnis ca. 550 €.
Endlich war es soweit. Der gewonnene Raum in unserem Vorgarten musste mit Blumen bepflanzt werden. Rosen! Das war der Wunsch meiner Frau. Kletterrosen, die an der Mauer und an den Sichtschutzpanelen hochranken würden. Also machten wir uns auf die Suche.
Und dann fanden wir sie: Pierre de Ronsard. Das war sofort unsere Wahl. Warum? Als der Gärtner sie benannte, erkannte ich gleich den Dichter des 16. Jahrhunderts, einer der bekanntesten der französischen Literatur, und sogleich fingen der Gärtner und ich als Käufer an, sein berühmtes Gedicht zu zitieren, das in Frankreich jeder kennt und ich hier einmal selbst übersetzen will:
Süße, geh’n wir schau’n, ob die Rose,
die heute Morgen setzt’ in Pose
ihr Purpurkleid in der Sonne reich,
nicht heut’ Abend schon hat verloren
die Falten ihres Kleides so erkoren
und ihren Teint, dem deinen gleich.
Ach! Schau, wie in so kurzer Zeit,
Süße, sie auf der Stelle allbereit,
ach! ach! all ihre Reize fallen ließ!
Oh Rabenmutter Natur fürwahr,
dass so eine Blume sie morgens gebar
und abends sie schon sterben hieß!
Du kannst mir also glauben, Süße,
solange dein Leben steht in voller Blüte
und es kann frisches Grün entstehen,
genieße, genieße deine Jugendzeit:
wie für die Blume das Alter ist nicht weit
und deine Schönheit lässt vergehen.
Natürlich klingt es im Originaltext viel schöner. Aber die deutliche Nachricht des französischen Renaissance-Dichters kommt auch in der Übersetzung deutlich rüber, das aus der Römerzeit angesichts der Vergänglichkeit überkommene „carpe diem“, „pflück den Tag“, nutze ihn, genieße ihn, solange du kannst. Wie so viele Dichter beschäftigte dieses Thema Pierre de Ronsard, insbesondere da er schon früh erkrankte und alterte, sein Gehör, Haare und Zähne verlor. Und deshalb kam er wohl auch nicht bei der „Süßen“ zum Zuge und konnte ihr nur raten, ihre Jugend zu nutzen. Man hat sie übrigens nie identifizieren können.
Eines allerdings hat Pierre de Ronsard nutzen können: seine Dichtkunst, die ihm in jeder französischen Gedichtantologie einen sicheren Platz garantiert, zumal er Beachtliches für die französische Sprache geleistet hat.
Und jetzt warten wir darauf, dass diese wunderbare rosa-weiße Rose mit dem berühmten Namen unseren Garten ziert und ihre Blüten doch nicht so schnell verwelken, wie es der Dichter beklagt. Wir werden uns dann hinsetzen, ihren Duft genießen und uns gleichzeitig an Ronsards kunstvoller Lyrik erfreuen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.04.2012.
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