Manfred Bieschke-Behm

Wo warst Du gestern Abend?


Gleich stecke ich den Schlüssel in das Schloss, um so die Wohnungseingangstür zu öffnen. Ich trete ein, und fühle mich gleich wie zu Hause. Schon den ganzen Tag habe ich mich auf das Wiedersehen mit Karin gefreut. Trotz der Vorfreude befällt mich ein leichtes Unbehagen. Viel zu oft war es in der Vergangenheit passiert, dass ich, wenn wir uns tags- oder abends zuvor nicht gesehen hatten, mit der Frage empfangen wurde: „Wo warst Du gestern Abend?“ Häufig erreicht mich diese Anfrage noch, bevor ich Karin überhaupt zu Gesicht bekam.
Obwohl es ein immer wieder kehrendes Ritual ist, fühle ich mich, ohne einen Grund dafür nennen zu können, unwohl. Viel lieber würde ich von Karin hören: „Schön das Du da bist“ oder „Ich freue mich auf das Wiedersehen“. Aber nein, stattdessen kommt die abgedroschene provozierende Frage: Wo warst Du gestern Abend?“
Manchmal passiert es, das mir diese Frage etwas später – nach der Begrüßung – gestellt wird aber das diese Frage einmal ausfällt, passierte, soweit ich mich erinnern kann, nie.
 
Ich erinnere mich an die lange Diskussion, als es darum ging, ob wir uns täglich sehen wollten oder nicht. Letztendlich fassten wir beide den Entschluss, uns gegenseitige Freiräume zu lassen. Wir waren beide davon überzeugt, dass es unserer Beziehung gut täte, wenn es hin und wieder Tage und Nächte gäbe, die wir getrennt verbringen würden.       
Seit diesem Übereinkommen sind bereits mehreren Wochen und Monate ins Land gezogen ohne das einer von uns daran etwas hätte ändern wollte. Also was soll dann diese Kontrollfrage "Wo warst du gestern?" Ist es Eifersucht? Oder Vertrauensverlust? Was will Karin von mir hören? Oder besser gefragt, was erwartet sie, dass ich zu verheimlichen habe? Ich merke, wie unaufhaltsam Wut in mir aufsteigt und mir der Spaß an einem gemeinsamen Abend langsam vergeht.
 
Fast mechanisch hänge ich meinen Mantel auf den Garderobenhaken. Ich lege meinen Wohnungsschlüssel in die kleine Holzschale, die auf dem Dielenschränkchen steht, und in dem sich bereits Karins Schlüsselbund befindet, und betrete das Wohnzimmer.
Verwundert nehme ich zur Kenntnis das kein „Wo warst Du gestern Abend?“ zu hören ist. Ich fühle mich verunsichert. Ich bin auf die Frage eingestellt, und sie kommt nicht? Gleichzeitig spüre ich, dass ich nicht genau weiß, wie ich reagieren sollte.
 
Im Wohnzimmer kann ich nichts Ungewöhnliches feststellen. Bis auf die Tatsache, dass über der Stuhllehne, das von mir so geschätzte rote Kleid liegt. Bei näherer Betrachtung scheint es mir nicht zum Anziehen hingelegt, sondern es wurde eher ausgezogen abgelegt. Ich fühle mich merkwürdig berührt. Verunsichert. Gleichzeitig denke ich, dass Karin „das Rote" – und damit meine ich "unser Kleid“, heute für mich anziehen will, und nur noch nicht dazu gekommen ist. Aber fast gleichzeitig kommt mir die Idee in den Sinn, dass es gut möglich ist, das Karin "unser" Kleid gestern getragen hatte und es vor meinem Kommen vergaß, in den Schrank zu hängen. Ich versuche meine irritierenden Gedankensprünge zu beruhigen, in dem ich mir einredete zu früh nach Hause gekommen zu sein und Karin deshalb die Möglichkeit nahm „unser“ Kleid kurz vor meinem Kommen anzuziehen. Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir jedoch, dass ich nicht zu früh bin, sondern eher etwas verspätet.
 
Wo ist Karin überhaupt?
 
Obwohl ich dem geliebten Kleidungsstück keine Aufmerksamkeit beimessen will, zieht es meine Blicke magisch an. Fast detektivisch versuche ich die Lage und den Faltenwurf zu analysieren, um herauszufinden, ob das Kleid tatsächlich hingelegt oder eher abgelegt ist. Ich merke, wie meine Gedanken anfangen in eine Richtung zu gehen, die mir nicht gut tut.
 
Endlich kommt Karin ins Zimmer. Sie wirkt auf mich ein wenig „unaufgeräumt“. Sie erscheint mir irgendwie anders als sonst. Schon nett zu Recht gemacht, aber trotzdem ist da irgendetwas, das mich irritiert. Aber was es ist, lässt sich für mich im Moment nicht festmachen.
 
„Hallo Liebling, schön das Du da bist“ sagt Karin mit einem flüchtigen Lächeln zu mir. Das klingt für mich nicht sehr überzeugend. Eher ein wenig verkrampft zaghaft. Ich stelle ihr vorsichtig die Frage: „Geht es Dir nicht gut?“ und bekomme zur Antwort: „Doch, doch! Es ist alles in Ordnung. Ich fühle mich nur etwas abgespannt. Es war gestern später geworden, als ich wollte und außerdem hatte ich heute einen anstrengenden Tag“.
 
Während Karin mir das sagt, ertappe ich mich, wie ich mich wie fremdgesteuert dm Kleid nähere. Gerade als ich es berühren will, lenkt Karin mich von dem Vorhaben ab. Sie fragt mich unvorbereitet, ob es möglich wäre heute über unsere Vereinbarung, uns nicht jeden Tag zu sehen, reden könnten.
Ihr Wunsch kommt mir seltsam vor. Er macht mich nervös und deshalb kann ich ihn auch nicht richtig einordnen. Ich habe ein ungutes Gefühl aber dennoch willige ich ein, denn ich spüre, dass es ihr wichtig scheint, über unsere Vereinbarung zu sprechen.        
Eigentlich hätte ich Karin, während ich die Stuhllehne samt rotem Kleid mit meiner rechten Hand berühre, viel lieber gefragt: „Wo warst Du gestern Abend?“ Aber ich schlucke die Frage unausgesprochen hinunter und sage stattdessen: „Es freut mich, „unser Rotes“ zu sehen. Noch lieber wäre es mir, wenn ich dich darin bewundern könnte, denn letztendlich kommt es nicht darauf was wir glauben, sondern was wir wissen. (Das Letztere spreche ich nicht aus, sondern behalte es als Wahrheit für mich).

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