Inge Offermann

Liebe in einer Winterlandschaft

„Japanese Boy“, bei diesem einfachen, aber schwungvollen Diskohit, könnte man sich nichts dabei denken, ich schon. Bei diesem Lied lernte ich Gerhard kennen. Freitagabend, um halb zehn, in der „Nahkampfdiele“, wie das Terrassencafé auch genannt wurde.
 
Gerade war ich in eine Unterhaltung mit einem älteren Herrn und seiner blonden Nachbarin vertieft, etwas faul und müde nach zwei Gläsern Wein, und hatte mich damit abgefunden, dass mich heute niemand mehr auffordern würde, als er – schwarzhaarig und breitschultrig – mich zum Tanz bat. In diesem Moment lief gerade die Platte „Japanese Boy“. Begeistert drehte ich meine Runden und ließ mein langes „Dornröschenkleid“, erworben in einem Indienshop, schwingen. Die verschlafene Prinzessin war erwacht.
 
Abgelenkt durch die Musik pflegte ich nur oberflächliche Konversation, denn beim Tanzen konzentrierte ich mich lieber auf die Musik.
 
Schließlich fragte mein Begleiter, wo sich mein Platz befand, holte mich nochmals auf die Tanzfläche und setzte sich die letzte halbe Stunde zu mir, nachdem das andere Paar gegangen war. Jetzt, durch nichts mehr abgelenkt, konnte ich mich ihm besser widmen. Wir plauderten über Urlaub und Reisen. Er hieß Gerhard. Ein Name, der mir gefiel.
 
Zuletzt wollte er mich nach Hause fahren. Ich zögerte kurz, denn ich hatte nur fünf Minuten bis zum Kurheim, dann willigte ich schließlich ein. Sein Wagen parkte in der Nähe der Diskothek. So kam ich rechtzeitig beim Kurheim an, da der Ausgang bis 23:00 Uhr beschränkt war und ich dann wieder im Hause zu sein hatte. Wir verabredeten uns für Sonntagabend, da er samstags seinen Bahndienst versah. Ich freute mich schon auf das Rendezvous.
 
In der vorhergehenden Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum:
Vor genau vier Wochen hatte ich einen Kariben auf einer Tagung in Genf kennengelernt, in den ich mich kurzfristig verliebte. Ich durchträumte die Situation nochmals, doch wir verabschiedeten uns in einem Hotel. Trat ein anderer Mensch in mein Leben?
 
Am Sonntagabend zog ich mein leichtes Blaues an und ein golddurchwirktes Schultertuch über und machte mich, mit den für mich obligatorischen fünf Minuten Verspätung, auf den Weg.
 
Vor einer Telefonzelle wartete ich etwas angespannt. Mehrere rote Autos standen da. Ich wusste nicht mehr so genau, wie seines aussah. Jemand blinkte. Das konnte er sein, doch kurzsichtig, wie ich bin, war ich mir nicht sicher und wollte nicht zu einer falschen Verabredung hingehen. Nochmaliges Blinken, dann kam jemand auf mich zu, ich erkannte ihn erst aus nächster Nähe und entschuldigte mein Verhalten.
 
In der nahen Kleinstadt suchten wir ein geeignetes Lokal. Eine Weinstube, die ich vor einigen Tagen entdeckt hatte, war geschlossen, die „Pilsbar“ zu laut. Schließlich landeten wir in einer Pizzeria.
 
Bei einem Frizzantino erzählte er mir von seiner Arbeit und seinen Kollegen, von seinen Hobbies -Skifahren, Tennis, Surfen (was er erst seit einem Jahr begonnen hatte) - und seinen Reisen nach Mexiko, Persien, Indien, Ceylon, Tunesien, Algerien, Marokko, Italien, Spanien…
 
In Mexiko durfte er mit seinem Kumpel in die Küche gehen und in den Fleischtöpfen probieren. In Ceylon ließ er sich von einem Ladenbesitzer Coca Cola im Kühlraum servieren. Andere Kunden bekamen dadurch nichts mehr angeboten. Er liebte unkonventionellen, einfachen Urlaub, übernachtete in warmen Nächten teilweise im Auto, in einfachen Hütten oder im Zelt, Marimbamusik hörend. Seine Erzählungen regten meine Phantasie an.
 
Er zeigte mir auch Zaubertricks, z. B. einen Spielkartentrick, bei dem stets die erratene Karte erscheint (die Karten trugen immer zwei Farben), er ließ einen Kugelschreiber verschwinden und wieder auftauchen.
 
Flugs verging die Zeit an diesem unterhaltsamen Abend. Ihm erzählte ich von meiner Schreibwerkstatt, meinem Interesse für Indianer, meiner Wohnung und meinem Traum, eine Reise in die U.S.A. zu unternehmen.
 
Bedauerlicherweise musste ich zwischendurch auf die Uhr sehen, damit wir nicht zu spät aufbrachen. Er entpuppte sich als angenehmer Gesprächspartner.
 
Auf der Rückfahrt hielten wir unter einer Laterne. „Wann sehe ich dich wieder?“
 
„Wann du Lust und Zeit hast“, diese Antwort erschien mir locker und ungezwungen. Insgeheim wollte ich ihn gerne wiedersehen.
 
„Dienstag?“ „ In Ordnung.“ „Bekomme ich noch einen Kuss zum Abschied?“
 
Ich zögerte. „Eigentlich möchte ich keinen kurzfristigen Flirt. Das liegt mir nicht. Wenn ja, dann tanze ich lieber nur, weil ich das sehr gerne mache.“
 
„Ich glaube nicht, dass es nur ein kurzer Flirt wird.“
 
Ich vertraute ihm aus einem angenehmen Gefühl heraus. Zaghaft gab ich ihm einen Kuss, vermied es aber, dass er mich gleich eng berührte. Ich war nicht die Frau, mit deren man Empfindungen spielen durfte.

Dienstag. Tagsüber hielt das Wetter noch einigermaßen an, doch spätnachmittags setzte heftiger Schneefall ein. Wie ein dichter Vorhang fielen die Flocken. Die Hände in den Manteltaschen, die Kapuze übergestülpt, stand ich im Wartehäuschen einer Bushaltestelle.
 
Kam er? Wie sollte er bloß die 30 Kilometer lange Strecke mit Sommerreifen schaffen? Ich beschloss, bis um 21 Uhr zu warten. Danach würde es sich von der Zeit her für uns beide nicht mehr lohnen. Dann würde ich die „Nahkampfdiele“ aufsuchen.
 
Kurz von 21:00 Uhr erblickte ich sein Auto, erkennbar am hellen Seitenstreifen und dem Dachständer. Schnell lief ich hin, da er mich bei den Telefonzellen vermutete.
 
Die wohltuende Wärme beim Einsteigen in den Wagen machte mich wieder munter. Wir parkten auf dem Marktplatz. Die Stadt lag in tiefem Schnee. Dächer, Erker und Simse trugen weiße Kapuzen. Durch das gedämpfte Licht wirkten die Straßen romantisch wie auf einer Weihnachtskarte. Gerhard hatte seine Straßenkarte im Auto vergessen. Geduldig wartete ich. Als er wiederkam, nahm er mich überschwänglich hoch.
 
In einem gemütlichen Kellerlokal hielt sich kein Mensch auf. Der Zitterspieler musizierte nur für uns. Bei Kerzenlicht und Wein beugten wir uns über die Straßenkarte, während ich meinen Arm um seine breiten Hüften legte. Die Strecke des Hinweges war halsbrecherisch gewesen, wahrscheinlich musste er anders zurückfahren, und das mit Sommerreifen. Irgendwie fand ich es großartig, dass er für die kurze Zeit diesen Weg auf sich genommen hatte.
 
„Ohne zu übertreiben – wenn mir an dir nichts gelegen wäre, hätte ich diesen Weg heute Abend nicht zurückgelegt.“
 
Das stimmte. Der Wagen war schon vorhin auf der kurzen Strecke zur Stadt im Schnee gerutscht. Eine Strecke von 30 Kilometern über eine steile Anhöhe bedeutete ein Risiko. Das wurde mir bewusst, und das für ein kurzes Gespräch, ein Glas Wein und einige Minuten zärtlicher Umarmung. Hätte ich das riskiert? Wahrscheinlich schon, wenn es um einen Menschen geht, der mir etwas bedeutet.
 
„Ich finde es großartig, dass du in Schnee und Kälte auf mich gewartet hast. Du hättest auch ins Tanzcafé gehen können. Ich hätte dort vorbeigeschaut.“
 
„Wir haben allerdings diesen Treffpunkt ausgemacht. Wenn ich warten möchte, so warte ich. Die Kälte hat mich ziemlich erfrischt. Es wäre schade gewesen, wenn wir uns verfehlt hätten.“
 
Jetzt folgte das Interessanteste.
 
„Im April beabsichtige ich, ich nach Südamerika zu gehen, mit der Andenbahn zu fahren, Peru, Ecuador und Kolumbien, vielleicht auch Venezuela zu bereisen. Würde dich das interessieren?“
 
„Mich interessiert alles, was mit Amerika zusammenhängt, ausgenommen die Arktis. Ich habe viele Bücher über das Inkareich und vorinkaische Kulturen in dieser Hemisphäre gelesen, auch über die Urwaldstämme Amazoniens.“
 
„Aber nicht, dass du meinem Vorschlag zustimmst, nur weil er von mir stammt. Es sollte dir wirklich Spaß bereiten. Die U.S.A. interessieren mich zwar auch, aber ich kenne die Staaten bereits.“
 
„Ich kann es mir vorstellen, dich auf einer solchen Reise zu begleiten. Wie sieht es mit den Übernachtungen aus?“
 
„Ich würde einen Wagen mieten. Die Wagen fallen drüben größer wie unsere aus, so dass man auch bequem darin übernachten kann. Dadurch würden wir das Geld für Unterkünfte sparen. Bei der einheimischen Kost sollte man aufpassen, vor allem bei Früchten, Gemüse und Fleisch. Wir würden uns dann eher mit Konserven eindecken.“
 
Noch lange unterhielten wir uns über diese Urlaubspläne, die ich mir lebhaft ausmalte. Dabei geriet ich ins Träumen.
 
Das Wochenende verbrachte ich ohne Gerhard und unternahm Busausflüge in das herbstliche, jetzt wieder schneefreie Umland. Er tat am Wochenende Dienst und traf sich dann noch mit Kumpels oder seinen zahlreichen Bekannten.
 
In einem Tanzrestaurant in der weiteren Umgebung streiften mich interessierte Blicke, als ich mit ihm bei einem unserer Treffen tanzte. Er zog mich fest an sich. Wir tanzten wie ein Liebespaar, schließlich waren wir auch eines. Ich hatte das Gefühl, dass von uns eine Aura besonderer Harmonie ausging.
 
Eigentlich war es schade, dass Gerhard und ich uns wegen der knapp bemessenen Zeit nur in Lokalen oder zum Tanzen verabredeten.
 
An einem Freitag entlieh ich von der Stadtbibliothek Bildbände über eine Expedition nach Kolumbien, über Mittelamerika und Brasilien, die wir Montagabends in einer Weinstube durchblätterten. Die Weberinnen von Chichicastenango, der Atitlansee bei Sonnenuntergang, die Marimbaspieler, all das war Gerhard ein Begriff. Er lebte auf bei seinen Reiseerinnerungen. Wir träumten von einem Urlaub, weitab von europäischem Komfort in einem tropischen Land.
 
„Ich glaube, du bist die richtige Reisegefährtin“, meinte er.
 
„Bist du wirklich so sicher? Spaß machen würde es mir jedenfalls.“
 
„Ich denke schon.“ Seine Feststellung flößte mir Zuversicht ein.
 
Donnerstagabend kehrten wir kurz in der Pilsbar ein, danach gehörte uns die frostsilberne, sternklare Novembernacht. Diesmal benutzte ich Worte, die ich nur selten jemandem sage, weil ich diesen viel Bedeutung beimesse: „Ich liebe dich.“ Dies war aufrichtig gefühlt und gemeint.
 
Schon nachmittags war ich mit dem Rad gemütlich durch die wieder novemberbunte, sonnige Gegend gefahren, hatte in einem Lokal Gedichte geschrieben und an etwas Schönes gedacht.
 
„Es gibt etwas, das uns noch mehr verbindet.“ Ich wusste, wie er das meinte
 
Nach diesem Sternenabend erlebter Verbundenheit war ich statt sehnsüchtig verliebt eher ausgeglichen. Meine Anspannung hatte sich gelöst. Waren jetzt alle Gefühle versprüht wie eine Sternschnuppe oder verband uns wirklich mehr? Doch nach Stunden kehrte die Sehnsucht nach ihm zurück. Ich wollte dieses intensive Gefühl, dass ich schon seit September nicht mehr kannte, nicht verlieren. 
 
Dienstags fanden wir in der überfüllten „Nahkampfdiele“ nur noch einen Platz in der hintersten Ecke. Ich zeigte Gerhard noch einen Bildband über Mexiko, worin auch die schwimmenden Gärten von Xochimilco, die moderne Bibliothek von Mexico City, die Todesspringer von Acapulco sowie die Sonnen- und Mondpyramide abgebildet waren. Auch die felsige Küste Yucatans, die steilen Pyramiden Chichen Itzás und die feuchtheiße Umgebung Palenques kannte Gerhard. Er war wirklich ein weitgereister Mann.
 
Ihm fiel ein, dass er im Februar eventuell zu einem sportlichen Event in einem bekannten Wintersportort fahren würde. Er schlug vor, dass wir uns dann vielleicht dort treffen könnten. Daran hatte ich auf jeden Fall Interesse, da ich Ende Februar noch alten Urlaub nehmen konnte. Allein Planen und Träumen war etwas Schönes, auch wenn sich nicht alles durchführen ließ.
 
„Bis Weihnachten werde ich es beruflich sicher wissen, ob ich das Winterwochenende einplanen kann.““
 
„Erstaunlich, was wir uns alles vornehmen, Winterurlaub, Südamerika …“
 
„Gehen wir alles langsam an.“
 
Es war auch für mich überwältigend. Vieles stürmte auf mich ein.
 
Dann schwieg er eine Weile, sein Gesicht wirkte verschlossen, er schien sich in Urlaubspläne zu flüchten, statt Zärtlichkeiten auszutauschen. Innere Unruhe ging von ihm aus. Irgendetwas störte ihn heute. Fragend blickte ich ihn an.
 
„Ist etwas nicht in Ordnung?“
 
„Beruflich ging es die letzten Tage hektisch zu. Zuhause funktionierte die Heizung nicht, die ich noch wartete, bis der Schaden wieder behoben war. Mein Kumpel, dem ich bereits meine Mexico-Filme zeigte, rief wegen der nächsten Diashow an. Danach fuhr ich eiligst hierher, um dich zu treffen. Morgen steht wieder Nachmittags- und Nachtdienst an, der ausgefüllte Terminkalender lässt mir kaum noch Zeit für mich selbst."
 
Er hatte es nicht leicht, wollte aber nicht so ausführlich auf dieses Thema eingehen. Ich wollte auch nicht weiter in ihn dringen. Also sprachen wir von angenehmeren Dingen, damit der Abend harmonisch ausklang.
 
Freitags, bei unserem Nachmittagstreffen in einem Café, sah Gerhard abgespannt aus.
 
„ Habe vorhin einen Angehörigen im Krankenhaus besucht, der wegen eines Unfalls dort untergebracht ist, deshalb die Verspätung. Was unternehmen wir heute Nachmittag, Schwimmen im Hallenbad?“
 
„ Du wirkst ziemlich abgekämpft. Machen wir lieber einen Spaziergang.“
 
Wir fuhren in die Gegend, wohin ich die letzte Radtour unternommen hatte. Bunt leuchtete das letzte Herbstlaub an diesem Spätnachmittag. Über dem Hügelland lag goldener Hauch. Wir hakten uns wie ein vertrautes Paar ein, obwohl wir uns erst kurze Zeit kannten. Ich genoss seine schützende Nähe, seine Körperwärme.
 
„Diese Gegend kenne ich noch nicht,“ stellte er fest.
 
„So lernst du heute ein Stück Heimat mit mir kennen.“
 
Allmählich neigte sich die Sonne nach Westen, tauchte den Himmel in rotgoldene Töne. Ein Düsenjäger hinterließ einen Kondensstreifen am Himmel, der sich langsam auflöste. Das konnte Wetterumschlag bedeuten. Wir wanderten einen Weg unter hohen Pappeln entlang. Bei einer Bank hielten wir an. Ich fragte ihn, ob ich ein Foto von ihm machen durfte. Zu meiner Erleichterung willigte er ein. Anschließend kehrten wir gemütlich in den Ort zurück, was ich bedauerte, dieser Spaziergang hätte sich noch lange hinziehen können.
 
In einer Seitenstraße stand Gerhards Wagen, daneben mein Fahrrad.  Als er losfuhr, winkte ich ihm  nach. Auch dieser lauschige Winkel der Altstadt bedeutete bereits Erinnerung. Eine Sekunde trennte uns, schon gehörte der Abschied der Vergangenheit an. Aber ich besaß ein Foto von ihm in seinem Dienstanzug auf der Bank bei Sonnenuntergang.
 
Wieder ein Dienstag. Gegen 19:30 Uhr wollte er eintreffen, verspätete sich jedoch wegen einer Dienstsitzung. Er trug noch seine Diensthose und seine Aktentasche. Dieses Outfit passte gut  zu seinem Erscheinungsbild, gefiel mir noch besser an ihm wie Sweatshirt, Jeans und Turnschuhe.
 
Am Wochenende hatte Gerhard nach der Arbeit seine Mutter besucht, einem Kumpel die nächste Diashow präsentiert und war montags noch mit Kollegen noch ein Bier trinken gegangen (mehr erfuhr ich auf meine Fragen nicht).
 
So verbrachten wir den Abend wie gewohnt in einem Lokal und unterhielten uns, bis er heimfuhr.
 
Donnerstags erschien er eine Stunde später, da er noch einen Kollegen bei der Arbeit zu vertreten hatte. Wir fuhren zu dem entfernteren Tanzrestaurant, das wir neulich besucht hatten, aber das abgedunkelte Lokal war donnerstags geschlossen. Also wohin?
 
Vollmondnacht. Glitzernder Frost. Die Wälder lagen wie dunkle Inseln im weißen Hügelmeer. Er parkte den Wagen auf einem abgelegenen Feldweg am Waldrand. Er breitete den Liegesitz aus, rutschte zu mir hinüber. Eng umschlungen küssten wir uns in der Stille des Wageninneren, nur die Wagenuhr tickte leise. Durch das Wagenfenster schien nur schwaches Sternenlicht zwischen den dunklen Konturen kahler Bäume. Wir wurden ein Herz und eine Seele. Die Nacht war unsere Zeugin.
 
Den nächsten Dienstagabend verbrachte ich zuerst beim Abschiedsessen mit einem Berliner Kurgast, mit dem ich mich ab und an kameradschaftlich getroffen hatte. Ich brauchte auch etwas Ablenkung, um nicht ständig an Gerhard zu denken. Der Berliner hatte sich zwar in mich verliebt, da wir uns gemeinsam für Indianer und Lyrik interessierten, aber ich nicht ihn, obwohl er mit seinen graublauen Augen und dunkelblonden Haaren gut aussah, aber er war eben nicht schwarzhaarig und bernsteinäugig wie Gerhard. Am darauffolgenden Tag würde der Berliner abreisen.
 
Gegen 19:30 Uhr wurde ich unruhig. Befand sich Gerhard schon in der Nähe? Um die vereinbarte Zeit spähte ich aus dem Fenster und erblickte seinen Wagen. Es tat mir zwar leid, aber ich verabschiedete mich hastig von dem Berliner. Mein Herz klopfte, meine Augen leuchteten, schließlich zog es mich zu Gerhard.
 
Dieser zeigte mir seinen Urlaubsplan, der bereits dienstlich besprochen worden war. Im April standen ihm 25 Tage Jahresurlaub zur Verfügung, für diese Zeit fasste er seinen Südamerikaurlaub ins Auge. Im Februar standen ihm noch acht Tage Urlaub zur Verfügung. Er überlegte, ob wir in dieser Zeit, jeder separat von seinem Wohnort aus, mit der Bahn nach Meran fahren sollten, um uns dort zu treffen. Darauf wollte er von dort nach Kaprun, um sich einer Skigruppe anzuschließen.
 
„In Meran wüsste ich eine Pension, wo ich vor zwei Jahren meinen Skiurlaub verbrachte. Aber wir sollten nicht so viel Gepäck mitnehmen, nur Jeans und wetterfeste Kleidung. Wir wollen nicht groß ausgehen, sondern die Zeit für uns verbringen.“
 
Momentan war ich etwas enttäuscht. Eigentlich hatte ich mir einen tollen Ausgehurlaub mit Après-Ski und Diskobesuch vorgestellt, aber in dieser Hinsicht gingen wohl unsere Meinungen auseinander. Mir war es letztendlich wichtig, die Zeit mit ihm gemeinsam zu verbringen.
 
An diesem Abend tanzten wir zum letzten Mal zusammen in der Diskothek im Nachbarort, die abseits am Waldrand lag. Irgendwie stimmte mich das traurig.
 
Meine ersten Fotos waren fertig, erwartungsvoll zeigte ich sie ihm, aber er betrachtete sie eher flüchtig. Bedeuteten sie ihm eigentlich etwas? Ich überspielte meine Enttäuschung. Ich maß den Bildern auf jeden Fall die Bedeutung späterer Erinnerung an einen sonnigen Nachmittag beim Spaziergang Arm in Arm bei.
 
„Für die Naturaufnahmen bräuchtest du eine bessere Kamera.“
 
„Das stimmt, aber dann würde ich zu viel fotografieren. Ich will ja nicht ganze Alben mit Landschaften und Pflanzen füllen.“
 
Meine Tischnachbarin fotografierte uns als eine weitere Erinnerung für zuhause.
 
Zur üblichen Zeit brachen wir auf. Schließlich hatten wir uns noch mehr zu sagen, und sein Vorsatz, früher wegzufahren, schien auch vergessen. Ich hätte ihn auch nicht daran erinnert, fiel doch die Zeit der Zärtlichkeit in seinem Wagen fiel zu kurz aus. Gerade, wenn die Liebe am vollkommensten erscheint, das Glück am schönsten, wird es schon vom Hauch des Abschieds und des Aufbruchs überschattet.
 
Unser letzter Abend. Ich war noch mit einigen Frauen zusammen, aber schließlich hielt es mich nicht länger in dem Café. Vielleicht befand er sich schon in der Nähe.
 
„Gerhard!“ dieser Ausruf kam aus voller Seele. Erleichtert fiel ich ihm in die Arme. Auf diesen letzten Abend hatte ich mich sehr gefreut, egal, was nachher kam. Ich musste ihn noch einmal sehen, noch einmal zu meinen Lieblingsplatten tanzen.
 
Er scherzte den ganzen Abend, machte lockere Sprüche, als wolle er etwas überspielen. Ob er außer mir vielleicht noch eine andere Frau kennengelernt hatte, mir dies aber verheimlichte? Ich wagte ihn nicht zu fragen und versuchte, den aufkommenden Verdacht und aufkeimende Eifersucht zu verdrängen.
 
Vergangene Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum: Ich betrat die Diskothek, er flirtete gerade mit einer anderen. Als ich ihn fragte, was los sei, meinte er nur, die Frau hätte sich einfach an ihn herangemacht. Dann standen wir plötzlich in einem Feuerwehrhaus. Dort interessierte er sich für  technische Vorgänge anstatt für mich. Bedeutete das, dass er einmal nahm, was kam, wenn sich ihm die Gelegenheit von weiblicher Seite her bot, und dass er Sachthemen meiner Person vorzog und mir  gegenüber entsprechend eingestellt war, ich vielleicht gar eine „Nebensache“ in seinem Leben war?
 
Vielleicht hing das Misstrauen mit diesem Traum zusammen. Ich versuchte mich auf das Jetzt zu konzentrieren, denn die Zeit, dir wir miteinander verbrachten, gehörte uns. Vielleicht war der Traum keine Vorahnung, sondern bedeutungslos.
 
„Übrigens, die Fahrt nach Meran erübrigt sich wegen ungünstiger Bahnverbindungen und die Zeit für die Weiterfahrt nach Kaprun ist zu knapp kalkuliert. Das Auto bleibt daheim, da mich die Bahnfahrt nur wenig kostet. Vielleicht sollten wir uns lieber direkt nach deiner Heimkehr bei dir in Freiburg treffen, gerne lerne ich deinen Wohnort näher kennen. Was hältst du davon?“

„Oh ja, eine ausgezeichnete Idee. Ich wohne in einer ruhigen, aber noch zentral gelegenen Gegend. In Freiburg gibt es etliche Diskotheken, Studentenlokale, Restaurants, Bistros und Weinstuben, Kinos, ein Theater, kulturelle Veranstaltungsorte, den Schlossberg mit Aussicht auf die Stadt, etwas außerhalb befindet sich ein Thermalbad und bei mir in der Nähe ein Schwimmbad. Das dürfte für einen kürzeren Aufenthalt ausreichen."
  
„Wenn du einverstanden bist, komme ich gleich dienstags am Spätnachmittag oder abends“, schlug er lächelnd vor. „Du kannst dich darauf verlassen.“ Er notierte meine Adresse.
 
Dezent drängte ich zum Aufbruch, um noch etwas mit ihm alleine zu sein, aber er wollte noch länger die unterhaltsame Geselligkeit der Clique erleben, die ich während des Kuraufenthaltes kennengelernt hatte. Leider beschränkte sich unser persönlicher Abschied auf einen Kuss und eine Umarmung.

"Ein bisschen traurig bin ich schon, dass die Zeit so schnell vorbeiging. Aber du kannst mich morgen um die Mittagszeit anrufen und wegen Freiburg telefonieren wir auf jeden Fall nochmals vor deiner Abreise.“
 
Bedrückt ließ ich ihn gehen. Ich hatte mir den letzten Abend ganz anders vorgestellt mit einem ausgiebig romantischen und zärtlichen Abschied.
 
Rasch verstrichen die drei Tage bis zu meiner Abreise. Dreimal telefonierte ich mit Gerhard, bevor ich mit einem Kurgast, der den gleichen Heimweg wie ich hatte, mit dem Auto zurück nach Freiburg fuhr. Mit ihm konnte ich unbefangen über Gerhard reden. Er tröstete mich, dass dieser sicher kommen würde.
 
Zuhause angelangt hatte ich viel zu tun. Bange Stunden vergingen. Nachmittags wurde ich immer unruhiger. Es dämmerte. Ich spähte auf die Straße. Schon liefen mir die Tränen über die Wangen, als es endlich läutete.
 
„Bist du daheim?“ Ich öffnete die Tür, eilte die Treppen hinab und fiel ihm freudestrahlend in die Arme. Er schwenkte mich sanft im Kreise.
 
„Ein Traum ist wahr geworden. Ich fühle mich so glücklich“
 
Die nächsten drei Tage waren die zärtlichsten, die ich seit langem erlebt hatte. Wir schenkten uns alles, was sich Menschen geben können.
 
Über sich selbst offenbarte er mir wenig, gerade das hätte mich sehr interessiert. Er würde mir stets etwas fremd bleiben. Sein Privatleben war eine andere, unnahbare Welt, zu der ich nicht gehörte.
 
Während seines Freiburger Aufenthaltes erzählte er viele Stories, die ich mir längst nicht alle merken konnte. Auf jeden Fall besuchten wir nach einem langen Winterspaziergang durch die Felder das Thermalbad. Dort dampfte das Wasser in der Kälte. Ich lag auf dem Rücken und blickte zum Föhnhimmel und den kahlen Bäumen. Gerhard tauchte wie ein Fisch unter mir durch, bis sein nasser Schopf wieder aus dem Wasser ragte. Wir schwammen nebeneinander, ließen uns auf dem Rücken treiben, ich berührte seine kräftigen Arme, streichelte seine weiche Haut, wir kitzelten uns, bespritzten uns mit Wasser, lachten uns durch Dampfwolken an, Dabei stieß er einen Jauchzer aus. Ich lächelte über diesen Anflug von Spontanität, der mir eine Sekunde lang die heitere Seite seines Wesens zeigte.
 
Nach einem Salat im Bistro wanderten wir durch die ausgedehnten Parkanlagen in meiner Wohngegend und ließen uns später in der Wohnung auf die Matratze sinken, wo wir eng aneinander geschmiegt eindösten, bis wir in der Dämmerung erwachten.
 
Spätabends gingen wir noch in den Warsteiner Keller und ins Lord Nelson zum Tanzen. Aber es war nicht die gleiche Stimmung wie in der "Nahkampfdiele", wo wir uns kennengelernt hatten. Vielleicht erinnerte mich die gewohnte Umgebung zu sehr an meinen Alltag.  Es fehlte das tänzerische Zusammenspiel frisch Verliebter.
 
Irgendwie fühlte ich mich auch unter dem Zeitdruck, ihm möglichst viel von der Stadt zu zeigen, aber er schien kein zu ausgefülltes Programm zu erwarten. Da der Bus spätabends nicht mehr fuhr, konnten wir die Nacht auch nicht durchmachen, sondern kämpften uns durch einen aufkommenden Sturm nach Hause.
 
Dort wärmten wir uns bei Glühwein auf, hörten verträumte Musik und erlebten dabei ungestört die Zärtlichkeit, nach der ich mich so sehr gesehnt und die ich so sehr erträumt hatte, bis wir erschöpft einschliefen.
 
Nach einem entspannenden Fichtenschaumbad in der Wanne war Freitagmorgen Aufbruch angesagt. Schon seit dem Aufstehen empfand ich dieses Abschiedsgefühl. Bestimmte Schallplatten untermalten diese noch. Ich weinte. Er machte ein besorgtes Gesicht. Diese Stimmung belastete uns beide. Er versuchte, mich zu trösten. Wortkarg begleitete ich ihn zum Bahnhof. Bald fuhr der Zug ein.
 
„Es ist besser, wenn ich jetzt fahre, ein langer Abschied geht dir zu nahe, aber ich komme wieder.“
 
Noch einmal ergriff ich seine Hand, hielt sie fest, bevor er die Reisetasche nahm und einstieg. Ich wartete, bis er einen Fensterplatz fand. Durch das Abteilfenster blickte er zu mir, bis der Zug anfuhr und ihn mir fortnahm.
 
Ich winkte solange, bis der Zug endgültig im Dezembergrau entschwand, eine traurige Gestalt am verregneten Bahnsteig. Dann stieg ich langsamen Schrittes die Treppe hinunter, eilte missmutig durch die triste Bahnhofshalle und machte mich traurig auf den Heimweg. Das trübe Wetter unterstrich meine bedrückte Stimmung noch.
 
Daheim empfing mich die leere Wohnung. Lustlos betrachtete ich das herumstehende Geschirr, stellte es in die Spüle und machte den Abwasch. Somit waren die Spuren unserer Anwesenheit beseitigt. Ich versuchte mich von der traurigen Stimmung abzulenken, aber der Abschiedsschmerz saß zu tief. Ich begann, meine Erinnerungen über unsere gemeinsame Zeit aufzuschreiben. Dies half mir etwas, und doch rannen die Tränen ungehindert über meine Wangen, bis sie versiegten. 
 
Schließlich schaute ich in den Veranstaltungskalender und entdeckte einen Vortrag an der Uni darin, diesen besuchte ich abends, fühlte mich aber einerseits unter den vielen Besuchern alleine, zum anderen konnte ich mich auf das Thema nicht richtig konzentrieren, dachte zu sehr an die letzten beiden Tage. Am Bahnhof kaufte ich mir eine Flasche Sekt und trank diesen zuhause, während meine Lieblingskassetten liefen und ließ die Erinnerungen Revue passieren. Würde ich ihn überhaupt wiedersehen. Endlich schlief ich erschöpft und traurig ein.
 
Samstags beschloss ich zu meinen Eltern zu fahren, ein Tapetenwechsel half mir vielleicht über die Depression und den Verlust hinweg. Von dort konnte ich ihn auch auf der Dienststelle anrufen, er erwähnte, er sei gut heimgekommen und es sei wieder reichlich Schnee gefallen, ich erzählte ihm, dass die milden Temperaturen immer noch anhielten und ich sogar eine Mandelblüte in meiner Wohngegend erblickt hatte. Die Unterhaltung fiel neutral aus, ein zärtlicher Unterton fehlte, was mich noch mehr bekümmerte, doch ich wagte nicht zu fragen, ob er mich vermisse, ich wollte nicht aufdringlich wirken und wünschte ihm noch ein schönes Wochenende. Dann begann ich weiter an unserer Geschichte zu schreiben. Damit verbrachte ich fast das ganze Wochenende bis zu ihrer Vollendung.

Als ich ihn unter der Woche wieder anrief, verhielt er sich am Telefon kurz angebunden, es ginge ihm nicht so gut, draußen läge viel Schnee, er habe keine Zeit, schreibe mir mal wieder. Also erst mal keine Anrufe mehr, wo es mir doch so wichtig war, seine Stimme zu hören. Er wollte sich von mir distanzieren. Aber ich mochte ihn nicht grußlos aus meinem Leben gehen lassen, darum schrieb ich ihm einen netten und doch sachlichen Brief mit Blumen und Sonnenuntergangsmotiv. Vielleicht ein letzter Brief, der ohne Antwort blieb?
 
Liebe in einer Winterlandschaft, eine Schattenspur, die bald verweht wie die letzte Blüte des Spätherbstes im Frost …
 
© Inge Hornisch
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.04.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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