Christa Astl

Rettende Begegnung



 
Ich glaube nicht an Engel, schon gar nicht an diese lieben, kleinen mit winzigen Flügerln am Rücken ausgestatteten pausbackigen Kleinkinder, auch das Bild von großen Engeln, die als Beschützer hinter, vor oder neben einem sind, passt nicht in meine Gedankenwelt.
Wohl aber glaube ich an Gott, und daran, dass Gott mit uns Menschen in Verbindung tritt, manchmal ganz „zufällig“, manches Mal aber sehr deutlich in einem anderen Menschen, in einer tiefen Beziehung, in einer hilfreichen Begegnung.
So eine Situation möchte ich berichten.
Es war eine für mich ganz schwere Zeit, ich war so Mitte zwanzig. Eine Arbeitsstelle hatte ich gekündigt, wollte mich beruflich verändern, weiterkommen, doch das stellte sich als Fehler heraus, was meinen Ehrgeiz sehr dämpfte und mir gewisse Hoffnungen raubte, sodass ich diesen Job bald wieder aufgab. Das Zerbrechen einer Beziehung kam hinzu, ich lebte wieder zu Hause, und dann starb auch noch mein Vater ganz plötzlich.
Eine große Stütze in meinem Leben war weggefallen, ich sah keine Perspektive mehr. Ich haderte mit dem Schicksal, mit Gott. „Warum hast du ihn holen müssen, er könnte jetzt seine Pensionszeit genießen, während ich gar nichts habe, keine Arbeit, kein Geld, keine Freunde, keine Freude an dem Leben, das du mir einmal gegeben hast.“
Der Gedanke, dieses meiner damaligen Meinung nach sinnlose Leben zu beenden ließ mich nicht mehr los. Ich malte mir verschiedene Möglichkeiten aus, aus dem Leben zu scheiden.
Ein Sprung aus großer Höhe schien mir der passende Abgang. Ich kannte den Berg sehr wohl, war oft droben und genoss den Blick in schier unbegrenzte Ferne. Senkrecht ging es vorm Gipfelkreuz hinunter. Wenn ich da springe, - bleibt nicht mehr viel übrig. Ein letzter Anlauf, ein Absprung, ein kurzer Flug, Freiheit für Sekunden, und nichts mehr.
Eines Tages war es so weit. Ich nahm nur einen kleinen Rucksack mit, was brauchte ich mehr? Anderthalb Stunden bis Höhlenstein, der Weg war recht steil, ermüdete mich jedoch nicht, sodass ich auf eine Rast in der dortigen Gaststätte verzichtete. Womöglich Bekannte zu treffen konnte ich jetzt am wenigsten ertragen, also wandte ich mich rechts einem kleinen Steig zu, der dann auf den Hauptweg zum Kegelhörndl führte. Gut eine Stunde würde ich noch brauchen, die Gedanken liefen voraus, suchten die Stelle aus, zählten die Schritte für den nötigen Anlauf, fast spürte ich schon den Wind meiner Freiheit um mich, um dann zentnerschwer abzustürzen. Schwer würde nur der Körper aufprallen, der Geist würde leicht und frei davon schweben…
Nur noch etwa eine Viertelstunde, der Weg hatte die letzten Bäume verlassen und führte an einer Natursteinmauer entlang, auf der anderen Seite blühten gerade die Almrosen, wunderschön zart rosa, Farben eines Sonnenaufganges, wie ich mir den Einzug in die Ewigkeit vorstellte. Eine kleine Anhöhe noch, dann war ich auf dem Gipfelplateau und bereit zur letzten Entscheidung. Ruhe, die Vorfreude auf baldige Erlösung erfüllte meine Seele. –
Unweit des Gipfelkreuzes saß ein Mann und verzehrte genüsslich seine Jause. Wir grüßten uns, ich lagerte mich ein Stück entfernt in die Wiese, packte auch Brote aus und trank vom mitgenommenen Tee. Wofür willst du dich denn noch stärken? fragte ich mich. Der Mann wechselte belanglose Sätze mit mir, machte aber keine Anstalten weiter zu gehen. Ich antwortete, teils aus Höflichkeit, doch irgendwann nahm das Gespräch eine Wendung und ich fühlte mich hineingezogen. Zwischendurch zählte ich wieder die Schritte bis zum Ende der Hochfläche.
Wir saßen wohl eine Stunde, genossen die warmen Frühsommerluft, lauschten auf das Vogelgezwitscher, bestaunten die Vielfalt der Alpenflora und versuchten, Blumen und Gräser zu bestimmen. Vom Tal läuteten die Mittagsglocken, als er mich einlud gemeinsam weiter zu gehen. Ich dachte nicht an Widerspruch, packte zusammen und wir machten uns auf den Weg über die Almen. Mageres Gras wuchs auf den Wiesen, die Almhütten standen noch leer, eine wundersame Ruhe breitete sich um uns aus. Wir schritten flott dahin, bald winkte das nächste Gasthaus, wo er mich auf ein Getränk einlud. Widerstandslos ging ich mit, ohne nachzudenken, nur ein Gefühl der Geborgenheit machte sich in mir breit. Es war so schön, einfach hier zu sitzen, zu leben, da zu sein…
Noch eine gute Stunde Abstieg hatten wir vor uns. Zeitweise plätscherte das Gespräch munter dahin, zeitweise gingen wir, jeder in seine Gedanken versunken. Plötzlich blieb er stehen, drehte sich um und sah mir voll ins Gesicht. „Sag, was dich drückt. Wir gehen jetzt schon zwei Stunden und reden, aber ich merke, es ist was anderes, was dich bewegt.“ Mir blieb die Luft weg. Wie weiß der das? Was soll ich dem sagen, versteht der mich denn? Als ob er meine Gedanken erraten hätte, sprach er weiter: „ Durch unser Gespräch haben wir uns so gut kennen gelernt, dass du mir vertrauen darfst. Und wir werden uns wahrscheinlich nie mehr sehen, so dass du dich auch nie vor mir zu schämen brauchst oder einmal Rechenschaft darüber geben musst. – Erzähl!“ Und er zog mich an der Hand zu einem Felsblock etwas abseits des Weges. Stockend zuerst begann ich von meinem ursprünglichen Ziel zu berichten, er lachte mich nicht aus, machte mir auch keine Vorwürfe. Manchmal stellte er kurze ermunternde Fragen, die immer weiter in die Tiefe meines Lebens führten.
Die Sonne war bereits im Sinken begriffen, einige Wolken hatten sich vorgeschoben. Da erhellte ein Strahl uns beide, ein Leuchten umstrahlte meinen Partner, das mir beinahe überirdisch schön erschien. Wieder reichte er mir die Hand, und Hand in Hand schritten wir das letzte Stück, bis wir mit der Abenddämmerung ins Tal gelangten. Eine leichte Umarmung zum Abschied – und wir haben uns nie mehr wieder gesehen.
Viel später wurde mir erst bewusst, dass er mir damals das Leben gerettet hat. War es Zufall, dass er dort saß, oder war er mir wirklich von Gott geschickt???
 
 
ChA 31.01.12

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.04.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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