Torsten Böhm

Liebe, Steine und Kanaken


1. Falk Die Ferien waren so gut wie zu
Ende. Meine letzten. Die letzten Ferien. Am Wochenende rief ich bei Franka an,
ohne besonderen Grund, eigentlich war es Zufall. Ich rief sie an, weil ihre
Nummer oben an im Telefon gespeichert war. Ihre Stimme am anderen Ende, ich grinste
und grinste. Ich freute mich wie ein Honigkuchen. Aber sie konnte es ja nicht
sehen. Man könnte auch sagen, ich war ziemlich degeneriert.
Die erste Woche hatte ich mit Marky und Zeiger an der Tanke
abgehangen. Musikhören. Biertrinken! Die Tanke war so eine Art Treffpunkt. Ein
Typ Namens Fisch arbeitete seit ein paar Wochen dort als Hiwi. Ein Haufen
Idioten trafen sich da. Aber Lena war auch dabei. Sie ging bei mir auf die
Schule, in die Nebenklasse. Ich hatte einen Kurs mit ihr zusammen. Einen
einzigen. Da hatte es gefunkt, bei mir jedenfalls.
Neuerdings trug sie ein Piercing über der Lippe, statt eines
Leberflecks, so filmdivamäßig. Es passte gut zu ihr. Ihre beste Freundin Cinnie
war auch immer dabei. Sie war die Freundin ihres Bruder. Also sie war die Freundin
von Lena und die Freundin ihres Bruders. Na ja. Und zufällig hatte sie auch so
einen Piercing. Aber sie sah blöd damit aus.
Lenas Bruder kam immer mit seinem Golf, tiefergelegt, breite
Reifen und so weiter. In der Heckscheibe „Böse Onkelz“. Er nannte sich Henker
und hatte eine passende Frisur dazu. Ich verstand nicht, warum die beiden
Geschwister waren. Sie sahen sich so gar nicht ähnlich.
Wenn die Polizei kam, war der Nachmittag gelaufen. Sie kamen
eigentlich immer irgendwann. Obwohl der Chef von der Tanke nichts dagegen
hatte, dass wir da abhingen. Er hätte irgendwie Verständnis für uns. Sagte er
jedenfalls. Keine Ahnung was er damit meinte. Vielleicht meinte er die
Langeweile in Helle Mitte. Vielleicht meinte er aber auch Henker, der ab und zu
„Türken“ klatschen ging. Und jeden umbringen würde, der sein Mädel länger als
drei Sekunden anschaute. Das machte die Sache mit Lena irgendwie kompliziert.
Er meinte es ernst. Einen Abend in der Nähe vom Corso war es
ernst geworden. Irgend ein „Türke“, der mit seiner kleinen Schwester unterwegs
war, kreuzte seinen Weg. Und sein Blick kreuzte den Blick des Türken, der
anscheinend zu lange auf Cinnie gerichtet gewesen war. So oder so ähnlich
jedenfalls. Dann kam es wie es kommen musste. Er drehte den „Türken“ durch die
Mangel und die kleine Schwester musste alles mit ansehen.
Die anderen fanden die Story komisch. Cinnie besonders. Ich
konnte echt nicht mitlachen. Nicht, dass ich Mitleid mit dem „Türken“ hatte,
der wahrscheinlich gar kein Türke war. Ich fand es einfach nicht komisch.
Am Tag drauf meinte es auch die Polizei ernst. Sie hatten es
auf den Golf abgesehen und natürlich auf Henker und eigentlich auf uns alle.
Drei Mannschaftswagen, eine richtige Razzia. Wir rannten, was das Zeug hielt.
Die Party war vorbei.
Die zweite Woche saß ich fest. Zuhause. Feldberger Ring. Ich
wusste absolut nichts mit mir anzufangen. Ich hatte mich irgendwie selber
eingelocht. Tiefkühlpizza zum Frühstück, zum Mittag und Abends vor der Glotze.
Alle CD´s waren durchgehört. Der Videoladen hatte nichts neues mehr zu bieten,
außer in der Pornoabteilung. Draußen war es superwarm, fast wie im Sommer. Die
„Türkengang“ hing am U-Bahnhof ab und wartete, dass was passierte. Aber es
passierte nichts. Die Pizza kam mir schon zu den Ohren heraus. Ich hatte das
Gefühl, jetzt noch das Wochenende und das war’s. Schlagzeile: „Ferientod durch
Tiefkühlpizza. Jugendlicher stirbt an einseitiger Ernährung.“
Mein erster vollständiger Satz nach einer Woche kam
irgendwie ganz von selbst: „Kann ich bei dir einziehen?“ Keine Ahnung, warum
Franka zusagte. Eine verrückte Idee, dachte ich noch bei mir. Aber sie sagte
spontan: „Komm vorbei.“ Einfach: „Komm vorbei.“ Ohne zögern.
Wir hatten uns nur noch selten gesehen, seit sie ausgezogen
war. Das Kleine war ein paar Monate alt. Oder älter. Sie boxte sich alleine
durch. Wer der Vater sei, wüsste sie nicht. Sie hatte das Baby trotzdem
bekommen. Nicht, dass ich etwas mit Babys anfangen konnte, aber das hatte mir
schon irgendwie imponiert.
Der Alte hatte natürlich am Rad gedeht. Sie müsste doch
verdammt noch mal wissen, mit wem sie sich „herumtreibt“. „Nicht zu fassen.
Meine Tochter!“ Was er damit sagen wollte, verstand jeder Idiot. Franka hatte
nur das Weite gesucht, obwohl Mutter noch versuchte, die Situation zu retten.
Aber da gab es nichts zu retten.
Das Kleine, ein Junge, war am schreien und Franka sagte nur:
„Schön dich zu sehen.“ Sie war so herrlich unkompliziert, manchmal. Also zog
ich ins Kinderzimmer. An der Decke hing so ein Ding mit Fäden an denen so
kleine Sachen befestigt waren: ein Baum, ein Auto, ein Ball. Mir fiel absolut
nicht mehr ein, wie das hieß das Ding, aber genau so eines hatte schon einmal
in meinem Zimmer gehangen, das wusste ich noch.
Ich fühlte mich Zuhause, obwohl ich das Gefühl hatte, als wäre
ich in eine anderen Stadt gezogen. In „Friedelhain“, wie Franka sagte, war
alles anders. Ein paar Stationen zurück: Lichtenberg. Ein bisschen wie
Hellersdorf. Aber wenn man die Frankfurter herunter schaute, sah man am
Horizont den Fernsehturm.
Auf der Straße quatschten mich auch gleich zwei Punker an,
ob ich ein paar Cents hätte, für ihren Hund. „Bürste“ hätte seit Tagen nix zu
fressen. Irgendwas mit Hochwasser, ihr Haus weggespült, ihre Existenz ruiniert.
Der Hund sei am verhungern und überhaupt, wo es hier nach Kreuzberg gehe, alles
auf sächsisch. Wir hatten zufällig den gleichen Weg. An der nächsten Eck war Mc
Donalds. Das war praktisch. Die Punks zogen weiter.
Der Laden war rappelvoll, irgend so eine Ferienaktion. Aber
es gab eine Klimaanlage. Nach den Pommes mit Cola ging es mir wirklich besser
und so fiel mir plötzlich auch der Name von dem Kleinen wieder ein: Luis. Das
führte irgendwie dazu, dass ich ganz dringend aufs Klo musste. Und wie ich die
Treppe herunter stolperte, sah ich draußen am Fenster Lena vorbeischlendern,
ganz alleine. Ich machte mir vor Schreck fast in die Hose. Verträumt am
Pissbecken sah ich sie vor mir, wie ich sie in Französisch immer heimlich
beobachtete. Wenn sie französisch sprach, war es der Wahnsinn. Leider war
Französisch mein schlechtestes Fach. Ich überlegte noch einen Augenblick, was
ich jetzt machen sollte. Draußen dann war nichts mehr von ihr zu sehen. Ich
hätte mir in den Arsch beißen können. Also schlich ich zurück in mein neues
Zimmer. Franka und der Kleine waren nicht da. Ich drehte den Ghettoblaster auf
Anschlag. BY MYSELF. LINKIN PARK.
 
2. Tim Wie wird man plötzlich und aus
heiterem Himmel zu einer der meistgesuchten Personen dieser Stadt? Durch ein
Gewinnspiel, eine Suchanzeige, eine nervige Radiosendung, weil irgend jemand
auf der Straße sich unsterblich in dich verliebt hat? Oder man läuft Amok. Oder
lässt eine Bombe hochgehen mit Namen und Adresse. Aber es reicht manchmal auch
schon ein kleiner Aussetzer. Nichts dramatisches. So kann’s gehen.
Ron hatte mich angerufen. Man hatte sein Fahrrad
auseinandergenommen, alles abmontiert, die Schaltung, die Bremsen, den Sattel,
alles was nicht niet- und nagelfest war. Sehr ärgerlich, aber nichts besonderes
für diese Stadt. Er war sauer, denn es war auch nicht das erste Mal, dass man
sein Rad regelrecht ausgeschlachtet hatte. Er sei gleich zur Polizei, die Sache
regeln, wegen der Versicherung, Anzeige und so weiter. Das schöne Rennrad sei
schließlich schweineteuer gewesen.
„Und ich habe dich auf der Wache gesehen“, sagte er weiter.
Was für eine Wache? Ich verstand kein bisschen. Spontan dachte ich an
irgendeine Werbung, obwohl der Gedanke abwegig war. „Und? Wie sehe ich aus?“
fragte ich ihn. „Schick was?“, schob ich beiläufig nach. Ron nahm den Faden
noch einmal auf. Das wäre ich auf dem Plakat, bei der Polizei, ganz eindeutig.
Was ich denn verbrochen hätte, versuchte ich zu schlichten. „Randale!“, war die
kurze Antwort. „Na, da kannste mal sehen“, ging es mir wie von selbst über die
Lippen. Wie war mir das unangenehm, später. Ron muss mich für einen verkappten
Anarchisten gehalten haben. So kannte er mich nun wirklich nicht.
Wie zufällig kam ich am Nachmittag an einem Polizeirevier
bei mir um die Ecke vorbei und verspürte plötzlich das Verlangen „mich“ zu
sehen, auf diesem rätselhaften Plakat. Wie sehe ich aus? Was mache ich da? Und
was soll diese billige Fälschung überhaupt. Spannende Fragen. Ich zögerte. Wer
weiß, was gleich passieren würde: Ron hatte womöglich recht und ich werde
gleich verhaftet, gehe ins Gefängnis, nicht über los, schwedische Gardinen für
fünfzehn Jahre. Und alles wegen einer Verwechselung. Dann hielt ich die Luft
an. Das besagte Plakat hing gleich hinter dem Eingang im Vorraum, wo man sich
anmelden musste. Ein Fahndungsplakat, wie es im Buche steht, mit zwanzig,
vielleicht fünfundzwanzig Bildern von Personen, die offenbar Straftäter waren.
Einer der Beamten fragte mich sofort, wohin ich wolle, ob er mir helfen könne.
„Nee, nee, ich will nur mal gucken.“ Und das war gebont. Gucken war okay. Es
schien ihn nicht weiter zu interessieren. Alles easy.
Ich stand fassungslos vor dem Plakat, betrachtete das Foto,
mich, eindeutig erkennbar. Wo war das? Scheiße, ist das ein Joke? Ich schaute
mir die anderen Bilder an, üble Gestalten, halb vermummt. Die wenigsten sahen
irgendwie normal aus. Da waren Reihenweise kaputte Typen abgebildet. Ich
hingegen sah gut aus, braun gebrannt. Frontal aufgenommen, alles super zu
erkennen, meine blaugraue Jacke, von Oaklay, das Hemd, etwas offen, meine
Tasche, in der einen Hand eine Bierflasche, in der andere Hand einen
Pflasterstein.
Die Bilder waren nicht alle so gut, manche richtig
miserabel. Das hätte jeder sein können. Aber mein Bild war super, gestochen,
scharf. Es fiel irgendwie raus aus der Reihe, jedenfalls mein Eindruck. Es lag
wohl daran, dass ich der Einzige war, der hier vernünftige Klamotten und vor
allem eine gesunden Hautfarbe hatte. Und das kam nicht von irgendwas. Acht Tage
Mallorca um Ostern. Billig, kein Komfort, aber egal. Hauptsache weg.

 
3. Leyla Es waren Ferien, da kam Zuhause dieser Denkzettel rein. Erkan
war völlig aus dem Dreh und schob eine mächtige Wut. Er ist der Typ für so was,
verliert schnell den Blick für das, was hinter ihm liegt. Er hatte die Abrechnung
gemacht ohne zu bezahlen und gab den Überraschten zum Besten. Mehr als Tausend
Euro, eine satte Strafe, die er verfluchte. Und da war er wieder, schwebte über
uns, der Dürrung, heißt: in der Kasse ist Ebbe total, was heißt:
nullkommanichts geht raus an diesem Tag, vielleicht an jedem Tag in dieser
Woche. Ich konnte Erkan gerade noch davon abhalten, auf die Straße zu gehen,
den Rambo zu schieben.
Er war mit der Schule fertig, schon länger, sogar mit
Abschluss. Aber was half das schon. So war er unterwegs, wie er es nannte. Es war klar, dass diese Tour irgendwann
mal durchkreuzt würde. Wer es wild liebt in der Wildnis, die eigentlich keine
ist, wird schnell zur Rotte und fängt sich mit seinem langen Fell die Kletten
ein. So gesehen hatte er ein Riesenglück, die Klemme blieb ihm fürs erste
erspart.
Hier fängt die Story an, denkt jetzt jeder. Aber das ist
keine Story, überhaupt keine. Weil eine Story hat immer einen Anfang und ein
Ende. Und das hier verhält sich anders. „Im Bimboslum ist die Kümmelhaut ein
Teppich, auf dem man sich die Füße abtritt oder sichs gemütlich macht. Von Zeit
zu Zeit hängt man ihn wie ein Zebrafell an die Tapete. Oder man macht einen
Rahmen drum und hängt daneben gestopft den dir abgerissen Kopp.“ Zitat Ende. So
verhält sich’s.
Was einen überrollt, hinterlässt nicht immer eine Spur, und
was eine Spur hinterlässt, muss nicht immer groß sein. Mein erster Schultag.
Ich sitze auf der Schulbank. Er ist plötzlich da, steht dicht bei mir, fasst
mich an den Arm, der Lehrer, sein Gesicht, verschwommen wie ein Brei. Ich stehe
auf und folge ihm an die Tafel. Meine Arme sind zu schwer, meine Hände, schwere
Gewichte. Ich bekomme sie nicht hoch. Ich will mir das Gesicht wegreiben.
„Name, dein Name!“, sagt er zu mir. Und ich sage meinen Namen in meiner
Sprache.
Ein Mädchen mit zwei Zöpfen versucht, die ihr fremden Worte
nachzusprechen. Ich bin nicht mehr ich selbst. Ich bin die Verstörte, aus
meinem Dorf, die mit den ungesunden Augen. Meine Kleider zerfetzt, stürme ich
hinaus, tanze im Hof wie ein meschuggener Truthahn. Auf meiner Stirn, ein
drittes Auge mit Filzstift gemalt, die Farbe verschmiert als würde es bluten.
Nachts, still und leise, walzen sich die Monsterausgeburten
in deinem Traum, übermannsgroß. Mit Wahnsinnseckzahn im Maul kommen sie auf
dich zu, bleiben stehen und schnuppern mit Riesennase, dass der kalte Wind dich
umtreibt, stoßen dich behutsam ins morsche Unterleben. Wenn es still ist, gibt
es einen Reigenterror, wie du´s am Tag dir nicht ausmalen könntest.
Im Kümmelschlaf hat sich’s gemeine Treiben zusammengerottet.
Soll dich Katapult und weg von allen Stühlen. Und der Kümmelschlaf dauert eine
Remphase länger als der ganz Normale. Und das saugt dir volle Kanone den
letzten Tropfen aus den Windungen. Alemania macht einen fetten Abdruck, das
kann ich sagen.
Da wo ich lebe ist ein Schlund in jeder Straße, der sich den
Handlohn deiner Taten, wie ein verhextes Molchentier einverleibt. Und du
kämpfst immer wieder von Dürrung wegzukommen, denn der Dürrung ist im Ghetto,
überall. So isses.
Und dies so isses
lernste hier, weil der Bürgerstand einen traumhaft schöngeleckten Zaun um sein
Leben gebaut hat. Und zu dir sagt: Schicksal, das Leben ist hart. Nüsse knackt
man nicht mit Eiern. Und drinnen findest du einen Zettel, auf dem steht: so isses. Das nennt der Aleman die harte
Schule.
 
4. Falk Ich schreckte hoch von einem
Klingeln, dass ich nicht kannte. Das Ding an der Decke bewegte sich und ich
verstand so langsam, wo ich war. „Mobile“ kam mir plötzlich in den Sinn. Es
klingelte noch einmal, hartnäckig. Der Typ an der Tür nahm mich mit einem durchdringenden
Blick ins Visier, als wollte er sagen: „Wer bist denn du überhaupt?“ In dem
Moment kam Franke mit Luis die Treppe hoch. Es roch förmlich nach Ärger. „Hau
ab, verdammte Scheiße!“, blafften sie ihn nur an. Sie war von null auf
hundertachtzig. Sie hätte keine Zeit und keine Lust, mit ihm zu quatschen, nur
weil er gerade mal da wäre.
Ich fühlte mich in meiner Abneigung bestätigt. Die beiden
rein, Tür zu. Rums! Ein dumpfer Geruch breitete sich im Flur aus. An der Hose
von Luis zeichnete sich ein großer brauner Fleck ab. Er hatte wohl die Windel
voll, mehr als voll. „Das war dein Vater. Ein unzuverlässiger Drecksack“, hörte
ich sie fluchen.
Später ging ich runter, um mir eine Cola zu besorgen und
drehte noch eine Runde um den Block, mehr nicht. Ich dachte daran wieder zu Mc
Donalds zu schlendern. Irgendwie hoffte ich, Lena noch einmal dort zu treffen,
wie es der Zufall so wollte. Aber ich entschied mich, es nicht noch einmal dem
Zufall zu überlassen. Also ging ich wieder zurück. Franka hatte den Kleinen ins
Bett gebracht und schon den Tisch gedeckt. So aßen wir zusammen. Sie machte ein
paar Kerzen an. Es war sehr gemütlich. Noch nie hatte ich mit meiner Schwester
im Kerzenschein Abendbrot gegessen. Sie sagte kaum etwas und so musste ich auch
nichts sagen. Dann ging sie ins Bett. Und ich auch. In Gedanken bei Lena
versuchte ich mir in meinem Schlafsack einen runter zu holen, aber es ging
nicht.
Durch die Wand drang Musik. Nebenan war eine Party. Ein Haus
weiter, wie ich feststellte. Die Wohnung war riesig. Es gab mindestens sechs
Zimmer. Ich versuchte mein staunen zu verbergen, ging wie selbstverständlich
von Raum zu Raum und pflanzte mich schließlich in einen eigenartigen lila
Plüschsessel. Eine Ewigkeit starrte ich gegenüber in eine Lampe, um die sich eine
Rolle mit Fischenmotiven drehte. Eine weitere Ewigkeit dauerte es, bis ich
mitbekam, dass man sich hier bei den Getränken frei bedienen konnte. Ein Typ
drückte mir eine Flasche Berliner in die Hand und fragte, ob ich vielleicht der
Bruder von Sandra wäre, wir würden uns so verdammt ähnlich sehen. „Nee, nee“,
sagte ich. „Was kriegste für das Bier?“ Es war wohl die falsche Frage. Er nahm
mir das Bier wieder ab und ging ins nächste Zimmer.
Nach dem zweiten Berliner war es brechend voll geworden.
Hellersdorf war tausend Kilometer entfernt. Ich trank ein drittes und viertes
und kam mir vor wie in einem dieser Getränkewerbespots. Alles war in Bewegung.
Gestylte Leute rauschten hin und her, hatten gute Laune und waren voll gut
drauf.
Lena war schon mindestens fünfmal in der Menge aufgetaucht
und wieder verschwunden. Und als ich irgendwann aufstehen wollte, merkte ich,
dass ich ziemlich einen in der Krone hatte.
Erinnerungen an die Klassenfahrt im Sommer kamen hoch, der letzte Abend in
der Dorfdisko. Ich schaffte es, mich aufzurichten und konnte mich beherrschen.
Die Musik war immer noch am Level. Ich versuchte es mit
Tanzen. Irgendwie landete ich dabei in den Armen eines Mädchens.
„Tschuldigung“, sagte ich höflich. Sie grinste mich an und tanzte weiter. Mein
Typ oder nicht mein Typ? Dachte ich so bei mir. Mit Absicht oder durch Zufall,
saß sie kurz darauf in meinem lila Plüschsessel. Ich stotterte herum, ... ich
schon den ganzen Abend in diesem Sessel... ob sie verstehen würde ... ich gerne
wieder ... jetzt... Es waren nur so Halbsätze, ohne auf den Punkt zu kommen.
„Schön für dich“, entgegnete sie mir. Aber es sei nun mal ihr Sessel, den sie
sich extra mitgebracht hätte. Und ich könnte von Glück reden, dass ich schon so
lange in ihrem Sessel sitzen durfte. Dann rutschte sie ein Stück zur Seite,
dass ich mich dazuklemmen konnte. Es war irre. Wir verbrachten den Rest der
Nacht zusammen in dem lila Plüschsessel - in den abgefahrensten Stellungen. Und
immer wieder dachte ich an Lena.

 
5. Leyla Abends gings ins Trash. Einmal die
Woche mit Banu und Fatma: Arabische Nacht. Das war Standard. Dreimal Schickse
mit Zuckerschnute. Für mich war es ein Job. Banu und Fatma nahmen das nicht
ernst. Sie wollten ihren Spaß, klar. So wie ich sie, sahen meine Schwestern
mich gerne tanzen. Aber es gab diesen Unterschied, ich stand auf dem Treppchen,
Bühne frei, hatte eine geballte Ladung Blicke zu ertragen. So gesehen war der
Laden nicht meiner, obwohl ich gerne hin ging.
Wir waren also auf dem Weg und kamen wie jedes mal, wo oben
das Trash, unten an diesem Market vorbei. Ferienjob
stand da in großen Lettern im Fenster. Fatma lachte sich glatt und scheckig,
als sie sich das vor Augen führte: „Nur, wenn ich in Stöckelschuhen antreten
darf.“ Für sie war der Slipdreß mit Spaghettiträgern das Wichtigste. Auf No. 66
von Dior ließ sie nichts kommen. Der Fummel war alles.
Sie redete ständig darüber als wäre es ein Abiturfach. Was
wirklich nichts zu bedeuten hatte. Jeder hat eben seine Masche und das war
ihre. Sie hatte sich den richtigen Job ausgesucht. Es muss die wahre Pracht
sein, wenn sie den Damen die Haare frisiert und dabei den ganzen Laden
unterhält mit Talk und ihrer wunderbaren Klarheit.
Das meine ich mit keiner Silbe negativ. Ich will, dass sich
Klares ergibt und dass Klares auch Schönes will. Ich denke, sie macht uns allen
Ehre. Es gibt so viele erleuchtete Menschen die den Mund weit aufreißen und
ihre vernagelten Sätze in die Welt posaunen. Bei so was betätige ich doch
besser gleich die Klospülung.
Der Abend im Trash war etwas besonderes. Ich tanzte und gab
eine gute Nummer ab. Wir hatten Spaß. Banu brachte den Talk auf den Sommer.
„Wir könnten doch zusammen, zu dritt in die Heimat.“
Türkei, das gelobte Heimatland, das war es für sie. Einmal im Jahr nach Hause,
was auch immer sie darunter verstand. Ich wusste über dieses Land wohl weniger
als jeder Touri von seinen Rundreisen dort.
Es hatte seinen Reiz, wenn da nicht der verdammte Dürrung
gewesen wär. Später ging ich mit Hummeln im Kopf nach Haus. Ich fragte mich, ob
ich hier Zuhause bin, vom Gefühl. Und das schlimme war, dass ich keine Antwort
hatte. Banu hatte sich oft gewünscht, ihre Eltern wären nie nach Deutschland
gekommen. Sie sagte immer: „Dann wäre ich jetzt in der Türkei, bei meinen
Leuten.“ Ich konnte mir das schwer vorstellen. Ich hatte eher den Eindruck, die
Leute im gelobten Heimatland sind so gar nicht meine Leute. Die Gedanken ließen
mich das Wochenende nicht mehr los.
Am Montag ging ich zu diesem Market, einer von den
typischen, gewöhnliche Art Supermarkt. An der Kasse saß eine Schwester, was mir
den Schritt erleichterte. Sie war ein Türkengirl mit blond und
Frisierstablöckchen. Gegen letzteres hatte ich so gar nichts einzuwenden. Doch
meine Schwesterliebe hat seine Grenzen da, wo sie versuchen mit Mühsal sich den
Fremdpapp abzuschludern. Nun, jeder hat eben seine Masche. Alles klar.
Der Chef saß im Spiegelkasten, ein Aleman. Er freute sich
außerordentlich mich zu sehen. Und ich wusste nicht so richtig, was ich sagen
sollte. „Guten Tag mein Herr, ich suche Arbeit.“ Oder: „Ich würde mich sehr
freuen, bei Ihnen hier den Kaffer zu machen, um mir ein Taschengeld zu
verdienen, für Urlaub nach Türkei.“ „Ich habe den Zettel im Fenster gesehen und
komme wegen des Jobs“, sagte ich.
„Das ist schön“, sagte er. „Du bist noch Schülerin?“ Was
sollte mir dieser Humor sagen? „Da hast du aber Glück“, schleimte er weiter,
„heute Morgen ist gerade ein Mädchen wie du abgesprungen.“ Dabei strahlte Herr
Aleman mich an, als würde es darum gehen, dass ich ein Striptease mache. Ich
dachte an Fatmas Stöckelschuhe, an Banu und das gelobte Heimatland, an Erkan und
den Dürrung.
 
6. Tim Es gibt wohl nichts schlimmeres als
Urlaubsbekanntschaften, die einem in die eigene Bude folgen. Ron sagte später,
er hätte es gleich gespürt, so ein ungutes Gefühl: „Von der lass ich lieber die
Finger.“ Drei Tage Zuhause ist sie plötzlich am Handy. „Hallo, hier ist die
Tina.“ Eine Schlinge legte sich sanft um meinen Hals. Wer war jetzt Tina? „Wie
geht’s dir?“ Und ob ich Zeit hätte. Sie würde morgen mal vorbeischauen und so weiter
und so weiter, bla, bla. Ron hatte ihr die Nummer gegeben, mein lieber Freund
Ron, sich ein Späßchen draus gemacht. Sie war eine von denen, die einen am
Telefon ohne Punkt und Komma zehn Minuten vollquatschen konnten. Ich sagte
immer nur „Ja“ - „Ja“ - „Ja“. Am Ende hatte ich ihr, ohne es zu merken, eine
Zusage gemacht.
So stand meine Urlaubsbekanntschaft am nächsten Tag aus
heiterem Himmel vor der Tür. „Hi, lange nicht gesehen.“ Küsschen, Küsschen. Ich
war wirklich überrascht, hatte das Telefonat verdrängt. Was meinte sie bloß
mit: „lange nicht gesehen“? Diese Zielstrebigkeit. Ich erkannte mich nicht
wieder. Sie umarmte mich wie ein Mädchen aus einem Teeniefilm. „Man, ich bin
echt froh hier zu sein.“ Ich verstand nicht - ich wollte nicht verstehen.
Aber ich gebe es zu, in manchen Situationen verhalte ich
mich geradezu schicksalsergeben. Sie sah einfach gut aus. Allerdings nicht so
gut, wie ich sie in Erinnerung hatte. Das lag wohl an ihren Klamotten und an
einigem mehr. Sie wirkte irgendwie anders, jünger, sah aus wie sechzehn. Aber
gut. Ich mixte uns ein paar Cocktails und wir plauschten noch einmal über
Wassersport und den ganzen Kram. Das Gespräch wurde zunehmend langweiliger. Ich
dachte immer nur, verdammt noch mal, wie geht das jetzt weiter. Die gute Seite:
Der Abend lief nach Schema F. Ihr Besuch bescherte mir eine interessante Nacht.
Von der Seite her war sie wirklich etwas besonderes. Sie hatte sich allerdings
etwas in den Kopf gesetzt. Irgend so eine gequirlte Vorstellung von Liebe.
Ich fühlte mich benutzt. Vielleicht sollte man das auch so
nicht sagen. Aber so war es einfach. Sie offenbarte sich mir schon am nächsten
Tag. Wie konnte es anders sein: sie hätte sich in mich verliebt. Das sagte sie
so, mit einer Bestimmtheit, zwischen den Zeilen. Ich versuchte es mit aller
Kraft zu genießen. Das Mädel will von mir gevögelt werden. Ron lachte nur.
„Pass auf“, sagte er: „Sie wird dich einwickeln. Du wirst sie nicht mehr los.“
„Ach ja?“ Bisher bin ich noch jede wieder los geworden.
 
7 Leyla Alles ging super schnell. Ich war ehrlich
überrascht. „Du kannst gleich anfangen, wenn du willst“, sagte Herr
Filialleiter Kluge, der es nicht für nötig hielt, sich mit einem Namen
vorzustellen. Wozu auch, er hatte sein Schildchen an der Jacke, auf dem zu lesen
war. Wenn ich diesen Fake schön höre: „Wenn du willst.“ Willig oder nicht
willig? Seit wann war es wichtig, was ich wollte. Wer versaut sich schon gerne
die Ferien nach seinem Willen. Ja, ich wollte, denn dieses Glück konnte ich
unmöglich weiterziehen lassen. Der Vertrag war nur zum Lesen, unterschreiben
nix da, machen wir später, erst mal mündlich. Ich bekam einen Kittel in
hellblau und stellte mir vor, was Banu und Fatma sagen würden, wenn sie mich so
sehen könnten. Ich kam mir selten dümmlich vor.
Das Osterfest stand vor der Tür. Also drehte sich alles um
Schokolade, das ganze Programm. Kisten auspacken, in Regale räumen, Müll
sortierten. Alles halb so schlimm. Mihriban an der Kasse, war okay. Sie wusste
auf jede Frage ein Antwort, half mir, wenn ich nicht mehr weiter kam. Der Chef
gab einen Zettel von der Konzernleitung herum: Unser Mitarbeiter des Monats, ob das nicht was für uns wäre. „Da
können alle mitmachen, sogar die Aushilfen.“ Der helle Wahnsinn. Wir sind
beteiligt. Das nennt man Integration. Herr Kluge, von der Leitkultur.
Später kam ein Mädchen aus der Schule in den Market, die
erste Bekannte. Sie freute sich mich zu treffen, unheimlich, obwohl wir
eigentlich nullkommanix zu laufen hatten. Sie grinste herum, als hätte man sie
quer durchs Gesicht geschlitzt. An einem Ferienseminar würde sie teilnehmen.
Sie erzählte mir was von Körperarbeit und Ausdruck. „Aha“, und fragte mich, ob
mich das irgendetwas angehen würde. Sie würden eine Performance machen am Ende,
Sie ließ nicht locker ob ich nicht kommen wolle. Mit einem Missionskillerblick drückte
sie mir einen Zettel in die Hand. Sie würde sich freuen, wenn ich kommen würde,
als wär ich das geborene Opfer.
Als Kind dachte ich, die Deutschen würden alles richtig
machen. Alles war hier sauberer, bunter, vielfältiger, ordentlicher.
Spielmöglichkeiten ohne Ende. Ich dachte, wenn ich erst die richtigen Freunde
finden würde, könnte dieser Ort zum Paradies werden. Ich dachte, dass nach dem
Erlernen der deutschen Sprache sich viele Probleme von selbst lösen würden. Ich
überschlug mich, paukte, was das Zeug hielt, und je mehr ich lernte, je mehr
ich verstand, desto länger erschien mir der Weg, den ich vor mir hatte.
Immer wieder bekam ich den Eindruck, dass mit mir etwas
nicht stimmte. Ich versuchte alles so zu machen wie die anderen, und trotzdem
war irgend etwas anders, und das schien die Leute zu stören. Irgendwann gab ich
es auf, mich um ihre Nähe und Anwesenheit zu bemühen.
Abends war ich erledigt. Herr Kluge freute sich wie ein
Keks, dass alles so gut „geklappt“ hätte, wie er es nannte. Der erste
Arbeitstag war überstanden. Vor der Tür war der Teufel los. Das Herz von
Kreuzberg. Geschäfte, Geschäfte, eine Bar neben der anderen, Restaurants und
Club´s. Menschen in guter Stimmung, Spanner und Touristen.
Was ist normal in diesem Land? Ich bekam eine Gänsehaut.
Gläserrücken und Pendeln, Memoiren schreiben und Pillen schlucken, Veganer
sein. Ein Astrobuch in Großdruck kaufen, so kaputt sein, dass man Liebe als
eine Wärmebeschaffungsmaßnahme versteht. Ein Latexkostüm aus der
Sommersadomasokollektion, eine Magermilchkur. Alles fährt die Einbahnstraße.
Alle reißen den Mundraum auf und zeigen ihr kotzweißes Kukidentgebiß?
Der Tisch war gedeckt, die Familie versammelt. Nur Erkan war
nicht da, er war unterwegs. Der
Auberginenbrei klebte am Gaumen, und die unzerstampften Kerne blieben zwischen
den Zähnen stecken. Mein Vater tat beleidigt als ich von meiner Arbeit im
Supermarkt erzählte. Nichts anderes hatte ich erwartet. Sein Bart glänzte
ungesund vom Oliveröl. Er dankte Gott, dass er uns mit reichen Gaben beschenkt
hatte. Ich hasste alle Auberginen dieser Welt und die Gebetssprüche, die nichts
und wieder nichts Wert waren: „Eline saglik. Kesene bereket.“ „Gesundheit
deinen Händen. Fülle deinen Geldbeutel.“
Später lag ich im Bett reglos da, verfluchte die Stummheit. Vom
Nebenzimmer drang das Keuchen meines Vater herüber. Er kannte die Bestimmung
seines Geschlechts. Der Teufel reitet meine Mutter, ihre Haare verteilt über
das Kissen wie schwarze Schlangen. Ich kannte diesen Ausblick. Oft genug hatte
ich ihnen durch das Schlüsselloch zugesehen. Mein Großvater schrie einmal
betrunken: „Wer das Loch einer Hure leckt, muss seinen Mund mit Seife waschen.“
Meine Mutter zerrte mich danach aus dem Zimmer, gab mir ein paar Ohrfeigen: „Du
musst dir die Augen und die Ohren zuhalten, wenn unanständige Dinge über dich
kommen.“ Heute sehe ich, was ich sehe, und höre, was ich höre.
Die ersten Tage passierte nicht viel im Supermarkt. Für
einen Ferienjob war es gebont. Ich hatte das Bedürfnis den Job vor Banu und
Fatma geheim zu halten, aber wie wir uns sahen, erzählte ich den beiden
natürlich alles. Gegen Ende der Woche ließ sich Erkan das erste Mal blicken. Chef
„Herr Kluge“ hatte sich ausgedacht, in der Osterabteilung einige Regal
umzustellen. Die Hasen sollte da stehen, wo die Eier standen, die Eier da, wo
die bunten Tüten lagen und so weiter. Überhaupt sollte die Hälfte nach vorne Richtung
Kasse, zu viel war noch da von dem ganzen Schokozeug.
Am Mittag, der Laden leer, ich schon eine Ewigkeit mit den
Osterhasen per du, kommt ein Typ auf mich zu. „Hey. Hallo. Du bist doch die
Schwester von - ich bin Ali. Wie gehts?“ Ein Grinsen bis über beide Ohren,
hübsch anzusehen. „Was machst du hier?“ Falsche Frage, dachte ich noch, leider.
„Das ist doch keine Arbeit für dich“. Alles klar „Mach doch was vernünftiges.“
Ach ja? „Ich hätte da einen Job für dich.“ Ich schaute ihm in die Augen. Aber chon
kam mein Bruderherz hinter dem Regal hervor. Und beide lachten sich schlapp.
„Schwester. Sei nicht böse“, sagte er. Wie hätte ich meinem Bruder böse sein
können?
In der zweiten Woche kamen sie jeden Tag. Und ehrlich, ich
habe es nicht mitbekommen, was da lief, auf meinem Rücken. Samstag, mein
letzter Tag, fing an wie jeden Tag. Gegen Mittag kamen sie. Ali versuchte wieder
mich anzuflirten, was Erkan dazu brachte einen Haufen Kanakenmist zu erzählen.
Die beiden hatten ihren Spaß und ich hatte meinen.
Vielleicht wollten sie mich provozieren, vielleicht war es
ihre Tour, ein kleiner Verdienst von vielen. Ali steckte sich eine Flasche
Schnaps in die Hose, vom teuersten, schlecht versteckt. Ich bekam es mit, ich
sollte es mitbekommen. Und die Beiden wollten gerade einen Abgang machen, als
der Chef, aus dem Spiegelkasten geschossen, sie am Ausgang abfing.
Worte flogen Fetzen, dazwischen Herr Kluge
wie er es verdient hatte, denn seine Argumente waren mager. Doch in der Sache
hatte er Recht, die Flasche Whisky klemmte immer noch in Alis Hose. Unterwegs hatten die Beiden einiges
gelernt, um solche Situationen zu Meistern, das wurde mir klar. Nachdem sie den
Rückzug mit Herrn Kluge in den Laden angetreten hatten, entbrannte sofort ein
Versteckspiel zwischen den Regalen. In dem ganzen Geblaffe, dem Durcheinander
der Leute, die nur Einkaufen wollten, konnten sie verduften.
Ich freute mich, sah aber verdammt noch mal nicht den
Zusammenhang, den dieser Vorfall zu mir hatte. Bis er vor mir stand: „Sie
kommen jetzt mal bitte mit“, mich herzlich in den Spiegelkasten einlud. Muss
ausgesehen haben wie jetzt kriegt der Kümmelschläfer die Losung vom Aleman.
Nach seinem Predigtreingewürge stand er da und wartete. Was
wollte er nur? Dreimal darf man raten, während sein Blick über meinen Körper
wanderte, ganz langsam. An die Kümmelhaut und wer weiß noch wo hin. „Was soll ich
jetzt mit dir machen?“ Seine Worte, eindeutig, und dazu noch ein gehörntes
Grinsen an der Tag.
Feuern Sie mich doch, sie schwanzgeringelter Sohn einer
Hure, die ihr eigenes Monatsblut trinkt und davon besoffen wird. Ich stand da
mit meiner verfluchten Gedankenwelt und hielt die Klappe. Abwarten, nur
abwarten, wenn er jetzt einen Schritt macht, gibt es saures.
Er setzte mich vor die Tür. Keine Polizei. Dafür sollte ich
mir den Lohn abschminken. Ich tat es. Heimat-Urlaub ade, der Dürrung mein
bester Freund. Alemania-Nepplokal läßt schön grüßen. Ich war angekommen.
Draußen auf der anderen Seite lief gerade der Soundcheck für
irgend so ein Konzert. Nicht meine Bühne, nicht meine Musik, nicht zu diesem
Zeitpunkt. Ich schaute da rüber und dachte an Erkan, wie er aus dem Laden
gerannt war. Ich war ihm nicht böse.
Es war das letzte Mal gewesen, dass ich ihn zu Gesicht
bekommen hatte, für eine ganze Weile. Nur wusste ich es noch nicht.
 
8. Falk Wie ich die Augen auf machte,
merkte ich, dass jemand mir vorsichtig ins Ohr pustete. Eine Sie und sie
strahlte mich an. Ich war irritiert, denn ich hatte das Gefühl, als würde ich
sie zum ersten Mal sehen. Wir lagen in der Ecke eines Zimmers mit ein paar
Decken und Kissen. Dann erinnerte mich, dass sie Sandra hieß, während sie sich
mit aller Kraft an meinem Hals festsaugte. Der Kopf tat mir weh, aber ich
konnte mich eigentlich nicht beschweren: super Party und ein Mädchen, was drauf
und dran war, mich auszusaugen. Was wollte ich mehr? Sie schmeckte nach Sekt.
Mit der Hand fasste sie mir zwischen die Beine. Im Flur lief ständig irgendwer
von links nach rechts und von rechts nach links. Sie machte, was sie wollte.
Und ich ließ sie machen.
Es wäre schön, wenn man manchmal einfach den Kopf
ausschalten könnte. Ich hätte es gut gebrauchen können. Diese lästigen Gedanken
und Fragen, die mir immer zum falschen Zeitpunkt das Leben schwer machten.
Einfach ausschalten und genießen.
Es war wieder genauso ungewöhnlich warm wie letzten Wochen
auch schon. Die Sonne brannte uns ins Gesicht. Mit der Hochbahn über die
Oberbaumbrücke, unten die Spree. Es ging nach Kreuzberg. Es war das erste Mal,
dass ich nach Kreuzberg kam. Wirklich, das erste Mal. Im einem Park trafen wir
eine Freundin von Sandra. Sie erzählte ihr von der Party, der guten Musik und
dem lila Plüschsessel, den sie extra mitgebracht hatte, um einen Typen
abzuschleppen. Die Beiden lachten sich eins. Erst jetzt wurde mir klar, das es
ein Gag von ihr gewesen war, das mit dem Sessel, dass sie den gar nicht
wirklich mitgebracht hatte. Ich musste auch grinsen.
Sie tratschten noch eine ganze Weile weiter, was mir die
Gelegenheit gab, Sandra eine Zeit lang von oben bis unten zu betrachten. Wenn
sie sprach, wackelten ihre dunklen glatten Haare im Takt hin und her. Sie sah
so anders aus jetzt bei Tageslicht, dass mir ein wenig Angst und Bange wurde.
So saß ich da, in diesem Park im Herzen von Kreuzberg, völlig verloren. Lena
war unerreichbar und würde es bleiben, für immer. Warum zum Teufel himmelte ich
sie bloß so an?
Wir holten uns einen Döner mit viel Knoblauchsoße und
pflanzten uns wieder auf die Wiese. Sie fütterte mich mit Zwiebelringen und
Rotkohlstückchen. Ich hatte das Gefühl, dass alle Welt uns beobachtete, mich
beobachtete, wie ich hier mit einem Mädel rummachte, während ich heimlich an
eine andere dachte. Bescheuert. Denn am Liebsten wäre es mir gewesen, hätte sie
mich auf der Stelle durchgevögelt. Und alle Welt hätte dabei zugesehen, Cool
und Zeiger, meine Mutter, mein Vater und natürlich Lena. Obwohl es ihr
wahrscheinlich am Arsch vorbei gegangen wäre.
Später schlenderten wir weiter. Alles war anders hier in
Kreuzberg. Ich kam mir vor wie ein Fremdkörper. Wir gingen zu einem Platz, dort
sollte ein Konzert stattfinden, Open Air „Die Ärzte“. Ich konnte es kaum
glauben. Sandra war Ärztefan, total. Sie hatte sich seit Wochen darauf gefreut,
auch weil es umsonst war. Das Ganze sei gesponsert von Ikea, meinte sie. Ich
tat so als wäre ich auch begeistert. In Wirklichkeit fand ich die „Ärzte“
scheiße. Die drei Typen gingen mir einfach tierisch auf die Nerven.
Der Platz gefüllt, die Stimmung gut, obwohl alles noch drei
Stunden hin war. Von der berühmten Kreuzberger Mischung hatte ich schon mal
gehört. Freaks mit Rastamähne machten Varietékunststückchen. Ein Hippie spielte
zur Einstimmung auf der Gitarre Ärztesongs. Natürlich mussten wir uns
dazusetzen. Ich kaufte ein paar Dosen Bier von einem kleinen Türken, der aussah
wie höchstens acht. Von irgendwoher kam ein Joint und machte die Runde. Aber
kiffen war nichts für mich. Sandra behielt die Tüte einfach bei sich, bis sie
aufgeraucht war. Wir saßen da und inhalierten die coole Atmosphäre. So verging
die Zeit.
Irgendwann stand auf einmal ein Typ auf der Bühne und machte
eine Ansage. Wie auf Knopfdruck setzte sich die träge Masse plötzlich in
Bewegung. Alles stürmte nach vorne. Sandra riss mich hoch und zerrte mich mit,
so weit es ging, bis fast ganz nach vorne. Und dann kamen auch schon die großen
Stars auf die Bühne. Alles tobte, ich mitten drin.
Zu dem Zeitpunkt hab ich sie verloren, erst ihre Hand, dann
aus den Augen. Und ich muss ehrlich sagen, es tat mir nicht leid in dem Moment.
Die Bewegungen der tobenden Masse und ihr Rhythmus schoben mich langsam zur
Seite weg. Es war wie auf dem Wasser, wenn man so langsam weggetrieben wird.
Später hab ich sie noch einmal kurz gesehen. Es war am Ende des Konzerts.
Die Leute schrieen wie verrückt: „Zugabe“. Da tauchte sie
plötzlich aus der Masse auf. Auf ihrem T’Shirt hatte sie einen großen breiigen
Fleck. Es sah aus wie Kotze. Ich war froh, dass sie mich nicht sah, obwohl wir
nicht weit auseinander standen. Sie lief umher und wusste anscheinend nicht so
recht, was sie machen sollte. Ich ekelte mich irgendwie vor ihr, obwohl ich
keine Ahnung hatte, woher das kam. Und das alles interessierte mich auch nicht
mehr wirklich. In dem Moment jedenfalls.
 
9. Tim Ron hatte von diesem Konzert
gehört. „Die Ärzte“, live und draußen. Geile Idee. Wir waren Ärztefans, früher
jedenfalls. Heute nicht mehr so, aber egal. Tina kam auch mit. Ron hatte ihr
Bescheid gesagt. Und ich fragte mich, Ron, mein Lieber, was soll das jetzt
wieder, verdammt noch mal. Was hat die kleine Tina bei uns verloren, wenn wir
zu den „Ärzten“ gehen. Aber eigentlich war es gut so, weil es plötzlich
Klarheit schaffte. Ich hätte auch noch warten können bis Susan meinen Weg kreuzte.
Aber ein offenes Wort, war ein offenes Wort, was will man mehr.
Tina war mir peinlich - vor Ron, meinen Freunden, auf der
Strasse, in der Öffentlichkeit! Ein Anstoß von außen und es brach aus mir
hervor. Die Ärzte spielten gerade den Song „Männer sind Schweine“. „Du Tina,
mach dir wegen mir bitte keine falschen Hoffnungen. Dass kein falscher Eindruck
entsteht.“ Fair play, nicht wahr? Nicht, dass ich es für den richtigen Moment
hielt. Aber es passte eben irgendwie auch. Und ich bin mehr so der spontane Typ.
Sie verschwand ohne ein Wort. Und wir feierten weiter.
Sangen mit wie die Schuljungen von Paul dem Bademeister und Claudia ihrem
Schäferhund. Gegen Ende des Konzerts kam ihr Auftritt, die Revanche. Es war
vielleicht eine halbe Stunde vergangen. Genug Zeit sich so richtig vollaufen zu
lassen. Plötzlich stand sie auf der Bühne, völlig betrunken. „Die Ärzte“ hatten
sich Backstage zurückgezogen. Sie ließen sich feiern. Die Leute tobten,
klatschten Zugabe. Tina, allein auf der Bühne, erinnerte mich ein bisschen an
Janis Joplin, irgend so ein uralter Videoclip, den ich gesehen hatte.
Keine Ahnung, wie sie es geschafft hatte, auf die Bühne zu
kommen. Alle dachten, das würde dazugehören, es käme eine wichtige Ansage oder
so was. Es wurde leise. Tina schaute in die Menge, suchend und tatsächlich
kreuzten sich unsere Blicke für einen kurzen Augenblick. Dann sagte sie diesen
einen Satz: „Tim, ich finde dich zum kotzen“ und übergab sich in die erste
Reihe. Kein scheiß. Wir standen nicht weit weg. Die Teenies, ganz vorne,
kreischten los, wegen der Kotze, aber die Masse fing wieder an zu grölen:
„Zugabe, Zugabe!“ Ron und die Jungs machten mit. Sie feierten mich. Ich war der
Held des Tages.
Die Ärzte spielten keine Zugabe. Also gab es am Imbiss das
nächste Bier. Um die Ecke hatte sich ein Tumult entwickelt. Ein Haufen
durchgeknallten Spinner fing an zu randalieren, ärgerten sich vielleicht, dass
es keine Zugabe gab. Keine Ahnung, aber das ging mir absolut gegen den Strich.
Sie hatten die Tür eines Supermarkts aufgebrochen und bedienten sich munter
drauf los. Kein Sicherheitsdienst, keine Polizei weit und breit. Als hätten die
sich extra verzogen. Von Ron und den Jungs war plötzlich auch nichts mehr zu
sehen. Ich hatte den Überblick verloren, wollte eigentlich nur noch nach Hause.
Von irgendwoher flogen Pflastersteine irgendwohin. Wo war ich hier? Um mich
herum tobte eine regelrechte Schlacht. Ein Stein musste mich getroffen haben,
ich merkte es am Knöchel.
Natürlich wäre alles anders gekommen, hätte dieser verdammte
Stein mich nicht am Knöchel getroffen. Ich hätte ihn wohl nicht aufgehoben.
Aber eigentlich hatte er nicht direkt etwas damit zu tun, wie sich alles
entwickelten. Ich befand mich in einem Strudel von Ereignissen, aus dem es kein
entrinnen gab. Ich musste etwas tun. Das Bier in der einen, den Stein in der
anderen Hand ging ich rüber zu den Idioten, die den Supermarkt plünderten. Es
war wirklich unfassbar. Klar hatte ich schon mal was vom 1. Mai in Kreuzberg
gehört und dem ganzen Chaotenmist. Aber das war neu für mich. Und sonst kennt
man das ja nur aus dem Fernsehen, Nordafrika, Südamerika.
Die Eingangstür war mittlerweile gar nicht mehr existent.
Die Typen schleppten raus, was sie in die Hand bekamen, hauptsächlich Bier,
Alkohol und Süßigkeiten. Primitiv. Nicht, dass ich etwas gegen bedürftige
Menschen habe, aber das war einfach abartig. Dafür hab ich kein Verständnis.
Ich fühlte mich provoziert. Das Bier tat vielleicht sein übriges. Man könnte
aber auch sagen, ich folgte einfach einem spontanen Gefühl meines Rechtsbewusstseins.
Ich ging in den Laden, schaute mich um. Weiter hinten packte
einer von diesen Typen eine Bananenkiste voll. Es sah wirklich aus, als wäre er
am Einkaufen. Ich fragte ihn, ob es ihm gut gehe, und ob ihm klar wäre, was er
hier mache. Und er schaut mich an und sagt: „Ick geh shoppen, alta“. Ein
Jugendlicher, vielleicht sechzehn, höchstens. Er hielt mich für bescheuert.
Ich kann nicht sagen, dass es eine Kurzschlussreaktion war.
Ich war selber überrascht über mich. Noch mehr überraschten mich allerdings die
Anderen im Laden. Ich nahm den Stein, den ich noch immer in der Hand hielt, der
mir draußen gegen den Knöchel gedengelt war, holte aus und schlug ihn dem Typen
von der Seite gegen den Kopf, etwa auf Höhe des Ohrs. Rums. Es knallte und er
flog der Länge nach hin, hielt aber die Kiste, die Bananekiste mit seinem
„Einkauf“ immer noch in seinen Händen. Unglaublich, oder? Das muss man sie sich
mal vorstellen. So krank war der Kerl, dass für ihn in dieser Sekunde die
scheiß Bananenkiste mit dem Kram das wichtigste auf der ganzen Welt war. So lag
er da. Für einen kurzen Augenblick bekam ich einen schreck. Ehrlich. Ich wollte
ihn ja nicht umbringen.
Und die anderen Idioten im Supermarkt, was machten die?
Nichts. Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Sicher, es war laut, keiner
hatte es direkt gesehen, eine ungewöhnliche Situation. Aber ich fand es
bezeichnend. Auf dem Weg nach Hause ging mir das nicht mehr aus dem Kopf.
 
10. Falk Ich habe mich noch öfter gefragt,
ob es nicht besser gewesen wäre, bei ihr zu bleiben. Sicher, der Tag wäre
anders verlaufen, alles wäre anders gekommen. Aber das ist ja immer so. Es ging
einfach nicht. Ich würde sagen, sie hat mich losgelassen. Und das war es dann.
Aber sicher, ohne sie wäre ich nicht nach Kreuzberg gekommen und nie auf ein
Konzert von der Ärzten. Ich hätte nicht gesehen wie alles gekommen ist, wie
dieses ganze Chaos langsam aber sicher entstehen konnte, mich mitriss, fesselte
und am Ende Gefangen nahm.
Eine Horde Punks hatte sich schon eine ganze Weile vor einem
Supermarkt versammelt. Ich erkannte die zwei von gestern, die mich nach dem Weg
gefragt hatten, Kreuzberg und so. Der eine schrie immer wieder: „Bier her, Bier
her oder ich fall um.“ Oder so ähnlich. Immer wieder das gleiche. Ein Haufen
Hunde spielten miteinander verrückt, bis ein Rotweiler dazukam und die anderen
aufmischte. Das sah nicht schön aus. Er verbiss sich in einen der kleinen
Mischlinge. Und der Punk, dem der Hund gehörte, hüpfte wild umher, um ihn zu
retten. Mit seinem Irokesenhaarschnitt sah er wirklich aus wie ein Indianer,
der ein Tänzchen veranstaltete.
Ein Stück weiter hatten Leute ein Lagerfeuer entzündet, im
Hintergrund ein Trommeln zu hören. Überhaupt war viel Bewegung in den Platz
gekommen. Sicher waren einige von der Musik gepuscht. Aber eigentlich war es
eine friedliche Atmosphäre, eher irgendwie Volksfeststimmung. Alle liefen hin
und her. Eine Türkengang baute sich auf und schrieen etwas über der Platz. Ich
sah wie sich ein paar Typen mit Kapuzen an der Tür vom Supermarkt zu schaffen machten.
Dann kamen noch welche mit einer Holzbohle, die sie als Ramme benutzten und so
ging „endlich“ die Tür auf. Der eine rief noch: „Hey Leute, es gibt Volksbier
für alle“, und warf eine Karton Dosenbier auf die Straße. Nicht das ich das
alles gut fand, aber es war schon irgendwie witzig, die ganze Situation.
Und dann passierte das unglaubliche. Lena taucht aus dem
Nichts auf, kommt auf mich zu, wirklich und wahrhaftig, ausgerechnet in diesem
Durcheinander, läuft direkt an mir vorbei. Sie erkennt mich, dreht sich um und
spricht mich sogar an: „Was denn, du auch hier?“ Und ich: „Ja. Wieso? Wer denn
noch?“
Wer denn noch. Mir fiel wirklich nichts besseres ein in dem
Moment. Aber es war irgendwie auch egal. Ein Typ, den ich noch nie im Leben
gesehen hatte, rief sie zu sich rüber. Und ohne ein Anzeichen davon, dass diese
Begegnung wirklich stattgefunden hatte, war sie auch schon wieder verschwunden.
Ich starrte rüber zum Supermarkt, sah wie ein Vermummter gerade noch mehr
Bierdosen verteilte. Ich war durcheinander und wie von selbst ging ich langsam
auf den Eingang zu. Auf der Hälfte stand plötzlich einer vor mir und quatschte
mich an: „Hey, wie geht’s. Alles klar?“ Er passt so gar nicht ins Bild. Er
drückte mir einfach so einen Schokoladenosterhasen in die Hand: „Ein Geschenk
des Hauses“, kurz und knapp, als wäre er der Filialleiter persönlich. Mein
erster Osterhase in diesem Jahr.
Tim Was? Du meinst doch nicht etwa, ich
hätte dir den Osterhasen in die Hand gedrückt?
Falk Doch. Klar, so war es.
Tim Auf gar keinen Fall. Warum sollte
ich?
Falk Was weiß ich.
Tim Unsinn.
Falk Doch. Du hast mir den Schokohasen
gegeben.
Tim Totaler Unsinn.
Leyla Hey. Geht´s noch?
Falk Na, egal. Ich war also von allen
guten Geistern verloren. Nur der Schokoladenosterhase konnte mich jetzt noch
retten. Die Polizei, die ja irgendwann einmal kommen musste, ließ nicht mehr
allzu lange auf sich warten. Vielleicht habe ich auch noch gut und gerne fünf
Minuten mit dem Osterhasen zusammen dagestanden. Es muss bescheuert ausgesehen
haben.
„Haut ab, haut ab“, hörte ich irgendwie hinter mir. Von
überall her flogen so Metallbecher auf den Platz. Sie rauchten und drehten sich
lustig im Kreis. Ich weiß noch, dass ich mich fragte: „Oh, sehr witzig, wer hat
sich das denn jetzt ausgedacht?“ „Rock´n Roll“, schrie einer irgendwo. Und
schon brannte es in meinen Augen und im Hals, als hätte ich eine Flasche
Tabasco getrunken. Das Rollkommando der Polizei fegte über den Platz, von allen
Seiten, so was hatte ich noch nicht erlebt.
Alles rannte. Ich rannte mit, in irgendeine Richtung. Da, wo
alle hin rannten, keine Ahnung in welche, ich konnte nichts sehen, die Augen
brannten, ich hätte Kotzen können. Meinen Freund, den Osterhasen hielt ich fest
umklammert. Und weil ich wohl zu viel von diesem Zeug inhaliert hatte, war ich
bald der Letzte. Und den letzten beißen bekanntlich die Hunde.
Und weil es eben keine Hunde waren, die da hinter mir her
waren, spürte ich keine Zähne, die sich in meinem Arsch verbissen, sondern
einen harten Schlag auf meinem Kopf, der mich zum Stehen brachte oder besser
gesagt, zum Erliegen. „Ich brauche einen Arzt“, krächzte ich mit letzter Kraft.
Und der Polizist über mir, der mich gestoppt hatte: „Die Ärzte sind schon nach
Hause gefahren.“ Ich fand es gar nicht witzig. Stattdessen durfte ich im
Mannschaftswagen mitfahren, liegend mit einem Stiefel im Nacken, der meinen
Kopf zu Boden drückte.
Beim Verhör am nächsten Morgen zauberte ein Beamter dann
tatsächlich wieder den Schokoladenosterhasen hervor. Es war wirklich eine
magische Situation. Es fehlte nur noch, dass er ihn aus dem Hut holte. Ich
begrüßte meinen Freund: „Hey, wo kommst du denn her? Ich habe dich schon so
sehr vermisst.“ „Sie erkennen ihn also wieder?“, fragte mich der Beamte. „Ja,
sicher. Das ist doch mein Freund der Osterhase“, sagte ich nur. Und der Beamte:
„Junge, Junge, du hast wohl zu Ostern nichts von deinen Eltern bekommen.“ Und
dann konnte ich gehen. „Sie hören dann von uns“, sagte er noch. Aber ich habe
nichts mehr von ihnen gehört, bis heute nicht.
Den Osterhasen konnte ich mitnehmen. Ich hatte Glück. Das
glaube ich jedenfalls. Es hätte auch anders kommen können. Da bin ich sicher.
 
11. Leyla Der Anruf kam am Sonntag Mittag.
Erkan hatte es geschafft, er war in der Klemme. Er hatte Alemanialand den
Frieden gebrochen. Aus der Rache wurde ein Schuss nach hinten. Am Telefon
erfuhren wir nichts genaues, aber die Familie drehte natürlich am Rad.
Im Anschluss an dieses Konzert hatte es saures mit der
Polizei gegeben. Erkan und die Gang unterwegs.
Das war sein Weg. Dass sie ausgerechnet den Market von Filialleiter Kluge
erwischten, bereitete mir schon ein Schmunzeln. Trotzdem: Attacke machen ist
was anderes als ein Gemetzel wollen. Das eine nenne ich schlau, das andere
krückenblind.
Was ich meine ist ein anderer Schick. Die schrille Tour geht
ans Eingemachte. Da wird alles leichter. Das hat Stil. Flimsiges Blaulicht und
dieses Rapfuckintheghettoding in den Köpfen hat sich, finde ich, total
erledigt. Ghetto ist ein unwirkliches Gemälde, ein Kaugummiteil, wo die nur sehen, was sie sehen wollen. Und
du kannst sehen, wo du bleibst.
Erkan sitzt immer noch im Knast, und ich weiß, es geht ihm
scheiße. Ich hoffe, dass er bald nach Hause kommt. Freitag geht es wieder ins
Trash. Banu, Fatma, ich und die Arabische Nacht. Wir kommen an dem Market
vorbei und verschwenden keinen einzigen Gedanken an dieses miese Geschäft. Und
den Urlaub in die Türkei, habe ich auf später verschoben. Aber sicher nur
verschoben.
 
12. Tim Für mich war die Sache abgehakt.
Der Besuch auf dem Revier war spannend genug gewesen. Ein Nachspiel lag im
Bereich des Möglichen. Aber die Tage drauf waren so wie immer, also habe ich
mir keine Gedanken mehr gemacht. Schön naiv. Aber so bin ich nun mal, was meine
Umgang mit Problemen angeht.
Das Mädel, was ich am Abend in der EX-Bar am Tresen
aufgerissen hatte, Susan, da bestand sie drauf, war noch da, als es klingelte
und diese Typen vor der Tür standen. Damit hatte ich nun wirklich nicht
gerechnet, schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt. Warum ich überhaupt zur Tür
gegangen war, verstand ich selber nicht.
„Herr Reichelt? Haben Sie Zeit, uns ein paar Fragen zu
beantworten?“ Wie im Film, original. Polizei in Zivil. Der eine hielt mir
seinem Ausweis vor die Nase, der andere verzog keine Miene. Ich hatte solche
Augen. Der Typ hätte mir einen U-Bahn-Fahrschein zeigen können, ich hätte es
nicht gemerkt. Ich muss ein schreckliche Figur abgegeben haben. Hätte nur noch
gefehlt ohne Unterhose dazustehen. „Na ja, eigentlich nicht“, sagte ich ganz
ehrlich. „Können Sie nicht später noch mal kommen?“ Und der andere Beamte
versicherte mir: „Es wird nicht lange dauern. Dürfen wir reinkommen?“ Sie
meinten es ernst.
Susan, mein blondes Gift, quiekte irgendetwas im
Schlafzimmer und stand plötzlich auch noch da. Sie war etwas irritiert, hüpfte
halb nackt zwischen mir und den Beamten herum und wollte offensichtlich
schnellst möglich verduften. Ich zog mir ein paar Sachen an. Mal sehen, was die
Beiden zu sagen hatten. Ich war immer noch nicht in der Lage zu verstehen,
warum die beiden Herren mich so dringend sprechen wollten. Wie sie loslegten,
sagte ich gar nichts mehr. Ich konnte erst gar nicht glauben, worum es ging.
Aber dann spulte sich die ganze Geschichte noch einmal vor meinen Augen ab, das
Konzert, die kleine Tina, die Schlacht vor dem Supermarkt, der hirnlose
Bananenkistenmann und wie ich mich später am Telefon mit Ron in die Haare
bekam, weil er und die anderen Jungs mich einfach alleine gelassen hatte an dem
Abend.
Natürlich tat ich so als hätte ich das Foto und das Plakat
zum ersten Mal gesehen. Ansonsten war Widerspruch zwecklos. Ich war
augenscheinlich der gesuchte Mann, das war offensichtlich. Warum hätte ich auch
leugnen sollen. Ich hatte ja mit der ganzen Eskalation überhaupt nichts zu tun.
Ich war ein Opfer der Idioten und Chaoten gewesen.
Ich erzählte ihnen von meiner zufälligen Anwesenheit vor dem
Supermarkt, dem Stein, meinem Knöchel und meiner Entrüstung über diese Idioten.
Das konnte doch alles nicht angehen. Das gute Konzert, die gute Stimmung, bis
zu diesem Zeitpunkt. Wären ihre Kollegen doch bloß früher gekommen, dann wäre
das alles nicht passiert. Das war die Wahrheit und ein echt gutes Argument, wie
ich fand. Ich redete und redete und ließ die Beiden kaum zu Wort kommen. Alles
ohne einen Kaffee vorher. Den Zwischenfall mit dem Bananenkistenmann verschwieg
ich. Das machte die Sache nicht unnötig kompliziert. Er hatte es ja wohl
überlebt, oder?
Am Ende hatte ich sie soweit, die beiden Jungs. Der eine gab
zu, dass er auch mal Ärztefan gewesen war, früher jedenfalls, was für ein
Zufall. Der andere ließ durchblicken, dass es außer dem Foto, keine weiteren
Aussagen und Ermittlungsergebnisse über mich und den Vorfall geben würde und
sie nach der Klärung der Sache, das Ganze zu den Akten legen würden. Na also!
Nette Jungs von der Kripo. Gute Story. Ich war raus aus der Sache. Über mein
Foto auf den Plakaten würde ein Kreuz gemacht. Zum Revier, unterschreiben, aus,
Bums, Akte zu, erledigt.
„Ich hab´s dir ja gesagt.“ Das war alles was Ron zu meinem
Besuch am Vormittag einfiel. Wir sahen uns am Mittag im Büro. Und dann lachten
wir und er fragte mich, wie die Nacht mit der Blondine gewesen wäre. Und ich
sagte: „Nicht schlecht.“ Und dachte, hätte besser sein können.
 
13. Falk „Erzähl bitte den Eltern nichts.“
Den Satz konnte ich mir bei Franka eigentlich sparen. Nicht im Traum hätte sie
den Eltern von der Sache erzählt. Ich sagte „Hallo“ als wäre nichts gewesen.
„Na, mein Junge, alles klar?“ Ich antwortete nichts, nickte nur, ging in mein
Zimmer und freute mich wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein. Ich musste
schlafen.
Später erzählte ich von meinem Ausflug zu Franka und dem
Kleinen. Mama war ganz interessiert: „Und wie geht es unserem Luis?“ Papa
ignorierte es, fing an vom Wetter zu erzählen, das wirklich großartige Wetter.
Und dass er nicht verstehen könne, wieso die Deutschen immer wieder nach
Mallorca fliegen müssten, wo es doch an der Ostsee so schönes Wetter gibt. Die
Eltern hatten also einen schönen Urlaub verbracht.
Lena hab ich in der Schule wieder gesehen. Gesagt hat sie
nichts. Warum auch. Gerne hätte ich Sandra mal wiedergetroffen. Vielleicht
hätte es doch was mit uns werden können. Das sage ich jetzt so im Nachhinein.
Ich wünsche mir manchmal, ich würde sie zufällig auf der Straße wiedertreffen.
Und sie würde mir um den Hals fallen, sich festsaugen, wie damals. Und wir
könnten da weitermachen, wo wir aufgehört haben.
Manchmal ertappe ich mich sogar bei dem Gefühl, ich wäre
heute verliebter in sie als damals. Komische Sache. Also begnüge ich mich
damit, mir Abends im Bett vorzustellen, sie wäre bei mir und wir wären
zusammen. Und dann saugt sie sich wieder fest bei mir. Sie küsst mich und
arbeitet sich langsam nach unten. Sie küsst und saugt und küsst und saugt und
saugt solange, dass es schon weh tut. Mein Gesicht zieht sich zusammen. Und ich
kann es nicht mehr zurückhalten.
Ich werde nicht mehr lange in Hellersdorf wohnen bleiben,
soviel steht fest. Die Gegend kotzt mich mittlerweile ziemlich an. Ich werde
mein Glück woanders finden. Wo? Weiß ich noch nicht.

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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Torsten Böhm).
Der Beitrag wurde von Torsten Böhm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.04.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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