Veronika Bachmann

Sigrid oder die Seegurke



Ich sitze an einem Strand in Florida, Palmen und Sand, Sonne und Wind. Junge Leute, hübsche junge Frauen, mit bestimmt glücklicher Zukunft, so hübsch wie sie sind, durchtrainierte Männer, auf dem Weg weit nach oben.

Sie sprechen Deutsch, wie ich, ich sitze da in meinem Liegestuhl und lese unter einem Sonnenschirm ein deutsches Buch, etwas aus der Form geraten, ich sehe den andern zu, wie sie lachen, Volleyball spielen, sich gegenseitig Kommandos zurufen.

 

Secret, eine mit langer blonder Mähne heißt wohl Secret, das Geheimnis, denke ich, sie ist bestimmt die beste Spielerin, sie wird dauernd gerufen, wie kann denn jemand Secret heißen, denke ich noch, aber dann merke ich schon, dass mich da mein eigenes Unterbewusstsein schützen wollte, Secret, nein, nein, die heißt natürlich Sigrid.

 

Sigrid.

 

Auch Seegurke von mir genannt, das Buch fällt mir vor Schreck in den Sand. Seegurke.

Deretwegen sitze ich an einem der schönsten Strände der Welt, reich, einsam und verloren in einem Liegestuhl.

Kann mir mal jemand einen Drink bringen.

Wegen der Seegurke hat mich mein Mann verlassen. Der Name passte zu ihr, blond bemähnt, aber hirnlos, blass, unförmig, fand ich sie, aber mein Mann hat eben etwas ganz anderes in ihr gesehen, muss er ja wohl, denn sonst säße ich jetzt hier nicht allein herum und er mit ihr, ach, ich will es gar nicht wissen.

Ob mir der Mann von dem Hamburger Verkaufsstand nicht noch mal ein Bier rüberbringt, so wie gestern, Hand heben, winken, er reagiert nicht.

Ich würd schon gerne wissen, wo die jetzt sind. Seufz. Seegurke, er hat mich verlassen wegen ihr.

 

Wie kommst du denn auf Seegurke, wollen meine Freunde wissen, ich bin aber schon bekannt für meine treffenden Spitznamen.

Die sieht doch so aus, erkläre ich dann bestimmt und na ja zugegeben, die Freunde wiederum sehen mich an, als wäre ich nicht ganz bei Verstand.

Seegurke, so, so.

Sie hat mir meinen Mann weggenommen, das Beste, was ich in meinem Leben kriegen konnte, ist doch klar, dass ich kein gutes Bild von ihr habe, Seegurkengeschöpf.

Oh, Mann, ich brauch einen Drink, wieso sieht der mich nicht, niemand sieht mich. Der in seinem Hamburgerwohnwagen nicht und die Jungen, die da spielen  sowieso nicht. Ich könnte die Mutter sein, Mutter bin ich nicht geworden, Seegurke wird das, bestimmt.

 

Secret, pass auf, ruft einer der Jungs wieder, ich sehe hinüber, vielleicht sah sie so für meinen Mann aus. Vielleicht sieht sie ja in echt auch so aus, braungebrannt, hirnlos. Mit breitem gebärfreudigen Becken.

 

Wieso guckt nicht mal der Mensch mit den Drinks, könnte doch ein Geschäft mit mir machen, ach.

 

Sigrid. Sie spielen sich die Bälle zu, ich sehe dann eine Zeitlang mit aller Wehmut und Sehnsucht hin, ich könnte gar nicht mehr mitspielen in dieser Liga, zu alt, zu dick, unförmig wie eine Seegurke, selbst Seegurke jetzt.

 

Einen Drink bittttte, ein Bier, können Sie mir kein Bier rüberbringen.

 

Der Ball rollt vor den Wohnwagen, bitte, jetzt fängt der an dort mitzuspielen.

 

Das ist es doch, denke ich voller Entsetzen, warum bringt mir keiner einen Drink, ich bin selbst Seegurke, ich bin blass, blöd, dumm. Verhärmt, selber Seegurke inzwischen, das heilt nie mehr.

Meinem Mann geht es gut, nur für sich und für seine Sigrid, sein Secret, seine Seegurke, und was mache ich?

 

Winken, ja, a beer, like yesterday, sage ich, bitte ich. Der Typ hört mich nicht, verschwindet wieder in seinem Verkaufswagen, ich sitze da.

 

Was mache ich jetzt mit dem Restleben – ins Wasser gehen und nicht wiederkommen.

Seegurke, Gottes Geschöpf, aber vorher gehe ich ins Aquarium, ins Sealife um mir eine Seegurke anzusehen, ich werde mir ein eigenes Bild machen, ein echtes eigenes Bild. Seegurkenbild und dann kann ich ja immer noch ins Wasser gehen.

 

Jetzt noch einmal winken, ein Bier bitte, na endlich.

 

 

Sigrid, du musst besser aufpassen, ruft einer der Jungs, laut und ärgerlich, jetzt hast du uns dreimal hinter einander die Punkte vermasselt, ach Sigrid. Secret. Seegurke.

 

So enden wir doch alle. Hoffentlich. und doch nicht. Alle

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.05.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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