Tonia Drudo

Der 32. November

Der 32. November war schon ein merkwürdiges Datum. In jedem Schaltjahr, das ich bisher erlebt hatte, erlebte ich merkwürdige Dinge.

Mir war der 32. November immer unheimlich gewesen, genauer genommen seit meinem ersten Mal. Damals war ich noch in der Grundschule gewesen. Mitten im Mathematik-Unterricht war die Sekretärin der Schule in die Klasse gekommen und hatte mich herausgeholt. Ein Mann wartete vor der Tür auf mich. Er überreichte mir einen schmutzigen vergilbten Briefumschlag mit den Worten “Der ist von deiner alten Freundin Lana” und ließ mich wieder zurück in den Unterricht gehen. In der Pause öffnete ich, versteckt vor den Augen meiner Mitschüler, den Umschlag. Ich hatte protestiert, als ich den Umschlag bekommen hatte, konnte ich mich doch an keine Freundin namens Lana erinnern. Doch der Brief war tatsächlich an mich gerichtet. In einer ungelenken Kinderschrift erzählte diese Lana von ihrer Schule und ihrem Kätzchen. Ein beigelegtes Foto zeigte ein braunhaariges Mädchen mit Sommersprossen. Aber das merkwürdige kam dann erst. An jedem Tag, an dem ich mir das Foto anschaute und den Brief durchlas, veränderte er sich. Auf einmal stand in dem Brief, dass Lana Katzen hasste und stattdessen einen Hund besaß. Auch hatte sie auf einmal auf dem Foto blonde Haare, statt braunen.

Durch diese Merkwürdigkeiten begann ich dem 32. November zu misstrauen. Einmal versuchte ich es aus, ob er genauso in anderen Ländern wirkte. Aber als ich die französische Grenze überschreiten wollte, wurde ich von einem Zollbeamten aufgehalten, der mir weismachte, ich hätte keine Einreisegenehmigung für Madagaskar. Ich war mir sicher an der französischen Grenze zu sein, doch alles wies auf einmal darauf hin, dass ich mich tatsächlich an der Grenze zu Madagaskar befand. Erst am 1. Dezember fiel mir wieder ein, dass Madagaskar ja eine Insel war…

Dieses Jahr war der 32. November ein trüber Tag. In der Luft lag Regen und ein dicker Nebelschleier lag über dem Land. Zum Glück war diesmal Samstag und ich beschloss einfach den Tag zu verschlafen. Doch gegen zwölf Uhr Mittags konnte ich einfach nicht mehr schlafen und ich schlurfte in die Küche um mir eine heiße Schokolade zu machen. Eher durch Zufall sah ich durch das Küchenfenster nach draußen. Irgendwas stimmte da nicht. Aber ich konnte nicht ausmachen, woher dieser Eindruck kam. Es war eher ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Als erstes dachte ich, es sei das schlechte Gewissen, weil ich den Buchsbaum schon so lange nicht mehr beschnitten hatte, aber das war es nicht. So zog ich mir Schuhe und eine Jacke über und ging in meinen Garten. Jetzt saß auf dem Buchsbaum auf einmal eine fette, gestreifte Katze. Sie schaute mich so merkwürdig an. Ich klatschte in die Hände und versuchte sie zu verscheuchen, doch sie rührte sich nicht. Ich überlegte nur kurz; anscheinend hatte einer der Nachbarn sich eine neue Katze angeschafft und diese war jetzt auf Erkundungstour. Plötzlich krachte es hinter mir und ich fuhr zusammen. Doch es war bloß die Haustüre gewesen, die ins Schloss gefallen war, als ob sie nur darauf gewartet hätte, dass ich ohne Schlüssel rausgehe. Kopfschüttelnd drehte ich mich wieder zu der Katze. Und dann grinste sie auf einmal, als ob sie sich über mich lustig machen würde. Ihr Grinsen war mit Abstand das breiteste, das ich jemals gesehen hatte. Und ich verstand: Das war die berühmte Grinsekatze aus “Alice im Wunderland”. Und ich grinste zurück.

Wer weiß, was ich im nächsten Schaltjahr erleben werde…

Auch diese Geschichte habe ich für unseren "Schreibblog" von mir und
meinen Freundinnen auf ichmichich.wordpress.com geschrieben. Die
Schlüsselwörter, aus denen ich diese Geschichte schreiben musste,
waren: grinsen – Zoll – Buchsbaum – Schaltjahr – trüb
Tonia Drudo, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.05.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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