Helmut Wurm

Sokrates und die vier Lehrer-Pensionäre

Sokrates hat normalerweise eine Wolke, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Das ist billig und einfach, denn die kann er bestellen und anhalten, wann er möchte. Aber trotzdem fährt er gerne auch mit den öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln, weil sich da manches hören und erfahren lässt und weil sich dort manche Gespräche führen lassen.So ist er diesmal einfach in einen D-Zug mit getrennten Abteilen gestiegen. Er weiß nur, dass der Zug nach Süden fährt. Während er langsam den Wagengang an den Abteilen vorbei geht, hört er aus einem halb geöffneten Abteil, dass von 4 Männern in reiferem Alter besetzt ist, laut und spöttisch rufen:

Stimmen aus dem Abteil (durcheinander): Ach, da geht ja der Sokrates... Jedenfalls sieht er so aus… Vielleicht ein Fremdenführer für das Antikentheater in M… in seiner Verkleidung für die Touristen… Der erinnert mich an meinen Griechischunterricht…

Sokrates bleibt stehen, öffnet die Abteiltür ganz und fragt?

Sokrates: Kennen Sie mich? Oder wissen sie überhaupt etwas über Sokrates? Darf ich mich zu ihnen setzen?

Die 4 Herren (abwechseln): Wer sein Leben in der Schule verbracht hat, der hat zumindest von Sokrates gehört… Aber der ist ja schon lange tot… Haben Sie auch unterrichtet, etwa Griechisch?...

Sokrates: Ja, ich habe auch früher einmal unterrichtet… Und Griechisch stimmt so ungefähr?... Habe ich es hier mit vier Lehrern zu tun, eventuell im Ruhestand? 

Die 4 Herren (abwechselnd):  Als ehemaliger Kollege können Sie sich gerne zu uns setzen… Ihrem Alter nach sind sie schon länger im Ruhestand als wir… Wie genießen Sie Ihren Pensionärs-Ruhestand?

Sokrates: Im Ruhestand bin ich gewissermaßen auch… und doch auch wieder nicht… Ich bin in einer Art von unruhigem Ruhestand mit noch vielen Aufgaben. Manchmal werden sie mir fast zu viel, aber ich erfülle sie gerne, denn die Gesellschaft und die Menschen brauchen mich… Wer viele Erfahrungen hat, der kann auch den jüngeren Generationen viel nützen…

Es entwickelt sich ein Gespräch mit diesen vier Pensionären über ihre Lehrerszeit und über die Lebensinhalte von Lehrer-Pensionären. Sokrates nutzt dabei die Gelegenheit, die vier Pensionäre genauer zu betrachten. Sie sind sehr unterschiedlich. Der eine ist sensibel, bedrückt und erleichtert zugleich und sieht aus, als wenn er sich von einer längeren Krankheit langsam erholte. Der zweite hat einen verschmitzt-zufriedenen Gesichtsausdruck und wirkt rundum gesund. Der dritte strahlt eine würdevolle Pose aus und scheint sehr selbstbewusst zu sein. Der vierte macht eher einen neutralen  Eindruck, so wie jemand, der gar nicht die Zeit hat, viel an sich zu denken.

Es stellt sich weiter heraus, dass die Vier sich selber nicht näher kennen und rein zufällig in diesem Abteil zusammen sitzen. Alle wollen zwar in Richtung Süden, aber  unterschiedlich weit fahren und mit ganz verschiedenen Absichten und Zielen. Und weil es Sokrates interessiert, was Lehrer-Pensionäre so machen und wie sie ihre viele freie Zeit verkraften, hat er so nebenbei angeregt, dass man sich gegenseitig vorstellt.

Er beginnt bei sich selbst, macht es aber kurz:

Sokrates: Ich bin seit längerem aus meiner pädagogischen Aufgabe ausgeschieden, der ich mit Begeisterung nachgegangen bin, mit so viel Begeisterung, dass ich mich jetzt als eine Art Sonderpädagoge oder besser besonderer Pädagoge den Menschen weiter widme. Wer einmal richtig von Herzen Pädagoge und Lehrer war, der kann das nicht mehr einfach so ablegen. Pädagogik ist kein Beruf, das ist eine Verantwortung, eine ständige Aufgabe, eine Erfüllung, denn die Menschen brauchen immer Hilfe und Anstöße zum kritischen Nachdenken, Pädagogik ist ein schöner Beruf… Schade, dass heutzutage nicht immer die Richtigen diesen Beruf wählen und ausüben.

Der erste Pensionär (traurig und erleichtert zugleich): Das klingt ja wie bei dem realen Sokrates vor über 2000 Jahren… Jedoch Spaß beiseite... Ich dachte ganz zu Anfang auch mal so. Aber für mich war der Lehrerberuf keine Aufgabe, keine ständige Verantwortung, keine Erfüllung. Für mich war dieser Beruf eine ständige Belastung… Ich habe einfach den falschen Beruf gewählt und zusätzlich noch die falschen Fächer, nämlich Deutsch und Religion… Ich gehöre also zu den Nicht-Richtigen… Ich kam mit den Schülern nicht zurecht… Im Fach Religion ging es über Tisch und Bänke… Ich bekam Angst vor den Schülern…Die vielen und langen Korrekturen im Fach Deutsch hielt ich nicht durch… Zuerst wurde ich psychisch krank, dann körperlich… Dann fehlte ich immer öfter und länger… Kaum konnte ich die Ferien erwarten… Schließlich hatte der Amtsarzt Erbarmen mit mir und schrieb mich dienstunfähig. Ich wurde vorzeitig pensioniert…. Die Pension ist deswegen nicht hoch, aber ich kann davon leben.

Mir ging es dann allmählich wieder besser, aber bald kam das nächste Problem. Ich habe mir keine für mich passende Aufgabe für das Pensionsalter besorgt. Nachhilfe in Deutsch könnte ich geben, aber das würde die alten Ängste wieder aufreißen. So verbringe ich meine Zeit ohne einen rechten Lebenssinn und das ist eine große Leere. Irgendwie schäme ich mich einerseits, dass ich Geld bekomme und nichts dafür als Gegenleistung tun kann, aber andererseits möchte ich nie mehr in die Schule zurück…Was mich etwas wieder beruhigt ist, dass ich nicht der einzige bin, dem es so ging. Es gibt viele Lehrer im Land, die frühzeitig in Pension gehen mussten, weil sie für den Lehrer-Beruf nicht geeignet waren… Jetzt besuche ich Verwandte, vielleicht lenkt mich das etwas ab…

Der selbstbewusste Pensionär (abfällig): Dann  gehören Sie also zu denjenigen Lehrern, die dem Staat viel Geld ohne Gegenleistung kosten. Man muss wirklich vor der Einstellung stärker prüfen, ob der Betreffende überhaupt für den Lehrerberuf geeignet ist und ihn durchhält.

Der traurig-erleichterte Pensionär rückt ein Stück von ihm ab und beteiligt sich nicht mehr am Gespräch.

Der zweite Pensionär (verschmitz-zufrieden): Diese Schuldgefühle kann ich nicht verstehen. Wenn ein Staat so dumm ist, den Lehrern eine hohe Pension zu bezahlen, dann hat er es verdient, dass man ihn melkt. Ich bin auch früher aus dem Schuldienst ausgeschieden und habe das übrigens von Anfang an gewollt. Ich habe das aber alles geschickt und ohne wirkliche Krankheit geschafft. Man muss nur die richtigen Ärzte-Bekannten haben. Meine Lebensdevise war ab meiner Jugend, so bequem wie möglich und so angenehm wie möglich durch das Leben zu kommen. Als Unterrichtsfächer hatte ich mir Fächer gewählt, die wenig Aufwand machten, nämlich Kunst, Sport und Erdkunde… Keine großen Korrekturen, ich gab nur gute Noten… Aber als ich so um die 50 Jahre alt war, da merkte ich, dass ich keine so rechte Lust mehr hatte, äh, dass ich psychisch krank wurde. Davon habe ich ständig im Kollegium erzählt und habe immer öfter gefehlt… Nun kannte ich vom Tennisverein einen Psychiater gut, der hat mir eine immer schwerer werdende Belastungs-Neurose bescheinigt. Der Amtsarzt hatte keine Chance, das Gegenteil zu beweisen…

Und so bin ich eines Tages ebenfalls vorzeitig aus dem Schuldienst "ausgeschieden worden", ich wurde also frühpensioniert und bekomme eine gekürzte, aber immer noch ausreichende Pension. Da meine Frau noch arbeitet, kommen wir beide ganz gut zurecht. Ich mache mir das neue freie Leben so schön wie möglich: Sport, Wandern, Grillen, Reisen, mit Bekannten und Freunden mich treffen, ich sag eweiter nur das Stichwort Mallorca…

Der Staat hat es möglich gemacht, also machte ich das Beste daraus… Ob andere für ihr Einkommen und ihre Rente schwerer arbeiten müssen, ist mir gleichgültig. Wenn der Staat das anbietet… Ich bin ebenfalls nicht der einzige, der sein Berufsleben so gestaltet hat. Ich kenne eine Reihe von Lehrerkollegen, die es so gemacht haben wie ich… Wir könnten einen Club gründen… Jetzt fahre ich gerade zum Flughafen und von dort für eine Woche nach Mallorca - ein Billigangebot…

Der selbstbewusste Pensionär (abfällig): Dann gehören Sie also zu den Staat-Ausnutzern und Lehrer-Bequemlingen. Man sollte die Gehälter und Pensionen des einfachen Lehrer-Fußvolks drastisch kürzen, damit solche Schuldienst-Schmarotzer nicht mehr Lehrer werden wollen.

Der verschmitzt-zufriedene Pensionär rückt ebenfalls von ihm ab und grinst nur noch.

Der selbstbewusste Pensionär (in Pose, würdevoll): Mein beruflicher Werdegang ist schnell erzählt. Mein Vater war ein angesehener Gymnasiallehrer und so ergab es sich zwangsläufig, dass ich es auch wurde. Ich studierte und unterrichtete die Fächer Mathematik, Latein und Griechisch, also die angesehenen klassischen Fächer des alten Gymnasiums. In Griechisch habe ich dazu noch promoviert. Auf die Schwätzfächer wie Geschichte, Erdkunde, Religion, Sozialkunde usw. habe ich immer herabgeblickt. Die formen doch nicht die Seele der schulischen Jugend zum Höheren und Edlen… Ich habe immer darauf geachtet, dass ich von Schülern und Kollegen auch mit Herr Dr. angesprochen wurde.Bald bin ich in die Schulleitungsebene aufgestiegen und dann Schulleiter geworden. Als mein Gymnasium mit einer anderen Schule zu der neuartigen IGS (Integrierten Gesamtschule) zusammengelegt wurde, konnte ich etwas früher mit ungekürzten Alters-Bezügen  in Pension gehen. Das hatte ich bei meinem Engagement für meine Schule auch verdient.

Dass ich in meiner Position auch deutlich mehr Gehalt bekam als die einfachen Lehrer und dass ich dementsprechend auch eine höhere Pension bekomme, ist der Würde meiner früheren Stellung angemessen. Als Pensionär, der sich finanziell keine Sorgen zu machen braucht, gönne ich mir nun ausgedehnte regelmäßige Bildungsreisen. Jetzt fahre ich nach W…, um die großen Museen dort gründlich zu studieren und um einige Manuskripte von mir den dortigen wissenschaftlichen Zeitschriften anzubieten. Das entspricht der Würde meiner früheren Stellung… Meinen Garten pflegt ein bezahlter Gärtner…

Der vierte unauffällige Pensionär rückt jetzt auch von ihm ab.

Der unauffällige Pensionär: Ich kann mich noch kürzer fassen. Ich war in meiner Jugend mehrere Jahre Pfadfinderführer und habe dort die Freude an der Formung von Jugend entdeckt, denn die Pfadfinderbewegung hat primär eine pädagogische Ziel-setzung und ist erst danach eine spannend-abenteuernde Jugendbewegung. Ich unterrichtete nur die Fächer Biologie, Erdkunde, Sozialkunde und Wirtschaftskunde. Ich war auch nicht in  der Schulleitung, aber ich habe mit Freude und ebenfalls mit Engagement meine Pflicht getan. Denn dieses Wort "Pflicht", Herr Pseudo-Sokrates, fehlte noch in Ihrer Aufzählung der Qualitäten eines guten Pädagogen. Ein guter Pädagoge muss aus Verantwortung, Freude und Pflichtgefühl seine Arbeit tun. Und ich habe bis zum letzten vorgeschriebenen Arbeitstag meine Pflicht getan.

Die Pensionärs-Zeit fiel mir anfangs schwer, so ohne Aufgabe und Nutzen einfach Geld zu bekommen. Doch ich habe mich bald ehrenamtlich bei den Pfadfindern und in einem Sportverein engagiert und arbeite jetzt noch zusätzlich im Gemeinderat mit. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe jetzt als Pensionär weniger Zeit als früher. Und derzeit fahre ich zu einer Tagung über den Nutzen von ehrenamtlich tätigen Älteren für unsere Gesellschaft in S… Das wird sicher interessant…

Der Zug hält im Umsteigebahnhof S… Alle vier Pensionäre steigen aus und um, jeder seinem Ziel zu. Auch Sokrates steigt aus. Er möchte sich die Stadt S… mit ihren Museen gründlicher anschauen… Dann will er auf den dortigen Kirchturm steigen und auf dessen Aufsichtsplattform unauffällig eine Wolke für die Rückfahrt nehmen. Aber er denkt noch längere Zeit an die Erzählungen oder Selbst-Offenbarungen dieser vier Pensionäre. Er murmelt:

Sokrates (nachdenklich): Ob das die Leute in den Ministerien und Schulverwaltungen alles so wissen? Wenn ich demnächst wieder mit einem Schulminister oder Schulrat spreche, werde ich ihm von dieser Fahrt erzählen… Aber ob die den Mut und die Kraft haben, daran etwas zu ändern?

(Verfasst von discipulus Socratis, nachdem Sokrates mit seiner Wolke wieder gut zurückgekommen war und ihm von diese Bahnfahrt mit den vier Pensionären erzählt hat)

 

 

 

    

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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