Der Kaiser lockt! Nein, nicht der Kaiser als Mann mit der Krone, mein Kaiser hat höchstens manchmal einen Nebelhut auf. Er ist ein Berg, sogar ein ganzes Gebirge mit Gipfeln bis zu zweieinhalb Tausend Metern Höhe.
Es gab eine Zeit, wo ich jedes Wochenende einen anderen Gipfel in Angriff nahm. Zu Hause wusste ich noch nicht, wo ich letztendlich landen würde, wichtig waren mir damals die Gipfelsiege. Freitagnachmittag marschierte ich los, allein die 2 – 4 Stunden zu den Hütten. Dort kam ich bald mit anderen Gipfelstürmern ins Gespräch, die mich gerne mitgehen ließen, ganz allein wagte ich solche Touren doch nicht, falls wirklich mal was passierte. Auch wenn ich nur gesicherte Klettersteige wählte, den Fuß verknackst man sich leicht oder ein von oben herab fallender Stein konnte einen treffen.
Die Bergtour von der ich hier berichten will, war ein Abenteuer anderer Art. Es war schon spät im Herbst, früh wurde es dunkel. Wieder war ich am Freitagnachmittag aufgebrochen, um dem „Zahmen Kaiser“, der keine Kletterwände aufzuweisen hat, auf den Rücken zu steigen. Es waren noch mehrere Leute unterwegs, einem älteren Ehepaar schloss ich mich an. Der Weg war breit, fast konnte man ihn als Straße bezeichnen, doch ziemlich steil. Ich war ihn schon oft gegangen und er war immer gleich langweilig. Da erinnerte ich mich an eine kleine Jagdhütte, die ich einmal mit dem Stadtförster besucht hatte. Ich glaubte auch noch zu wissen, wo ich von der Straße weg abbiegen musste. So verabschiedete ich mich von meinen Begleitern mit den Worten „Oben warte ich auf euch!“ und schlüpfte einer Steigspur folgend in den Wald.
Der Mischwald war sehr dicht und bereits herbstlich gefärbt, wunderschön! Leider sah ich dadurch den Himmel nicht, der sich rasch mit Wolken verfinsterte, die als Nebel weit herunter hingen. Noch stieg ich frohgemut aufwärts, meiner Uhr nach konnte ich nicht mehr weit zu gehen haben. Nach einer Viertelstunde dachte ich dasselbe noch einmal, aber schon nicht mehr so sicher, und dann war er vor mir, der Nebel, und plötzlich war ich mittendrin, erkannte die Bäume nur noch als graue Schattensilhouetten. Hütte würde ich so keine mehr sehen, jetzt wurde es Ernst! Was tun? Absteigen war unmöglich, da ich kaum zehn Schritte weit sah, und die Steigspuren waren schon beim Aufstieg nur schlecht erkennbar gewesen.
Es gab für mich nur eine Richtung: aufwärts bis zum Grat, - mit Vorsicht, denn die Nordwand fiel dann schroff und fast senkrecht ab.
Plötzlich lichtete sich der Nebel, es wurde heller, doch nur für kurze Zeit. Wenn ich eine Anhöhe fände, einen Felsen, einen leicht zu erkletternden Baum, um von dort aus vielleicht hinunter auf die Fahrstraße zu sehen? Die vorhin so verwünschte Fahrstraße, nun wäre ich froh um sie…. Kein Aussichtspunkt, keine Straße, keine Jagdhütte, - und wieder Nebel. Und die Zeit lief…und die Angst begann mir entgegen zu laufen. Bald würde ich auch noch in die Dunkelheit kommen, wenn ich so weiter trödelte, suchte, dachte…. also los, wieder aufwärts!!!
Endlich – nach einer halben Ewigkeit, schien es mir, denn ich wurde allmählich etwas müde, lichtete sich der Wald. Hinten zwischen den Bäumen – auch Himmel, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Ich hatte den Grat erreicht! Und ich gelangte auf den Weg, der von der nicht gefundenen Jagdhütte hinüber zum Berggasthof, meinem Nächtigungsziel, führte. Fast zeitgleich tauchte das Ehepaar auf den letzten Metern der Straße auf. „So viel hat deine Abkürzung aber nicht gebracht!“ meinten sie.
Ja, wenn die wüssten…..
Der Nebel umhüllte uns wieder, doch wir saßen geschützt in der warmen Gaststube. Am nächsten Tag zeigte sich der Kaiser erstmals im strahlendweißen Winterkleid, die weitere Tour musste aus Sicherheitsgründen abgebrochen und verschoben werden. Bis heute habe ich sie nicht mehr nachholen können….
ChA 30.04.12
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.06.2012.
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