Iris Klinge

Mission in Havanna

Es gibt Stories, die sind so unglaublich, dass sie sich kein normales Gehirn ausdenken könnte.

Die Realität schreibt Geschichten ohne Rücksicht auf Vernunft oder Logik.

Eine solche Geschichte ist mir in Cuba passiert, wohin ich im Auftrag meiner Freundin geflogen bin.

Ihr Sohn hatte gerade sein Physikstudium erfolgreich beendet und verbrachte seinen wohlverdienten Urlaub mit einem Freund auf dieser faszinierenden Insel. In einer Diskothek lernte er ein junges Mädchen kennen, in das er sich unsterblich verliebte. In einer Art von Rausch wurde nach kurzer Zeit die Heirat arrangiert, und schon bald folgte ihm seine noch minderjährige Angetraute nach Deutschland nach.

Als erstes schrieb er sie in einer Sprachschule ein, damit sie seine Muttersprache lernen sollte. Doch schon nach kurzer Zeit sagte seine junge Frau ihm, ihre Großmutter liege im Sterben und sie müsse dringend zurück nach Havanna fliegen. Der junge Mann kaufte für sie das Rückflugticket und auch noch eine Filmkamera, die er ihr mit auf den Weg gab.

Danach hörte er nie wieder etwas von seiner frisch Vermählten. Seine Briefe blieben unbeantwortet.

Da ich sowieso schon immer mal nach Cuba reisen wollte, bot ich ihm meine Hilfe an bei der Suche nach seiner verschollenen Frau.

Als ich bei einem Treffen von Bahai Anhängern in Teneriffa von meinen Reiseplänen erzählte, baten mich zwei Exilkubaner,  ein paar Geschenke für ihre Angehörigen nach Havanna mitzunehmen. Eine dieser Familien bot mir eine preiswerte Unterkunft in dieser Stadt an. Das war offiziell nicht genehmigt, denn jeder Tourist sollte in ein Hotel gehen und durfte nicht bei den Einheimischen wohnen. Bei der Einreise wurde nach dem Namen des Hotels gefragt, und ich nannte ihnen eines, wie vorher mit den Kubanern vereinbart.

Der Flug der Iberia von Madrid nach Havanna begann bereits mit einer Panne. Auf halber Strecke ertönte die Stimme des Kapitäns, wir müssten wieder umkehren, weil der Motor einen Schaden hätte. Anstatt um 23 Uhr auf der Insel einzutreffen, kamen wir schließlich nachts um 3 Uhr dort an.

Selbstverständlich war niemand mehr da, um mich abzuholen. Das Apartment, das ich bewohnen sollte, lag etwas außerhalb der Stadt, und so beschloss ich, die andere Familie, deren Geschenke ich im Gepäck hatte, im Stadtzentrum aus dem Schlaf zu reißen.

Sie freuten sich riesig über meinen unerwarteten Besuch und räumten mir sofort das Zimmer ihrer Tochter aus, die auf dem Balkon nächtigen musste.

Diese Tochter war 15 Jahren alt und hatte eine schwere Krankheit, die den Eltern das letzte Geld aus der Tasche zog, denn sie trug einen Katheter und war bei einem privaten Arzt in Behandlung. Die Familie wollte, dass ich bei ihnen wohnte und verlangten 5 Dollar pro Nacht. Das war viel Geld für sie.  Und so blieb ich.

Es waren wilde Tage in Havanna. An jeder Straßenecke stand ein Soldat mit Gewehr im Anschlag, und ich musste mich heimlich in und aus dem Haus schleichen, um nicht von ihm gesehen zu werden. Die Ernährung war sehr spartanisch. Es gab jede Menge Reis, Zucker und Tabak auf Lebensmittelkarten, doch kein frisches Obst und Gemüse.

Wenn ich mir etwas Gutes tun wollte, so musste ich mit einem uralten Bus aus Sowjetbeständen raus aus der Stadt aufs Land fahren, wo es einigermaßen leicht war, frisches Obst und Gemüse zu kaufen. Doch die Wartezeiten an den Bushaltestellen waren endlos lang. Zu viele Leute standen da herum, und es kamen nur wenige in die völlig überfüllten Busse rein, so dass ich etliche Busse an mir vorbei fahren sah, bevor ich es in einen rein schaffte.

Nach einer Woche Besichtigung in Havanna wurde es Zeit, meine Mission zu erfüllen. Eine Adresse von der  verschollenen jungen Frau hatte ich ja, doch wie sollte ich da hinkommen? Die Familie organisierte ein Privatauto, und so fuhren wir eines Samstagmorgens los in einen Vorort, um das Mädchen zu suchen.

Ankunft um 10 Uhr bei der angegebenen Adresse. Die Mutter macht die Tür auf und ist zuerst völlig verwirrt über meinen Besuch. Sie bittet uns hinein.  Nach einer Weile erscheint die Tochter mit ihrem Stiefvater aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. Ihre blendende Schönheit verschlägt mir den Atem.

Sie erzählt mir, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Cuba von der Polizei aufgegriffen worden sei, und diese  ihre Papiere beschlagnahmt hätten.  Dann gestand sie mir, dass sie Gebärmutterhalskrebs hat. Ihre Mutter setzte sich an den Tisch und fing an, einen langen Brief zu schreiben, den ich mit nach Deutschland nehmen sollte. Das Mädchen hatte wohl zu wenig die Schule besucht, weil sie für die Eltern anschaffen gehen musste.

In dem Brief bat sie, der deutsche Ehemann möge bitte nach Kuba kommen, um seine Frau bei der Polizei auszulösen. Es wären dafür einige Zahlungen notwendig  - (vermutlich als Bestechung).

Viel später, zurück in Deutschland, erfuhr ich die ganze Geschichte dieses Mädchens. Ihr Stiefvater hatte sie schon als Kind missbraucht und auf den Strich geschickt. Sie war die einzige, die die Familie ernährte. Auch in Deutschland hatte sie nie die Sprachschule besucht sondern ging anschaffen.

Doch  ihre Familie brauchte sie in Kuba, und so ging sie mit der Ausrede ihrer im Sterben liegenden Großmutter zurück. Zusammen mit ihrer Freundin wurde sie dort auf dem Strich verhaftet. Die Freundin wanderte ins Gefängnis, sie selbst wurde als noch minderjährig und  mit einem Deutschen verheiratet wieder zu ihren Eltern geschickt.

Der schwer enttäuschte Sohn meiner Freundin reichte von Deutschland aus die Scheidung ein. Das ganze Verfahren dauerte insgesamt zwei Jahre. In der Zwischenzeit hatte er bereits wieder eine Südamerikanerin kennen gelernt, dieses Mal aus Peru und Studentin in Köln. Die beiden bekamen auch prompt ein Kind. Erst nach der Scheidung von der Kubanerin konnte der Mann seine neue Geliebte heiraten.


 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.06.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Seinen wohlverdienten Urlaub hat sich Kommissar Heinz Kelchbrunner anders vorgestellt: Erst stößt er beim Graben in seinem Garten auf menschliche Gebeine, dann beschäftigt ihn ein weitaus aktuellerer Todesfall in seiner freien Zeit: Anna Einarsdóttír wird beim Spaziergang von einem Ast erschlagen – und das ist, wie sich herausstellt, nicht dem stürmischen Wetter geschuldet. Kelchbrunner und seine Kollegin Katharina Juvanic nehmen die Ermittlungen auf. Die Spur führt schließlich nach Island, die Heimat der Toten, und zum geplanten Bau eines Staudammes, der eine wertvolle Naturfläche akut gefährdet. Dass Kelchbrunner von oberster Stelle dorthin beordert wird, um weitere Nachforschungen anzustellen, kommt dem umweltbewussten Kommissar gerade recht. Vielleicht gelingt es ihm, nicht nur Licht ins Dunkel zu bringen, sondern gleichzeitig seine eigenen Schlafstörungen und einen schmerzhaften Verlust zu überwinden. Kaum in Island angekommen, muss er sich jedoch gleich mit störrischen Behörden und verstockten bis feindseligen Einheimischen auseinandersetzen. Es scheint, als sei niemandem hier an der Auflösung des Falles gelegen …

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