Fred Schmidt

Abenteuer Neuseeland

 
Ja, ich hatte es mir nie träumen lassen, einmal in meinem Leben praktisch ans andere Ende der Welt verschlagen zu werden. Aber da war ich dann mit einer Gruppe von achtzehn Schülern plötzlich in Neuseeland zum Austausch mit der renommierten Auckland Grammar School und der ebenso geschätzten West Lake Girls School. 
Gott, war das ein langer Flug gewesen von Frankfurt über Los Angeles und Honululu nach Auckland, und die Datumsgrenze hatten wir auch überflogen, fast 24 Stunden, und bei der Ankunft waren wir alle schön groggy. Die Schüler waren recht schnell auf ihre Gasteltern, die sie am Flughafen erwarteten, verteilt. Dann musste ich meinem Gastgeber in einem Leihwagen etliche Meilen bis zu seinem Haus folgen. Autofahren, an sich kein Problem, aber bei ungewohntem Linksverkehr, und wenn einem  wegen des jet lag der Boden unter den Füßen zu schwanken scheint, ist das gar nicht so spaßig. Ich musste erst mal ca. zwei Tage schlafen, bis ich wieder festen Boden unter die Füße bekam und Autofahren wieder ein Vergnügen wurde.
Über den schulischen Alltag will ich hier nicht berichten, außer dass wir unter anderem zur Ahuroa School, einer Maori Schule, eingeladen wurden, was sich als echtes Erlebnis herausstellte. Ohne Maori Führer hätte man uns gar nicht hereingelassen, und dieser Führer musste eine Frau sein, und die musste singen können. In einem Maori Anwesen wird man nämlich in einem Marae empfangen, einem zeremoniellen Versammlungsgebäude, das man nur betreten darf nach dem Wechselgesang zweier Frauen. Eine Maori Schülerin in traditioneller Kleidung trat aus dem Marae heraus und lud uns melodisch in ihrer Maori Sprache ein, das Versammlungshaus zu betreten, woraufhin unsere Maori Begleiterin mit einem Dankgesang antwortete. 
Wir wurden dann hineingeleitet und nahmen erwartungsvoll in der für die Gäste geschmückten Halle Platz, wo wir vom Herrn Direktor und einigen Lehrern und Schülern feierlich begrüßt wurden. Und das ging so vor sich: der Schulleiter hielt zunächst eine Gott sei Dank nicht allzu lange Rede – Gott sei Dank, denn wir verstanden nichts. Die Rede war in Maori Sprache, wie es das Zeremoniell verlangte. Aber ich konnte dann Gleiches mit Gleichem vergelten, denn das Zeremoniell verlangte, dass dann der Gast in seiner Sprache eine Dankesrede hielt. Doch damit nicht genug. Die Maori Schüler muskulös und halbnackt in ihren Kostümen und mit Waffen in den Händen, führten ihren an Drohgebärden reichen Tanz mit ausgestreckter Zunge auf und sangen dann einige traditionelle Lieder. Dann kam wieder die Reihe an uns. Wir brauchten zwar nicht zu tanzen, aber wir wurden aufgefordert, auch ein Lied auf Deutsch zum Besten zu geben. Schande über Schande, das hatten wir nicht erwartet, und meine Schüler konnten sich auf kein Lied einigen. Zum Glück gab es eine Gitarre, und da ich zu der Zeit noch einigermaßen spielen konnte, brachten wir dann noch Das Wandern ist des Müllers Lust halbwegs erträglich zuwege. Schließlich waren alle zufrieden, und man unterhielt sich in Englisch. Ein beeindruckendes Erlebnis!
Und eindruckvolle Erlebnisse gab es weiterhin in Neuseeland. Der neuseeländische Kollege, der sich um unser außerschulisches Programm kümmerte, hatte reichlich geplant und gebucht: Waitomo, Kaituna, Rotorua.
Waitomo. Hier waren wir für black water rafting vorgesehen, etwas, was es meines Wissens wohl nur in Neuseeland gibt, ein rafting durch Höhlen auf unterirdischem Flusslauf, und ein rafting nicht auf einem Schlauchboot, sondern auf einem Autoschlauch. Instruktionen über alles, was uns erwartete, und Übungen vor dem Unternehmen, z.B. ein Sprung mit dem in einem Autoschlauch steckenden Hintern voran von einem fünf Meter hohen Gerüst in den Fluß. Das sei notwendig, weil es unter der Erde im Fluss eine Stelle gäbe, die so zu überwinden sei. Alles sei Dunkel, und man müsse deshalb einen Helm mit Lampe tragen, aber die meiste Zeit könne man sich einfach auf dem Schlauch den unterirdischen Fluss entlang treiben lassen. Man solle nicht erschrecken, wenn sich zwischendurch mal ein armlanger Aal einem um die Beine wickeln würde. Im übrigen sei ja immer ein erfahrener Führer in der Nähe. 
Ich erinnere mich nicht mehr, wie wir den Abstieg in Tauchanzügen in den Fluss bewältigten, aber an den rückwärtigen Absprung über den Wasserfall unter der Erde erinnere ich mich gut. Das war nicht so schlimm, aber dann kam etwas, worauf man uns zwar vorbereitet hatte, was ich aber trotzdem als beängstigend empfand: die Felsdecke über mir kam immer mehr herunter, so dass schließlich nur gerade noch der Schlauch darunter durch kam und ich meinen Kopf immer mehr einziehen musste, bis ich schließlich meinte, nur noch die Nase über Wasser zu halten. Glücklicherweise war diese Stelle nach fünf oder sechs Metern überwunden, und das Flußbett wurde breit und hoch. Der Führer sammelte uns alle, und wir mussten eine lange Kette auf unseren Schläuchen bilden, unsere Lampen ausschalten und uns einfach treiben lassen, den Blick nach oben gerichtet, wo ein wunderbarer Sternenhimmel von lauter Glühkäferlarven zu bewundern war. Und so trieben wir langsam dem Tageslicht am Ende des Tunnels entgegen, glücklich, dieses Abenteuer durchstanden zu haben.
 
Kaituna. Hier kam das nächste Abenteuer, und diesmal nicht black, sondern white: white water rafting, d.h. diesmal überirdisch, aber auf einer Strecke, die den höchsten kommerziell befahrbaren Wasserfall mit einer Höhe von sieben Metern enthält. Tauchanzüge und Sturzhelme waren wieder von Nöten und eine halbe Stunde genaueste Vorbereitung auf dem Trockenen, bis wir alle Kommados unserer beiden erfahrenen Begleiter genauestens befolgen konnten. Jeder von und bekam ein Ruder in die Hand, denn wenn es auf den Wasserfall  zuging, müsse kräftig gerudert werden und dann, auf Kommando, müsse man sich ducken und alle Ruder einziehen.
Das erste Stück, bevor wir zum Wasserfall kamen, war sehr manierlich. Aber uns wurde ein wenig mulmig, je lauter wir das Tosen der herunterstürzenden Wassermassen beim Näherkommen vernahmen. Dann ließen die Begleiter am Ufer anhalten. 
„Alle mal aufstehen. Von hier aus können wir den oberen Rand des Wasserfalls sehen. Beeindruckend, nicht? Jetzt gleich auf mein Kommando muß mit voller Kraft gerudert werden, damit wir Schuss bekommen. Wir müssen genau gerade mit der Spitze unseres Schlauchboots in den Fall hineinrudern. Falls wir das Boot etwas schräg ansetzen, überschlagen wir uns. Keine Angst, das ist weiter nicht schlimm. Das Wasser unten ist so tief, dass wir bequem hineinstürzen können, ohne verletzt zu werden. Und wir können leicht zum Ufer schwimmen. Nur, es kann passieren, dass man unter dem umgestürzten Boot an die Oberfläche kommt. Das ist auch nicht schlimm, weil darunter genügend Luft zum Atmen ist. Aber man muss dann darunter hinwegtauchen.“ 
Schöne Aussichten!
Und dann ging’s los. So schnell konnte ich gar nicht denken „Wir überschlagen uns!“ da war es schon passiert. Mit gluckernden Luftblasen versank ich im metertiefen Nass, ohne viel vom Wasserfall mitzubekommen, und dann befand ich mich mit einem meiner Schüler tatsächlich unter dem Boot. Unter dem Boot hervorzutauchen, war nicht so einfach. Aber im Nullkommanix hatten unsere Begleiter es umgedreht und uns herausgeholt. Ein zweites Boot, auch mit meinen Schülern, überwand den Wasserfall erstklassig wie es sich gehörte. Mit stolzgeschwellter Brust brachten wir den Rest der Strecke hinter uns. Das waren nur noch kleine Fische!
 
Neuseeland, Land der Abenteuer! Nach black water und white water fehlte uns jetzt nur noch das nach faulen Eier stinkende Wasser, nämlich die Schwefelbäder von Rotorua. Das war dann völlig anders. Man lag faul in großen Becken von verschiedener Temperatur und genoss nach der großen Aufregung die Ruhe und Entspannung. Eine Fahrt mit dem Geländewagen in einen Vulkankrater kam wegen der Wetterverhältnisse nicht mehr zustande. Aber wir waren auch ohnehin zufrieden mit unseren mutigen Unternehmungen.
Das ist jetzt schon lange her, aber in der Erinnerung ist es noch wie gestern.
 
(Leider habe ich keine Fotos von diesen Abenteuern, aber wer sich dafür interessiert, kann im Internet Text und Bilder finden unter Black Water Rafting New Zealand und White Water Rafting New Zealand sowie unter Highest Commercial Waterfall New Zealand.)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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