Christa Astl

Ihr Freund, der Baum


 
 
Die gute Fee, die den ganzen Tag unterwegs war, Kranke zu besuchen, Traurige zu trösten, Einsamen Freude zu bringen, hatte ein Häuschen für sich gefunden. Dorthin zog sie, zurück in die Einsamkeit. Einst war sie aus dem Feenland fort gegangen. Denn sie konnte nicht wie die anderen Feen singen und tanzen, sie konnte dafür die Farben der Lieder sehen und die Töne der Farben hören. Weil sie so anders war, mochten die Feen sie nicht leiden und so wanderte sie in das Land der Menschen. Dort lernte sie einen Mann kennen, den sie sehr liebte, doch der heiratete eine Andere. Traurig und allein suchte sie nun dieses verlassene Häuschen auf, um dort in Stille und Einsamkeit zu leben. Sie konnte den Menschen nicht mehr trauen, es fiel ihr schwer, sie überhaupt noch zu besuchen. Ihre ganze Freude galt der stummen Natur, die sie nicht belügen konnte, deren ständige, durch die Jahreszeiten bedingte Veränderung sie immer neu bestaunte.

Morgens schaute sie in ihren Zauberspiegel, welche Menschen auf sie warteten, ging zu ihnen, saß oft nur stumm am Bett eines Kranken, sie verlernte das Reden, wusste keine Worte mehr. Bis sie eines Tages im Spiegel Worte wiederfand, die jemand an sie geschrieben hatte. Mehr und mehr Worte, wie eine neue Sprache, die ihr halfen, wieder Zugang zu Menschen zu finden. Wie früher begann sie nun auch wieder Geschichten zu erzählen, die Leute aufzumuntern, sie merkte, wie sie schon erwartet wurde und war glücklich darüber. Am Abend zog sie sich dann in ihre Stille zurück, dachte an die Gespräche, die sie geführt hatte, überlegte, was sie noch tun könnte, um Menschen zu erfreuen. Sie blickte in das satte Grün der Kronen und Wipfel und holte daraus Kraft für den nächsten Tag. Manchmal schaute sie aber auch ins Tal hinunter, erblickte die ersten Lichter in den Wohnungen der Menschen, die von Geborgenheit und friedlichem Zusammenleben erzählten.

Da wurde sie ganz traurig. Denn sie hatte niemanden, mit dem sie zusammen leben und bei dem sie sich geborgen fühlen konnte. Gar niemanden. Die Menschen, die sie tagsüber besuchte, die brauchten sie ja doch nur, sonst würden sie sie ja nicht rufen! Sie gab sich hin, all ihre Kraft steckte sie in ein gutes, linderndes Wort, in eine Berührung, um Schmerzen zu nehmen. Wenn ihre Aufgabe erfüllt war, ging sie leise und unbemerkt fort. Niemand sagte, bleib doch, es ist schön, wenn du bei mir bist, oder komm wieder, ich mag dich…. Und plötzlich spürte sie, wie sehr auch sie jemand brauchte, der diese Worte zu ihr sagte, dass sie nicht nur gebraucht, sondern gemocht, sogar geliebt wurde. Sie fühlte sich plötzlich klein, schwach und hilflos – sie, die zum Helfen ausgesandt war!

In ihrer Not besuchte sie die große Buche tief drinnen im Wald, Diesen Baum mochte sie besonders wegen seines schönen geraden Wuchses, des Windhauches in seiner Krone, des dichten Blätterdaches, das weder Sonnenstrahlen noch Regentropfen durchließ, der wohltuenden Kühle an einem heißen Sommertag und vor allem wegen der Ruhe, die dieser Baum auf sie ausstrahlte. Manchmal ging sie hin, lehnte sich an den Stamm, umfasste ihn mit ihren zarten Händen, sie betastete die harte, glatte, kühle Rinde, die von Beständigkeit, von Alter und vor allem von Leben sprach. Sie schmiegte sich ganz fest an ihn, um die Kraft zum Durchhalten von ihm zu erfahren, er war treu, dauerhaft, still, geduldig, stand fest, Sturm und Hagel, Schnee und Kälte trotzend und bekam jedes Jahr wieder seine neuen grünen Blätter. Er war da. Er war ihr Freund, ihm konnte sie alles sagen, er hörte zu, er verstand und tröstete sie, er lügte sie nie an.
 
Während sie noch so dastand, die heiße Stirn an den kühlen Stamm gelehnt, verspürte sie eine leichte Bewegung um sich, wie wenn zwei starke Arme sie zärtlich und schützend umschlangen. Leise wie Windhauch vernahm sie die Worte: „Ich bin die Seele des Baumes und für dich da. Ich will stets dein Freund sein. Wann immer du Kummer oder Schmerzen hast, komm zu mir, ich werde dich trösten.“

Es tat ihr so gut, einfach gehalten zu werden, sie spürte, wie ihre Kräfte zunahmen, wie sie selber wieder stark und sicher wurde. Dann löste sich die Umarmung. Wie im Traum schritt die Fee heimzu, sie war froh und wieder einmal ganz glücklich.

Die Seele des Baumes und deren heilende Kräfte begleiteten sie.
 
 
ChA 26.11.11

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.06.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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