Karin M. Gericke

Eine wundervolle Rabenmutter

Eine wundervolle Rabenmutter
 
Und wieder sah sie ihre Kleine an. Sie war so wunderschön. So verdammt schön. Ein Engel. Wie gemalt. Und sie war ihre Kleine. Und doch konnte sie ihren Anblick manchmal nicht ertragen. Sie hatte einige Züge von ihm. Ihre Lache klang genau wie seine damals. Manchmal wünschte sie sich, dass sie einfach aufwachen würde und sie nicht mehr sehen muss. Obwohl sie ihre Kleine so liebte. Obwohl sie ihr ein und alles war, wünschte sie sich manchmal, dass es sie nie gegeben hätte. Sie hasste sich selbst für diesen Gedanken, jedoch war er einfach immer öfter da. Sie sah ihr beim Schaukeln zu. Ihre blonden, lockigen Haare wiegten sich in der Luft. Sogar alleine schaukeln konnte sie schon. Kaum zu glauben. Wie die Zeit vergeht. Sie wusste noch, wann sie selbst gelernt hatte, wie man sich mit den Beinen Anschwung holt um empor des Himmels zu fliegen. So hatte es ihr Opa immer gesagt. Er war gestorben. Er hatte ihre Kleine nicht mehr kennen gelernt. Obwohl es noch gar nicht lange her war. Sie sah sich um. Sah die glücklichen Familien im Sandkasten spielen. Die fürsorglichen Omis, die einen Picknick Korb neben sich stehen hatten und ihren Kleinen Brote schmierten, die Väter, die stolz mit ihren Jungs auf dem viel zu kurz geschnittenen Rasen Fußball spielten, die wundervollen Mütter, die hinter der Schaukel standen, um ihren Kindern all die Sicherheit zu geben, die sie erwarten konnten. Gegen diese Leute wirkte sie wie eine Rabenmutter. Sie saß nur auf der Bank. Mit ihrer viel zu großen Sonnenbrille, die ihr schmerzverzogenes Gesicht überdecken sollte und vermeiden sollte, dass sie hier jemand doch erkennen würde. Sie kannte einige von hier. Und sie verabscheute sie, wenn sie sie hier mit ihren Kindern spielen sah. Die, die nach außen die heile Welt spielen. Die, die so glücklich scheinen. Sie kannte sie. Leider. Sie musste sie kennen. Und sie musste freundlich zu ihnen sein. Sie gaben ihr ihren Verdienst. Ohne sie würde es noch schlechter um sie stehen. Auch wenn sie genau sie am liebsten unter einer dicken Erdschicht, zu Staub verbrannt in einem einfachen Porzellangefäß gesehen hätte. Nix anderes hatten sie verdient. Sie sah die Frauen an. Sie lachten. Sie sahen so glücklich aus. Sie hielten die Hände ihrer Männer und freuten sich über jedes einzelne Lächeln, jedes noch so unverständliche Wort, das von ihrem Kind kam. Sie waren zufrieden.
Und sie wusste, dass sie jeden Tag dazu beitrug, dass bei einigen von ihnen das Leben Stück für Stück zusammenbrach, obwohl diese Frauen nichts davon wussten. Aber irgendwann würden sie es erfahren. Sie konnte ihnen nichts sagen. Was hätte sie auch sagen sollen. So oft stand sie kurz davor. Aber das wäre das Ende ihrer Karriere gewesen. Karriere. Wie schön, dieses Wort klang und wie lächerlich es zugleich war, wenn man ihre beruflichen Aktivitäten näher betrachtete.
 „Mama“, mit einem schrillenden Kreischen wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Ihre Kleine kam mit weit ausgebreiteten Armen auf sie zugerannt. „Flugzeug“, schrie sie. Sie wusste was sie so tun hatte. Also stand sie auf. Legte ihre große Ledertasche sicher bei Seite. Sie musste sicher liegen, damit keiner rein schauen konnte. Damit sie und ihr Inhalt nicht unerwartet zu Boden fielen. Es würde diese Leute schocken, obwohl einige von Ihnen alles kannten, was darin war. Sie weitete ihre Arme ebenfalls und ging ein Stück von der Bank weg. Ihre Tochter wurde immer schneller und sprang mit einem großen Sprung in ihre Arme. Sie drehte sie herum. Wirbelte sie durch die Lüfte. Ganz schnell. „Fliegen, fliegen“, kreischte die Kleine fröhlich. Sie lachte. In diesem Moment fühlte sie wieder dieses warme Gefühl in der Nähe ihres Herzens. Dieses Gefühl, dass sie alles vergessen ließ und das einfach ihren ganzen Körper wärmte. In diesem Moment waren sie und ihre Kleine eins. Für diesen kurzen Augenblick gab es nur die beiden. Waren sie eine glückliche Familie. Gab es keine andere Welt.
Langsam ließ sie die Kleine runter und setzte sie auf dem Boden ab. „Wie lange haben wir noch“, fragte die Kleine wehmütig.
„Nur noch ein paar Minuten. Du weißt Mama muss pünktlich sein, sonst gibt es Ärger“, erwiderte sie.
„In Ordnung, dann möchte ich jetzt noch ein Eis essen. Ist das für uns noch drin“, fragte sie vorsichtig. Jedes Mal kamen ihr fast die Tränen, wenn sie solche Fragen stellte. Aber die Kleine wusste Bescheid. Es war eben nicht so, wie bei den anderen. Sie nickte. Nahm sie an die Hand und ging mit ihr zu dem großen Eis wagen. Sie liebte genau diesen Wagen. Der einzige wo das Eis wirklich lecker und flüssig ist, sagte sie immer. Sie wusste nicht, was sie damit meinte. Aber das Strahlen in ihren Augen reichte ihr aus.
Nachdem sie das Eis aufgegessen hatten gingen sie langsam zurück. Sie wussten beide, was nun wieder kommen wird. Das es beide wieder einmal Schmerzen würde. Aber sie hatten keine andere Wahl. Im Moment gab es keinen Ausweg, auch wenn sie wusste, dass es so nie Chance auf ein normales Leben geben würde. Die Kleine nahm ihre Hand. „Mama, versuch stark zu sein, ich werde es auch sein. Und ich muss gleich weinen. Aber nicht vor Dir. Ich werde alleine weinen. Aber bitte weine du nicht. Irgendwann sind wir wieder glücklich“, sagte sie mit einem so starken Gesichtsausdruck, mit einem solchen Lebenswillen, mit einer solchen Warmherzlichkeit, mit so viel Stärke, dass sie sich selbst plötzlich schrecklich klein und kindisch vorkam. Ihr standen nämlich schon wieder die Tränen in den Augen. Wie jedes Mal wenn sie hier waren. Wenn sie das große Gebäude mit dem wundervollen Spielplatz davor sah. Wenn sie die anderen Kinder spielen hörte. Wenn ihre Kleine in den Hof lief und ihr zum Abschied noch einmal winkte. Wenn die Frau kam um das Tor hinter ihr zu schließen.
 „Wir sehen uns dann in drei Tagen wieder“, fragte die ältere Dame mit hochgezogenen Augenbrauen.
Sie nickte und drehte sich um. Nun war sie wieder alleine. Nun müsste sie wieder Familien zerstören. Frauen verletzten, die nix davon wussten. Und andere einfach nur glücklich machen. Glücklich machen in diesen Momenten, wo ihre eigene Seele schrie und immer wieder ein Stück zerbrach.
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Nahm die Sonnenbrille ab. „Nur drei Tage und Nächte“, flüsterte sie vor sich hin. Sie strich über ihr zu Pferdeschwanz gebundenes Haar, machte den Reißverschluss ihrer Jacke ein wenig auf und bog in ihre Straße ein.
 
 

Written by Karin Gericke
June 2012

Anmerkung v. Karin Gericke:
Schreibe sehr gerne und viele Kurzgeschichten und würde mich daher umso mehr über Kommentare zu dieser Geschichte von Euch freuen :)!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.06.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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