Irene Beddies

Ist Goldi krank?



Draußen regnete es schon den ganzen Nachmittag.
Nella und Fred saßen vor dem Aquarium und blickten besorgt ins Wasser.
Goldi, der Goldfisch, den sie vor drei Wochen aus dem See gerettet hatten, hielt sich nun schon zwei Tage versteckt. Nella und Fred hatten es ihm nach und nach richtig gemütlich gemacht mit einem kleinen Riff aus Steinen und mit Wasserpflanzen im Sandboden, zwischen denen er sich jetzt verborgen hielt.  
Fred klopfte an die Scheibe, aber Goldi ließ sich nicht blicken. Nella hielt ihren Zeigefinger ins Wasser, aber Goldi kam nicht, um ihn wie sonst anzustupsen.
„Er sagt nicht mal >guten Tag<“, stellte Fred traurig fest.
„Und er hat wieder kaum etwas gefressen“, fügte Nella besorgt hinzu. „Er hat auch heute Morgen nur träge im Wasser an einer Stelle gehangen und sich kaum bewegt.“
„Ist Goldi krank?“, fragte Fred, „fehlt ihm etwas?“
„Krank!“ Nella sah Fred entsetzt an. „Krank? Wie sollen wir das feststellen?“
„Wir müssen ihn zum Tierarzt bringen, gleich morgen.“
„Welcher Tierarzt behandelt denn Fische?“ Nella musste fast lachen, „Im Fernsehen behandeln Tierärzte nur Haustiere, wie Hunde, Katzen, allenfalls Schildkröten“, gab sie ihr Wissen kund.
„Du, wir müssen eben im Internet recherchieren, ob es einen Arzt für Fische hier in der Nähe gibt. Ich mach das bei mir zu Hause, es ist eh  spät.“
Schon war Fred aus der Tür und rannte los.

Vor dem Unterricht am nächsten Morgen rief Nella, bevor Fred überhaupt etwas sagen konnte: „Ich hab Neuigkeiten! Wir können Goldi zu Dr. Kurz bringen, er kennt sich mit Fischen aus, denn er hat selber welche.“
„Woher weißt du das?“, fragte Fred hoffnungsvoll, „ich hab im Internet nichts gefunden.“
„Ich auch nicht, aber Mama kennt ihn und hat ihn vorhin angerufen. Heute um 15 Uhr können wir zu ihm. Wir sollen Goldi in eine große Plastiktüte mit genügend Wasser tun.“
„Dann muss er doch bald ersticken“, rief Fred erschrocken.
„Die Tüte dürfen wir oben natürlich nicht zuknoten. Das konntest du dir doch selber sagen.“ Fred wurde ein wenig rot im Gesicht und schwieg.
Im Unterricht konnten beide nicht richtig aufpassen.
 
Am Nachmittag stand Fred pünktlich vor Nellas Haus, als die Tür aufging und Nella und ihre Mutter vorsichtig die Stufen herunter stiegen. Zwischen sich trugen sie eine durchsichtige Einkaufstüte, in der das Wasser schwappte. Der Goldfisch verhielt sich still.
„Ist er schon fast tot?“, fragte Fred ängstlich.
„Nein, Fred“, beruhigte ihn Nellas Mutter, „er mag offenbar das Schaukeln nicht.“
Fred sah, wie Goldi  fast bei jedem Schritt an die Seiten der großen Tüte stieß, so vorsichtig Nella und ihre Mutter sie auch zwischen sich hielten. Ab und zu schwappte Wasser über ihren  Rand. Die Jeans der Mutter waren an den Beinen durchnässt.

Bei Dr. Kurz im Wartezimmer saß eine Frau mit einer blutenden Katze. Mit verweinten Augen erzählte sie, dass ihr Liebling von einem Schäferhund gebissen worden sei. Die Frau wurde zuerst hereingerufen. Die beiden Kinder waren empört: Goldi war doch angemeldet! Nellas Mutter beruhigte sie und erklärte ihnen: „Blutende Tiere haben beim Tierarzt immer Vorrang, denn offene Wunden müssten schnell versorgt werden, damit es keine Blutvergiftung gibt.“
Die Tür öffnete sich wieder, die vor Freude strahlende Frau kam heraus, ihre verbundene Katze im Arm. „Sie musste genäht werden, aber alles wird gut“, verkündete sie erleichtert.
Als die beiden Kinder hereingebeten wurden, sagte Nellas Mutter: „Ich bleibe hier und lasse die Hose trocknen. Ihr könnt allein zu Dr. Kurz reingehen“. Ein wenig unsicher nahmen Nella und Fred die Tüte zwischen sich und  trugen sie vorsichtig ins Sprechzimmer.
 
„Na, dann zeigt mal euren nassen Patienten“, empfing Dr. Kurz die Kinder.
„Er ist sicher sehr krank“, platzte Nella heraus, „bitte, bitte, helfen sie ihm!“
„Dann wollen wir uns das Fischlein mal genauer ansehen.“
Nella und Fred hoben die Tüte mit Goldi ins Licht einer Operationslampe, die über dem Behandlungstisch hing. 
„Ein recht fetter Bursche“, meinte der Tierarzt und schaute sich Goldi genauer an. „Seine Schuppen sehen gut aus. Er hat keine Verletzung. Er bewegt die Kiemen regelmäßig und kräftig, das ist ein Zeichen von Gesundheit.“
Dann nahm Dr. Kurz Goldi aus der Tüte. Der Fisch wand sich in der Hand des Arztes. Fred blieb fast das Herz stehen, als er mit ansehen musste, wie Dr. Kurz die Kiemen ein wenig auseinander bog und mit einer kleinen Stablampe hineinleuchtete.
 „Ich kann keine Parasiten entdecken“, sagte er zufrieden und setzte Goldi wieder ins Wasser. Der zappelte und drehte rasch eine Runde im Plastikbeutel.
„Was gebt ihr ihm zu fressen?“, fragte der Tierarzt.
„Fischfutter aus der Zoohandlung. Immer dasselbe“, sagte Nella.
„Das findet euer kleiner Freund vielleicht etwas eintönig. Ihr könntet ihm ab und zu ein anderes Fischfutter anbieten. Außerdem…“, Dr. Kurz zögerte einen Augenblick, „…außerdem, hm… Wie wäre euch beiden zumute, wenn ihr getrennt würdet und jeder allein sein müsste?“
Fred und Nella sahen sich verblüfft an. Was sollte diese Frage? Jedem schien undenkbar, dass sie sich je ernsthaft trennen könnten. Dann ging ein Grinsen über Freds Gesicht. „Ach, sooo meinen Sie das! Wir sollen Goldi einen Gefährten ins Aquarium setzen, mit dem er sich anfreunden kann?“
„Das wäre sicherlich nicht schlecht, dann langweilt euer Fischchen sich nicht so sehr.“
„Muss es ein zweiter Goldfisch werden?“, fragte Nella.
„Nein, es kann auch ein anderer Fisch sein – nur gar zu klein darf er nicht ausfallen. Geht in die Zoohandlung und lasst euch dort beraten. Sie wissen besser Bescheid als ich, welche Art zu einem so strammen Goldfisch passt.“
„Und er ist wirklich nicht krank?“, vergewisserte sich Nella noch einmal.
„I wo, der ist so gesund wie ein Fisch im Wasser.“
 
 (c) I. Beddies

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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