Lea Prauser

Zwischen zwei Welten

Ich hatte den Bus um 17.47 Uhr von zu Hause in Richtung Flughafen genommen, denn um 19.02 Uhr sollte Naïmas Flieger landen. Der Flug LH 4507 aus Rabat.

Wir trafen uns in der Haupthalle, vor einem kleinen Schmuckladen, der nordafrikanische Ketten und Armbänder verkaufte. Ich hatte schon eine ganze Weile dort gestanden, seit 18.27 Uhr, und die Auslagen ausgiebig betrachtet.

Naïma hatte sich verändert seit dem letzten Mal, war seit meinem Urlaub bei ihr schlanker geworden und trug die Haare anders, länger als früher. Ihre Lippen und die Augen waren dezent und natürlich geschminkt und sie trug eine enge, blaue Jeans, die ihre schmalen Beine betonte, ein weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt, und dazu Sandalen mit feinen Lederriemchen. In ihren glatten, braunen Haaren steckte eine weiße Blüte.
Sie lächelte mich an: „Hey.“

Na?“
Ein kleiner Kuss auf die Wange, zu Begrüßung.

Um 19.50 Uhr stiegen wir in den Bus Richtung Stadtrand. Wir saßen uns gegenüber, doch trotzdem war etwas anders. Ander als sonst bei unseren langen, sehnsüchtigen Telefonaten. Ihre Knie berührten meine. Es war ein komisches Gefühl. Sie war still, allerdings redete sie allgemein nicht viel. Aber sie lächelte.Als wir um 20.30 Uhr aus dem Bus stiegen, sah sie sich um und atmete tief ein. Die Sonne spiegelte sich in der Sonnenbrille, die sie aufgesetzt hatte. Ich erwartete, dass sie etwas sagte, doch genau wie ich, wusste sie wahrscheinlich nicht, was. Ich nahm ihr den Koffer aus der Hand und zog ihn über sie Straße, hinüber zu den Neubauten. Sie folgte mir, sah sich dabei immer wieder um. Ihr Verhalten war anders, fast schon sonderbar. In der Wohnung angekommen, begrüßte sie zuerst Lou, meinen Kater. Er schnurrte und strich ihr um die Beine. Ich stand daneben und schaute zu, dann lächelte ich, wenigstens verstanden sich die Beiden. „Möchtest du etwas trinken?“, es war der erste vollständige Satz, den ich raus brachte.
Einen Tee, bitte.“
Darauf war ich vorbereitet, ich hatte extra „Marokkanische-Minze“ gekauft, damit sie sich ein bisschen heimisch fühlen konnte. Nachdem das Wasser aufgesetzt war, goss ich den Tee auf, und trug zwei Tassen, die Kanne und eine Schüssel mit Keksen, auf einem Tablett ins Wohnzimmer. Dort setzte mich in einen Sessel. Naïma kam mit Lou auf dem Arm herein, ließ sich auf die Couch fallen, und vergrub ihre Hand in dem langen Fell meines Katers. Ich zog eine Packung Zigaretten aus der Tasche meiner Strickjacke und warf sie auf den Glastisch vor uns. Rote Gauloises, nur für sie, ich war Nichtraucher. Sie deutete auf die Schachtel.

Seit wann rauchst Du, Luca?“
Ich nicht, aber ich dachte Du?“
Sie war wirklich anders. Aber sie lächelte, das beruhigte mich etwas.

Hab' aufgehört, ich durfte in der neuen Wohnung nicht mehr, und außerdem gab es Stress mit meinen Eltern.“ Sie lachte.
Oh. Ach so.“
Ich war beschämt, hätte es wissen müssen, denn sie hatte es mit Sicherheit am Telefon erwähnt. Doch der Streit mit ihren Eltern brachte mich zum Nachdenken, wie ich sie kannte, war ihr egal, was ihre Eltern oder andere Leute von ihr dachten, und sie legte Wert darauf, von niemandem eingeschränkt zu werden, beziehungsweise so zu leben, wie sie es für richtig hielt. Deswegen trug sie auch kein Kopftuch, obwohl es in ihrem Land so üblich war. Jedoch war ich trotzdem froh, dass sie aufgehört hatte.
Ich stand von meinem Sessel auf, und ließ mich neben ihr aufs Sofa fallen. Naïma sah mich an, mit ihren grünen Augen, die mich so faszinierten und fesselten.
Ich legte meinen Arm um sie, vorsichtig, um sie nicht zu bedrängen. Sie rückte ein Stück zu mir heran. Ich roch ihr süßes Parfüm. Sie wirkte abwesend. Dabei war ich überzeugt davon, dass sie heute endlich, die Nähe, die ich so sehnsüchtig bei ihr suchte, zulassen würde. Hatte Naïma mir doch in all unseren Telefonaten diese Hoffnung gemacht.

Willst du noch was trinken gehen? Das ist besser, als den ganzen Abend auf der Couch zu sitzen. Ich lade dich selbstverständlich ein.“
Ich betrachtete ihr Gesicht, die langen Wimpern, die hohen Wangenknochen, und die weiche Haut. Sie lächelte ihr entwaffnendes Lächeln, mit dem sie mich wahnsinnig machen konnte.

Gerne. Aber nicht allzu lange, ja? Ich hatte einen langen Tag.“
Klar, Prinzessin.“ Da war es wieder, dieses Wort, mit dem ich versuchte meine Zuneigung auszudrücken. Ich würde ihr ohne Zweifel jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Wir gingen ins „Barrón“, eine kleine, gemütliche Weinbar bei mir um die Ecke. Es war wenig los, obwohl Samstag war. Als wir hereinkamen, lächelte mich der Kellner an. Niklas, ein guter Freund von mir, der auch vor einem Jahr mit mir in Marokko gewesen war, er kannte Naïma bereits. Die Mahagoni-Uhr an der Wand zeigte 21.30 Uhr.
Ich bestellte Rotwein, und einen kleinen Teller Tapas für uns.

Hast du auf irgendwas Lust, die Woche? Was willst du unternehmen?“, ich wagte erste Versuche, mich mit ihr zu unterhalten. Am Telefon war es immer so einfach gewesen, es gab immer ein Thema, über das wir reden konnten.
Ich weiß nicht, was man hier so tun kann.“ Langsam bekam ich das Gefühl, sie hatte vor mir etwas zu verbergen, so verschlossen und wortkarg war sie. Erst nach dem zweiten Glas wurde sie etwas lockerer, als zuvor. Sie beugte sich sogar zu mir vor und küsste mich schüchtern. Ich war froh, sodass ich diesen Kuss sofort erwiderte. Wir unterhielten uns besser, und beschlossen, nächste Woche ein Kunstmuseum zu besuchen, in den Zoo zu gehen, und uns im Park zu sonnen. Außerdem wollte ich sie einigen meiner Freunde vorstellen, weshalb wir uns einigten, abends auch auszugehen. Ich freute mich unglaublich auf die nächsten Tage.
Irgendwann flüsterte sie in mein Ohr: „Lass uns langsam gehen, ja? Ich bin müde.“ Ich grinste und setzte einen viel sagenden Blick auf, es war nun doch so weit. Dann stand ich auf, um die Rechnung zu bezahlen, während sie draußen, in der lauen Abendluft auf mich wartete.
Auf dem kurzen Weg zurück, legte ich meinen Arm um sie, und sie ihren Kopf an meine Schulter. Es war schön, sie nach 11 Monaten endlich bei mir zu haben. Und es war noch besser als vor einem knappen Jahr, wir waren ungestört bei mir, im Gegensatz zu der Hotelanlage, in der Nähe von Rabat, in der ich damals mit zwei Freunden, unter anderem auch Niklas, Urlaub gemacht hatte. Wir mussten nicht darauf achten, nicht von anderen Hotelangestellten gesehen zu werden, da ja das Unterhalten von Beziehungen zwischen Personal und Gästen untersagt war.
Zurück in der Wohnung fiel mir ein, dass ich das Gästebett noch nicht fertig bezogen hatte, da ich vorhin etwas überstürzt zum Bus aufgebrochen war. Deswegen sagte ich: „Ich beziehe eben noch das Gästebett für Dich, ich bin vorhin nicht fertig geworden.“

Lass gut sein, mir reicht eine zweite Decke.“ Wieder dieses entwaffnende Lächeln. Sie küsste mich, diesmal länger und intensiver, als in der Bar. Doch dann zuckte sie zurück, als hätte sie sich verbrannt.
Ich hoffte, wir würden trotzdem noch länger wach bleiben. Der Gedanke daran, mit ihr zu schlafen, jagte mir einen wohligen Schauer über den Rücken.
Sie ließ die Tür zum Badezimmer geöffnet, während sie sich umzog. Ich setzte mich auf mein Bett im Schlafzimmer, das direkt an das Bad grenzte und betrachtete ihren braunen Rücken und die glatten, schmalen Schultern. Ihre Wirbelsäure zeichnete sich leicht ab.
Naïma drehte sich zu mir um und lächelte mich an, ihre Hüftknochen traten leicht hervor, und auch ihre Rippen schimmerten unter der Haut. Sie war mager.
Ich griff neben mich, und hob mein T-Shirt auf, das ich ausgezogen hatte. Dann stand ich auf und ging zu ihr hinüber. Sie hatte mich gebeten, es anziehen zu dürfen. Naïima nahm es, und zog es sich über den Kopf. Gut sah sie aus, denn das Shirt bedeckte ihre Pobacken nur knapp.

Du bist dünn, Prinzessin.“
Sie grinste mich selbstsicher an. Dann lachte sie.

Und du bist nackt.“
Ich wurde rot und griff nach meinen Boxershorts, die neben dem Waschbecken lagen. Aber so kannte ich sie.
Ich trat hinter sie, umarmte sie und legte den Kopf an ihren Hals. Doch Naïma drückt mich von sich weg.

Lass uns ins Bett gehen, ja?“
Ja, sie war definitiv anders, aber ich interpretierte es als Aufforderung.

Klar.“
Wir lagen nebeneinander, doch wir berührten uns nicht. Ich rollte mich, wie sie, auf die Seite und sah in ihre Augen.“Ich werde sie nie verstehen können.“, schoss es mir durch den Kopf. Vorsichtig nahm ich ihr Gesicht in meine Hände, begann sie zu küssen, erst sanft, dann etwas fordernder. Sie erwiderte die Zärtlichkeiten und drückte ihren warmen Körper an meinen. Ich seufzte, ließ meine Hand langsam über ihren Hals wandern, fuhr leicht über ihr Schlüsselbein und zog dessen Formen nach. Sie hielt inne, sah mich an, wirkte unentschlossen. Doch ich beschloss es zu ignorieren und machte weiter. Umfasste ihre Brüste, streichelte sie durch den Stoff des T-Shirts. Sie küsste mich, und drehte sich auf den Rücken. Sie forderte es, hatte dabei die Augen geschlossen und sah aus, als genieße sie es, doch dann, als grüble sie.
Ich schob das Shirt hoch.
Küsste sie.
Sie atmete heftig. Stöhnte leise.
Ich legte mich auf sie. Sanft und liebevoll.
Sie atmete lauter.
Doch plötzlich riss sie die Augen auf, drückte mich von sich runter.
Grob und gewollt. Fast zornig.
Ich starrte sie an. Voller Entsetzen und Überraschung.

Ich kann nicht, Luca. Ich darf nicht. Ich bin...“

Ich schluckte, erst verstand ich sie nicht, doch dann traf es mich wie ein Schlag.
Ich wollte es nicht wahr haben, hatte immer gehofft, es würde funktionieren, sie würde keinen Wert darauf legen.
Wie konnte ich nur daran denken, mit ihr zusammen sein zu können, geschweige denn, mit ihr schlafen zu können?

Sie war Marokkanerin, ich Deutscher.

Sie Muslima, ich Christ.

Es durfte nicht sein.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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