Florence Siwak

Sie muss ihn haben



Sie musste ihn einfach haben – unbedingt! Sie hatte das gleiche Gefühl wie damals – vor 20 Jahren bei den roten Schuhen,
die sie natürlich auch nicht bekommen hatte.
Und wie einiges andere, was ihr Britta im Laufe ihrer Schulzeit und auch später noch abspenstig gemacht hatte.
Nicht böswillig abspenstig – nein, sie war halt eine Gewinnerin seit sie 18 war.

Kerstin musterte sich im Spiegel, der passenderweise im Eingangsbereich des Restaurants hing, wahrscheinlich, um die kleinen
Portionen wünschenswert erscheinen zu lassen. Kritisch betrachtete sie sich, ausnahmsweise ohne eingezogenen Bauch.
Naja, es ging gerade noch; sie war ganz gut in Form. Etwas üppiger vielleicht als damals, aber immer noch definiert und attraktiv.
Auf eine weiche, reife Art attraktiv eben.
Nicht zu vergleichen mit Britta, die mit ihrer hochgewachsenen, überschlanken Gestalt Model-Maße hatte und das selbstverständlich auch
von Peter, erwartete.

Kerstin verstand ihr Gefühl dem Verlobten ihrer Freundin gegenüber nicht. Sie hatte ihn gestern erst kennengelernt, als Britta sie zu sich in
ihre neu bezogene Wohnung eingeladen hatte, um sie zu bitten, für einige Wochen diese Wohnung zu hüten. Sie hatte ihr beiläufig alles nötige
erklärt, aber sie hatte nur Augen für IHN gehabt. An sich war nichts Besonderes an ihm. Er hatte eine gute Figur – sicher. Musste er auch bei dem
Drill, den ihm Britta auferlegte. Aber ansonsten - eher durchschnittlich. Sein Lächeln jedoch war umwerfend; wie er die Augen zukniff, als
ob er zwinkere, ihr zuzwinkere.
„Ich muss ihn haben“ dachte Kerstin wieder und wieder, als sie den beiden am Tisch gegenüber saß. Aber wie bloß? Er war so folgsam, so angepasst
an seine schöne Verlobte.
Wie er beim Essen brav den Salat akzeptierte, obwohl er unverhohlen auf ihre Rippchen (leider nur auf die Schweinerippchen) schielte. Wasser statt Wein.
Espresso statt Dessert.
„Er muss etwas aufpassen“ war Brittas kategorische Antwort auf Kerstins mitleidige Blicke.
„Und bis zur Hochzeit im Juni ist noch einiges an ihm zu tun! Schade, dass er mich morgen nicht begleiten kann – wegen seiner Arbeit.
Vielleicht achtest du zwischendurch etwas auf ihn!“
Im Juni – dachte Kerstin erbittert, das ist ja nur noch gut 4 Wochen hin. Nichts zu machen für dich, mein Mädchen.
„Was ist denn noch zu tun? Ihr seid doch beide perfekt“ bemerkte sie kauend. Das meinte sie sogar ehrlich. Sie waren wirklich ein ideales Paar.
Groß, schlank, drahtig. Sie blond mit riesigen grünen Augen, er dunkel mit haselnussbraunen Augen. Fehlt nur noch der Gleichschritt dachte sie
ironisch und nahm sich noch etwas Röstbrot, um die Soße auf zu tunken.
„Naja, nicht wirklich.“ Britta stocherte lustlos in ihrem Fitnesssalat und spülte die Gurkenscheiben mit einem Schlückchen Vichy-Wasser herunter.
„Ich gehe morgen erst noch mal 3 Wochen in Klausur in eine Fastenklinik im Tessin.“
Neidlos nickte Kerstin. 3 Wochen Fasten – selbst im Tessin – dieser Aussicht sprach sie jeglichen Reiz ab.
„Ist ja dein ganzer Urlaub, der draufgeht. Lohnt sich das?“
„Unbedingt“ empörte sich ihre Freundin.
„Das würde dir auch mal gut tun. Dich mal ganz auf dich zu konzentrieren, deinen Geist, deinen Körper.“
Kerstin nahm ihr diese Spitze nicht übel. Nein, eine Spitze war es eigentlich nicht. So war ihre alte Freundin nicht.
Sie akzeptierte sie, wie sie war. Fröhlich, üppig, immer bereit, ihr zu helfen. Früher war das mal anders gewesen.
Da war die früh entwickelte Kerstin der farblosen, mageren Freundin immer einen Schritt und einen Freund voraus.
Dann mit 18, nach den großen Ferien, in die Britta als magere, graue Maus gegangen war, kam auf einmal eine elegante, kapriziöse,
schlanke junge Frau zurück und Kerstin fand sich damit ab, nicht mehr überall die erste Geige zu spielen. Sie waren so unterschiedlich im
Typus, dass sie eigentlich ziemlich selten in Konkurrenz gerieten. Bis auf jetzt – bis auf Peter. Und von dieser Konkurrenz ahnte ihre Freundin
nicht einmal. Kerstin kam sich schlecht und verworfen vor. Aber sie spielte ja nur mit dem Gedanken an ihn, beruhigte sie sich. Wie schaffe ich es bloß?
dachte sie erneut. Britta ist so kühl zu ihm, so auf Distanz. Jeder andere Mann mit Model-Maßen würde es doch auch tun. Ob er das wohl weiß?
Sie musterte ihn. Eher nicht, seufzte sie innerlich.
Die folgende Nacht und die nächsten Nächte schlief sie nicht gut, auch nicht ausreichend, aber sie hatte ihre Arbeit und abends hielt sie sich
meistens einige Stunden in Brittas Wohnung auf, bevor sie gegen Mitternacht zurückkehrte auf ihr jungfräuliches Lager.
Die drei Wochen vergingen wie im Fluge und sie hatte Britta, die einige Male anrief, weil sie Peter nur immer kurz auf dem Handy erreichen konnte –
zu viel Arbeit! – nur Gutes zu berichten: Die Wohnung war tip top; sie hatte sogar die Fenster geputzt – das sollte sie doch nicht! – und – tatsächlich,
sie hatte 3 kg abgenommen.
Das befriedigte Britta sehr. „Habe ich dir doch gesagt, tu dir was gutes, achte auf dich. Ich bin schon gespannt, wenn ich am Wochenende zurückkomme.
Holst du mich ab? Peter wird ja sicher auch am Bahnhof sein, ich habe ihm eine e-mail geschrieben, wann ich ankomme. Danke noch mal für alles, Schätzchen.
Und weiter so!“.
Naja, seufzte Kerstin. Weiter so! Wirklich?

Am Sonntag rollte der Intercity mit nur unwesentlicher Verspätung ein. Kerstin musste vor Aufregung dreimal zur Toilette, immer in der Angst,
die Ankunft zu verpassen. Peter stand stramm mit hochrotem Kopf und einem Rosenstrauß am Bahnsteig, um Britta mit nur einem geringfügig
schlechten Gewissen in die Arme zu schließen.

Britta stand am Fenster und hielt Ausschau nach ihnen. Kerstin schwenkte ihr knallrotes Seidentuch, das zu ihrem schwarzen Hosenanzug einen
fantastischen Kontrast bildete, wie ihre Freundin selbst auf die Entfernung feststellte.
Aber wo war Peter?
Als sie ausstieg und ihre Koffer heraushob, wurde sie von Kerstin mit einer ungestümen Herzlichkeit umarmt.
„Toll siehst du aus. Du hast sicher noch mal abgenommen. Und deine Haut! Klasse!“
Kerstin sprudelte nur so über vor Wiedersehensfreude. Aber war da nicht ein Unterton?
Verlegenheit etwa? wie Britta Stirn runzelnd bemerkte.
„Wo ist denn Peter?“ Suchend schweiften ihre Blicke in die Runde und blieben an einem Herrn hängen, der mit einem Strauß blutroter Rosen
zögernd näher kam. Auf seinem hochroten Gesicht stand ein verlegenes, scheues Lächeln.
„Peter?“ kreischte Britta. „Peter, wie siehst du denn aus?“
Verlegen versuchte Peter, ihr den Rosenstrauß in die Arme zu legen. Ungeduldig stampfte sie mit den Füßen auf.
„Was hast du mit ihm gemacht?“ funkelte sie in Kerstins Richtung. “Du hast ihn verdorben, er hat ja mindestens…ja, mindestens
10 Pfund zugenommen…“
„Ich – wieso?“ Kerstin war ganz Unschuld.
„Das kriege ich wieder hin“ stotterte Peter. Aber – überfiel ihn plötzlich der Gedanke, den er schon seit drei Wochen in sich trug –
wollte er es überhaupt wieder hinkriegen?
Er sah die Ablehnung, die Kälte in Brittas Augen. In den wundervollen Augen, die nie ihn gesehen hatten, wie er war, sondern wie er zu sein hatte.
Ihr Werk, ihr Geschöpf.
„Nein, kriege ich nicht hin, Liebling. Nicht in drei Wochen und nicht in drei Jahren.“
Endlich hatte er es geschafft, seine Begrüßungs- und Abschieds-Rosen loszuwerden.
Er zog den geschmeidigen, gestählten Körper kurz an sich und küsste seine Ex-Verlobte kurz auf den sorgfältig geschminkten Mund.
„Leb wohl, du hast was Besseres verdient.
Übrigens hat Kerstin nichts damit zu tun, wirklich nichts. Ihr musst du nicht die Freundschaft kündigen.“

So optimistisch war Kerstin allerdings nicht. Sicher hatte sie Peter nicht zur Schlemmerei gezwungen, aber sie hatte die Voraussetzungen dafür geschaffen.

Abend für Abend – in Brittas Wohnung mit der perfekten Küche, die noch nie diese Unmengen Lebensmittel gesehen hatte.
Man bittet ja auch nicht eine Freundin, die Kochbücher schreibt, in denen keine Magerküche publiziert wird, darum, auf einen hungrigen Mann aufzupassen.
Einen sehr hungrigen Mann!
Und – wollte sie eigentlich noch mit Britta befreundet sein? Erst mal vielleicht besser nicht.

Sie hatte ihn gefüttert, sie hatte ihm Weichheit und Wärme gegeben. Sie hatte ihn ihrer Freundin nicht weggenommen. Er selbst hatte das getan.
Sie hatte kein schlechtes Gewissen – gar nicht – nicht die Spur.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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