Klaus-D. Heid

Abstrakt

„Sie denken in abstrakten Formeln, Winter. Leute wie Sie, begeben sich immer auf eine geistige Ebene, die von niemandem nachvollzogen werden kann. Ich habe manchmal das Gefühl, daß Sie damit Eindruck schinden wollen. Stimmt doch, oder etwa nicht, Winter? Sie sind ein Künstler, der sich darüber aufregt, dass seine Bilder von niemandem verstanden werden und dass löst Hass bei Ihnen aus!“

Malte Winter wollte in seiner Erregung etwas erwidern – aber sein Gegenüber ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„...das stehen die Leute vor Ihren Schmierereien und denken zehn Sekunden darüber nach, was ihnen der Künstler wohl sagen will. In der elften Sekunde entscheiden sie sich aber dafür, dass es einfach nicht lohnt, länger auf diese wirre Anordnung von abstrusen Linien und Flächen zu glotzen. Ergo? Sie ignorieren Sie! Sie werden einfach vergessen – ohne dass Sie auch nur die leiseste Chance auf Akzeptanz finden, mein verehrter Herr Winter!“

„...mein Ziel ist...“

„Ihr Ziel, Winter? Sie haben Ziele? Na, bravo! Unser hungerleidender Künstler hat sich Ziele gesetzt! Ob Sie mir vielleicht verraten könnten, welche Rolle Ihr Lebensunterhalt bei diesen hehren Zielen spielt? Sie schweigen? Na, vielleicht fällt Ihnen etwas schneller ein, welches Ziel ich mit Ihnen haben könnte? Sie schweigen schon wieder, mein Bester? Soll ich es Ihnen sagen?“

„...Sie verstehen mich n...“

„Ganz recht! Ich verstehe Sie! Ich verstehe Sie nur zu gut, Winter! Und ich verstehe die ganze Welt; verstehe die armen Schweine, die mich auf der Straße anquatschen, um mir eine Mark raus zu locken! Ich verstehe auch das Finanzamt, das mich in schöner Regelmäßigkeit zur Kasse bittet; ich verstehe auch Herrn Döbler, der noch nie in seinem Leben einen Finger krumm gemacht hat und seit einundzwanzig Jahren in dieser Firma rumschnorrt, obwohl er mir Geld dafür bezahlen müsste, dass er sich hier aufwärmen darf. Ich verstehe sie alle! Alle! So – Und Sie, Winter? Herr Malte Winter? Der Künstler, der von Vorschüssen lebt, die er durch keine Leistung verrechnen kann? Was mache ich mit dem? Möchten Sie auch die nächsten zwanzig Jahre von mir ernährt werden, ohne auch nur ein Minimum an Gegenleistung zu erbringen, außer Ihren maßlos kranken, inhaltleeren und kommerziell unbrauchbaren Graffiti-Verschnitten?“

Malte Winter saß – fast einen halben Meter tiefer in seinem Sessel versunken – vor dem angsteinflößenden Schreibtisch des Verlagshauses. Irgendwie passte der Schreibtisch auch zur Philosophie des Verlages und irgendwie hatte Winter nie verstanden, warum er gerade hier gelandet war. Keine Woche verging, wo er nicht beschimpft, belächelt und runtergeputzt wurde. Und doch... Winter hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht, den Verlag zu wechseln. Obwohl er inzwischen auch das letzte bisschen seines Selbstbewusstseins auf den tiefen Sessel geschwitzt hatte, war die Welt für ihn in Ordnung. Er hatte sein Auskommen; er lebte mit den Schmähtiraden und er freute sich über jeden Scheck, der pünktlich an jedem Ersten des Monats in seinem Briefkasten lag. Das Geld, das man ihm zuwies, reichte, um die bescheidenen Ansprüche von Malte Winter zu befriedigen und Malte Winter gab ohnehin mehr Geld für Farben und Leinwände aus, als für Essen und Trinken.

„...Scheiße! Sie legen mir immer wieder nur bunte, verschmierte Scheiße auf den Tisch! Was haben Sie bloß an sich, dass ich Sie noch nicht gefeuert habe? Oder glauben Sie tatsächlich, dass Ihre pubertären Klecksversuche jemals einen Interessenten finden? So blind kann ein Käufer gar nicht sein, dass er sich die Mühe macht, über den Preis Ihrer Bilder nachzudenken! Hundertzwanzig Mark habe ich Ihnen für die Löwengrube gezahlt. Einhundertundzwanzig deutsche Mark, Winter! Und? UND? Ahnen Sie es? Ich will Ihnen mal was sagen, Winter! Wenn hier jemals eingebrochen wird – Ihre Bilder wären die einzigen, die anschließend immer noch an den Wänden hingen! Stellen Sie sich das einmal vor, Winter. Nackte Wände, an denen überall die weißen Flecken der geklauten Bilder zu sehen sind – und dazwischen Ihre Kritzeleien! Die hängen da, weil sie keiner haben will! Noch nicht mal geklaut werden die!“

Winter hörte nicht mehr zu. Er kannte die Prozedur. Fluchen, Beschimpfen, Verdammen und letztendlich endete das einseitige Gespräch immer damit, dass er endlich mal was anständiges abliefern sollte! Meistens dauerten diese Gehirnwäschen zwanzig Minuten und dann ließ man ihn wieder für eine gute Woche in Ruhe. Verrückterweise hatte Winter immer nach solchen verbalen Schlägen die wildesten Ideen für neue Bilder. Dann malte er seine Ideen – und wusste genau, dass er sich eine Woche später wieder beschimpfen lassen musste. So war das eben!

„...Sie hören mir nicht zu, Winter! Sie meinen, dass der alte Schwachkopf, der Ihnen nur eine Hilfestellung geben will, Ihnen schon brav und artig den Scheck schicken wird, stimmt´s?
Aber Scheiße, was! Basta! Ende! Aus und entgültig vorbei, mein irrer Schmierfink! Kein Scheck mehr; keine Vorschüsse ins Nirwana; keine netten Worte mehr und keine Wohltätigkeit für brotlose Anstreicher! Aus und vorbei! Sie haben es übertrieben und jetzt habe ich genug von Ihnen! Auf Wiedersehen! Besser noch: Machen Sie in Zukunft einen großen Bogen um das Verlagshaus Mistel, Mistel und Senger. Tun Sie zukünftig so, als ob es niemals eine Verbindung zwischen uns gegeben hätte!“

Etwas war anders als sonst. Winter bekam schemenhaft mit, dass dieses Gespräch anders verlaufen war. Im gleichen Moment, als er in Gedanken die Farben für sein nächstes Bild mischte, wurde ihm bewusst, was geschehen war!

„Sie werfen mich raus? Das können Sie nicht...“

„Nein? Kann ich nicht? Na, dann passen Sie mal schön auf, Winter!“

Die dicke Hand kroch über die Schreibtischplatte. Sie bewegte sich wie in Zeitlupe auf das Telefon zu, das ebenso antiquiert aussah, wie der schwammige Körper, der sich ebenso langsam nach vorne beugte, um das Telefon erreichen zu können. Dann schafften es die wurstähnlichen Finger irgendwie, die Wählscheibe zum Rotieren zu bringen. Mit süffisanter Stimme flüsterte Winters Gegenüber in den Hörer:

„...schaffen Sie mir Winter vom Hals. Und wenn er Schwierigkeiten macht, treten Sie ihn in seinen verhärmten Künstlerarsch und werfen Sie ihn vor die Tür, klar? Er wird das Verlagshaus zukünftig nicht mehr betreten. Haben Sie verstanden?“

Er hatte nie gelernt, sich zu wehren. Malte Winter wurde von zwei Männern, die ihn mit bösen Flüchen belegten, vor die Verlagstür geführt – und machte – eingerahmt von diesen Zweimeterkerlen – wahrlich keine Figur von heldenhafter Gegenwehr. Den Tritt in den Hintern erhielt er trotzdem – oder gerade deswegen und dann stand er vor dem impulsanten Gebäude von Mistel, Mistel und Senger und wurde mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Das Bild, das schon fast Gestalt in Winters Kopf angenommen hatte, zerfloss zu einer dunkelgrauen Masse und alle Farben, die eben noch über die Leinwand glitten, vermengten sich, lösten sich auf und tropften dabei auf den Asphalt, auf dem Winter nun stand. Kein Scheck, keine Farben, kein Bild! Kein Scheck, keine Mahlzeiten, kein Bier zum Abendessen. Aber auch kein Mistel, Mistel und Senger, keine Beschimpfungen, keine Beleidigungen und –

alles war egal! Was blieb, waren die Farben und die Leinwände, die es aber nun nicht mehr gab!

„Saukerl! Dreckshund! Beschissener, verfluchter Schweinehund!“

Johannes Mistel, der letzte der Mistelbrüder und Thomas Senger, der zweite Geschäftsführer des Verlagshauses stießen mit einem 69er Chateau la Piene an. Sie gönnten sich immer dann einen besonderen Tropfen, wenn sie besonders mit sich zufrieden waren. Sengers dicke Finger, die eine logische Konsequenz eines verfetteten Körpers waren, umschlossen den zarten Stiel des Weinglases und führten es an die wulstigen Lippen des Verlagsleiters.

„Es gibt eben UNS – und es gibt den Rest! Die Neige, mein lieber Johannes. Die Neige! Es bleibt immer die Neige im Glas. Nur, weil man sie nicht trinkt, bekommt sie ihren eigentlichen Wert. Sie wird zum Besonderen, weil man sie – wegkippt!“

Sengers aufgequollenen Backen spülten den Wein, kauten darauf und schluckten ihn anschließend genießerisch herunter. Mistel, der das krasse optische Gegenteil seines Partners war, tat das gleiche mit dem Wein und warf dabei Senger einen listigen Blick zu.

„Er wird es tatsächlich tun, Thomas? Woher nimmst Du bloß immer diese verdammte Sicherheit? Wenn ich nicht wüsste, dass Du bis jetzt immer Recht hattest – ich würde keinen Pfennig auf Deine Ideen setzen!“

„Gut so! Schon aus diesem Grund weiß ich, dass Du mir nie ins Gehege kommen wirst, allerbester Johannes! Es gibt eben Dinge, die Du kannst – und es gibt andere Dinge, in denen ich einfach unschlagbar bin! Achte drauf! Du wirst es gleich hören! Sei schön leise und öffne das Fenster. Es hat noch nie länger als zehn Minuten gedauert...“

Der Fahrer des Wagens hatte keine Chance, auszuweichen. Im gleichen Moment, als er registrierte, dass er auf die Bremse treten musste, sah er auch schon den seltsam verbogenen Körper durch die Luft fliegen. Dann dauerte es noch etliche Sekunden, bis der Wagen mit quietschenden Reifen zum Stillstand kam. Andere Autos hupten, Schreie der Passanten vermischten sich mit den Geräuschen ineinanderkrachender Blechteile und bestimmt dreißig Meter weiter vom Unfallort entfernt lag Malte Winter in einer unnatürlich verbogenen Haltung und merkte von alledem nichts mehr!

„...hab ich’s nicht gesagt? Keine zwei Minuten, Johannes! Der Wert der Bilder ist eben gerade um fünftausend Prozent gestiegen. Den Nachruf auf unseren guten Malte hast Du doch schon geschrieben, oder?“

Kunst, Können und Genius - alles ist leider nichts, wenn der Rubel nicht rollt. Diese Kurzgeschichte soll nur an jene brotlosen Künstler erinnern, die unentdeckt gut - aber auch unentdeckt arm sind...Klaus-D. Heid, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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