Liebe Poeten und Freunde,
Wir alle sind ja keine Profi-Dichter, sondern Amateure, dennoch wollen wir dem Ideal so nahe kommen wie möglich. Wer das nicht will, darf jetzt gerne weghören… (;-)).
Wir wollen uns heute mit den Regeln der Metrik befassen, mit der Lehre von Versart und Versmaß, was gleichbedeutend ist mit Rhythmus und Silbenzahl.
Jeder kennt den Begriff von „Verse schmieden“… Das riecht nach Feuer, Hitze, Arbeit und da sind wir beim entscheidenden Wort „Vers“.
Das Wort „Vers“ kommt aus dem lateinischen versus, bedeutet eigentlich »das Umwenden (durch den Pflug). Ein Gedicht besteht daher aus regelmäßigen Versen, vom bildhaft genannten Pflug zu regelmäßigen Furchen geformt... Der Verseschmied soll also regelmäßige Furchen machen, wie der Bauer auf dem Acker. Auf – ab- auf – ab…
Es ist dilettantisch, ein Gedicht einfach in normalen Sätzen (wie man halt so redet) zu bauen und am Ende der Zeile einen Reim zu setzten.
Woher kommt eine solche Regel? Ein gewisser Martin Opitz (im www und tlw. hier nachzulesen) hat im 17. Jhdt. die neuen Regeln für den deutschsprachigen Raum aufgestellt. Schiller, Goethe, Uhland und auch Oskar von Wolkenstein und viele andere deutsche Dichter haben sich weitgehend dran gehalten.
Wir haben es vielleicht auch schon in der Schule gehört, aber wieder vergessen: es gibt im Wesentlichen vier gebräuchliche
Versarten (Das ist der Rhythmus eines Gedichtes): + = betont, - = unbetont
a) der jambische Vers beginnt mit einer Senkung, die zweite Silbe (und die vierte, sechste...) wird
betont (gehoben) bzw. muss eine betonte Silbe sein. Graphisch: - + - + - + - +
Beispiel: „Üb´ im-mer Treu und Red-lich-keit“ (Betonung jeweils auf der fett gedruckten,
der zweiten, vierten usw. Silbe).
b) Im Gegensatz dazu steht der trochäische Vers, bei dem jeweils die erste, (dritte, fünfte...)
Silbe betont wird. Graphisch: + - + - + - + -
Beispiel: „Heu-te muss die Glock-e wer-den“...
Keinesfalls soll also ein Zeilenpaar so aussehen:
(Es sei denn, durchgehend im Gedicht dieser Wechsel!)
Der ne-ue Schirm von Pe-tra Schmidt: (jambisch)
Oh-ne Stäb-chen kann er schir-men... (trochäisch)
Ausnahme: wenn es regelmäßig geschieht, dann sagt man halt, es sei eine Kunstform (;-))
Diese beiden Versarten werden wohl am häufigsten benutzt.
c) und d) Daktylus und Anapäst sind weitere Versarten, weiteres dazu aber am Ende unten...
Das Reimschema(das ist der Auslaut der jeweiligen Reimworte):
Egal, ob ein Dichter sich der Knittelverse, also des Paarreims (a – a – b – b)
bedient oder des umarmenden Reims (a – b – b – a)
oder des Kreuzreimes ( a – b – a – b),
er soll im gesamten Gedicht dabei bleiben.
Es gibt ja noch weitere Reimschemata: Schweifreim, Haufenreim, Binnenreim, Stabreim… (alles auch bei Google abzurufen!)
Kommen wir zum Versmaß (das ist die gleichmäßige Silbenzahl einer Zeile):
Die Regeln erfordern, dass der Dichter – unabhängig davon, ob er „a-a-b-b“- reimt oder
„a-b-a-b“ oder andere Reimformen wählt – immer gleichmäßig formuliert.
Im Versmass ist der Dichter frei, bzw. kann er es an die Aussage der Dichtung anpassen. Ein häufiges Versmass ist, in der ersten Zeile 8 Silben zu haben, in der zweiten 7, in der dritten wieder 8, in der vierten erneut 7 Silben;
Beispiel für einen 4-hebigen Trochäus:
(Woge): Ur-kraft der Na-tur-ge-wal-ten: (8 Silben, 4 Hebungen = Betonungen)
Wie ein Dä-mon kommt´s mir vor (7 Silben, 4 Hebungen)
Wie der A-tem-zug des al-ten (8 Silben, 4 Hebungen)
Nep-tun hebt sie sich em-por... (7 Silben, 4 Hebungen)
Ein krasser Fehler wäre es, die dritte Zeile z.B. mit 9 Silben zu füllen :
„wie der A-tem-zug des ur-al-ten“, da müsste dann das Wort „uralten“ so betont werden, wie es in der Sprache normalerweise nicht der Fall ist – oder bei normaler Betonung gäbe es zwei aufeinanderfolgende Hebungen: „wie der A-tem-zug des ur-al-ten“... (da stolpert die Zunge)
Oder nur mit 6: „wie der A-tem des al-ten“ - das wären keine „Furchen“, also keine Verse...
Hebungen (Betonungen) nennt man auch „Füße“, das Beispiel von der Woge wird auch „vierfüßiger Trochäus“ genannt.
Natürlich kann auch ein anderes, beliebiges Versmass gewählt werden, z.B. 9-7-9-7, 7-6-7-6 oder 11- 7-11-7 oder auch 8-6-8-6... Eben ganz beliebig! Aber in einem Gedicht sollte es nur dieses Versmass geben.
Unkorrekt wäre es, mitten in einem 8-7-8-7 Gedicht eine Zeile mit nur 6 Silben zu haben oder eine Strophe mit 8-8-8-7 hineinzubringen!
Nun bitte nicht anfangen, hektisch nur die Silben zu zählen!
Der Zuhörer merkt genau, wenn der Poet bei der Versart (dem Rhythmus) schlampert –
Wenn das Versmaß mal nicht so genau stimmt, bemerkt er es kaum, es ist halt nur eine lässliche Sünde (;-))
MERKSATZ: Versart unbedingt beibehalten! Versmaß (sh. oben)
3) Zu den Reimen:
Nicht alles, was ähnlich klingt, ist auch ein echter Reim!
Echte Reimesind z.B.: Liebe – Triebe, Samen – kamen... Unechte Reime sind: sehen – mähen,
aalen – fallen; irren – kapieren; Sohlen – Knollen usw. Reimlos zu dichten oder freie Rhythmen zu benutzen, ist oft schwerer, als zu reimen oder sich an einen festen Rhythmus zu halten!
Als Hilfe bei der Suche nach passenden Endreimen empfehle ich „Das große Reimlexikon von Günter Pössiger, Heyne Verlag.
4) Weitere Versarten:
Daktylus: hört sich an wie Rat-tata rat-ta ta rat-ta tara… (erste Silbe betont wie im Trochäus, dann zwei (!) unbetonte Silben usw…
Wollt ihr die Freiheit, so seid kei-ne Knech-te
Schiller:
E-hret die Frau-en! sie flech-ten und we-ben 11
Himm-li-sche Ro-sen ins ir-di-sche Leben, 11
Flechten der Liebe beglückendes Band, 10
Und in der Grazie züchtigem Schleier 11
Nähren sie wachsam das ewige Feuer 11
Schöner Gefühle mit heiliger Hand. 10 Ein Walzertakt, wenn man will...
Der Anapäst
Eine weitere, barocke Versart möchte ich heute vorstellen: der Anapäst, der neben Daktylus, Jambus und Trochäus früher häufiger benutzt wurde. Er wurde in der antiken Dichtung für Marsch- und Schlachtenlieder genutzt, da die Silbenabfolge (kurz – kurz – lang) einen vorwärts drängenden Charakter verlieh. Der Anapäst ging in die deutsche Literaturnur am Rande ein. Er wird oft nur als einzelner Versfußbenutzt (z. B. bei Jambusmit unbetontem Auftakt). Sein Klangcharakter hört sich wie das Rattern eines Zuges an: daratta-daratta-datratta-dara. Bei Liedern findet man auch häufig zwei unbetonte Silben zum Auftakt oder in ganzen Verszeilen. Beispiel: Ve-ge-ta-risch lebt sel-ten die Lö-win im Busch… Im Bayrischen wird dieser Rhythmus bei sog. Gstanzln benutzt. Fast jeder aber kennt das alte Volkslied:
Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt… Ist das nicht auch ein Walzertakt?
Mein Gedicht dazu (gemäßigte Mundart):
Politische Intrige:
Von dem wiss´ ma nix? – Mensch des kanns doch ned ge(b)m!
An Sün-dn-fleck wird der in Gott`s Nam´ scho ha(b)m…
Der konn doch ned heit wia`ra En-gal no Le(b)m?
Na liag ma hoit ein-fach wosganz Schlim-mes zamm!
Zwar wiss´ ma vom Bertl so recht nix genau,
Des zuage(b)m, wär schlecht – naa, de wär richtig blöd…
Mia sogn einfach: „Mia verzähln oiss deiner Frau!“
Wirst schaun, wia dem Schuft dann as Bresal glei geht*!
I hob bei da Presse an Freind, der schreibt glei:
Da Zoll hätt nan aa ja scho lang im Visier…
Und d´Leit frogn si: „warum is der dann no frei?“
Und koana glaubt eahm mehr - `s glaubn olle bloß Dir…
* meint: Muffensausen
Noch recht wichtig: der Wortakzent…
Achte auf die richtige Betonung der Worte innerhalb der jeweiligen Versart!
Negativbeispiel beim Jambus:
Sie schminkte sich gekonnt mit Puder,
Schöner war sie als manches Luder, besser: viel schöner war sie, als manch´ Luder
*Martin Opitz wurde von seinen Anhängern Vater und Wiederhersteller der Dichtkunst genannt. Er verfolgte das Ziel, die deutsche Dichtung auf Basis von Humanismus und antiken Formen zu einem Kunstgegenstand höchsten Ranges zu erheben, und es gelang ihm, eine neue Art der Poetik zu schaffen.
Mit seinen Betrachtungen über Sprache, Stil und Verskunst gab Opitz der deutschen Poesie eine formale Grundlage. Dabei stellte er verschiedene Gesetze auf, welche über ein Jahrhundert hinaus als Richtlinie und Maßstab aller deutschen Poesie galten und heute noch richtig sind:
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2012.
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