Patrick Rabe

Stempel


Eines Morgens hatte Thomas Milford einen neuen Nachbarn.
Das wäre an sich nichts ungewöhnliches und schon gar nichts unheimliches, wenn
es nicht schon so seltsam angefangen hätte.
 
Es
klingelte, und Milford, ein hochgewachsener, blässlicher Intellektueller,
öffnete. Draußen stand ein großer, weißhaariger Mann, der Milford mit klarem
Blick in die Augen sah. Er sagte mit Nachdruck in der Stimme: „ Guten Tag. Ich
bin ihr Nachbar. Sie werden mit mir
auskommen müssen.“ Milford wich dem Blick aus. Er hatte auch schon
alltäglichere Begrüßungsfloskeln gehört.
 
Der
Fremde hatte ihn beim Schreiben gestört und Milford wollte auch rasch an seine
Arbeit zurück. Trotzdem gebot ihn die Höflichkeit, den neuen Nachbarn zu
fragen, ob er vielleicht eine Tasse Tee trinken wolle.  „Nein“ entgegnete dieser. „Ich habe keine
Zeit. Ich muss bei mir drüben eine Tasse Tee trinken.“ Damit verabschiedete er
sich. Milford schüttelte den Kopf. Hatte der Nachbar seine Frage nicht
verstanden? Er schien überhaupt recht merkwürdig zu sein. Aber Milford war es
im Grunde recht, dass der Fremde so schnell gegangen war. Er war etwas
misanthropisch.
 
Schnell
kehrte er in seine Wohnung zurück und ging in sein Arbeitszimmer. Es war ein
dunkler Raum mit einer Dachschräge und einem darin befindlichen Fenster. Thomas
Milford ging zum Schreibtisch. Er arbeitete schon seit Jahren an einer
zwölfbändigen Ägyptenenzyklopädie , ein Werk, das ihn voll beanspruchte und für
das er sogar seinen Lehrstuhl an der Universität aufgegeben hatte. Milford zog
das Rollo herunter, knipste die Schreibtischlampe an und schrieb.
 
In
der Nacht hatte er einen Traum. Er stand am Ende einer langen Schlange in einem
tristen, rotbemalten Altbau. Langsam bewegte sich der Pulk vorwärts. Da hörte
er einen Schlag wie einen Hammer niederdonnern, und eine Stimme sagte laut: „
Stempel!“
 
Als
er schweißgebadet erwachte, klingelte es. Noch vom Traum verwirrt öffnete er.
Draußen stand sein Nachbar. Er hatte Tränen in den Augen. Einen Moment lang
wollte Milford fragen, was denn wäre, aber – nun, es konnte ja auch vom Frost
kommen. „Ich bin ein schlechter Mensch, Herr Milford!“. rief der Nachbar, „ ich
lebe nun schon einen ganzen Tag hier und weiß noch nicht mal , wie sie heißen!“
Milford verdrehte die Augen. „Wieso, sie wissen es doch !“ sagte er. Der
Nachbar bot ein Bild aufgelöster Verwirrung. Er lehnte sich weit vor und
flüsterte mit tränenerstickter Stimme: „ Sagen sie ,Herr Milford, akzeptieren
sie mich als ihren Nachbarn?“ Milford überlief es kalt Er hatte es offenbar mit
einem Gestörten zu tun. „ Ja, ich akzeptiere sie“ sagte er in beruhigendem
Tonfall.
„Dann
ist es gut.“ Die hellen Augen des Nachbarn strahlten.
 
Milford
schloss die Tür. Sein Nachbar schien schwer psychisch krank zu sein. Jetzt aber
schnell an die Enzyklopädie . Milford beschloss, seinen Nachbarn zu meiden.
Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
 
Am
nächsten Tag musste Milford zu seinem Verlag, um die Oberen weiter zu
vertrösten. Als er an der Bushaltestelle stand, gesellte sich kurz darauf sein
Nachbar dazu. „ Tag, Herr Milford. Ich habe es gerade noch geschafft.“ sagte
er, und blickte ihn mit seinen klaren Augen an. „Schön.“ Sagte Milford und
dachte: „ Hoffentlich steigt er in einen anderen Bus.“ Er wurde enttäuscht. Der
Nachbar nahm den gleichen Bus. Milford kratzte sich unruhig am Kinn. Der
Nachbar hatte sich hinter ihn gesetzt und Milford meinte, seinen Blick wie
Nadelstiche im Nacken zu spüren. Endlich kamen sie bei seiner Station an.
Milford stieg aus, der Nachbar folgte. Milford bog um die Ecke, der Nachbar
folgte. Milford ging weiter, der Nachbar folgte. Jetzt hatten sie das
Verlagsgebäude erreicht. Milford ging hinein, der Nachbar blieb draußen stehen.
Drinnen saß Milford wie auf glühenden Kohlen. Wieso folgte sein Nachbar ihm? Als
er hinausging, atmete er auf. Keine Spur von dieser Nervensäge. Er war ihm
offensichtlich gefolgt, obwohl er gar nicht das gleiche Ziel wie Milford hatte.
Wenn er überhaupt eins hatte. Milford ging in ein nahegelegenes Café und
bestellte ein Stück Sachertorte. Gerade, als er das erste Stück auf seiner
Zunge zergehen lassen wollte, spürte er, wie sich jemand von hinten über ihn
beugte. „Schmeckt´s?“ fragte eine wohlbekannte Stimme. Der Nachbar! Er setzte
sich und bestellte ebenfalls ein Stück Sachertorte. Dann saßen sie sich eine
Zeitlang schweigend gegenüber, zahlten schließlich und gingen.
 
In
der Nacht hatte Milford einen Traum. Er stand in einer langen Schlange in einem
tristen, rotbemalten Altbau. Mittendrin. Der Pulk bewegte sich vorwärts. Da
hörte er einen Schlag wie einen Hammer niederdonnern und eine Stimme rief: „
Stempel!“
 
In
den folgenden Tagen wurde Milford von seinem Nachbarn weiter belästigt. Er
machte einen Spaziergang, der Nachbar auch. Er arbeitete im Garten, der Nachbar
auch. Sollte es etwas damit zu tun haben, dass er ihm Akzeptanz zugesichert
hatte? Am Liebsten hätte er ihm offen gesagt „Sie nerven mich!“ Aber er hielt
den Mund.
 
Die
einzige Möglichkeit, diesem Verrückten zu entfliehen, war, weiter an der
Enzyklopädie zu arbeiten. Er zog das Rollo herunter, knipste die
Schreibtischlampe an und versuchte, zu schreiben. Aber es gelang ihm nicht. Ihn
beschäftigte sein Traum. Ob sein Nachbar damit zu tun hatte? Immerhin hatte
Milford ihn schon zweimal geträumt, seit sein Nachbar eingezogen war. Milford
ärgerte sich. Solche Gedanken müsste man einem Therapeuten mitteilen, und davon
hielt Milford gar nichts. Aber er fing schon an, sich selber für verspleent zu
halten statt seines Nachbarn.
 
Immer
wieder nahm er sich mit Widerwillen sein Schreibzeug vor, vergrub sich in
seiner Wohnung. Aber der Gedanke an seinen Nachbarn fraß an ihm wie der Adler
an der Leber des Prometheus. Was, wenn er die Tür aufmachen würde, um einen
Blick nach draußen zu tun? Würde dann auch die nachbarliche Tür aufgehen? Er musste
diesen Plagegeist loswerden, versuchte sich auf Ramses und Gizeh, auf Tut ench
Amun und Isis zu konzentrieren, aber es ging nicht. Er brachte keinen Satz zu
Papier. Drei Tage lang ging er nicht vor die Tür, die Bartstoppeln staken in
seinem Gesicht. Mit jedem Tag, den er über seiner Enzyklopädie brütete, wuchs
ein Druck in ihm. Gleichzeitig begann ihm das Geschriebene beim Durchblättern
unendlich schal und wesenlos vorzukommen. 12 Bände ägyptische Geschichte. Wer
würde das überhaupt lesen, wenn es fertig war? Eigentlich hatte er auf über
tausend Seiten nur andere Bücher zum Thema ellenlang und klafterbreit zitiert.
Und das sollte sein Lebenswerk sein? Grabkammern und Mumien? In seinem dunklen,
abgeschrägten Raum kam er sich auf einmal selber wie in einer Grabkammer vor.
Er, der seit Jahren jeglichen menschlichen Kontakt mied. Er, dem sein Nachbar
nicht mehr aus dem Kopf ging. Und da wußte er plötzlich – irgendetwas
beschäftigte ihn im Zusammenhang mit seinem Nachbarn. Wenn er nur wüßte, was!
Über diesen Gedanken wurde Milford schläfrig und ging ins Bett.
 
Donnerschläge
hallten durch den roten Altbau. In gedrückter Stimmung schob sich der Pulk
vorwärts. Dampf zischte aus dem Lamellenboden unter Milfords Füßen. Gleich war
er dran, würde wissen, was das Geheimnis dieses Raumes war. Einen hatte er noch
vor sich. „ Stempel!“ rief eine Stimme, die er zu kennen meinte, und sein
Vormann schwenkte zur Seite. Da sah Milford es: Einen überdimensionalen  Richtertisch , an dem ein Mann, ein Beamter
mit breitkrempigem Hut saß. Milford zitterte. Sein Gegenüber hob den Kopf und –
es sahen ihn die klaren Augen seines Nachbarn an. Milford durchlief es wie
tausend eisige Bäche. Das war es, was er an diesen Augen gefürchtet hatte! Sie
sagten nicht ja oder nein, nicht für oder wider, sie richteten.
 
„Nun
bist du also da?“ Die Stimme war ruhig und ohne Vorwurf. „Du weißt, wessen du
angeklagt wirst?“ Milford konnte nicht sprechen. Der Nachbar hob die rechte
Hand, in der ein gewaltiger Stempel war. Milford bebte. Die Hand senkte sich
–nein- fiel von oben wie in Zeitlupe auf seine eigene zu. Milford schloss die
Augen. „Halt!“ Die Stimme dröhnte wie Donner. Der Stempel lag an seinem Platz.
„Du bist ich“, sagte Thomas Gegenüber rätselhaft. „ Es ist noch nicht zu spät –
frag!“
 
Thomas
Milford erwachte zitternd und vergewisserte sich, dass er in seiner Wohnung
war. Dass dort noch sein Buch lag, sein Schreibstift. Jetzt war es passiert.
Sein Nachbar war in seinem Traum aufgetaucht. Er wurde ihn einfach nicht los,
diesen, diesen...ja, wie hieß er denn? Die Frage durchzuckte Milford
siedendheiß, es war die Frage, auf die er vorhin nicht gekommen war. Und er
erinnerte sich, dass sein Nachbar am Anfang der Woche zu ihm gesagt hatte: „Ich
bin ein schlechter Mensch, Herr Milford. Ich kenne noch nicht mal ihren Namen.“
Und Milford fiel es wie Schuppen von den Augen. Der Nachbar hatte ihm einen
Spiegel vorgehalten! Da lebte ein offenbar kranker Mann in seiner Nachbarschaft
und Milford war nie auf den Gedanken gekommen, ihn nach seinem Leiden, geschweige
denn nach seinem Namen zu fragen. Das musste er nachholen!
 
Ohne
seinen Schlafanzug gegen die Alltagskleidung zu wechseln, lief er, nur in
Pantoffeln, nach draußen. Bei seinem Nachbarn brannte kein Licht. Schnell lief
Milford in Richtung Straße. Dort stand ein Krankenwagen. War seinem Nachbarn
etwas geschehen? Ein Pfleger stieg aus. Milford packte ihn am Arm. „Mein
Nachbar!“ rief er aus. „Ist ihm...?“ Der weißbekittelte nahm Milfords Hand.
„Thomas Milford ?“ fragte er. „Ja!“ nickte dieser. Der Pfleger lächelte.
„Genau. Ihr Nachbar hat uns angerufen. Er hat sich große Sorgen um ihren
Zustand gemacht, und wie ich sehe“, der Pfleger musterte Milford, „Wie ich
sehe, zu Recht.“ „Wie bitte?“ Aber Thomas Milford blieb keine Zeit mehr für
große Entgegnungen. Er wurde am Arm genommen und in den Krankenwagen gebracht.
Als er sich zu wehren begann, holte der Pfleger eine Zwangsjacke.
 
Die
Fahrt dauerte ungefähr zwanzig Minuten, dann hatte der Wagen sein Ziel
erreicht. Einen rotgetünchten, nicht stillos wirkenden Altbau... 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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