Sandra Eichhorn

Katastrophen-Theorien 2

Alles klar? Was war das denn?“ „Keine Ahnung, da hat sich vielleicht eine Schraube gelöst“, antwortete Sandra mit wackeliger Stimme. Ein Blick zum Fahrrad verriet ihr, dass ihr Vorderrad sich gelöst hatte. „Das auch noch“ dachte sie und überlegte, ob es das Beste wäre direkt eine Werkstatt aufzusuchen. Genau in dem Moment sagte Angelika: „Jetzt wird wahrscheinlich keine Werkstatt mehr offen haben“, lass uns die Einzelteile zu mir schleppen und morgen eine Werkstatt aufsuchen.“ Dankbar für diesen Vorschlag brachte Sandra ein Lächeln zustande und murmelte: „Das ist doch mal wieder typisch für mich..“ Seit ein paar Jahren manifestierte sich in ihrem Gehirn immer wieder die Grundannahme, dass sie das Unglück nur so anzieht. Bei jedem Missgeschick, jeder zerbrochenen Tasse, bildete sie sich ein, dass dies nur mit ihrer Person oder mit ihrem Namen zusammenhing. So z.B. auch vor knapp einem halben Jahr, als sie per Post die Anmeldung für ihre Masterarbeit abgeschickt hatte. Gleichzeitig mit der ihres Freundes. Natürlich waren die Biologen sehr knapp an der Anmeldefrist, aber theoretisch hätte der Brief innerhalb von zwei Tagen vom Norden in den Süden Deutschlands transportiert werden können. Daniels Brief kam auch innerhalb dieser Zeit am Bestimmungsort, der Universität Rostock, an. Ihrer brauchte fünf Tage länger - warum weiß nur der Postbote. So verpasste sie natürlich die Frist und fand wieder einen Beweis, dass es nur an ihrem Namen lag, dass er nicht pünktlich ankam. Im Nachhinein fragte sie sich jetzt, warum sie nicht sowieso die beiden Anmeldungen in einem Umschlag verschickt hatten.

 

Zu Angelikas Haus war es nicht weit und zwei Minuten später verabschiedeten sich die beiden Freundinnen. Sandra hatte noch ca. 10 Minuten Fußweg vor sich. Und lief, erleichtert die Fahrradteile bei Angelika gelassen zu haben, den steilen dunklen Berg hinauf. Ab und an rutschte sie etwas auf dem losen staubigen Boden, da sie die Unebenheiten in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. Als sie das Gartentor der drei benachbarten Häuser erreichte, kam ihr mal wieder „Crespo“ entgegengelaufen. Schwanzwedelnd freute er sich schon auf die kommenden Streicheleinheiten. Nachdem diese erledigt waren und Sandra dem penetranten Charakter des Hundes ausgewichen war, musste sie noch ein paar Stufen bis zu ihrem Haus nehmen. Oben angekommen sah sie einen Zettel an ihrer Türe hängen. Zuerst dachte Sandra daran, dass ihre Vermieterin ihr eine Nachricht hinterlassen haben könnte. Doch als sie näher hinsah konnte sie die roten Buchstaben entziffern: „We know who you are!“ - Es war, als würde das Blut in ihren Adern gefrieren. Vor Anspannung konnte sich Sandra erst einmal nicht mehr bewegen. Dann sagte sie sich: Es kann keiner mehr hier sein und es war abgeschlossen. So zwang sie sich die Tür zu öffnen und wollte auch sogleich das Licht einschalten. Doch die kleine Lampe am Eingang funktionierte nicht. Es gab noch weitere kleiner Lichter weiter innen im Haus. Mit klopfendem Herzen ertastete sie einen von ihnen. Nach einem kurzen Augenblick ging die Lampe an und sie konnte sich endlich vergewissern allein im Haus zu sein.

 

Da sie im Augenblick zwar erschöpft, aber gleichzeitig vor Angst sehr angespannt war, wusste sie, dass sie jetzt noch nicht ins Bett gehen konnte. Sie wollte sich ablenken um die Angst etwas zu vergessen. So schaltete sie erneut ihren Computer an.

Um hier eine Internetverbindung zu bekommen hatte ihr ein Arbeitskollege eine Antenne geliehen, mit der sie auf illegale Weise ungeschützte Internetverbindungen anzapfen konnte.

Gerade als sie die Antenne aus dem Fenster hängen und richtig positionieren wollte, viel ihr etwas seltsames in der, vor ihr liegenden Bucht auf. Erst beim zweiten Blick erkannte sie, dass das überdimensional groß erscheinende Schiff in der Mitte der Bucht ein großes rohrförmiges Gebilde hatte, welches genau auf ihr Haus gerichtet zu sein schien. Stirnrunzelnd betrachtete Sandra das längliche dunkle Etwas und war sich nicht ganz schlüssig, was sie davon halten sollte. Sie beschloss ein paar Fotos zu schießen und in den nächsten Tagen ihre Freundin Moni zu fragen, sie war schließlich Polizistin und könnte wissen, um was es sich dabei handelt.

Jetzt wurde Sandra doch sehr müde und sie zwang sich in ihr Bett zu gehen. Routinemäßig schüttelte sie ihre Decke aus und hob ihr Kopfkissen an. Plötzlich stockte ihr der Atem: Da saß doch tatsächlich eine riesengroße Arana del rincon unter ihrem Kopfkissen. Sandra war total perplex und sie erinnerte sich an alle Informationen, die sie über diese faszinierende und angteinflößende Art gesammelt hatte. Auch Bilder bei youtube von schlimmen Hautekzemen hatte sie sich angesehen. Die, sehr häufig in ländlich gelegenen Häusern vorkommende Arana war nicht aggressiv und sollte sich in dunkle Ecken flüchten. Die Gedanken überschlugen sich nur so, wie sollte sie das Tier einfangen? Sie hatte nichts Griff bereit und Spinnen zu töten war ihr während ihres Lebens zu wider geworden. Von einer Sekunde auf die nächste setzte sich das Spinnentier in Bewegung und rannte direkt auf die verdutzte Sandra zu. Da die Spinne nun die unbeleuchtete Hälfte ihres Bettes erreichte und ihr sehr nahe war, ging sie ein paar Schritte zurück und suchte den Lichtschalter. Nachdem sie ihn betätigt hatte, war der Gliederfüßer plötzlich verschwunden. Vorsichtig und mit zitternden Fingern hob Sandra die Matratze an. Doch da war nichts.

Am nächsten Tag tätigte Sandra als erstes ein Telefonat, dass der Polizeistation Vaihingen-Enz galt. Nach drei Signaltönen meldete sich die Stimme ihrer Freundin. Sie und Moni kannten sich aus Studienzeiten. Damals hatten sie die ersten drei Semester im Biologie-Grundstudium der Universität Hohenheim aufeinander gehangen, bevor Moni sich entschieden hatte doch einen anderen Berufsweg einzuschlagen. Ein unglücklicher Zufall, der Auto-Unfall ihrer Eltern, führte die beiden vor ca. einem Jahr wieder zusammen und seitdem hielten sie den Kontakt aufrecht. Moni war damals die leitende Ermittlerin – es war ihr erster Fall. Durch sie erfuhr Sandra auch, dass es sich um keinen normalen Unfall handelte. Die Bremse wurde manipuliert, was jedoch nur schwer nachzuweisen war. Das war jedoch alles an Informationen, die man über dieses schreckliche Ereignis herausfinden konnte. Nach fünf Monate langen Ermittlungen, die ins Leere liefen, gab man den Fall schließlich auf. Moni versuchte so gut es ging als Freundin für sie da zu sein und sie durch ihre humorvolle Art aufzuheitern. Nachdem Sandra sich mit einem „Hey Moni“ gemeldet hatte, klang ihr „Hallo, Sandra, schön von dir zu hören“ zunächst erfreut, dann verwundert, „Na, was gibt es Neues in Chile?“ bis sie in ein besorgtes: „Was ist los?“ umschlug. Sandra musste mit sich Kämpfen. Manche Menschen hatte einfach eine besondere Sensibilität für die Stimmungen und Situationen anderer. „Mir geht es soweit gut, ich habe gestern in der Bucht ein Schiff gesichtet, dass ein merkwürdiges Gerät geladen hatte.“ Nachdem sie das Gerät näher beschrieben hatte, versprach die Polizistin Nachforschungen darüber anzustellen und sie dann zurückzurufen. Dankend verabschiedeten sich die beiden nach einem kurzen Smalltalk. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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